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Jean Vanier

Ich und Du:

dem anderen als Mensch begegnen

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Dieses Buch als E-Book:

Dieses Buch in gedruckter Form:

Aus dem Englischen übersetzt von Bernardin Schellenberger

© 2005 Jean Vanier

Übersetzt aus der englischen Ausgabe encountering ‘the Other’, erschienen 2005 bei Veritas Publications, Dublin/Irland

Deutsche Übersetzung autorisiert von Arche Deutschland

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson

© 2013 Neufeld Verlag Schwarzenfeld

www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch

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Inhalt

Zur Einführung

Kapitel 1: Vertrauen wagen und Macht loslassen

Kapitel 2: Behindertsein und Ungleichheit

Kapitel 3: Unsere Angst überwinden

Kapitel 4: Zuhören und Kommunikation

Kapitel 5: Frieden

Kapitel 6: Die Verschiedenheit feiern

Kapitel 7: Versöhnung und Verwandlung

Zum Autor

Veröffentlichungen von Jean Vanier im Neufeld Verlag

Neufeld Verlag

Diesen Krieg gegen mich selbst habe ich jahrelang geführt.

Er war schrecklich, aber jetzt bin ich entwaffnet.

Ich fürchte mich vor nichts mehr, denn die Liebe treibt alle Furcht aus.

Das Bedürfnis, recht zu haben

und mich dadurch zu rechtfertigen, dass ich andere schlecht mache,

ist mir abhanden gekommen.

Ich lebe nicht mehr irgendwelcher Reichtümer wegen in der Verteidigungshaltung.

Ich möchte einfach alle willkommen heißen und mit ihnen teilen.

Ich beharre auch nicht hartnäckig auf meinen eigenen Vorstellungen und Vorhaben.

Wenn mir jemand etwas Besseres zeigt – oder richtiger sollte ich sagen: etwas Gutes –, akzeptiere ich das ohne irgend welches Bedauern.

Ich bin nicht mehr auf das Vergleichen aus.

Was gut, wahr und echt ist, ist für mich immer das Beste.

Deshalb habe ich keine Angst.

Wenn man entwaffnet und seines Ichs ledig ist

und sein Herz dem Gottmenschen öffnet, der alles neu macht,

so nimmt dieser alle Verletzungen von früher weg

und erschließt eine neue Zeit, in der alles möglich ist.

Patriarch Athenagoras von Konstantinopel

Zur Einführung

Die im vorliegenden Buch entwickelten Gedanken stammen aus Jean Vaniers Vorträgen, die er im Juni 2004 zum Thema »Encountering the Other« (»Dem Anderen begegnen«) in Derry-Londonderry hielt. Andere Hauptredner waren Milorad Todorovic aus dem Kosovo, Aaron Barnea aus Israel und Mubarak Awad aus Palästina.

Diese Konferenz bot Menschen ganz unterschiedlicher religiöser und nationaler Herkunft die Möglichkeit, zusammenzukommen, Unterschieden untereinander zu begegnen und diese Verschiedenheit miteinander zu feiern. Die Offenbarung der Konferenz war: Wenn wir einander wirklich begegnen, befähigt uns das, einander zu verstehen. Und wenn wir einander verstehen, kann es zu wirklicher Heilung und zum Frieden kommen. Den Frieden können uns nicht Politiker oder Kirchen auferlegen. Will der Friede von Dauer sein, so muss er in jedem einzelnen Menschen reifen. Unsere Gesellschaft kann nur dann gesunden, wenn jeder Mensch in ihr gesund wird. Dieses Gesundwerden lässt sich nicht dadurch erreichen, dass wir einander aus dem Weg gehen oder uns trennen, sondern indem wir einander begegnen.

So wird dieses Buch seinen Leserinnen und Lesern als bleibende Frucht dieser Konferenz dargeboten. Es soll sie dazu ermutigen und inspirieren, dem Anderen zu begegnen und auf diesem Weg zu Friedensstiftern zu werden. Der Stil des Buches hält sich an Jean Vaniers wörtliche Rede.

Die genannte Konferenz wurde organisiert von Anne Gibson, Mary Good, Perpetua McNulty, Ruth Patterson, Simon Coveney und Paul Farren.

KAPITEL 1

Vertrauen wagen und Macht loslassen

Heilig sein heißt ganz sein.1 Es bedeutet, in sich selbst sein eigenes Einssein zu finden, und zwar auf die Weise, dass man nicht nur im Kopf oder nur im Fleisch oder nur im Herzen ist. Dieses innere Ganzsein ist eine Spielart des Friedens und der Weisheit. Weisheit aber ist das, was wir besonders dringend brauchen.

Ich ging 1942 mit dreizehn zur britischen Marine, der Royal Navy. Zu einer Zeit, in der jedes fünfte Schiff versenkt wurde, überquerte ich den Atlantik. Bevor ich diesen Schritt tat, ging ich zu meinem Vater und bat ihn um die Erlaubnis, zur Marine gehen zu dürfen. Er fragte mich, warum ich das tun wolle. An meine Antwort entsinne ich mich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass er zu mir sagte: »Ich vertraue dir. Wenn es das ist, was du tun willst, dann musst du es tun. Ich vertraue dir.« So konzentriert sich bei mir die gesamte Frage, wie man Frieden stiften kann, auf das Vertrauen. Hab das Vertrauen, dass du wichtig bist, dass du kostbar bist und dass du der Welt und auch mir etwas Wichtiges zu geben hast. Was passiert, wenn wir nicht glauben, dass wir kostbar sind? Wir bekommen Angst.

Für mich besagt die Botschaft des Evangeliums, dass jede und jeder von uns ein Geschenk zu vergeben hat: Jede und jeder ist kostbar; jede und jeder hat das Bedürfnis, geliebt zu werden und irgendwo dazuzugehören.