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Daniel E. Fountain

Die heilende
Kraft Gottes

Krankheit, Heilung
und der Faktor Glaube

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Für John, Deborah, Roger, Nellie, Patric und Michael, die durch Jesus Christus geheilt wurden, und für die Vielzahl meiner Schwestern und Brüder, die Heilung brauchen.

Er nahm unsere Leiden auf sich und heilte unsere Krankheiten.
Matthäus 8,17/Jesaja 53,4

INHALT

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Dank

Einführung

1 Weiß Ihr Arzt, wer Sie sind?

2 Heilende Worte

3 Gott erschuf uns sehr gut

4 Wenn die Chemie (nicht) stimmt

5 Die Architektur des Herzens

6 Was hat Sünde damit zu tun?

7 Was hat Jesus damit zu tun?

8 Reinigung des Herzens

9 Frei, um gesund zu sein

10 Die Kraft der Vergebung

11 Krankheit – Tragödie oder Herausforderung?

12 Hoffnung – auch wenn es dunkel ist

Nachwort

Das Team im heilenden Dienst

Der Autor

Literaturhinweise

VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE

Nur das ist wirklich, was wirkt.« Diese eingängige Definition von Carl G. Jung (1875–1961) erklärt die Dinge als fassbare Wirklichkeit, die eine Wirkung haben oder ausüben. Sie enthält zugleich eine bohrende Anfrage an uns Christen: Haben wir nicht gerade hier unsere Probleme? Wie wirksam sind unsere geistlichen Erfahrungen denn in unserem alltäglichen Leben? Konkret: Was hat unser Glaube mit Gesundheit, Krankheit und Heilung zu tun? Diese Bereiche sind mehr als andere von existenzieller Bedeutung für uns. Gibt es so etwas wie eine Heilkraft des Evangeliums auch im Körperlichen?

Wenn man krank ist, geht man zum Arzt. Ganz selbstverständlich nehmen wir dann unser Gesundheitssystem, das trotz manch berechtigter Kritik weltweit gesehen immer noch zu den besten zählt, in Anspruch. Schließlich zahlt man doch monatlich einen nicht unbeträchtlichen Beitrag an seine Krankenkasse! Für den geistlich-spirituellen Bereich des Lebens sorgt die Kirche oder Gemeinde, vorwiegend sonntags, manchmal auch in der Woche. Der Pastor und vielleicht auch noch die Presbyter und Ältesten der Gemeinde sind für seelsorgerliche Belange zuständig.

Man hat den Eindruck, als stünden die materielle Welt unseres Körpers und unser geistlich-spirituelles Leben einander beziehungslos gegenüber. »Der Glaube hat sich bei uns an vielen Stellen abstrahiert und die Leiblichkeit verloren«, so beschreibt ein kirchlicher Verantwortungsträger diese Situation.

Begegnet man Christen aus anderen Kulturkreisen, z. B. aus Afrika, so erlebt man, wie die Erfahrungen von Krankheit, Heilung, Leiden und Tod ganz selbstverständlich fester Bestandteil ihres Glaubens- und Gemeindelebens und ihrer christlichen Existenz sind. Wenn Menschen körperlich krank werden, ist es keine Frage, dass dies gerade in den Rahmen der Gemeinde gehört. Sie nehmen dabei seelsorgerliche Hilfe in Anspruch; das Evangelium zeigt fassbare Wirkungen.

Dr. Daniel E. Fountain hat 35 Jahre als Missionsarzt im Kongo gelebt und gearbeitet. Als westlich ausgebildeter Arzt ist er dabei auf Wirklichkeitserfahrungen gestoßen, die seine medizinische Arbeit, sein Denken als Arzt und seinen Glauben als Christ tief beeinflusst haben. Dabei hat er erfahren, dass Körper, Geist und Seele des Menschen in einem engen Beziehungsgeflecht zueinander stehen – wobei der christliche Glaube eine entscheidende Rolle spielt.

Anhand vieler Beispiele berichtet er, wie sich negative Gefühle, Stressbelastungen und Schuld in das Körperliche eingraben und krank machen. Zugleich schildert er, wie Gott durch sein Wort und seine Kraft wirkt und zur Gesundung und Heilung führt. Dabei wird der kranke Mensch als Person in seiner Ganzheit mit seinen lebensgeschichtlichen Bezügen wahrgenommen und angesprochen.

Durch die verständnisvolle Zuwendung des Arztes dem Patienten gegenüber kann sich dabei eine vertrauensvolle und auch heilsame Beziehung zwischen beiden entwickeln, in der auch Raum für seelsorgerliches Raten und Helfen entsteht.

Bei alledem ist Dr. Fountain der naturwissenschaftlichen Medizin verpflichtet. Er berücksichtigt in seiner Darstellung Forschungsergebnisse etwa aus Medizin, Psychologie und Immunologie. Die jüngsten Erkenntnisse z. B. auf dem Gebiet der Psychoneuroimmunologie und Neurobiologie belegen eindrucksvoll seine Sichtweise.

Bei der Vorbereitung dieser deutschen Ausgabe haben wir uns Gedanken darüber gemacht, an wen sich dieses Buch denn eigentlich richtet. In der amerikanischen Originalausgabe wendet sich Dr. Fountain zuerst an Mediziner, Studenten wie Ärzte. Aber er schreibt so, dass auch Nichtmediziner sein Buch gleichermaßen mit Gewinn lesen können. Biologische Grundkenntnisse und Zusammenhänge werden gerade auch für Leser ohne naturwissenschaftlich-medizinische Vorbildung deutlich.

Dieses Buch wendet sich also an einen breiten Leserkreis; denn wer möchte nicht wissen, welchen Einfluss unser Glaube an Gott und Jesus Christus auf unseren Körper hat, wie sich die Vergebung von Schuld und die Bereinigung der Vergangenheit auf unsere Gesundheit auswirken, welche Zusammenhänge zwischen z. B. chronischen Entzündungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Gott bestehen?

Dabei will Dr. Fountain keine neuen theologischen Erkenntnisse in der Diskussion um das Verständnis von Gesundheit, Krankheit und Heilung beitragen, sondern er beschreibt seine Erfahrungen als Arzt, aus denen deutlich wird, dass Gottes Wirken auch für uns im Körperlichen heilsam werden kann, wenn wir uns darauf einlassen.

Theologische Diskussionen und Einsichten sind unabdingbare wichtige Hilfestellungen und notwendig zur Orientierung. Sie bleiben aber intellektuelle Gedankenspiele, wenn die praktischen Erfahrungen und Umsetzungen im Alltag fehlen. Zu diesen Erfahrungen will uns Dr. Fountain einladen und ermutigen.

Das Arztbild in unserer Gesellschaft, und damit auch das Verhältnis zwischen Arzt und Patient, verändert sich. Stichworte wie »der Arzt als Unternehmer«, »die Ökonomisierung der Medizin«, »der Patient als Kunde/Klient« machen deutlich, wohin die Reise geht. Dabei verschwindet zunehmend das eigentlich ärztliche Handeln, nämlich der Umgang mit den hilfsbedürftigen und kranken und immer mehr auch mit Rat suchenden gesunden Menschen aus der medizinischen Praxis und Ausbildung. Das hat zur Folge, dass diejenigen, die von Krankheitsnöten und Leid im persönlichen Leben und im Umfeld der Familie betroffen sind und nach Antworten suchen, sich alleingelassen fühlen und deshalb alle möglichen anderen Hilfen in Anspruch nehmen.

Als Christen sind wir unserer Gesellschaft schuldig, den Menschen etwas von der Wirklichkeit Gottes zu bezeugen. Der katholische Theologe Eugen Biser weist auf die therapeutische Kraft des Evangeliums hin, und der protestantische Theologe Paul Tillich (1886–1965) war der Überzeugung, dass der Weg des Heilens von den verschiedenen Möglichkeiten, den Menschen die christliche Botschaft nahe zu bringen, heutzutage der wichtigste sei.

Uns allen ist – in einer Gesellschaft mit immer mehr alten und chronisch kranken Menschen – die Aufgabe gestellt, die Frage: Was bedeuten und was bewirken Krankheit und Gesundheit, Leiden und Tod und wie gehen wir damit um? aufzunehmen und zu beantworten. Mit unseren Fragen und Antworten stehen wir vor Gott, dessen Wirklichkeit wir bezeugen. Wer ist hierzu berufener als diejenigen, die an den glauben und mit ihm leben, der von sich selbst gesagt hat, er werde alle Tränen von ihren Augen abwischen und »der Tod wird keine Macht mehr haben. Leid, Angst und Schmerzen wird es nie wieder geben; denn was einmal war, ist für immer vorbei« (Offenbarung 21,4) und auch dies: »Ich lebe und ihr sollt auch leben« (Johannes 14,19; Luther 1984)?

Die Übersetzung und die Herausgabe dieser deutschen Ausgabe war keine Einzelaktion, sondern erforderte die Mithilfe Vieler. Ein ganz besonderer Dank gilt Karl Lagershausen für seine hervorragende Übersetzung aus dem Amerikanischen sowie seine wertvollen Anregungen darüber hinaus. Während seiner Arbeit stellte sich zunehmende Begeisterung ein, gepaart mit der festen Überzeugung, dass die Darstellung und Sichtweise des Autors zu einer wichtigen und lebendigen Erweiterung unseres Christseins verhelfen kann. Meiner Frau gilt Dank für die Korrektur des deutschen Manuskriptes. David Neufeld hat als Verleger mit viel Einsatz, Sachverstand und Umsicht die Fertigstellung des Buches geleitet. Die Zusammenarbeit mit ihm war zu jeder Zeit harmonisch und hat Freude gemacht. Dafür gebühren ihm unsere Anerkennung und unser herzlicher Dank.

Dem Vorstand und den Mitgliedern der Medizinischen Missionshilfe/Medical Mission Support (MMH/MMS) sei gedankt für die finanzielle Unterstützung.

Dr. med. Gerd Propach

Wettenberg, im Januar 2008

DANK

Viele der besten Gaben Gottes erreichen uns durch andere Menschen. Dieses Buch ist da keine Ausnahme. Vieles von dem, was ich über Gesundheit, Krankheit und Heilung gelernt habe, hat Gott mir durch zahlreiche unterschiedliche Mentoren zuteil werden lassen. Ihnen möchte ich hier meine Anerkennung zollen.

Ungezählte Menschen haben mir veranschaulicht, dass Krankheit tiefer reicht als nur bis ins Fleisch. Viele dieser Menschen waren bereit, mir das Innerste ihrer Seele zu öffnen – immer in der Hoffnung, gemeinsam den lindernden Balsam zu entdecken. Trotz meiner oft heftigen Art und dem Drang, möglichst schnell von einem Krankenbett ans nächste zu stürmen, haben mich diese Menschen dazu gebracht, nach Lösungen zu suchen, die tiefer greifen als Pillen, irgendein Antiseptikum oder eine ganze Batterie chirurgischer Instrumente. Nach und nach habe ich gelernt, dass ich Seele und Geist eines kranken Menschen nicht mit Latexhandschuhen anrühren kann. Genauso wenig kann ich sie berühren, wenn ich mich hinter einem weißen Kittel verstecke. Diesen wunderbaren Menschen, von denen viele Heilung gefunden haben, schulde ich ganz viel Dank.

Eine großartige Gemeinschaft von Kollegen hat mich auf dieser Reise des Lernens von unserem großen Arzt begleitet. Ganz vorn in der ersten Reihe steht Mrs. Felicity Matala, eine Afrikanerin, der Gott viele Gaben anvertraut hat. Ihr umfassendes Verständnis der biblischen Wahrheiten, ihr Gespür für die eigentlichen Leiden der Kranken und ihre mitfühlende und sanfte Art, Patienten Wege zur Heilung aufzuzeigen, sind die Erklärung für viele Heilungserfolge. Gemeinsam haben wir den allgegenwärtigen und zerstörenden Auswirkungen bestimmter Krankheiten auf die menschliche Psyche ins Auge geschaut. Gemeinsam haben wir aber auch die wunderbare Kraft des Glaubens an den Gott entdeckt, der Seele, Geist und Körper wiederherstellen kann.

Ein Ärzteteam, das sich uneingeschränkt in den Dienst am Menschen gerufen sah – einige Afrikaner, andere Deutsche, Schweizer und Nordamerikaner –, war Teil dieses Lernprozesses. Viele Fragen und Anregungen für dieses Buch nahmen Gestalt an, als wir zusammen darüber nachdachten und uns austauschten und als wir gemeinsam unsere Runden durch die einzelnen Stationen machten oder uns trafen, um über Gottes Wort zu sprechen und zugleich über menschliche Krankheiten allgemein oder ganz spezielle Fälle. Mitarbeiter in der Verwaltung, im technischen Dienst sowie das Pflegepersonal unseres Krankenhauses in der Demokratischen Republik Kongo haben viel zu unserem umfassenderen Verständnis und zur Verwirklichung dessen, was Heilung ausmacht, beigetragen.

Ich habe mir die Erkenntnisse weiser Lehrer früherer Zeiten zunutze gemacht. Sir William Osler, Dr. Paul Tournier, Dr. Paul Brand sowie Professoren und Mitstudierende an den Universitäten und während der weiteren medizinischen Ausbildung haben mir den Blick für die grundlegenden Prinzipien der Ganzheitlichkeit des Lebens geöffnet. Sie haben darauf bestanden, den geistlichen Belangen, den persönlichen Beziehungen und den Lebensgewohnheiten kranker Menschen unsere volle Beachtung zu schenken. Sie haben mir gezeigt, von welch entscheidender Bedeutung es ist, sorgfältig auf das zu hören, was der Patient wirklich mitteilen will.

Die Mitarbeiter des Verlages Harold Shaw Publishers haben mich ermutigt und mir wertvolle Ratschläge gegeben. Von Beginn an war mir klar, dass es ihnen nicht nur darum ging, ein weiteres Buch zu veröffentlichen. Sie teilten meine Vision für dieses Buch: für den ganzen Menschen zu sorgen; das Buch den leidenden Menschen, an die es sich vor allem richtet, zugänglich zu machen und nicht zuletzt all denen, die sich um kranke Menschen kümmern, Hilfestellung zu bieten. Sie haben unermüdlich mit mir zusammen daran gearbeitet, die Botschaft möglichst klar und ohne unnötiges Drumherum auf den Punkt zu bringen, sodass sie zu Herzen geht und den Verstand berührt.

Meine ganze Familie war von Beginn an beteiligt. Für meine Frau Miriam und mich war es unser Leben. Gemeinsam haben wir gerungen, wenn wir vor zunächst unlösbaren Fragestellungen standen, gegen die Feinde ankämpften, die alles mies machen wollten, und natürlich gegen all das Böse, das menschliches Leben zerstören will. Wir haben zusammen geweint, wenn wir Gefechte verloren hatten. Sie hat mir geholfen, meinen Glauben an den Gott lebendig zu erhalten, der Leben und Gesundheit will und der die Schlachten, die wir schlagen, zu seinen Schlachten macht. Mit Gott zusammen haben wir an vielen Siegen teilgehabt.

Unsere Kinder und inzwischen auch unsere Enkelkinder haben sich diese Vision ebenfalls zu eigen gemacht. Darüber freue ich mich riesig, denn an sie und ungezählte andere Freunde im heilenden Dienst reiche ich das Staffelholz weiter.

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EINFÜHRUNG

Krankwerden ist menschlich. Auf die eine oder andere Weise trifft es jeden. Wenn wir krank werden, ist es nur natürlich, dass wir wieder gesund werden wollen. Wir wollen die Schmerzen loswerden, das Fieber, die Schwäche oder was immer unser Unwohlsein verursacht. Wenn wir wirklich krank sind, wenden wir uns an jemanden, von dem wir glauben, dass er uns helfen kann, wieder gesund zu werden. Aber finden wir immer die nötige Hilfe?

Krankheit, Heilung und der ganze Mensch

Die medizinischen Berufe haben ein großes Problem. Ich darf das so sagen, weil ich selbst Arzt bin. Wir konzentrieren uns zu sehr auf die Krankheit und auf den betreffenden Körperteil, der krank zu sein scheint. Und wir verwenden zu wenig Aufmerksamkeit auf die Person, die krank ist, und darauf, wie sie versucht, mit der Krankheit fertig zu werden.

Als kleiner Junge bekam ich Tuberkulose. Der Arzt sagte meinen Eltern, dass der obere Lungenlappen betroffen sei, ebenso die Lymphdrüsen in meiner Brust und im Nacken. Erst Jahre später wurde mir bewusst, dass ich erkrankt war und nicht ein Lungenlappen und ein paar Lymphdrüsen.

Während meiner Ausbildung zum Chirurgen im Veterans Administration Hospital assistierte ich dem Chefarzt der chirurgischen Abteilung. Wir operierten einem 30-jährigen Kriegsteilnehmer zwei Drittel seines Magens weg. In den Monaten zuvor hatten wir uns völlig erfolglos darum bemüht, ihm das Trinken abzugewöhnen. Als sein Magengeschwür stark zu bluten begann, waren wir gezwungen, ihn zu operieren, um sein Leben zu retten. Drei Tage später fragte er meinen Chef während der Visite: »Doktor, wann kann ich wieder mit dem Trinken anfangen?« Wir hatten sein Leben gerettet, indem wir den Krankheitsherd in seinem Magen beseitigt hatten; aber wir hatten es nicht geschafft, den ganzen Mann zu heilen.

Heilung hat mit Seele und Geist zu tun, genauso wie mit dem Körper. Tief im Innern scheinen wir das alle zu spüren; aber wir im Gesundheitsdienst Tätigen haben diesen Aspekt der Heilung viel zu lange vernachlässigt. Wenn Sie zu uns kommen, erzählen Sie uns, wo es weh tut und wie es Ihnen gerade geht. Aber selten fragen wir Sie, wie Sie leben und was Sie im Innersten bewegt, welche Sorgen, Ängste und Stresssituationen Sie durchleiden. Teil unseres Problems dabei ist schlicht und ergreifend die fehlende Zeit. So gehen Sie – eine vollständige Person – wieder heim, ohne dass Ihrer ganzen Persönlichkeit Rechnung getragen oder geholfen wurde.

Im Alten Testament stoßen wir auf ein bedeutendes Sprichwort jener Zeit: Das Bett ist zu kurz, um sich auszustrecken, die Decke ist zu schmal, um sich zuzudecken (Jesaja 28,20). Jesaja hätte auch die moderne Medizin und unser Gesundheitssystem nicht treffender analysieren können. Die medizinische Wissenschaft hat den Kranken ein prächtiges »Bett« bereitet; aber dieses »Bett« ist zu kurz. Der Körper passt zwar hinein, aber Seele und Geist finden darin keinen Platz. Die Psychologie hat eine liebliche »Decke« gestrickt. Aber sie ist zu schmal. Sie deckt den Geist nicht mit ab.

Als Menschen sind wir geistig-geistliche Wesen und soziale obendrein. Die medizinische Wissenschaft vollbringt Großartiges im physischen Bereich und die Psychologie im psychischen. Aber die Heilung von Seele und Geist, die Wiederherstellung unserer Beziehungen zu anderen und das Zurechtbringen der ganzen Persönlichkeit erfordert noch etwas anderes.

Ich glaube, dass Gott diese Welt und alles, was darin ist, geschaffen hat, uns Menschen eingeschlossen. Ich glaube, dass Gott gut ist und dass er alles gut gemacht hat und dass sein Plan für uns gut ist. Dieser Plan umfasst Gesundheit, Leben und Freude. Die Realität sieht allerdings anders aus. Wir sind häufig krank, das Leben verliert oft Sinn und Ziel und wir können dieses umfassende Ganzsein auf dieser Erde nicht verwirklichen. Wo kommt Gott da vor, seine Güte und Liebe und all das? Können wir von ihm Hilfe erwarten und Hoffnung, Heilung und Gesundheit?

In der Bibel lesen wir, wie Gott in Jesus von Nazareth in diese Welt kam. Während seines Lebens auf dieser Erde hat Jesus Menschen geheilt. Heilt er heute noch Kranke, wie er das vor 2000 Jahren getan hat? Ich glaube, dass er das tut, obwohl ich mir nicht einbilde, alle Fragen, die diese Aussage aufwirft, beantworten zu können. Während ich mit diesen Fragen gerungen und zugleich überlegt habe, wie sie uns als Menschen heute berühren, habe ich etwas gelernt, was Ihnen in Ihrer Krankheit von Bedeutung sein kann (oder auch anderen, denen Sie beistehen möchten).

Gott will, dass wir die Welt, die er geschaffen hat, erforschen. Dazu hat er uns die Fähigkeiten gegeben. Wir studieren die Wissenschaften, zu denen Medizin und Psychologie gehören, mit all ihren Unterabteilungen. Die Wissenschaft trägt viel dazu bei, angesichts von Krankheit und körperlichen Gebrechen Hilfe zu leisten. Aber eines fehlt noch, oder besser: einer fehlt noch.

Die Bibel spricht von Jesus als dem Retter oder Heiland. Moderne Bibelübersetzungen werden den alten hebräischen oder griechischen Ausdrücken, die wir mit »Retter« wiedergeben, nicht ganz gerecht. Das hebräische Wort Yeshua und der griechische Ausdruck Soter bedeuten beide Retter und Heiler. Diese beiden Bedeutungen sind sowohl dem hebräischen als auch dem griechischen Ausdruck eigen. Das bedeutet, dass Heilung ein Teil der Erlösung ist. Yeshua bzw. Rettung heißt Befreiung, Gesundheit, Heilung, Rettung oder rettende Gesundheit. Die umfassende Bedeutung von Rettung ist »vollständig gemacht werden«, befreit werden von Sünde, von Sorge und Krankheit. Jesus ist sowohl unser Heiler als auch unser Retter. Aus diesem Grund wurde er »Großer Arzt« genannt.

Leiden Sie an einer Krankheit, die Sie weiterhin plagt, obwohl die medizinische Wissenschaft das Ihre geleistet hat? Schmerzt Ihr Körper oder gibt es Dinge, die Sie in Ihrem Geist und Gemüt beschweren, die einfach nicht verschwinden? Gibt es Hoffnung auf Entlastung, eine Wiederherstellung der Gesundheit und ist ein erfülltes und von Freude geprägtes Leben möglich?

Unter Umständen haben Sie kranke Angehörige, irgendwie behinderte und belastete Menschen in Ihrer Umgebung? Sie haben sie betreut, beraten, für sie gebetet, sie zu allen möglichen Ärzten und Kliniken gebracht, und alles war umsonst. Kann man darüber hinaus noch etwas tun?

Gott hat uns Möglichkeiten zur Verfügung gestellt

Gott hat uns zu unserer Gesunderhaltung viele Ressourcen zur Verfügung gestellt. Einige davon finden sich in unserem Körper, ein integriertes System gewissermaßen. Hinzu kommt unser Innenleben mit unseren Gefühlen und Wahlmöglichkeiten. Wir kommen auf diese Ressourcen später im Einzelnen zurück. Dem fügt die medizinische Wissenschaft noch weitere hinzu, und zwar für Leib und Seele. Darüber hinaus steht uns eine weitere potenzielle therapeutische Möglichkeit offen: der Glaube, speziell der Glaube an Jesus Christus.

Vielleicht wissen Sie wenig bis nichts über Gott oder Jesus Christus, aber der Inhalt dieses Buches interessiert Sie. Das ist gut so. Falls Sie krank sind und weder die eigenen Ressourcen noch die der medizinischen Wissenschaft mit aller verfügbaren professionellen Hilfe ausgereicht haben, um Sie voll und ganz wieder herzustellen, dann kann dieses Buch Ihnen helfen. Es kann Ihnen helfen, ein umfassenderes Bild von sich selbst zu gewinnen. Sie werden die wunderbaren Möglichkeiten entdecken, die Gott zur Erhaltung unserer Gesundheit in uns hineingelegt hat. Sie treten in Kraft, wo etwas falsch läuft und wo unsere Gesundheit beeinträchtigt wird; und wir werden sehen, was wir selbst dazu beitragen können. Geistliche Ressourcen können sich im Körperlichen segensreich auswirken: Der Glaube ist da, wo es um Gesundheit und Heilung geht, ein wesentlicher Faktor.

Wir werden uns in diesem Buch also mit folgenden Fragen beschäftigen:

1. Wie wirken sich unsere Emotionen, Gefühle und Grundhaltungen – unser innerstes Wesen also – auf unsere Gesundheit aus?

2. Wie können wir, wenn wir krank werden, mentale, emotionale und geistliche Ressourcen mobilisieren, damit unser Körper mit der Krankheit fertig wird?

3. Wie kann der Glaube an Jesus Christus in Verbindung mit der auf Heilung zielenden medizinischen Wissenschaft helfen, wenn wir krank werden?

Ich bin auf diese Fragen gestoßen, da ich beide Seiten erlebt habe, als Arzt und als Patient. Ich habe lange Monate im Bett verbracht. Ich habe rücklings auf dem Operationstisch gelegen und an die Decke gestarrt. Ich habe den Tod durch das Fenster lugen sehen und gehofft, er würde sich davon machen. Ich habe gegen Schmerzen angekämpft, gegen körperliche Schwäche und gegen die Frustration, es mit einem willigen Geist und meinem schwachen Fleisch zu tun zu haben.

Viel Zeit meines Lebens habe ich am Bett anderer Leidender verbracht. Ich habe von oben auf viele Menschen herabgeblickt, die vor mir auf dem Operationstisch lagen, und Gott gebeten, mir zu helfen, das zu tun, was sie wiederherstellen würde. Ich habe mir die Lebensgeschichte vieler Kranker angehört und versucht, sie zu ermutigen, damit sie den Weg zu neuer Gesundheit beschreiten konnten. Bei all dem habe ich die einschlägigen medizinischen Fachbücher konsultiert und genauso den Großen Arzt. In all den Jahren haben mich Gott und die medizinische Wissenschaft vieles gelehrt, was es mit Heilung auf sich hat. Und ich lerne immer noch. Auf den folgenden Seiten finden Sie ein wenig von dem, was ich von Gott gelernt habe – »Randnotizen« gewissermaßen zu den Wegen, die er uns führt; denn das ganze Ausmaß seiner Wege ist unerforschlich (Römer 11,33).

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WEISS IHR ARZT, WER SIE SIND?

Sind Sie eine Person oder einfach nur eine Ansammlung unterschiedlicher Organe, die durch Haut und Knochen zusammengehalten wird? Sind Sie ein isoliertes Individuum oder sind Sie Glied einer Familie, einer größeren Gemeinschaft, und haben Sie darüber hinaus einen Freundes- oder Kollegenkreis? Sind Sie lediglich eine hochkomplexe Ansammlung von Kohlehydraten, Amino-und Fettsäuren, die irgendwie denken kann; oder sind Sie ein Wesen, das mit anderen geistbegabten Wesen des Universums in Beziehung zu treten vermag?

Wenn Sie einen Arzt aufsuchen, was erwarten Sie von ihm, wie er Sie wahrnehmen soll? Als einen möglichen Fall mit Gallensteinen? Oder als einen potenziellen Herzpatienten? Oder hoffen Sie, der Arzt möge Sie als ganze Person betrachten, mit der etwas nicht in Ordnung ist?

Eine vollständige Person?

Die westliche Kultur hat das Konzept und das Verständnis vom Menschsein radikal verändert. Unsere wissenschaftlichen Errungenschaften machen uns glauben, durch Sezieren und Molekularbiologie könnten wir alles, was für das Menschsein von Bedeutung ist, erklären. Unsere gegenwärtige Kultur und sogar viele unserer religiösen Anschauungen und Praktiken betonen das Individuum und vernachlässigen die Auswirkungen, die Beziehungen auf uns ausüben. Indem wir unserem Verstand und dem Verstehenwollen oberste Bedeutung beimessen, gehen wir viel zu oft davon aus, dass es in unserem Leben und der gesamten Natur nichts gibt, was unser Verstand schließlich nicht doch meistern und folglich manipulieren könnte.

All das hat sich sehr stark auf unseren Umgang mit Gesundheit und Krankheit ausgewirkt. Die moderne Medizin ist mechanisiert und technisiert und in vielen verschiedenen Schubladen untergebracht worden. Wenn Sie krank sind, konzentrieren sich die Ärzte darauf, festzustellen, was aus der Fassung geraten ist und wie es wieder repariert werden kann. Wir registrieren Ihren Namen zusammen mit weiteren persönlichen Daten, um die medizinischen Unterlagen und die Formulare für die Krankenkasse ausfüllen zu können.

Während des dritten Jahres meiner medizinischen Ausbildung arbeitete ich einige Zeit in der Ambulanz. Ich begann meine Runde in der allgemeinmedizinischen Abteilung. Einmal klagte eine Frau mittleren Alters über bereits längere Zeit anhaltende Schmerzen im unteren Rückenbereich. Wir vermuteten ein orthopädisches Problem und überwiesen sie an die entsprechende Klinik. Einige Tage später schickten die Kollegen die Patientin mit einer Notiz zu uns zurück, dass alle Untersuchungen ergeben hatten, dass ihr Rücken, ihre Knochen und Gelenke keine Krankheitssymptome aufwiesen.

Wir schickten sie zur gynäkologischen Klinik. Auch von dort kam sie mit dem Bericht zurück, man hätte keine Anzeichen von Erkrankung ihrer Organe im Becken gefunden. Es folgte die urologische Klinik, und nach ausgedehnten Labor- und Röntgenuntersuchungen wurde weder in ihren Nieren noch in den Harnleitern oder in der Harnblase etwas gefunden. Schließlich kam sie noch in die neurologische Klinik, wo ebenfalls nichts Außergewöhnliches entdeckt wurde.

Als diese Frau zu uns zurückkam, waren drei Dinge klar: Ihre Schmerzen waren nach wie vor vorhanden, ihr Geld war weg und wir hatten ihr nicht helfen können. Sie verließ die Klinik auf nimmer Wiedersehen. Erst später wurde mir klar, dass sich keiner von uns zu ihr gesetzt und mit ihr über ihr Leben gesprochen, versucht hatte, ihr zuzuhören, wie die Krankheit begonnen hatte. Wir hatten uns bemüht, auf ihre Schmerzen einzugehen, und dabei versäumt, sie als ganze Person wahrzunehmen.

Einige Wochen später in der Klinik für Innere Medizin lief es besser. Ich hatte ein richtiges Erfolgserlebnis, als ich Rasselgeräusche über der Lunge einer etwa 60-jährigen Frau vernahm, die über Kurzatmigkeit klagte. Ihre Knöchel und Beine waren geschwollen. Es war klar, dass ihr Herz nicht richtig funktionierte und wir ihr helfen konnten. Wir verschrieben ihr Digoxin, ein Herzmittel aus Digitalis, für die Herzmuskulatur und ein Diuretikum (ein entwässerndes Medikament). Bereits eine Woche später ging es ihr viel besser. Dann nahm ich mir die Zeit, um mit ihr über längerfristige Maßnahmen einschließlich einer Diät mit wenig Salz, kleiner körperlicher Übungen und regelmäßiger Klinikbesuche zu sprechen.

Diese Frau ging zufrieden nach Hause. Ich hatte ein gutes Gefühl. Wir hatten unseren therapeutischen Triumph. Eine Woche später jedoch konnte ich mich weder an ihren Namen noch an ihren Wohnort erinnern. War sie verheiratet? Danach hatte ich gar nicht gefragt. Wie gestaltete sich ihr Leben in der Familie und im Freundeskreis? Könnte es sein, dass sie Stresssituationen durchzustehen hatte, die ihr Herz zusätzlich belasteten? Danach hatte ich nie gefragt. Erst viel später wurde mir klar, dass ich nicht jene Frau, sondern einen Herzmuskel behandelt hatte.

Das biomedizinische Modell

Beim biomedizinischen Modell der medizinischen Versorgung handelt es sich um folgendes: Mediziner lernen, den Menschen als ein biologisches und rein körperliches Wesen zu betrachten. Irgendetwas Biologisches funktioniert in der Physis des menschlichen Körpers nicht mehr und macht einen medizinischen Eingriff erforderlich. Über die Mechanismen, die uns am Leben halten, wissen wir eine Menge: über das Verdauungssystem, unsere Atmung, den Blutkreislauf und andere uns vertraute -ismen.

Wenn der eine oder mehrere dieser Mechanismen nicht mehr richtig funktioniert, sprechen wir von Kranksein und davon, dass wir das, was nicht in Ordnung ist, reparieren müssen. Aber wo in diesem Modell findet sich der Mensch als solcher?

In unserem Körper greifen eine Menge Mechanismen ineinander, wobei vieles falsch laufen kann. Aber als Person sind wir wesentlich mehr als gut oder nicht so gut funktionierende »Mechanik«. Wir können denken, fühlen, kämpfen und hoffen. Wir treten mit anderen Personen in Beziehung und finden darin so oft Freude und Erfüllung; zuweilen sind wir auch enttäuscht und ärgerlich.

Unglücklicherweise brauchen wir Angehörige heilender Berufe meistens zu lange, bis wir wahrnehmen, dass Enttäuschungen und ungute Gefühle unsere biologischen Mechanismen beeinträchtigen können. Auf der anderen Seite können Freude, Lachen und ein erfülltes Leben im Kreis von Freunden und Familie schlecht funktionierende Mechanismen oft besser wiederherstellen als die aufwendigsten Medikamente oder komplizierte Gerätschaften. All das habe ich während meines Universitätsstudiums nicht gelernt.

Meine persönliche Krankengeschichte

Selbst einmal krank zu werden, gehört für einen Arzt zu den wichtigsten Erfahrungen. Ich habe während zahlreicher Krankheitszeiten viel gelernt – nicht so sehr über Biomedizinisches als vielmehr darüber, wie man für die ganze Person Sorge trägt. Dieser Lernprozess begann bereits lange vor Beginn meines Medizinstudiums.

Ich war sieben Jahre alt, als sich ein weiser Kinderarzt die Röntgenbilder meiner Brust anschaute und meinen Eltern sagte: »Euer Danny hat Tuberkulose.« Diese Worte schlugen im Herzen meiner Eltern ein wie eine Bombe, denn das war 1937, ein Jahr vor Beginn des Antibiotika-Zeitalters. TB war eine der häufigsten Todesursachen, vor allem bei kleinen Kindern. Die »Dreifach-Therapie« damals bestand nicht etwa aus drei Medikamenten, sondern aus Bettruhe, gutem Essen und jeder Menge Sonnenschein. Mir wurde ein Jahr Bettruhe verschrieben und wenigstens drei weitere Jahre, in denen ich nur begrenzt aktiv sein sollte. Der Doktor ließ mich wählen: Entweder in ein gut eingerichtetes Sanatorium, knapp 250 Kilometer entfernt und mit entsprechend ausgebildetem Personal ausgestattet, oder zuhause das Bett hüten. Für meine Eltern gab es da nichts zu wählen: Ich sollte daheim bleiben.

Um es ganz vorsichtig zu formulieren: Für einen hyperaktiven Jungen war die Aussicht, ein Jahr lang das Bett nicht zu verlassen, in höchstem Maße deprimierend. Meine Eltern waren zwar hart bei der Einhaltung des Verschriebenen, aber sie glichen das durch viel liebende Fürsorge aus. Ich lernte bald etwas sehr Wichtiges: Eine Krankheit konnte meine körperlichen Aktivitäten einschränken, aber sie konnte nicht meine gedanklichen Aktivitäten, meinen Geist und meine Kreativität beeinträchtigen.

Bücher wurden meine Begleiter. Der umgedrehte Betttisch wurde in ein Schiff verwandelt, mit dem ich über die sieben Weltmeere segeln konnte. Ich entdeckte, dass Jesus mein Freund war, und wir redeten stundenlang miteinander. Wir überquerten den See Genezareth, durchstreiften Wälder und bestiegen hohe Berge miteinander. Während ich sein Buch, die Bibel, las, habe ich Weisheiten wie Goldklumpen gesammelt, die mir bis heute Wegweisung bedeuten. Nach einem Monat waren mein Gemüt, mein Herz und mein Geist geheilt. Ich bin davon überzeugt, dass dies die Heilung meiner Lungen und der Lymphknoten in meiner Brust beschleunigt hat.

Als ich diese Krankheit jener prägenden Zeit in meinem Leben viele Jahre später analysierte und mir klar machte, was eigentlich damals geschehen war, trieben mich eine Menge Fragen um. Wurde ich lediglich von TB geheilt, oder war ich ganz geworden? Waren es nur meine Lungen, die wiederhergestellt worden waren, oder hatte sich mein ganzes Sein und Wesen zum Besseren gewandelt? Ich war wirklich von TB geheilt worden, aber wie? Die weißen Blutkörperchen in meinen Lungen und Lymphknoten hatten die TB-Bazillen irgendwie unschädlich gemacht; aber was war sonst noch geschehen, was mich gesund gemacht hatte?

Mir wurde bewusst: das Jahr 1937/38 war für mich ein ganz besonderes. Ich hatte viel gelernt: meine Lese- und Schreibfähigkeit weiterentwickelt, geduldiges Warten, Kreativität und Fantasie und eine erste Ahnung davon bekommen, später eventuell selbst den Krankheiten zu Leibe zu rücken und anderen das Leben zu erleichtern. Freunde hatten mich besucht. Der Lehrer des zweiten Schuljahrs schickte mir jeden Tag die entsprechenden Hausaufgaben, sodass ich mithalten konnte. Von meinen Eltern erfuhr ich viel Liebe und Fürsorge; sie waren hervorragende Pflegekräfte. Regelmäßige Besuche beim Kinderarzt bestätigten uns, dass wir auf der richtigen Fährte waren.

Rückblickend erkannte ich, dass mein Geist und Verstand gerade in jenem Jahr zugenommen hatten. Das geschah nicht trotz, sondern wesentlich gerade wegen der Krankheit und durch den Beistand von Familie und Freunden. Hat das alles irgendwie auch meiner Lunge und den Lymphknoten in ihrem Kampf gegen die Infektion geholfen? Mir wurde immer klarer, dass das, was mir als ganzer Person widerfahren war, meine Genesung beeinflusst und gefördert hatte.

Mein Medizinstudium

Als ich Jahre später an der Universität Rochester mein Medizinstudium begann, war ich von den großartigen Möglichkeiten der medizinischen Wissenschaft total begeistert und eingenommen. Die erstaunliche Anatomie des menschlichen Körpers, die ungeheure Komplexität des Zusammenwirkens der verschiedenen Organe – alles das faszinierte mich.

Gleichzeitig las ich weiterhin die Bibel und lernte mehr über Jesus. Ich las dort von Heilungen und beschäftigte mich mit diesen konkreten Beispielen des Wirkens Jesu. Vieles von dem schien über das Medizinische hinaus zu gehen, wenigstens über das, was die medizinische Wissenschaft mir gerade zu vermitteln versuchte. Was meinte Jesus, wenn er einer kranken Person sagte: »Dein Glaube hat dich gesund gemacht«? Waren all die Heilungen, die Jesus wirkte, echte Wunder? Oder lagen ihnen – in einigen Fällen wenigstens – Methoden und Prinzipien zu Grunde, die uns auch heute zur Verfügung stehen?

Ich beschäftigte mich immer wieder mit dem Zusammenhang von Medizin und Glaube. Unglücklicherweise gab es niemanden, der mir helfen konnte, denn diese beiden Lebensbereiche wurden sorgfältig auseinander gehalten. Die medizinische Wissenschaft schließt den Glauben aus, denn der Glaube ist nicht wissenschaftlich messbar. (Die Wissenschaft kann den Glauben genauso wenig widerlegen.) Was ich in der Kirche hörte, stand in keinerlei Beziehung zu wissenschaftlichen oder technologischen Erkenntnissen. Ich fand sehr schnell heraus, dass ich nach Meinung gewisser Leute die Kraft Gottes in Frage stellte, wenn ich Wunder vom wissenschaftlichen Standpunkt aus untersuchte. Aber hat Gott denn gar nichts mit den Wissenschaften zu tun? Schließlich befassen sie sich doch mit dem, was Gott geschaffen hat.

Ich bemühte mich nach Kräften, herauszufinden, wie Jesus in dieses Szenario passt. Ich erinnere mich gut an den Tag, als ich – gerade in meinem ersten Praktikum – im Behandlungszimmer der Station für akute psychiatrische Fälle des Philadelphia General Hospital stand. Durch die großen Glasfenster hatte ich beide langen Korridore im Blick. Ich wusste, wer in den einzelnen Betten eines jeden Zimmers lag. Ich beobachtete einen älteren Iren in einer manisch-depressiven Phase, wie er um einen großen, kräftig gebauten afro-amerikanischen Mann herumtanzte, der, seinerseits völlig unbeweglich, in einer krankheitsbedingten starren Pose die Mitte des Korridors einnahm. Dabei nahmen sie einander überhaupt nicht wahr. Aus meinem Herzen drang eine brennende Frage himmelwärts: Herr, wenn du zehn Minuten auf dieser Station verbringen würdest, du könntest alle diese 40 leidenden Menschen heilen. Kannst du kommen? Seine Antwort war niederschmetternd: Ich bin hier, in dir. Frustriert rief ich aus: Aber was erwartest du, das ich tun soll?

Ich setzte meine Suche fort. Zwei Dinge waren mir allerdings klar:

1. Jesus hat vor 2 000 Jahren Kranke geheilt und wirkte dabei oftmals auch im Zusammenhang mit dem Glauben der Betroffenenin, von Familienangehörigen oder Freunden.

2. Durch die medizinische Wissenschaft werden heutzutage viele kranke Menschen geheilt; aber längst nicht alle und in vielen Fällen nur unvollkommen.

Eine brennende Frage trieb mich um: Jesus hat nicht nur selbst Kranke geheilt; er befahl auch seinen Jüngern, dasselbe zu tun; und sie taten es. Ich war sein Jünger und ich heilte einige von denen, die zu mir kamen. Ich machte mir die Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft zunutze, die Jesus damals so natürlich nicht zur Verfügung standen. Aber welche Rolle spielte der Glaube in dem, was ich tat? Hat die medizinische Technik den Glauben ersetzt? Oder können Medizin und Glaube zusammenfinden und sich der Person als ganzer zuwenden?

Medizin und der Mensch in Afrika

Einige Jahre später ging ich mit meiner Familie nach Zentralafrika. Als einziger Arzt in einem Buschhospital in der Demokratischen Republik Kongo (von 1971 bis 1997 Zaire) blieb mir keine Zeit für ein geordnetes Sprachstudium. Ich lernte die Kituba-Sprache nebenbei – vor allem während der Arbeit in der Klinik. Ich hatte ganz schnell heraus, wie ich eine Magenschleimhautentzündung diagnostizieren konnte: Wenn jemand – gewöhnlich eine Frau – auf eine Stelle im unteren Brustbereich deutete und dann auf ihren Rücken zwischen den Schultern, wusste ich sofort, was ihr Problem war. Mit meinen begrenzten Sprachfähigkeiten konnte ich ohne weiteres Natriumhydrogencarbonat und Belladonna-Extrakt verschreiben und ihnen die nötigen Instruktionen erteilen: langsam essen, scharfe Gewürze vermeiden, drei Mahlzeiten täglich (als ob das für eine afrikanische Frau das Selbstverständlichste von der Welt wäre). Es vergingen Jahre, bis ich gelernt hatte, dass sich hinter jedem Fall von Gastritis chronischer Ärger, Sorgen, Angst, eine zerbrochene Beziehung oder schwere Trauer verbargen. Eine halbe Tonne Natriumhydrogencarbonat können nie und nimmer die wirklichen Ursachen für die Gastritis beseitigen, denn sie liegen jenseits dessen, was wir mit unserem biochemischem Ansatz ausrichten können.

Ich erinnere mich gut an eine stark unterernährte Frau, der ich mit Eselsgeduld erklärte, welche Sorten Nahrung sie zu sich nehmen sollte, um ihrem Körper wieder auf die Beine zu helfen. Als sie nach drei Wochen wieder kam, fröhlich lächelte und sehr viel stabiler wirkte, war ich überrascht, denn solche rapiden Behandlungserfolge bei chronisch Unterernährten erlebten wir selten. Sie erklärte mir, dass eine der Krankenschwestern sie mit Jesus Christus bekannt gemacht hätte, dass Christus in ihr Herz gekommen sei und dass sie wahre Freude und Frieden gefunden hatte. Ihr Appetit habe sich stark verbessert und sie fühle sich viel kräftiger. Nachdem sie gegangen war, fragte ich mich verwundert, wie ihr neu gefundenes geistlichen Leben und ihr Ernährungszustand in Beziehung zu setzen seien. Es hat lange gedauert, bis ich das herausgefunden hatte.

Das waren nur einige wenige von tausenden Fällen, die mir als Arzt das Gefühl der Unzulänglichkeit gaben. Da saß ich tagtäglich in der Klinik, jahrein, jahraus, behandelte ungezählte Patienten mit chronischen Leiden, die immer und immer wieder kamen, dieselben Medikamente und Instruktionen erhielten und dabei keinerlei Besserung erlebten. Das ließ mich ernstlich fragen, was ich damit wirklich erreichte. Das Krankenhaus war dazu da, Leute zu heilen; aber es kam mir jetzt eher vor wie eine Reparaturwerkstatt. Ich sollte eigentlich Arzt sein, also jemand, der heilt; aber ich kam mir vor wie ein Flickschuster, der das eigentliche Problem gar nicht reparieren konnte. Damals erkannte ich nicht, dass dieses eigentliche Problem, das in Ordnung gebracht werden musste, in mir selbst lag. Das lag aber nicht allein in mir, es lag im ganzen System unserer modernen Gesundheitsfürsorge begründet.

Wie der geistliche Faktor ins Bild kam

Obwohl ich als praktizierender Arzt Christ war, wusste ich nicht, wie Glaube und Heilung zusammen gingen. Mit meinen Lippen habe ich den Spruch oft wiederholt: »Wir behandeln und Gott heilt«, aber ich hatte keine Ahnung, wie das funktionierte.

Im Jahr 1984 stellte unser Krankenhaus eine begabte junge Frau ein, die als Pastorin ausgebildet worden war. Felicity Matala hatte gerade die Evangelical School of Theology in der Hauptstadt Kinshasa abgeschlossen, wo sie Kurse in Klinikseelsorge belegt hatte. Frau Matala hatte eine innige, persönliche Beziehung mit Christus, ein tiefgehendes Verständnis der Bibel, eine Ausbildung zur Seelsorgerin sowie die Gabe zuzuhören, zu ermutigen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Wir – die Krankenhausärzte – und bald auch die Krankenschwestern begannen, kranke Menschen zu ihr in die Seelsorge zu schicken. Viele litten an Krankheiten, bei denen Stress eine bedeutende Rolle spielte. Andere litten hauptsächlich an physischen Problemen wie Tuberkulose, Zirrhose oder anderen chronischen Infektionen, darunter HIV/Aids. Uns beeindruckte, wie segensreich sich ihre Seelsorge bei denen auswirkte, die mit Beziehungskonflikten zu ihr kamen und Heilung fanden. Wir erlebten oft, wie sich deren körperliche Gebrechen besserten oder schneller heilten.

Wir entdeckten auch, dass eine geistliche Wiedergeburt – das Eintreten in eine persönliche Beziehung mit Jesus Christus – positive physische Wirkungen hervorbrachte. Wir erlebten, wie Gebet in einer Weise wirkte, die die Wissenschaft nicht erklären konnte. Erlebten wir mit, wie Christus heilte, wie er das auf ähnliche Weise einst in Galiläa getan hatte? Wir waren überzeugt: so war es, und dass wir endlich begonnen hatten, für die ganze Person Sorge zu tragen.

Wir erkannten auch den ungeheuren Vorteil, als heilendes Team zusammenarbeiten zu können. Wir Ärzte hatten weder die Zeit noch die Ausbildung, um Kranken bei den Belangen ihres persönlichen Lebens zu helfen, in ihre Gefühlswelt einzutreten oder etwas über ihre Beziehungen herauszufinden. Wir waren auch nicht ausreichend darauf vorbereitet, den oft zeitaufwendigen, weiterführenden seelsorgerlichen Dienst zu tun.

Frau Matala und mir war klar, dass alle Mitarbeiter des Krankenhauses Teil dieses fürsorgenden Prozesses waren. Krankenschwestern und Pfleger verbringen mehr Zeit im persönlichen Kontakt mit den Patienten als Ärzte. (Das ist überall so.) Operationsteams und Geburtshelfer begleiten Menschen in kritischen Phasen ihres Lebens. Sie alle sollten lernen, sich um die ganze Person zu kümmern und ihr wirksam zu helfen.

Darüber hinaus gab es die Mitarbeiter in der Technik und in der Verwaltung. Wie sie zu den Kranken in Beziehung treten, ist im Blick auf das Ergebnis ebenfalls sehr wichtig. Wenn der erste Kontakt eines Patienten mit dem Klinikpersonal zu einer warmherzigen Angelegenheit wird, begründet das bereits ein Vertrauensverhältnis, das für die weitere wirksame Behandlung unbedingt nötig ist.

So nahmen wir – Frau Matala und ich – uns trotz eines vollen Programms die Zeit, eine ganze Reihe unserer Angestellten weiterzubilden. Der Pflegedienstleiter, der dafür bemerkenswerte persönliche Begabungen mitbrachte, half uns dabei. Wir unterrichteten die Schwesternschülerinnen, denn sie sollten gleich zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn mit diesen Aufgabenfeldern vertraut gemacht werden. Kurze Zeit später auf meinem Weg durch die Stationen sah ich immer wieder Mitarbeiter oder Schülerinnen im Gespräch mit Patienten oder wie sie zusammen beteten. Uns wurde bewusst, dass Frau Matala gemeinsam mit ihrem Seelsorgeteam sowie die restlichen Klinikangestellten letztlich Heiler waren, weil die Sorge für den ganzen Menschen endlich ihren Platz gefunden hatte. Das möchte ich an einem konkreten Fall illustrieren.

Tuberkulose, die nicht weichen wollte

Vor einigen Jahren kam John mit schwerer Tuberkulose in unser Krankenhaus. Er war 18 Jahre alt, besuchte die Sekundarschule und war sechs Monate, bevor er zu uns kam, erkrankt. Obwohl er sehr krank war, waren wir zuversichtlich, ihn heilen zu können. Schließlich gab es zur Behandlung von TB hervorragende Medikamente. Wir nahmen ihn auf und verordneten ihm das Standardprogramm, bestehend aus drei Antibiotika.

Nachdem er auf diese Weise einen Monat lang behandelt worden war, hatte sich bei John nichts gebessert; stattdessen wurde er immer kränker. Wir vermuteten, dass seine TB-Bazillen resistent waren gegenüber unseren Antibiotika. Wir behandelten ihn stattdessen mit stärkeren und teureren Medikamenten. Auch das führte zu nichts. Schon bald wurde klar, dass John sterben würde, und niemand wusste, aus welchem Grund.

Eines Tages fand eine Schwesternschülerin heraus, warum John krank war. Sie kam zu uns und erzählte, dass John verflucht bzw. mit einem Bann belegt worden sei. John wollte unbedingt die höhere Schule besuchen, aber seine Eltern hatten dafür kein Geld gehabt. Also hatten sie sich das Geld für den Schulbesuch von einem Onkel geliehen. Einige Monate später hatte dieser das Geld wieder zurück verlangt. Doch Johns Eltern waren viel zu arm, als dass sie es sogleich hätten zurückzahlen können. Der Onkel war darauf hin wütend geworden und hatte John in seiner Gegenwart mit einem Bann belegt. Den Eltern hatte er Vorwürfe gemacht, weil John all sein Geld ausgegeben hatte. Dem Fluch zufolge würde John krank werden und trotz allem, was die Ärzte für ihn tun würden, sterben müssen. Genau das war John vor unser aller Augen im Begriff zu tun, trotz der bestmöglichen medizinischen Betreuung.

Für ein solches Problem haben Ärzte keine Lösung parat. Keine Tablette kann einen Bann aufheben, kein Skalpell ihn entfernen. Im afrikanischen Kontext wird so ein Fluch direkt übertragen und gewöhnlich wörtlich genommen. Wenn so etwas passiert, kann das Ergebnis verheerend sein. Im nordamerikanischen und europäischen Kontext wird so ein Bann eher indirekt gehandhabt. Die Wörter »Krebs« und »Aids« können wie ein Fluch wirken. Das gilt noch viel mehr für Aussagen wie: »Du taugst zu gar nichts, du wirst es nie zu etwas bringen.« Oder: »Sie haben eine unheilbare Krankheit.« Oder: »Bringen Sie Ihre Angelegenheiten in Ordnung, Sie haben nur noch drei Monate zu leben.«

Frau Matala und unsere Schwesternschülerin kannten die Lösung für Johns Problem. Sie machten ihn mit Jesus Christus bekannt, und schon kurze Zeit später wurde John Christ. Darüber freuten wir uns, denn jetzt hatten John und Jesus sich für Zeit und Ewigkeit einander verschrieben. Wir waren der Aufgabe einer traditionellen evangelikalen medizinischen Einrichtung gerecht geworden: Wir hatten John medizinisch aufs Beste versorgt und ihn zu Jesus, dem Großen Arzt, geführt. Aber John starb weiterhin an TB, einer heilbaren Krankheit, und wir wussten nicht, warum. Frau Matala wusste es, und sie gab nicht auf, bis John völlig geheilt war.