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Tom Wright

Kleiner Glaube –
großer Gott

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Für Keith und Margaret Weston

Inhalt

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Teil I

Glaube an einen großen Gott

1

In himmlischer Herrlichkeit thronend

2

Er gibt dem Müden Kraft

3

Nicht im Schauen

4

Der brennende Busch

5

Heilig ist der Herr

6

Frühstück am Ufer

7

Für das Volk sterben

8

Gottes törichtes Evangelium

Teil II

Glaube, mit dem man leben und lieben kann

9

Bürger Jerusalems

10

Christliche Heuchler?

11

Der entlaufene Sklave

12

Wenn Freunde sich überwerfen

13

Die Begegnung der Mütter

14

Glaube für eine Hochzeit

15

Der Kern der Sache

Teil III

Glaube, der durch die Dunkelheit trägt

16

Bethlehem und die Gerstenernte

17

Der Regenbogen und die Verheißung

18

Glaube angesichts des Grabes

19

Zunächst schmerzhaft

20

Wolkenkuckucksheim?

Zum Autor

Vorwort zur deutschen Ausgabe

ICH FREUE MICH SEHR, DASS dieses kleine Buch nun für ein deutschsprachiges Publikum verfügbar ist. In der gesamten Zeit meines öffentlichen Wirkens war mir immer sehr bewusst, dass Menschen oft schnell dabei sind, von „ihrem Glauben“ zu reden – als ob das die wichtigste Sache der Welt wäre. Doch es ist nicht der „Glaube“ als solcher, der zählt, sondern Gott, auf den sich der Glaube, also das Vertrauen, bezieht. Im Vereinigten Königreich haben wir im Verlaufe der Jahre so viel von unseren deutschen Kollegen über den „Glauben“ gelernt, dass ich hoffe, dieses Buch ist ein ganz kleines Zeichen, durch das ich das Kompliment erwidere.

Der Glaube ist wie ein Fenster in einem Haus. Es bringt nichts, wenn man ein riesiges Fenster hat, und anderthalb Meter vor dem Fenster ist eine Mauer, die den Blick auf alles andere versperrt. Doch selbst ein kleines Fenster lässt Freude und Schönheit ins Zimmer, wenn es einen Ausblick auf Bäume, Berge oder vielleicht einen See oder auf das Meer gewährt. In diesem Buch geht es also darum, unsere Aufmerksamkeit von „unserem Glauben“ weg auf den Gott zu lenken, den wir in der Bibel erkennen, und unüberbietbar in Jesus selbst. Wenn er derjenige ist, auf den wir schauen, dann werden seine Gegenwart und Kraft sowie die Herausforderung seiner Liebe in unser Leben kommen, wie klein das „Fenster“ unseres Glaubens auch sein mag.

Wenn ich dieses Buch durchsehe, werden viele schöne Erinnerungen wach: an die Kirchen, in denen einige dieser Kapitel ursprünglich als Predigten gehalten wurden, und an die Freunde, die sie hörten und kommentierten. Ich danke Gott besonders für die Hilfe und Unterstützung der Pfarrer Keith Weston und Mark Everitt, die als Kollegen und Mentoren eine große Quelle der Ermutigung waren. Als ich einen Teil des Materials wieder durchlas, entdeckte ich, dass ich heute einige Dinge anders ausdrücken würde. Ich denke zum Beispiel an die Betonung auf den „Himmel“ als unserem letztendlichen Bestimmungsort. Diese Betonung steht in einem Kontrast zu neueren Werken wie Von Hoffnung überrascht. Dort habe ich argumentiert, dass wir den neuen Himmel und die neue Erde von Offenbarung 21 als unsere letztendliche Hoffnung ansehen sollten, nicht nur den „Himmel“. Daher ist die Auferstehung so wichtig. Doch die Substanz dessen, was ich hier argumentiere, hat meiner Ansicht nach Bestand. Ich würde heute ebenfalls das Bild der Pharisäer ändern, das ich im zehnten Kapitel umrissen habe. Dies ist im Lichte der umfangreichen neueren Forschung zu den jüdischen Bewegungen im ersten Jahrhundert dringend geboten. Dennoch bleibt die heutige Anwendung, um die es mir ging, dieselbe. Ich habe meine Position an dieser Stelle in dem Buch Glaube – und dann? weiter ausgeführt.

Eigentlich will ich mit diesem Buch aber sagen: Das ernsthafte Studium der Bibel ist viel zu wichtig, als dass man es im Arbeitszimmer eines Gelehrten einschließt. Es muss hinaus ins normale Leben der Kirche und ins normale Leben der Christen. Ich hoffe und bete, dass diese neue Übersetzung dazu beiträgt, dass genau das geschieht. Ich bin sehr dankbar für alle, die an der Übersetzung und Herausgabe beteiligt waren, und sende herzliche Grüße an meine vielen deutschsprachigen Freunde!

Tom Wright

St. Andrews, Schottland

Oktober 2012

Teil I

Glaube an einen großen Gott

1

In himmlischer Herrlichkeit thronend

WENN DAS PASSIERT, WÜRDE ICH gerne Mäuschen spielen.“ So sagen wir, wenn wir uns wünschen, wir könnten bei einem wichtigen Meeting dabei sein oder irgendeiner hochkarätigen Diskussion zuhören. Nun, wir werden dieses Buch damit beginnen, Mäuschen in einer Szene von großer Schönheit zu spielen, in einer Szene, die auch von großer Bedeutung für unser Verständnis von Gott, von der Welt und von uns selbst ist. Wie allen heimlichen Lauschern könnte es auch uns passieren, dass wir die eine oder andere Überraschung erleben.

Der Schauplatz für unser heimliches Lauschen wird in Offenbarung 4 und 5 entfaltet. Wenn Sie das dortige Bild zunächst verwirrend finden, sind Sie nicht die oder der einzige. All diese Wesen und Kronen und Blitze und Donner – Sie könnten versucht sein, das Ganze als dick aufgetragenen, unverständlichen faulen Zauber abzulehnen. Ich bitte Sie, das nicht zu tun. Die Offenbarung ist kein fauler Zauber: sie wurde in Symbolen verfasst, und sobald man die Symbole versteht, verschwinden die meisten Probleme. Natürlich versteht niemand alle Symbole, jedenfalls nicht vollkommen, doch wir können uns einen recht guten Einblick verschaffen.

Wir müssen aufhören uns vorzustellen, derartige Sprache beschreibe eine Fotografie des Himmels – als ob so etwas möglich wäre! Die Offenbarung ist eher wie eine Landkarte, und für diese gilt: Sobald wir die auf einer Landkarte verwendeten Symbole verstehen, ist sie für uns sogar zweckdienlicher als eine Luftaufnahme. Wenn wir einen Berg besteigen, erwarten wir ja nicht, dass wir die Höhenlinien tatsächlich sehen, so wie wir sie auf der Landkarte mit dem Finger nachzeichnen. Und wenn wir auf einer Straße fahren und in eine kleinere Seitenstraße einbiegen, dann wird diese Straße höchstwahrscheinlich nicht die Farbe wechseln, wie sie das auf der Landkarte tut. Trotzdem sind Höhenlinien und Straßenfarben nicht nutzlos. Sie versorgen uns mit wichtigen Tatsachen über unser Ziel. Ohne sie wären wir verloren.

Ohne die Tatsachen, die in Offenbarung 4–5 präsentiert werden, wären wir mit Sicherheit endgültig verloren. Unser Problem besteht darin, dass wir herausfinden müssen, welches jene Tatsachen sind. Wenn die Sprache symbolisch ist, wie die Symbole auf einer Landkarte, dann sollten wir nicht versuchen, uns die Szene wörtlich vorzustellen – der Löwe, der auch ein Lamm ist, mit sieben Hörnern und sieben Augen, strapaziert unsere Vorstellungskraft bis an ihre Grenzen und vielleicht sogar darüber hinaus. Wir müssen ins Innere der Denkweise von Johannes vordringen und verstehen, was er durch diese Symbole sagen wollte. Dann werden wir in der Lage sein, wie er Mäuschen zu spielen und das Unsichtbare zu sehen sowie Dinge zu hören, die unsere Ohren normalerweise nicht hören können.

Das erste, was wir sehen, liefert den Kontext für alles Folgende. Johannes sagt: Vor mir stand ein Thron, auf dem jemand saß. Jemand. Johannes versucht nicht, Gott, der auf dem Thron sitzt, zu beschreiben, nicht einmal mit Symbolen. Doch die Tatsache, dass er auf dem Thron sitzt, sagt uns die erste wichtige Sache über ihn. Er ist der König. Er ist souverän. Und der Anblick ist nicht nur Ehrfurcht gebietend: es ist ein Anblick voller Schönheit. Der Thron ist umgeben von Juwelen in vielen Farben und von einem Regenbogen umrahmt, den Johannes erwähnt, um uns daran zu erinnern, dass dies derselbe Gott ist, der Noah und Hesekiel offenbart wurde – der Gott, der liebevolle und gütige Verheißungen schenkt und sie einhält.

Zu dieser Schönheit und Liebe gehören auch große Macht und Majestät. Von Gottes Thron, der von den vierundzwanzig Thronen der Ältesten umgeben ist, gehen Blitze und Donner aus. Mit ein paar kurzen Sätzen weiht Johannes uns in ein Bild von Gott ein, das so groß und furchterregend ist, dass wir gezwungen sind zu fragen: Ist das der Gott, an den wir glauben? Oder ist der Gott der Bibel nicht größer und großartiger als die meisten unserer üblichen Gottesbilder? Dieses Buch handelt vom Glauben, und der Weg zum Glauben führt immer entlang der Straße, die zu einer vergrößerten Sicht von Gott führt, zu einer Sicht, die stetig im Lichte der Bibel geprüft und überarbeitet wird. Wenn das wegfällt, schrumpft der Gott, den wir anbeten, auf einen Götzen zusammen, den unsere eigene Vorstellungskraft gebildet hat. Der Glaube an einen Götzen ist kein Glaube, der des Glaubens wert ist.

In der Szene, die Johannes beschreibt, beten die Geschöpfe jedoch keinen Götzen an. Wir können das jeweils erkennen. Götzenanbeter mögen um vieles besorgt sein, doch sie denken niemals über Heiligkeit nach. Stattdessen denken sie entweder überhaupt nicht über ethische Standards nach – da ein Götze unpersönlich ist und sich daher von so etwas nicht beunruhigen lässt – oder sie folgen einer leeren Askese. Diese ist die äußere Hülle von Heiligkeit, abzüglich der inneren Freude, die im Herzen des wahren Gottes wohnt. Doch die vier lebendigen Wesen denken an nichts anderes als an Heiligkeit – weil sie an nichts anderes denken als an Gott.

Wer sind die vier Wesen? In der Symbolik von Johannes repräsentieren sie die Welt der Schöpfung – Natur, Tiere, Pflanzen. Dies ist das Lied, das die Sonne singt, wenn sie aufgeht. Dies ist das Lied, das die Bäume singen, wenn die Blätter ihre Farbe wechseln. Dies ist das Lied, das die Pinguine singen, wenn sie auf dem Eis herumlaufen. Klingt das ein wenig überspannt? Ganz und gar nicht! Gottes Schöpfung, die von ihm in jedem Moment erhalten wird, ist voll von seiner Herrlichkeit, wenn wir nur die Augen hätten, um sie wahrzunehmen.

Es ist möglich, Augen zu haben, um sie zu sehen. Die Wesen sind mit ihrem Gesang nicht allein. Während die Schöpfung das Gotteslob singt, wird dieses Lied fortwährend von den vierundzwanzig Ältesten aufgegriffen. Und um wen handelt es sich dabei? Zwölf stehen für die zwölf Stämme des Alten Testaments, und zwölf stehen für die Nachfahren der Apostel, für die Kirche in der neutestamentlichen Ära. Die Kirche ist eine Familie von Priestern, die das Lob der Schöpfung in ihrem eigenen Lob zusammenfasst. Doch das Lob dieser Familie geht über das Lob der Schöpfung hinaus. Die Natur lobt schlicht und einfach Gott; erlöste Menschen wissen, warum Gott gelobt werden sollte. Du bist würdig, singen die Ältesten, Herrlichkeit, Ehre und Macht zu empfangen. Wenn wir dieses Lied widerhallen lassen, ist das ein echtes Lebenszeichen, dass wir Gottes Volk sind.

Es gibt ein weiteres Lied, das die erlösten Menschen singen, und dieses Lied erscheint in Offenbarung 5. Bisher wurden wir heimliche Zeugen einer großartigen Vision Gottes. Nun hören wir etwas, das näher an uns herankommt und uns persönlich berührt. Die Figur auf dem Thron hält in ihrer rechten Hand eine versiegelte Schriftrolle. Gott präsentiert das Buch, das seinen perfekten Plan für die gerechte und heilige Herrschaft über seine Welt enthält. Er wird nicht direkt beschrieben, und er handelt auch nicht direkt. Es scheint so, als wäre es Gottes Absicht, dass sein Wille nicht durch ihn selbst, sondern durch eine andere Person oder ein Volk ausgeführt werden soll. Und das ist das Problem. Wer ist schon würdig, Gottes Willen auszuführen? Wer kann bei der Herrschaft über die Welt an der rechten Seite Gottes stehen? Für einen Moment sieht es so aus, als werde Gott, der durch sein eigenes Dekret gebunden ist, niemals Wahrheit und Gerechtigkeit rehabilitieren – als werde die Welt sich also als sinn- und nutzlos erweisen. Kein Wunder, dass Johannes in Tränen ausbricht.

Doch die Antwort auf das Problem liegt nicht fern, und dieser Moment ist in der Tat der Höhepunkt der gesamten bisherigen Ereignisfolge. Es gibt jemanden, der das Buch öffnen kann. Wenn wir schon die Vision Gottes verwirrend, aber Ehrfurcht gebietend empfanden, dann wird dasselbe auch für sein Bild von Jesus Christus gelten. Er ist der Löwe von Juda – der Herrscher aus dem Stamm, den Gott aus seinem erwählten Volk auswählte. Er ist die Wurzel Davids – er gehört zu dem Stamm, aus dem der Mann nach dem Herzen Gottes kam. Und er hat triumphiert. Mit Johannes drehen wir uns in der Erwartung um, eine königliche Figur zu sehen, die bereit ist, alle Feinde Gottes aus dem Weg zu räumen und die Welt mit eisernem Zepter zu regieren. Doch wir sehen – ein Lamm. Schlimmer noch: Ein Lamm, das geschlachtet wurde. Obwohl es geschlachtet wurde, ist dieses Lamm wieder lebendig geworden, und nun wurde ihm alle Macht und Autorität gegeben (die sieben Hörner), sowie die Herrschaft über die Geister, welche die Welt regieren. Warum? Wie kann dieses Bild zumindest anfänglich Sinn ergeben?

Sehr einfach. Der Löwe von Juda errang den Sieg, indem er das Lamm war, das geopfert wurde: weil die Feinde, die besiegt werden mussten, in der Sünde bestanden (Sünde war der Grund, warum niemand anders würdig war, das Buch zu öffnen) und in dem Tod, der eine Folge der Sünde ist. Und der Löwe besiegte den Tod, indem er als Lamm starb. Er starb, um Sünde wegzunehmen, indem er das volle Gewicht des Bösen auf sich nahm – indem er in der Weigerung starb, sich dem Bösen zu beugen. Er ist würdig – er allein.

An diesem Punkt sind wir nun beim Dilemma des Lauschers angekommen. Was wir nun hören, hört sich verdächtig danach an, dass wir selbst von dem Gehörten betroffen sind; und das könnte vielleicht nicht so viel Spaß machen wie nur Mäuschen zu spielen. Doch wenn wir uns dafür entscheiden, dennoch weiter zuzuhören, dann wird das, was wir hören, sich für uns als segensreich erweisen. Hören wir auf das Lied, das die Tiere und die Ältesten jetzt singen:

Du bist würdig, zu nehmen das Buch

und aufzutun seine Siegel;

denn du bist geschlachtet

und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen

und hast sie unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht,

und sie werden herrschen auf Erden.

(Offenbarung 5,9–10)

In diesem Lied geht es darum, was Christus, der Löwe von Juda, getan hat. Und wir, die Lauscher, entdecken, dass es um uns geht. Wir finden hier Wahrheiten über uns Erdlinge, die mit Freude von den Bewohnern des Himmels gesungen werden. Wir können sie wie folgt zusammenfassen.

1. Die Tiefe des Evangeliums. Christus hat Menschen für Gott erkauft. Will heißen: Er kam auf den Sklavenmarkt, auf dem seine Leute in Ketten standen, und er bezahlte den Preis, um sie freizukaufen. Er muss dies nicht immer wieder tun. Die Sache liegt in der Vergangenheit: diese Handlung ist abgeschlossen.

2. Die Breite des Evangeliums. Christus erkaufte sich Menschen aus allen Nationen, Völkern, Stämmen und Sprachen. Das ist der Grund, warum die frühe Kirche betonte (und warum wir nicht vergessen sollten), dass das, was Christus erreicht hat, keine Grenzen der Hautfarbe, Klasse, Geburt oder des sozialen Status kennt. Das steht im Gegensatz zu jenem Exklusivismus, der beinhaltete, dass ein Mensch als Jude geboren worden sein musste, um sich für das Volk Gottes zu qualifizieren.

3. Die Absicht des Evangeliums. Christus erkaufte Menschen zunächst und hauptsächlich für Gott, damit sie Könige und Priester sind und ihm dienen. Man erkenne die volle Tragweite dieser Aussage. Als Christus uns auf Kosten seines eigenen Blutes erkaufte, ging es dabei nicht in erster Linie um unser Glück – auch wenn es das pure Glück bedeutet, gerettet zu sein. Er hat uns für Gott erkauft. Der Sohn kam an jenem Tag im Auftrag des Vaters auf den Sklavenmarkt. Hat er uns befreit, damit wir – Leibeigene sein sollen, nur eine Stufe über den Sklaven? Mit Sicherheit nicht. Diese Freiheit hat keinen schalen Beigeschmack: wir sollen Könige sein, um Anteil an Gottes Herrschaft über die Welt zu haben. Und wir sollen Priester sein, welche die gesamte Schöpfung vor Gott repräsentieren und deren Lob in unserem eigenen Lob zusammenfassen.

Diese Doppelrolle (Könige und Priester) passt genau zu der Doppelrolle Christi als königlicher Löwe und als Opferlamm. Genau das sollten wir erwarten. Diese Aufgaben werden uns einzig und allein aufgrund dessen gegeben, was er getan hat. Die Lauscher hören nicht bloß, dass sie selbst erwähnt werden. Sie hören zu, wie Pläne geschmiedet und gefeiert werden, die sie zu geistlichen Millionären machen werden. Hier ist der allmächtige Gott, der seine Absichten entwickelt; hier ist der Löwe von Juda, der als Opferlamm gestorben ist; hier sind die erlösten Menschen, die loben, was er erreicht hat; und wir finden uns inmitten all dieser Dinge wieder, verwickelt in die erstaunliche Gnade Gottes.

Das ist der Grund, warum das Lauschen nun ein Ende haben muss. Wir müssen aus unserem Versteck hervorkommen und zugeben, dass wir gehört haben, was vor sich gegangen ist. Immerhin: Die gesamte Schöpfung lobt Gott, den allmächtigen Schöpfer – die gesamte Kirche preist Christus als den souveränen Erlöser – und da sollten wir schweigen? Diese Frage gilt uns, ob wir seit fünfzig Jahren oder seit fünf Minuten Christ sind – und sie gilt genauso für diejenigen, die niemals einen Gedanken an diese Sache verschwendet haben. Das Wort, das Gott durch Johannes vermittelt, ist völlig klar: Unser Leben soll im Lichte des himmlischen Lobes geführt werden. Dies ist kein halbherziger oder trostloser Vorschlag. Christ zu sein ist keine Sache vager Ideale oder verwässerter Vorstellungen. Es ist eine Sache von Tausenden von freigekauften Menschen, die ungeniert das Lied von ihrer Befreiung singen:

Das Lamm, das geschlachtet ist,

ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.

(Offenbarung 5,12)

Das ist der Kontext, in dem sich das gesamte christliche Leben abspielt. Beim christlichen Glauben – beim biblischen Glauben – geht es nicht darum, sich nichts anmerken zu lassen und einfach das Beste zu geben. Es geht darum, dass wir von uns wegschauen und die Welt so sehen, wie Gott sie sieht, also so, wie sie wirklich ist. In der wirklichen Welt wird gesungen: jedes Geschöpf im Himmel und auf Erden, unter der Erde, auf und im Meer singt:

Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm

sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt

von Ewigkeit zu Ewigkeit!

(Offenbarung 5,13)

Und die Schöpfung sagt dazu: „Amen!“ Die Kirche beugt sich und betet an. Das sind die Fakten. Die Frage des Glaubens lautet, ob wir aufhören zu lauschen und mitsingen.

2

Er gibt dem Müden Kraft

WIR SIND NUN IN DER Lage, das zentrale Thema des Buches näher in den Blick zu nehmen, das uns dann im dritten Kapitel beschäftigen wird. Wenn wir einmal dem vorgreifen, was wir dort sagen werden, dann können wir es folgendermaßen ausdrücken: Glaube ist in der Bibel immer von seinem Gegenstand bestimmt. Anders ausgedrückt: Es zählt weniger der Glaube als solcher, sondern vielmehr das, woran man glaubt. Wir werden sehen, dass der Glaube wie ein Fenster ist. Ein Fenster existiert nicht, weil wir in einem Zimmer gerne eine Wand aus Glas haben wollten. Es existiert um der Dinge willen, die wir durch das Fenster sehen können – und auch, damit Licht in das Zimmer einfallen kann.

Im ersten Kapitel haben wir über Gott nachgedacht, über denjenigen, der die Welt ursprünglich erschaffen hat und der nun mit der Erneuerung der Schöpfung begonnen hat. Wir werden uns nun die Passage ansehen, in der diese Wahrheit über Gott als Grundlage für den Glauben seiner Leute genommen wird. Es geht dabei allerdings nicht um diese Leute und ihren ganz bestimmten Glauben. Sie sind eine eher bedauernswerte Truppe. Der Punkt ist schlicht der: sie sind das Volk des großartigen Gottes.

Die fragliche Passage ist den meisten von uns so vertraut, dass wir nicht mehr scharf über sie nachdenken. Es ist eine Passage, die wohl zu den Lieblingsversen vieler Christen gehört. Wenn wir sie wieder einmal lesen, ist sie wenig überraschend:

Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft,

dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler,

dass sie laufen und nicht matt werden,

dass sie wandeln und nicht müde werden.

(Jesaja 40,31)

Ein herrlicher Text, ob wir ihn nun als poetisches oder als theologisches Zeugnis lesen. Das ist genau das, was wir alle von Zeit zu Zeit brauchen. Doch Augenblick mal: Der Vers bildet das Ende des Kapitels. Und das ist kein Zufall: Dieser herrlich ermutigende Vers baut vollständig auf dem auf, was der Prophet davor gesagt hat. Zu den charakteristischsten Fallgruben eines Großteils der modernen Christenheit gehört der Versuch, ohne Anstrengung zu den Ergebnissen zu kommen – man versucht, direkt an die hilfreiche Stelle am Ende zu springen, ohne zu erkennen, dass man diesen Punkt nur dann angemessen erreichen kann, wenn man dem folgt, was vorher gesagt wurde. Die Bibel ist nicht bloß eine Sammlung hilfreicher Texte. Sie ist ein echtes Buch, oder besser eine Sammlung echter Bücher, und die Gedankengänge, die durch ganze Kapitel oder Bücher verlaufen, sind oft viel wichtiger als irgendein einzelner Vers. In diesem Fall ist das mit Sicherheit so. Der einzige Weg, auf dem wir sicherstellen können, dass wir auffahren auf Flügeln wie Adler, besteht darin, dass wir sicherstellen, dass wir wirklich auf den Herrn harren. Das geschieht allerdings nicht automatisch. Und darum wurde dieser Teil des Jesajabuches geschrieben.

Jesaja schrieb für Menschen, die versuchten, mit dem Exil zurechtzukommen, das Gott als Strafe für die Sünde und den Götzendienst des Volkes angedroht hatte. Und zu den vielen Dingen, die er dem Volk über ihren wahren Gott erzählt, den Gott, der so ganz anders ist als die imaginären Gottheiten, die sie damals angebetet haben, gehört genau dies: Jahwe, der Herr, der Gott Israels, ist der souveräne Schöpfergott. Er ist einzigartig. Es gibt keinen Gott wie ihn. Das Bild ist ein ganz einfaches, aber schauen Sie sich die Farben an, in denen es gemalt ist. Lesen Sie Jesaja 40,12–26. Jahwe, der Gott des Alten Testamentes, hält die Erde in seiner Hand, thront über allen Herrschern der Welt und kontrolliert den höchsten Himmel. Er ist unvergleichlich. Aus diesem Grund ergibt es überhaupt keinen Sinn, irgendeiner anderen Gottheit zu vertrauen. Die Verse 18–20 vergleichen Israels mächtigen Gott mit den sogenannten „Göttern“ der Heiden, ob sie reich sind (dann machen sie sich Götter aus Gold und Silber), oder arm (dann muss man sich mit Holz begnügen). Der Gegensatz ist ein schmerzhaft scharfer. Wir schauen uns in der Welt und in den Königreichen der Welt um und erkennen, dass Gott dies alles gemacht hat und beherrscht. Dann blicken wir einen Moment auf die Schatten der Erde, und ausgerechnet dort sehen wir Menschen, die versuchen, sich ihre eigenen Götter zu erschaffen. Das ist lächerlich, aber wahr.

Leider ist das heute immer noch so. Zugegeben: Nicht auf dieselbe Weise. Wir machen uns normalerweise keine kleinen Statuen aus Gold und Silber und beten sie dann an. Götzendienst kennt jedoch keine kulturellen oder zeitlichen Grenzen. Wir haben Götzen mit vier Rädern. Die Anbeter dieser Götzen verwenden ihre Anstrengungen und ihr Geld darauf, sie zu polieren und immer schneller zu fahren. Wir haben Götzen aus drei Zimmern; deren Anhänger halten diese Zimmer makellos sauber, für den Fall, es könnte überraschend Besuch kommen. Wir haben viereckige Götzen, unsere heimischen Kinoleinwände. Einige von uns haben schöne gebundene Götzen mit Seiten und Schutzumschlägen. Auch wir beten unsere Götzen an, weil sie uns stolz machen. Wir versetzen uns in sie hinein, tatsächlich oder in unserer Einbildung, und dann beten wir an, was wir sehen. Vor einigen Jahren gab es ein Buch mit dem Titel The God I Want (Der Gott, den ich will). Wenn es je ein Rezept für Götzendienst gab: hier ist es. Der Gott der Bibel ist nicht unbedingt der Gott, den ich will: Meine konfusen Begierden passen mit großer Sicherheit nicht mit dem zusammen, wer er wirklich ist, und das ist auch gut so. Was wirklich zählt, ist der Gott, der mich erschaffen hat, der Gott, mit dem ich mich befassen muss (ob ich will oder nicht). Er ist so viel größer und großartiger als alles andere, was ich mir vorstellen könnte, dass ich mir niemals erträumen sollte, ich hätte ihn erfasst und eingeordnet. Wir müssen den Gott der Bibel ständig schärfer in den Blick bekommen. Andernfalls werden wir entdecken, dass unser Bild von ihm allmählich gezähmt und auf das reduziert wird, was wir in unserem Leben handhaben können. Und Gottheiten, die wir bequem handhaben können, sind Götzen.

Im Buch Jesaja sehen wir also den wahren Gott und die falschen Gottheiten – den lebendigen Gott und die toten Götter – den redenden Gott und die stummen Götter – den allmächtigen Gott und die machtlosen, von Menschenhand erschaffenen Imitationen, die Götzen. Wir kommen nicht an der Frage vorbei: Wen beten wir an?