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Jean Vanier

Weites Herz

Dem Geheimnis der Liebe auf der Spur

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Inhalt

Vorwort

Einführung: Jesus weinte

Erster Tag

»Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein« (Lukas 19,5)

Gott beruft uns in die Welt der Liebe

Unseren Ruf erkennen

In der Treue verwurzelt

Zweiter Tag

»Du bist in meinen Augen teuer und wertvoll und ich liebe dich« (Jesaja 34,4)

Gott liebt uns

Zum Freund der Schwachen und

an den Rand Gedrängten werden

Absteigen, um Jesus zu begegnen

Dritter Tag

»Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht« (Johannes 4,10)

An unsere Wunden rühren

Die Quelle des lebendigen Wassers entdecken

Den schwachen und armen Menschen in uns selbst annehmen

Vierter Tag

»Liebt einander, wie ich euch geliebt habe« (Johannes 15,12)

Das Zusammenleben lernen

Bei Jesus bleiben

Vergebung schenken und Vergebung empfangen

Fünfter Tag

»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Markus 15,34)

In den Schmerz eintreten

Das Geheimnis des Kreuzes

So mitleidend werden, wie Maria es war

Sechster Tag

»Selig die Sanftmütigen …« (Matthäus 5,5)

Lernen, voller Hoffnung zu warten

Im Vertrauen wachsen

Zärtlichkeit schenken und empfangen

Zum Abschluss: Der, der kommt, wenn wir schreien

Arche-Gemeinschaften

Über Jean Vanier

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Vorwort

In den Arche-Gemeinschaften leben Menschen mit geistigen Behinderungen mit anderen zusammen, die sich berufen fühlen, ihr Leben mit ihnen zu teilen. Bei diesem engen Zusammenleben und gemeinsamen Unterwegssein lernen wir alle Leiden und Freuden des Gemeinschaftslebens kennen. Hier öffnen die schwächsten Mitglieder uns anderen das Herz für das Mitfühlen und helfen uns auf diese Weise zu einem tieferen Einswerden mit Jesus. Wir lernen es, mit ihnen Freundschaft zu schließen, und durch sie und mit ihnen auch mit Jesus.

Unsere Gemeinschaften beruhen – genau wie auch die Gemeinschaften »Glaube und Licht«1 – auf dem Glauben an den Wert, den jeder Mensch hat; ganz unabhängig von seiner Kultur oder Religion, seinen Fähigkeiten oder Behinderungen. Wir alle sind berufen, in der Liebe und Weisheit und der Fähigkeit zum Annehmen des Anderen zu wachsen. Manche unserer Gemeinschaften wurzeln im katholischen Glauben; andere wurden ökumenisch. So erleben wir die Freuden des Einsseins und die Schmerzen, die es bereitet, noch gespalten zu sein. Indem wir versuchen, die Botschaft Jesu zu leben, wachsen wir zusammen.

Der vorliegende Text wurde ursprünglich gesprochen. Es handelt sich dabei um Vorträge, die ich bei Einkehrtagen in der Dominikanischen Republik hielt. Die Teilnehmer waren Menschen aus dem Alltagsleben der Arche in Lateinamerika und der Karibik. Diese »Assistenten«, wie sie in der Arche genannt werden, brauchen immer wieder Anregungen, die sie auffrischen und neu motivieren. Da wir mit Menschen zusammenleben, die viele Ängste in sich tragen, kann unser Leben zeitweise voller Stress werden. Daher ist es für uns dringend notwendig, dass wir unsere Liebe zu Jesus vertiefen, der in den Menschen verborgen ist, die oft unerwünscht sind. Am Abschlusstag dieser Einkehrzeit gingen viele der Assistenten öffentlich ihre Verpflichtung oder ihren »Bund« mit Jesus und allen Mitgliedern ihrer Gemeinschaft ein, besonders mit den schwächsten und ärmsten. Das war ihre Antwort auf eine Berufung, die sie von Gott her verspürten.

Später wurden diese Vorträge in Buchform gebracht, wobei Struktur und Stil der Einkehrzeit beibehalten wurden: für jeden der sechs Tage ein Kapitel. Jeder Vortrag behandelt einen Schritt auf einem Weg des Glaubens und der Liebe. Daher sollte auch jeder so gelesen werden: still, in innerem Frieden, damit man beim Lesen tiefer ins Geheimnis der in Jesus offenbar gewordenen Liebe Gottes hineingezogen wird.

Zwar wurde diese Woche der Besinnung und des Gebets für in der Arche engagierte Menschen gehalten, aber sie kann auch für alle anderen hilfreich sein, die nach dem Evangelium zu leben versuchen. Ihre Themen können alle inspirieren, die der Überzeugung sind, dass die Kirche nur auf dem Weg erneuert werden kann, dass wir den Menschen dienen und mit ihnen Freundschaft schließen, und dass alle, die Jesus nachfolgen, nur auf diesem Weg zu einer Gemeinschaft vereint werden können. Das gilt in besonderem Maß für unser Verhältnis zu den Menschen, die uns als »fremd«, »fremdartig« und »anders« vorkommen, nämlich die in unserer Gesellschaft Ungewollten und Einsamen. Zudem müssen wir es lernen, auch mit unserer eigenen Armut, also dem »Fremdartigen« und Einsamen in uns selbst, Freundschaft zu schließen.

Ich möchte hier mit den Worten schließen, die Kardinal Etchegaray in Rom bei seiner Ansprache zum Beginn des neuen Jahrtausends vor Jugendlichen äußerte:

Die Kirche bittet euch, aufmerksam auf die Schwachen und Verletzlichen zu achten; auf diejenigen, über die Jesus sich freut, weil sie sehen, was den Klugen und Fähigen verborgen bleibt (vgl. Matthäus 11,25). Vergesst nie dieses Kriterium. Es ist das kostbarste, das sicherste, das konkreteste Kriterium, das euch erkennen helfen wird, was Christus von euch erwartet … Die Richtung ist klar: Arm leben, wie Christus es tat, mit dem Armen leben, um mit Christus zu leben. Die Erneuerung der Kirche gelingt immer dann, wenn wir es wagen, im Bund mit den Armen zu leben.

Jean Vanier

L’Arche, Trosly

Anmerkung

1 Eine 1971 von Jean Vanier gegründete internationale Bewegung für geistig Behinderte und ihre Familien und Freunde. Siehe auch: Kathryn Spink, Jean Vanier und die Arche – Die Geschichte einer außergewöhnlichen Berufung. Neufeld/Tyrolia, Schwarzenfeld/Innsbruck 2008.

Einführung

Jesus weinte

Als Jesus sich Jerusalem näherte, weinte er. Die geheimnisvollen Tränen Jesu. Er konnte voraussehen, was geschehen würde. Er wusste, Jerusalem würde zerstört werden, die »Heilige Stadt« würde zur »Stadt des Leidens«, zur »Stadt des Kriegs und Konflikts« werden.

Jesus weinte:

»Wenn du doch die Friedensbotschaft verstanden hättest …«

(vgl. Lukas 19,42)

Aber diese Friedensbotschaft verstehen wir nicht. Oft kennen wir den Kern der Botschaft des Evangeliums gar nicht richtig.

Jesus weint über unsere heutige Welt. Er weint über unsere Länder, in denen so große Ungleichheit herrscht, Spaltung und gegenseitiges sich Ausschließen. Wenn wir uns die Botschaft des Evangeliums genauer ansehen und dazu auch das Geschenk der »Arche«, erschließt sich uns das Geheimnis des Weinens Jesu. In unseren Arche-Gemeinschaften heißen wir Menschen willkommen, die abgelehnt und ausgestoßen wurden. Sie haben viele Tränen geweint. Die Arche wurde auf ihren Tränen errichtet.

Luisito ist ein Mensch mit schweren Behinderungen. Vor seiner Aufnahme in die Arche in Santo Domingo lebte er auf der Straße und nächtigte in einer kleinen Hütte in der Nähe der katholischen Kirche. Als seine Mutter starb, blieb er allein zurück. Hier und da gaben ihm die Nachbarn etwas zum Essen, aber niemand kümmerte sich wirklich um ihn: Er war schmutzig und stank; sein Körper war verkrümmt; er konnte nicht gehen und nicht sprechen. Die Leute ertrugen kaum seinen Anblick; er verstörte sie. Aber heute ist er eines der Gründungsmitglieder der Arche in Santo Domingo und es ist eine Freude, ihm in der dortigen Gemeinschaft zu begegnen.

Claudia kam vom Asyl in San Felipe (in Honduras) zur Arche in Suyapa. Weil sie blind und autistisch ist, hatte man sie als Kind ausgesetzt. Während ihres ersten Jahres in der Arche-Gemeinschaft »Casa Nazaret« war sie ziemlich verstört und voller Ängste; sie schrie viel. Jetzt ist sie friedlicher. Sie deckt den Tisch, arbeitet in der Werkstätte … Als ich diese Gemeinschaft vor einiger Zeit besuchte, sah ich sie im Hof herumgehen, und sie lächelte und sang vor sich hin. Ich sprach sie an, ob ich ihr eine Frage stellen dürfe:

»Si [Ja], Juan«, erwiderte sie.

»Claudia, warum bist du so glücklich?«

»Dios [Gott]«, gab sie zur Antwort.

Dieses junge Mädchen, das ausgesetzt worden war, weil es niemand gewollt hatte, war zur Freundin Gottes geworden.

Wir sind privilegiert, wo immer wir sein mögen, ganz gleich, welchen Platz wir in der Gesellschaft haben, und zwar deshalb, weil wir in unseren Familien, in unserer Umgebung und in unseren Gemeinschaften mit all den Luisitos und Claudias um uns herum zusammen sein dürfen. Indem wir ihnen nahe sind, sind wir Jesus nahe. Das ist das Geheimnis, das ist die im Evangelium Jesu verborgene Wahrheit: Luisito macht Jesus gegenwärtig!

Es wirkt töricht, das zu sagen. Ein Großteil dessen, was ich sage, mag ziemlich töricht wirken, denn das Evangelium ist tatsächlich eine törichte Botschaft. Diese ist so einfach, so erstaunlich, dass man nur schwer glauben kann, dass es wahr ist, genau wie es für Maria schwer gewesen sein muss, zu glauben, dass das Kleine, das sie in ihrem Schoß trug und später in ihren Armen, Gott war! Dieses kleine Kind war auf sie angewiesen, damit sie es nährte, für es sorgte, ja mehr noch: das sie brauchte, um es zu lieben. Ein Kind braucht Liebe. Das »Fleisch gewordene Wort«, Jesus, war darauf angewiesen, geliebt zu werden.

Es ist für uns schwierig, an einen Gott zu glauben, der derart demütig und verletzlich ist. Ist denn Gott nicht in erster Linie und vor allem der Allmächtige, der Schöpfer von Himmel und Erde, der Schöpfer der gesamten Welt der Pflanzen, Fische und Tiere, der Schöpfer von Mann und Frau? Gott ist so groß! Wenn wir zu den Sternen aufsehen und an die Entfernung zwischen den Sternen und unserem Planeten denken; wenn wir uns die Sonnen hinter den Sonnen vorstellen, die Milchstraßen hinter den Milchstraßen, dann kommt uns die Größe Gottes zu Bewusstsein. Und doch wurde genau dieser Gott Fleisch, wurde ein kleines Kind.

Im Johannesevangelium sagt Philippus zu Jesus:

»Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns.«

Jesus gibt zur Antwort:

»Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen …«

(Johannes 14,9)

Wer Jesus sieht, sieht Gott. Wer Jesus anfasst, fasst Gott an. Als Maria das Jesuskind in ihren Armen trug, trug sie Gott in ihren Armen. Das ist die Torheit der Inkarnation, die Jesus sogar noch weiter treibt, wenn er sagt:

»Was ihr für einen meiner geringsten Brüder
getan habt, das habt ihr mir getan.«

(Matthäus 25,40)

Wer einen Gefangenen besucht, einen Nackten bekleidet, einen Fremden aufnimmt, der besucht Gott, bekleidet Gott und nimmt Gott auf. Das ist ein großes Geheimnis!

Wenn wir dieses Geheimnis des Evangeliums erfassen wollen, müssen wir offen und aufmerksam sein. Wir müssen mit unserem ganzen Wesen hinhorchen. Was wir dann zu hören bekommen, übersteigt tatsächlich unser Fassungsvermögen, falls uns nicht der Heilige Geist hilft; der Einzige, der uns wirklich etwas lehren kann, der einzige, der jedes meiner Worte erhellen kann. Es ist der Heilige Geist, mit dessen Hilfe unsere Herzen geöffnet, berührt und genährt werden können.

So wichtig es sein mag, auf meine Worte zu hören, ist es doch noch viel wichtiger, genau auf das Wort Gottes zu achten, wie es sich in jedem und jeder von uns offenbart. Lasst uns sorgfältig auf die Botschaft des Evangeliums horchen, auf die Torheit der Botschaft Gottes und auf den Geist Jesu, der in jedem von uns wohnt.

Gott sprach durch die Worte des Propheten Hosea:

»Siehe, darum will ich sie verlocken. Ich will sie in die Wüste hinausführen und zärtlich zu ihrem Herzen sprechen.«

(Hosea 2,16)

Wir sind vielleicht nicht in der Wüste, aber wir sind alle aus unserem Alltagsleben und unseren üblichen Tätigkeiten hierher gekommen. Für manche von uns mag sich diese Besinnungszeit wie eine Art Wüstenaufenthalt anfühlen. Das ist ein Zeichen, dass Jesus uns ruft, uns führt, uns zieht, damit er zärtlich zu uns sprechen kann, von Herz zu Herz. Jesus spricht nicht nur zum Kopf, zum Verstand eines jeden von uns, sondern er spricht auch zu unserem Herzen, zu unserem tiefsten Selbst. So lasst uns voller Vertrauen unsere Herzen öffnen und alles empfangen, was er uns schenken möchte.

Der Prophet sprach weiter:

»Dann gebe ich ihr dort ihre Weinberge wieder …«,

was heißt: Ich will ihr zeigen, wie fruchtbar ihr Leben ist,

»und das Achor-Tal mache ich für sie zum Tor der Hoffnung.«

Ja, wir alle sind berufen, dass unser Leben viel Frucht bringt, denn Jesus möchte, dass wir anderen Leben schenken. Wir finden das schwierig: anderen Leben zu schenken, andere Menschen in ihrer Schwäche zu halten und zu tragen. Oft haben wir vor der Wirklichkeit Angst, denn die Wirklichkeit kann schmerzvoll und eine Quelle der Enttäuschung sein. Wir neigen dazu, in eine Welt voller Illusionen zu fliehen und unsere Zuflucht in Träumen zu suchen. Wir vergraben uns in Ideen und Theorien oder füllen unsere Tage mit Zerstreuungen aus.

Eine Umfrage in den USA ergab, dass die Menschen dort wöchentlich achtundzwanzig bis zweiunddreißig Stunden lang fernsehen! Der Fernsehschirm hat sich an die Stelle der Wirklichkeit gesetzt.

Wir laufen aus unserem »Achor-Tal« davon, dem Ort unserer größten und innersten Not. Aber Gott ruft uns auf, genau dorthin zu gehen, damit aus diesem Tal ein Tor der Hoffnung wird.

Das Achor-Tal lag in der Nähe von Jericho. Es war ein gefährliches Gelände voller Schlangen, Skorpione und aller möglichen wilden Tieren; die Leute hatten vor diesem Tal Angst und versuchten es zu meiden. Aber Gott erklärt, dass dieses Unglückstal zum Tor der Hoffnung werde. Was für ein Geheimnis: ein Geheimnis voller Hoffnung!

In jedem und jeder von uns gibt es ein »Achor-Tal«, denn wir alle kennen Ereignisse oder Verletzungen, an die wir uns nicht erinnern möchten, die wir nicht genauer ins Auge fassen und denen wir nicht mehr näher kommen wollen. Es gibt Menschen und Erfahrungen, die wir zu vermeiden versuchen, weil sie uns zu sehr wehtun und wir uns vor Schmerzen fürchten. Manche Menschen verwirren uns; sie sind »seltsam«, sind »anders«; wir können nicht ertragen, was sie leiden oder welches Leiden sie in uns auslösen. Aber Gott sagt zu uns: Wenn ihr an diese Orte des Leidens geht und euch aufgeschlossen diesen Menschen zuwendet, werden sie für euch zum »Tor der Hoffnung«. Wenn wir uns eng auf die Menschen einlassen, die unsere Gesellschaft nicht haben will, ausschließt und zerdrückt; auf die in Asyle weggesperrten Menschen; dann entdecken wir, dass sie zum »Tor der Hoffnung« werden können. Genauso ist es, wenn wir alles das, was wir in uns ablehnen, an uns herankommen lassen: unsere Blockaden, unsere Bitterkeit, unsere Ängste, all das, wofür wir uns vielleicht schämen. Wenn wir es wagen, mitten in unser inneres »Achor-Tal« vorzudringen, wird es tatsächlich für uns zum Tor der Hoffnung.

Aber das bringen wir nicht allein fertig. Wir müssen dabei Hand in Hand mit Jesus gehen, damit er uns führt und uns das Herz des Evangeliums offenbart.

Erster Tag

»Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein«

(Lukas 19,5)

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Gott beruft uns in die Welt der Liebe

Jesus blickt auf unsere Welt von heute, auf unsere riesigen Städte, auf unsere Länder mit allen ihren Spaltungen, ihrer Ungleichheit, ihrem Hass und ihrer Gewalttat und er weint.

Jesus kam in die Welt, um Frieden zu bringen, um alle Menschen zu einem einzigen Leib zusammenzufügen, in dem jeder Mensch seinen Platz hat. Aber wir Menschen haben aus unserer Welt eine Stätte voller Konkurrenzkampf, Wettbewerb, Rivalität, Konflikt und Krieg zwischen Rassen, Religionen, sozialen Klassen und Ländern gemacht. Die Welt ist zu einer Stätte geworden, an der alle das Gefühl haben, sie müssten sich schützen und verteidigen, auch ihre eigene Familie, ihr eigenes Land, ihre eigene Klasse, ihre eigene Religion. Nuklearwaffen, Raketen und Maschinengewehre sind die äußeren, sichtbaren Zeichen unserer inneren, unsichtbaren persönlichen Waffen. Diese holen wir vor, sobald wir uns bedroht, erniedrigt und abgelehnt fühlen oder wenn wir das Gefühl haben, man gebe uns nicht den uns zustehenden Raum; unseren Raum, auf den wir ein Recht haben. Gewalttätigkeit und Hass existieren heute genauso, wie es bereits im Buch Genesis beschrieben wurde:

Der Herr sah, dass auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen groß war

(Genesis 6,5)

Die Erde war in Gottes Augen verdorben, sie war voller Gewalttat.

(Genesis 6,11)

Die gleiche Gewalttätigkeit und Schlechtigkeit erfüllt die Erde auch heute. Der gleiche Prozess von Hass und Spaltung wiederholt sich immer und immer wieder, Tag für Tag, Jahr um Jahr. Genährt wird er von der Angst und Verletzlichkeit des menschlichen Herzens. Denn wenn wir Menschen gewalttätig sind, dann hauptsächlich deshalb, weil wir so verletzlich sind. Gewalttätigkeit ist eine Reaktion auf ein verwundetes Herz, wenn dieses sich missverstanden, abgelehnt, ungeliebt fühlt. Sobald wir die leiseste Ablehnung spüren, reißt diese Wunde wieder auf und unsere Verteidigungsmechanismen kommen in Gang.

Ich entsinne mich an einen Besuch in einem Hochsicherheitsgefängnis in Kingston, Ontario. Ich erzählte dort den Häftlingen von den Menschen, die wir in die Arche aufgenommen hatten, von ihrem Leiden, ihrem Gefühl, gescheitert zu sein, abgelehnt zu werden; von ihrer Niedergeschlagenheit und zuweilen ihrer Selbstverstümmelung. Ich sprach von ihrer zerbrochenen Kindheit. Während ich diese Geschichten über unsere Leute in der Arche erzählte, wusste ich, dass ich ihnen in Wirklichkeit ihre eigene Geschichte erzählte, die Geschichte ihres Lebens, ihrer eigenen Erfahrungen damit, abgestoßen zu werden, zu trauern, unsicher zu sein und zu scheitern.

Am Schluss meines Vortrags stand einer der Häftlinge auf und schrie mir zu: »Sie haben ein leichtes Leben gehabt! Als ich vier war, musste ich mit ansehen, wie meine Mutter vor meinen Augen vergewaltigt wurde! Als ich sieben war, verkaufte mich mein Vater zum Sex. Als ich dreizehn war, kamen die ›Männer in Blau‹ [Polizisten], um mich zu holen. Wenn irgendjemand in dieses Gefängnis hier kommt und von Liebe daherredet, schlage ich ihm seinen verdammten Schädel ein!«