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Bruder Lorenz

All meine Gedanken
sind bei dir

In Gottes Gegenwart leben

Herausgegeben von Reinhard Deichgräber

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Klassiker der christlichen Spiritualität, Band 1

Inhalt

Zitate von Bruder Lorenz aus diesem Buch

Vorwort

1. Ein unauffälliges Leben

2. Zu diesem Buch

Kleine Lese- und Praxishilfen

Risiken und Nebenwirkungen

Zur Sprache und Ausdrucksweise des Bruders Lorenz

3. Im Gespräch mit Bruder Lorenz - Aufzeichnungen des Herrn von Beaufort

Das erste Gespräch (3. August 1666)

Das zweite Gespräch (28. September 1666)

Das dritte Gespräch (22. November 1666)

Das vierte Gespräch (25. November 1667)

4. Die Briefe des Bruders Lorenz

Erster Brief

Zweiter Brief

Dritter Brief

Vierter Brief

Fünfter Brief

Sechster Brief

Siebter Brief

Achter Brief

Neunter Brief

Zehnter Brief

Elfter Brief

Zwölfter Brief

Dreizehnter Brief

Vierzehnter Brief

Fünfzehnter Brief

Sechzehnter Brief

5. Kleine Schriften

Grundregeln des geistlichen Lebens

Immer in Gottes Gegenwart

Anbeten im Geist und in der Wahrheit

Einswerden mit Gott

Die Gegenwart Gottes

Die Gegenwart Gottes erlangen

Die Früchte der Gegenwart Gottes

Zitate von Bruder Lorenz aus diesem Buch

Der Glaube ist der Atem der Kirche.

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Ich habe bei allen meinen Arbeiten nur dies Ziel verfolgt, alles aus Liebe zu Gott zu tun.

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Bei mir gibt es keinen Unterschied zwischen der Zeit des Gebets und der übrigen Zeit.

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Zerstreuende Gedanken verderben alles.

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Unser ganzes Werk ist nur, dass wir Gott lieben und uns an ihm erfreuen.

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Durch unser Vertrauen zu Gott wird er geehrt.

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Mit der Gnade wird alles leicht.

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Um zu Gott zu kommen, braucht man weder Klugheit noch Wissenschaft, sondern nur ein Herz, das entschlossen ist, sich um nichts zu kümmern als um ihn und nichts zu lieben außer ihm.

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Mein Gebet besteht nun in nichts anderem als im Verweilen in Gottes Gegenwart.

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Gott sieht nicht die Größe des Werks an, sondern die Liebe, aus der es kommt.

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Wer im Leben des Geistes nicht vorwärts geht, der geht zurück.

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Diejenigen, die vom Wind des Heiligen Geistes getrieben werden, segeln selbst im Schlaf noch weiter.

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Spät üben ist besser als gar nicht.

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Man muss Gott in heiliger Freiheit dienen.

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Ich habe keinen anderen Willen als den Willen Gottes.

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Ich stelle mich vor Gott und bitte ihn, er möge in meinem Inneren sein vollkommenes Bildnis formen und mich ihm ganz gleich machen.

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Man wird nicht im Schnellverfahren heilig.

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Je mehr wir Gott kennen, desto größer wird unser Verlangen, ihn zu kennen.

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Das muss nämlich in allem unser Ziel sein, in diesem Leben so vollkommene Anbeter Gottes zu werden, wie wir dies in alle Ewigkeit zu sein hoffen.

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Die heiligste, gewöhnlichste und nötigste Übung im geistlichen Leben ist die Wahrnehmung der Gegenwart Gottes.

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Ungestüm und Eile sind Zeichen eines zerstreuten Gemüts.

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Wir müssen unsere Arbeit mit Gott verrichten, zärtlich, ruhig und liebevoll.

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Gott – so sagt er – hat uns unendliche Schätze zu geben, und wir begnügen uns mit einer kleinen, gefühlvollen Andacht, die in einem Augenblick vorübergeht.

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Selbst der kleinste Gedanke an Gott wird ihn erfreuen. Er ist uns näher, als wir meinen.

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Betrachten Sie sich im Gebet wie ein armer Stummer und Gichtbrüchiger vor der Tür eines Reichen.

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Erst muss man kennen, dann kann man lieben.

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Zu einem so guten und getreuen Freund, der uns weder in dieser noch in jener Welt verlassen wird, können wir nie zuviel Vertrauen haben.

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Er entfernt sich niemals von uns, solange wir uns nicht zuerst von ihm entfernen.

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Die feste Gewohnheit wird nur unter Schmerzen in uns zuwege gebracht.

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Vorwort

Die vorliegende Neuausgabe der überlieferten Schriften des lothringischen Karmeliterbruders »Lorenz von der Auferstehung« fußt auf der immer noch grundlegenden deutschen Ausgabe von Gerhard Tersteegen (1697–1769). Er hat in seinem Werk »Auserlesene Lebensbeschreibungen heiliger Seelen« auch dem Bruder Lorenz eine ausführliche Darstellung gewidmet (Band 2, 1735, zuletzt ungekürzt und unverändert neugedruckt 2004, dort Seite 258–334).

Die Überlieferung der Texte von bzw. über Bruder Lorenz umfasst drei verschiedene Textsorten:

• Aufzeichnungen von vier Gesprächen, die Bruder Lorenz mit Herrn von Beaufort, einem Priester und späterem Generalvikar des damaligen Bischofs von Châlons, geführt hat;

• sechzehn Briefe an verschiedene Adressaten;

• sieben kurze Texte des Bruders Lorenz, gewöhnlich als (Kleine) Schriften oder auch als »Geistliche Weisungen« bezeichnet.

Gerhard Tersteegen hat diese Texte an verschiedenen Stellen in seine Darstellung der Lebensgeschichte des Bruders Lorenz eingestreut. In unserer Neuausgabe bilden sie drei in sich geschlossene Blöcke.

Die ursprünglich in französischer Sprache geschriebenen Texte sind aus dem kunstvollen, aber heute für den ungeübten Leser schwer lesbaren Deutsch Gerhard Tersteegens in ein flüssiges, moderneres Deutsch übertragen worden. Bei der Bearbeitung wurde der Text am französischen Originaltext überprüft. Die jüngste Edition des Originaltextes stammt von dem belgischen Karmeliterpater Conrad de Meester. Sie ist 1991 unter dem Titel »Laurent de la Résurrection. Écrits et entretiens sur la Pratique de la Présence de Dieu« im Verlag Les éditions du CERF, Paris, erschienen.

So haben wir uns bemüht, den Text so zu gestalten, dass Bruder Lorenz mit seinem persönlichen Stil und der ihm eigenen Ausdrucksweise doch als Bruder Lorenz, als ein Mönch aus einer weit zurückliegenden Epoche, erkennbar bleibt. Darum haben wir manchmal einen fremd klingenden Ausdruck stehen gelassen, auch wenn er so vielleicht nicht ohne weiteres verständlich ist. In dem Abschnitt »Zur Sprache und Ausdrucksweise des Bruders Lorenz« (Seite 35 ff.) werden die wichtigsten Ausdrücke erläutert.

Dem besseren Verständnis sollen auch die anderen einführenden Kapitel dienen: eine knappe Darstellung der Lebensgeschichte des Bruders Lorenz; eine Einführung in seine spirituelle Praxis, die zur Übersetzung seines Anliegens in heutige Möglichkeiten und Formen geistlicher Übung helfen möchte; ein Abschnitt über mögliche »Risiken und Nebenwirkungen«, die sich bei unachtsamer Anwendung der von Bruder Lorenz gegebenen Anweisungen einstellen können; dazu einige Anmerkungen zu Begriffen, die bei Bruder Lorenz eine wichtige Rolle spielen.

Möge die neue Ausgabe vielen Menschen den Weg zu einem Leben in immer neuer lebendiger Erfahrung der Gegenwart Gottes erschließen!

Hafkamp, in der Osterzeit 2007
Reinhard Deichgräber

1. Ein unauffälliges Leben

Wer war Bruder Lorenz? Wann und wo hat er gelebt? Was hat er gemacht? Was hat er erlebt? Wie ist er zu dem geworden, als der er in die Geschichte der christlichen Kirche eingegangen ist?

Wir wissen nicht viel von ihm. Um die kärglichen Fakten seiner Lebensgeschichte aufzuzählen, genügt eigentlich eine halbe Buchseite. Bruder Lorenz hätte mit seinem Zeitgenossen Paul Gerhardt (1607–1676) bekennen können:

An mir und meinem Leben
ist nichts auf dieser Erd.
Was Christus mir gegeben,
das ist der Liebe wert
.

Nein, er wollte nicht bekannt werden, und schon gar nicht berühmt. Was andere von ihm dachten, war ihm offenbar gleichgültig. Ihm war es nur recht, wenn er in seiner Klosterküche in aller Verborgenheit seinem Gott dienen konnte. Vergessen werden war ihm eine Freude.

Hier also die spärlichen Daten und Fakten. Wann er geboren ist, wissen wir nicht genau. Da er bei seinem Tod im Jahr 1691 etwa achtzig Jahre alt war, muss er irgendwann um 1610 geboren worden sein. Sein Geburtsort ist Hériménil, in der Nähe von Lunéville im damaligen Herzogtum Lothringen gelegen. Seine Eltern ließen ihn auf den Namen Nikolaus taufen. So hieß er mit bürgerlichem Namen Nicolas Herman. Von seinen Eltern wurde er gewissenhaft im Glauben der römisch-katholischen Kirche erzogen, hat aber offenbar keine Schule besucht. So standen ihm auch nur einfache, ungelehrte Berufe offen. Schon früh wurde er Soldat, dann, nach einer in einem Gefecht erlittenen Verwundung, Diener des fürstlichen Schatzmeisters Fieubet. Im Alter von gut fünfundzwanzig Jahren, im Juni 1640, trat er in das Kloster der Karmeliten in Paris ein und blieb dort bis an sein Lebensende.

Der Entscheidung, Mönch zu werden und in ein Kloster einzutreten, war eine höchst ungewöhnliche »Bekehrung« vorausgegangen. Bruder Lorenz hat sein Erlebnis selber so beschrieben: »Anlässlich meiner Bekehrung hat Gott mir eine besondere Gnade erwiesen. Ich lebte damals noch in der Welt und war achtzehn Jahre alt. Eines Tages betrachtete ich im Winter einen Baum, der zu dieser Zeit alle seine Blätter verloren hatte. Ich stellte mir vor, wie die Blätter nach einiger Zeit wieder hervorkommen würden und bald darauf die Blüten und schließlich die Früchte. Dabei gewann ich eine tiefe Einsicht in die Fürsorge und Allmacht Gottes, eine Einsicht, die später nie mehr aus meiner Seele ausgelöscht wurde. Dieser Eindruck hat mich ganz von der Welt losgemacht und eine so starke Liebe zu Gott in mir erweckt, dass ich nicht sagen kann, ob diese Liebe sich bei mir in den vierzig Jahren, die verflossen sind, seit ich diese Gnade empfing, noch vermehrt hat« (vgl. Seite 40). Dass er gerade bei den Karmeliten um Aufnahme bat, mag auch darin seinen Grund haben, dass ein Onkel Mitglied dieses Ordens war.

Die Karmeliten? Unter den Orden der römisch-katholischen Kirche ist dieser Orden einer der strengsten. Die Mönche folgen konsequent einer kontemplativen Berufung, leben also ein Leben des Schweigens, des Gebets und der Meditation. Der Name »Karmeliten« erinnert an den biblischen Berg Karmel, den Berg, auf dem der Prophet Elia mit den Baalspriestern um den Glauben an den einen wahren Gott, den Gott Israels, stritt (1. Könige 18). Der Prophet Elia steht aber auch für eine ganz besondere Gotteserfahrung, als ihm der lebendige Gott in einem »stillen, sanften Sausen« (Luther), in einem »verschwebenden Schweigen« (Buber) begegnete, und nicht in den spektakulären, zerstörerischen Erscheinungen von Sturmwind, Erdbeben und Feuer (1. Könige 19,9 ff.).

Im Kloster durchlief der junge Mann das zweijährige Noviziat. Nach dessen Beendigung wurde er von seinen Oberen zur Ablegung der »ewigen« (endgültig bindenden) Gelübde zugelassen. Dies überraschte den demütigen jungen Bruder sehr; seiner Selbsteinschätzung nach machte er alles verkehrt und taugte zu nichts. Als Mönch erhielt er den Namen »Bruder Lorenz von der Auferstehung«, und so kennen wir Nikolaus Herman heute eigentlich nur unter dem Namen »Bruder Lorenz«.

Seine Oberen machten ihn zum Küchenmeister und vertrauten ihm die Klosterküche an. Wie Bruder Lorenz selbst gelegentlich sagte, war dies wahrhaftig nicht sein Traumberuf; er hatte »von Natur aus eine ausgesprochene Abneigung« gegen die Küchenarbeit. Fünfzehn Jahre lang übte er das Amt des klösterlichen Küchenmeisters aus. Später durfte er als Schuster seinen Brüdern die Sandalen flicken.

Dem Bruder Lorenz waren solche Arbeiten gerade recht. Nie hätte er diese Dienste als zu niedrig oder gar als unter seiner Würde eingestuft. Im Gegenteil, er liebte die einfachsten Arbeiten, gaben sie ihm doch die Möglichkeit, seiner Berufung zu folgen, alles nur aus Liebe zu Gott zu tun und Gott in und mit diesen einfachen Verrichtungen zu dienen und anzubeten.

Wer das eigene Zeugnis des Bruders Lorenz über seine Erfahrungen liest, wird vor allem fasziniert sein von der unglaublichen Freude, die er bei seiner Arbeit erlebte. »In beständiger Freude« bringe er sein Leben zu, so hat er es selbst einmal gesagt (vgl. Seite 54). Und diese Freude war offenbar nicht aufgesetzt, nicht eingebildet oder aufgezwungen, sondern echt und glaubwürdig. So erlebten ihn jedenfalls seine Mitbrüder und bald auch die Besucher, die ratsuchend ins Kloster kamen und den stillen Bruder um Wegweisung für ihr Seelenheil baten. Auf diese Weise wurde Bruder Lorenz bekannt, obwohl er die Verborgenheit liebte.

So lebte Bruder Lorenz in ruhigem Gleichmaß seinen Glauben und seine Gottesliebe, unauffällig und ohne Stress, so wurde er alt und älter, bis er nach einer nur wenige Tage währenden Krankheitszeit am 12. Februar 1691 für immer die Augen schloss. Er starb, wie die Alten sagten, »selig«. Über seine letzten Tage und Stunden gibt Gerhard Tersteegen (Seite 323 f.) den folgenden Bericht, den wir hier im Wortlaut, ohne sprachliche Überarbeitung, wiedergeben:

Da nun der Bruder Lorenz bei seinem Leben seinen Gott so brünstig geliebt, so liebte er Ihn nicht weniger in seinem Tode. Er übte noch immer Taten der Liebe aus; und als er von einem Bruder gefragt wurde, ob er Gott aus ganzem Herzen liebe, da antwortete er: »Ach, wenn ich wüsste, dass mein Herz meinen Gott nicht liebte, so wollte ich es sogleich ausreißen.« Seine Krankheit wurde zusehends immer größer, so dass man ihm das Abendmahl reichte, welches er freudig, mit völliger Erkenntnis und gesundem Verstand (welchen er bis zum letzten Atemzug behalten), empfangen.