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Brad Huebert

Die Stimme des Königs

Eine dramatische Reise nach Hause

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© 2008 by Brad Huebert

The original English edition was published as Finding Home:
A Parable of Kingdom Life
. All rights reserved

Dieses Buch als E-Book: ISBN 978-3-86256-709-6

Dieses Buch in gedruckter Form: ISBN 978-3-937896-91-5, Bestell-Nummer 588 776

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar

Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson
Umschlagbilder: © ShutterStock®
Satz: Neufeld Verlag, Schwarzenfeld

3., erweiterte Auflage 2012

© 2010 Neufeld Verlag Schwarzenfeld
Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages

www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch

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Für Paul und Kevin,
wahre Brüder und Bürger
des Königreiches

»Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes«

(Matthäus 6,33)

Inhalt

Vorwort

Danksagungen

Einleitung

Kapitel 1: Basileia

Kapitel 2: Das Buch der Pflichten

Kapitel 3: Nachjagen

Kapitel 4: Die Quelle

Kapitel 5: Die Schlacht

Kapitel 6: Absturz

Kapitel 7: Erwachen

Kapitel 8: Das Buch des Lebens

Kapitel 9: Gnade

Kapitel 10: Gestillt

Kapitel 11: Rhythmus

Kapitel 12: Sieg

Kapitel 13: Veränderung

Epilog

Fragen zur Vertiefung und für das Gespräch

Vorwort

Manchmal wird etwas, das wir bisher wie durch »dunkles Glas« gesehen haben, plötzlich lebendig und klar. Für mich war die Lektüre von Die Stimme des Königs ein solches Erlebnis, bei dem etwas sehr klar wurde. Brad Huebert lädt uns darin ein zu einem neuen Verständnis der Freude, der Freiheit und der Gnade im Reich Gottes, und er tut das auf dem Weg über unsere Phantasie. Für Menschen, die dem König nachfolgen und es einfach leid sind, Bücher zu lesen mit Titeln wie 10 Schritte zu ... oder 15 Punkte, um ... zu ..., wird diese Geschichte sowohl Unterhaltung als auch Anregung sein.

Trotz der Unmengen an Hilfen zum geistlichen Wachstum, die es in der westlichen Welt gibt, hat die Kirche offenbar nur in sehr eingeschränktem Maße Einfluss auf die bestehende Kultur um sie her. Mehr Einsatz, mehr Arbeit, mehr Dienst helfen da auch nicht weiter. Vielleicht brauchen wir einen ganz neuen Ausgangspunkt, eine neue Definition dessen, wie wir uns an der Beziehung mit Gott freuen und sie tatsächlich genießen können, und zwar so, dass der Fokus dabei mehr auf dem Sein als auf dem Tun liegt.

Die Aussagen dieses Buches haben den Filter von Brad Hueberts persönlichem geistlichen Weg, seiner Beziehungen innerhalb der Familie und seines Einflusses als Pastor durchlaufen. Er steht mit beiden Füßen fest auf der Wahrheit des Wortes Gottes und er ist von einer großen Leidenschaft für Gott erfüllt. Er lebt seine Geschichte – und das können wir auch.

Randy Friesen, Abbotsford/Kanada

Direktor von Mennonite Brethren Mission and Service International (MBMSI)

Danksagungen

So viele Menschen haben dazu beigetragen, dass Die Stimme des Königs als Buch erscheinen konnte. Danke, Mutter und Vater Huebert – ihr glaubt an mich seit dem Augenblick, als ich auf die Welt gekommen bin, und habt das stets durch eure Geduld, eure Gebete für mich, durch finanzielle Unterstützung und lebenslange Ermutigung in Bezug auf diesen Traum unter Beweis gestellt; Brian und Sonia Huebert, eure finanzielle und moralische Unterstützung bei diesem Projekt war von unschätzbarem Wert; Vater und Mutter Warkentin, Mark und Nena Huebert – eure Liebe und eure Gebete sind ein ganz entscheidender Beitrag; Tim Geddert – ich habe dich um etwas Zeit gebeten und habe begeisterte Bestätigung erhalten, ein tolles Feedback und großartige Unterstützung weit über meine Bitte hinaus; Randy Friesen – du hast zu einer Zeit ein inneres Reich-Gottes-Leben deutlich sichtbar vorgelebt, als ich genau das unendlich brauchte, und du hast ein großartiges Vorwort für mich geschrieben; Dalhousie Community Church – ihr beschenkt mich damit, mich sein zu lassen, wer ich bin, und betrachtet das Schreiben als spannenden Teil meines pastoralen Dienstes; Noah, Glory und Joel, meine unglaublichen Kinder – ihr habt es euch gefallen lassen, wenn ich auf gemeinsamen Wanderungen, zwischen Schwertkämpfen und Gutenachtküsschen immer wieder am Laptop gearbeitet habe, und ihr macht mir so unglaublich viel Freude; und schließlich meinem König – du bist der großartige, der prächtige allmächtige Herr und Gott, mein einziger Erlöser, der mir jeden Tag aufs Neue Leben einhaucht. Du bist all meiner Liebe und Treue würdig in diesem und im kommenden Leben.

Einleitung

Weil ich ein dermaßen dickköpfiger Jünger Jesu bin, habe ich erst acht Jahre lang mit diesem vertrackten Manuskript gerungen, bevor mir klar wurde, weshalb ich das, was ich zu sagen hatte, offenbar nicht zu Papier bringen konnte.

Es ist ein Buch über das Reich Gottes, und wenn Jesus über das Reich Gottes lehrte, dann hat er dabei die traditionellen Gliederungen und Aufrisse vermieden. Er hat keine langen, aufgeblähten Abhandlungen ausgearbeitet oder eine Drei-Punkte-Predigt rausgehauen. Wenn er über das Reich Gottes lehrte, dann waren seine Methoden dabei herrlich einfach. Entweder demonstrierte er seine Macht – und praktizierte das, was die Leute sehen sollten – oder er regte ihre Phantasie durch provozierende Geschichten an, die unter die Haut gingen und die Zuhörer zwangen, die Wahrheit Bissen für Bissen durchzukauen. Er verwendete Gleichnisse.

Und das war letztlich auch der Grund, weshalb die Idee, die ich gern vermitteln und in einem Buch niederschreiben wollte, ebenfalls nur als Geschichte funktionieren konnte. Gott wollte, dass ich ein Gleichnis schreibe, das vollgepackt ist mit schönen, einprägsamen Bildern.

Kurz nachdem ich mir selbst in den Hintern gebissen hatte – und zwar mehrfach –, warf ich acht Jahre Arbeit in den Papierkorb und fing noch einmal von vorn an. Die Geschichte schrieb sich dann quasi innerhalb von ungefähr zwei Wochen wie von selbst. Ehrlich gesagt, bin ich selbst gespannt, wohin das alles führt, und deshalb habe ich auch keine symbolhafte »Jedermann«-Figur erfunden, mit der Sie sich identifizieren können. Die Geschichte handelt von mir, von Brad Huebert. Der Protagonist der Geschichte bin ich also selbst. Ja, viele der Offenbarungen, die die Hauptfigur in meiner Geschichte erlebt, stehen für Momente grundlegender Kämpfe und Triumphe, die sich in meinem Leben tatsächlich ereignet haben. Ich hoffe, dass ich mich beim Schreiben stetig weiter verändere – und dass Sie, während Sie miterleben und zuschauen, wie ich mich verändere, sich ebenfalls verändern.

Wenn ich Ihnen noch einen Rat mit auf den Leseweg geben darf: Lesen Sie das Ganze mehr als nur ein Mal, weil es viel durchzukauen und zu verdauen gibt. Ich glaube, diese Geschichte eignet sich auch gut für Kleingruppen. Dort kann man dann im Gespräch in die Praxis übersetzen, was das Gelesene für den ganz normalen Alltag bedeutet. Und ja, dieses Buch soll tatsächlich Ihren Lebensstil verändern. Ich glaube, dass genau das auch geschehen wird, wenn Sie es zulassen.

Und noch ein Letztes: Weil ich derjenige bin, der diese Geschichte schreibt, nehme ich mir die »künstlerische« Freiheit, mich an einem eher unwesentlichen Punkt so richtig auszutoben, nämlich in Bezug auf meinen Namen und meine Familiensituation, um die Geschichte passend zu machen. Ich finde zwar, dass Brad ein ganz anständiger Name ist, aber ganz unter uns: Ich habe mir an dieser Stelle eigentlich immer etwas mehr Pathos gewünscht.

Von jetzt an bin ich deshalb ... Ivan. Das klingt doch schon ganz anders, oder? Irgendwie mittelalterlich. Es heißt, dass Menschen, die ihr Leben durch eine epische Linse betrachten, es als erfüllter und befriedigender empfinden. Dem stimme ich voll und ganz zu, und deshalb werde ich Sie auch genau dorthin mitnehmen.

Das Beste daran, die Wahrheit in Form einer Geschichte zu erzählen, besteht darin, dass ich Ihnen tatsächlich zeigen kann, was Jesus meiner Meinung nach bedeutet, was er schenkt und tut, ohne dabei seitenweise theoretische Erklärungen niederschreiben zu müssen. Ich kann Sie einfach bei der Hand nehmen und den Schleier der Welt lüften, wie sie aussehen könnte, wenn Sie die feuchtkalte Schwelle des Fleischlichen überschreiten und mit den Augen des Glaubens schauen könnten. Und vielleicht, ganz vielleicht, werden Ihnen ja wirklich die Augen geöffnet, während wir das gemeinsam tun, und für uns beide wird nichts je wieder so sein, wie es einmal war.

Wäre das nicht phantastisch?

KAPITEL 1

Basileia

In den drei Stunden, seit Monica mit dem silbernen Kleinbus der Familie rückwärts von der Garagenauffahrt gefahren war, hatte Ivan zwei komplett sinnfreie Fernsehshows angeschaut, die Arbeitsflächen in der Küche gewischt, eine halbe Orange gegessen, den Rasen hinterm Haus gemäht, vier Absätze eines Artikels über Wander-Seelöwen gelesen, den Kühlschrank nach irgendwelchen genießbaren Resten abgegrast und wäre auch mindestens ein Dutzend Mal beinahe niedergekniet, um sein Leben Jesus zu übergeben. Er war bereits seit langem das, was viele Leute als christlich bezeichnen würden, aber schon allein beim Gedanken, sein Leben ganz und gar Jesus auszuliefern und sich auf ihn einzulassen, brach ihm der Schweiß aus.

Er schaute auf die Uhr. Noch achtundsechzig Stunden waren von dem Wochenende übrig. Monica und Sarah waren zu Monicas Eltern gefahren, damit er einmal etwas Zeit für sich hatte, um nachzudenken und mit Gott ins Reine zu kommen. Als sie es so geplant hatten, war ihnen dieses Arrangement ausgesprochen sinnvoll vorgekommen. Aber jetzt, wo seine beiden Mädels weg waren, vermisste er sie schrecklich und hatte mittlerweile alle Ablenkungsstrategien zum Einsatz gebracht, die ihm eingefallen waren. Wahrscheinlich war es wirklich sinnvoll, einmal etwas länger ungestört Zeit für sich allein zu haben, aber im Haus war es sehr viel behaglicher und wärmer, wenn Monica und Sarah da waren.

Er nahm ein gerahmtes Foto in die Hand, auf dem sie alle drei zusammen abgebildet waren. Es war letzten Sommer am Meer aufgenommen worden. Ivan lächelte wehmütig. Auf dem Bild standen sie zu dritt an einem blau gestrichenen Bootssteg, Arm in Arm – aber Monica und Sarah hatten etwas, das er nicht hatte. Sogar die Kamera hatte das aufgedeckt und eingefangen. Ihre Wärme und dieses Strahlen, das von tief innen kam, das wollte er auch – diesen klaren, einfachen Glauben, diese Freude –, aber das bedeutete, dass er sich jetzt hinknien und es hinter sich bringen musste. Nein, keine Ausflüchte mehr: Es wurde Zeit. Er rutschte vom Sofa, ging auf dem Wohnzimmerteppichboden auf die Knie und schloss die Augen. Er war wild entschlossen, sich nicht von der Stelle zu rühren, bis er es hinter sich gebracht hatte.

Ein gewaltiger Seufzer, der ihn selbst schaudern ließ, entfuhr ihm, als er endlich das Gebet sprach. Es kam herausgesprudelt wie perlender Wein, der einen widerspenstigen Korken aus der Flasche herausdrückt. »Ich kapituliere, Herr Jesus. Und die Antwort ist Ja. Ich stehe dir ganz zur Verfügung.«

Während er sprach, fanden die herumwirbelnden Bruchstücke seines halbherzigen Glaubens einander und nahmen Gestalt an. In seinem Innern verschob sich etwas, rückte zurecht, sprang an und wurde lebendig – und das alles gleichzeitig. Sein Herz gehörte jetzt dem König. Das spürte er, und es bedeutete zugleich, dass ihn jetzt mit seinen beiden Mädels noch etwas mehr verband – etwas ganz Besonderes. Er musste sie unbedingt anrufen.

Ivan öffnete die Augen und sah sich nach dem Telefon um. Das Licht hatte sich irgendwie verändert, genau wie die Luft. Ein fremdartiger Hauch strich an ihm vorbei. War es eine Brise?

Wo war er?

Ihm blieb vor Überraschung die Luft weg, denn er kniete auf einer prachtvollen Steinbrücke, die sauber und schneeweiß im Sonnenschein erstrahlte. Die Brücke erstreckte sich über mehr als einen Kilometer und überspannte eine schroffe Schlucht. Er stand genau in der Mitte, am höchsten Punkt des majestätischen Brückenbogens. Eine kalte, eckige Turmspitze ragte in den Himmel über ihm empor, und direkt vor ihm fiel in einem sanften Gefälle die Brücke wieder ab, bis sie schließlich auf eine Mauer traf, die eine strahlende Stadt auf dem Berg umgab. Schweißperlen rannen ihm vom Haaransatz aus herunter und brannten in seinen Augen.

Wo um alles in der Welt war er?

Als er sich umdrehte, sah er am anderen Ende der Brücke noch eine weitere Stadt liegen, die pechschwarz war und völlig in drückende Düsterkeit gehüllt. Giftige Rauchwolken waberten widerlich stinkend wie geflügelte Kreaturen darüber und umkreisten sie wie Geier. Es sah so aus, als wäre die Stadt voller Menschen, die nur noch auf den Tod warteten, ein Anblick, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Die Brücke zwischen den beiden Städten war starr und unbeweglich, aber Ivan machte trotzdem nur kleine zögerliche Schritte in Richtung der hellen, strahlenden Stadt. Die sanfte Brise bewirkte, dass um ihn her eine düstere, öde Stille herrschte. Er hatte nicht das Gefühl, an einem Ort zu sein, sondern es kam ihm vor wie eine Stelle zwischen Orten. Die einzigen Geräusche, die zu hören waren, stammten von seinen eigenen schlurfenden Schritten, von seiner Zunge, die immer wieder leise schmatzend seine Lippen befeuchtete, und von seinem knurrenden Magen.

Die Stadt sah aus wie eine auf den goldenen Berg geklebte, prächtig verzierte Hochzeitstorte. Tausend leuchtend grüne Fahnen wehten sanft von den Befestigungsmauern, und die in die Mauern eingelassenen Türme waren mit wunderschönen Wolken wie glasiert. Einigermaßen erleichtert stellte er fest, dass das Haupttor in der Stadtmauer weit offen stand. Das sah ja zumindest freundlich aus. Und wieder fragte er sich irritiert: Wo bin ich?

Als er sich dem Stadttor näherte, wurde er von fröhlichem Gesang begrüßt. Je näher er dem gewaltigen Tor kam, desto lauter wurde der Gesang und desto heller und strahlender die Stadt. War er tot? War das hier das Himmelstor? Bei diesem Gedanken machte sein Herz einen Satz, bis er die riesigen Buchstaben las, die über dem Tor zu lesen waren:

Basileia.

Bevor er weiter über diesen Namen nachdenken konnte, strömten freudestrahlende Menschen zum Tor heraus, tollten herum und kamen auf ihn zugesprungen. Als er sich umdrehte, um nachzuschauen, über wen oder was sie sich so freuten, konnte er nichts entdecken.

»Du bist da, du bist da«, jubelten sie.

Er drehte sich wieder um und stand einer gebeugten Frau mit einem braunen Schultertuch gegenüber. Ein Dutzend andere Leute mit leuchtenden Augen und echtem, strahlenden Lächeln umkreisten ihn, umarmten ihn und klopften ihm auf den Rücken, als wäre er ein heimgekehrter Held.

»Wo bin ich?«

Die Frau zog kaum merklich ein ganz klein wenig die rechte Augenbraue hoch. »Na, in Basileia natürlich. Du hast doch dein Herz dem König geschenkt.«

»Ja«, entgegnete Ivan, sich an sein Gebet erinnernd. »Aber das war doch ganz woanders und nicht hier.«

»Ja, ganz woanders«, sagte ein kleiner Junge und nickte zustimmend. »Das war da drüben, in Kakos.« Er zeigte hinüber zu der finsteren Stadt. Ivan lächelte den Jungen an und versuchte, ihm zu erklären, dass er sich irrte.

»Nein, nicht in Kakos. Dort bin ich noch nie gewesen.«

»Doch, das bist du. Das sind wir alle. Wir kommen alle aus der schwarzen Stadt. Wir kommen alle aus Kakos.«

Ivan wollte das Kind gerade berichtigen, als die ganze Gruppe wie aus einem Munde sagte: »Kakos ist unsere Mutter, aber Basileia ist unser Zuhause.«

»Bin ich tot?«

»Nein, nicht tot«, sagte die Frau. »Du lebst. Du lebst ewig.«

»Aber ist dies dann der Himmel?«, fragte Ivan zunehmend ungeduldig.

»Das haben wir dir doch schon gesagt«, erwiderte der kleine Junge grinsend. »Das hier ist Basileia, das himmlische Königreich!«

»Aber wo ist meine Familie? Mein Haus? Mein Auto?«

Die Leute lachten wieder und tätschelten ihm den Rücken.

»Jetzt sind wir deine Familie. Willkommen hier bei uns.« Und damit machte die ganze Gruppe kehrt und tollte durch das Tor zurück in die Stadt. Ivan kniff – immer noch verwirrt – ganz langsam fest die Augen zusammen.

Basileia – das Königreich, aber doch nicht der Himmel? Er hatte in der Gruppe keinen seiner Freunde aus der Gemeinde entdeckt, und er war ziemlich sicher, dass er dort eigentlich Monicas gesamte Verwandtschaft hätte antreffen müssen. Wer waren diese Leute? Ihm kam das alles jedenfalls sehr merkwürdig vor.

Ein wenig abgeschreckt von dem tanzenden Begrüßungskomitee, warf er noch einmal einen Blick zurück auf die schwarze Stadt und wieder lief ihm ein Schauer über den Rücken. Er konnte sich nicht erinnern, Kakos je zuvor gesehen zu haben, und dennoch kam ihm der Anblick seltsam vertraut vor. Nichtsdestotrotz beschloss Ivan, sein Glück in Basileia zu versuchen, und durchschritt deshalb zügig das gewaltige Stadttor.

Direkt hinter dem Tor blieb Ivan kurz stehen, um sich zu orientieren. Ein paar Schritte vor ihm stand eine Mauer, die stolz und golden hoch empor ragte. Zu seiner Linken befand sich ein offener Torbogen und zu seiner Rechten eine Steintreppe, die aufwärts führte.

»Alte Stadt oder Neue Stadt?«, fragte eine schleppende Stimme zu seiner Linken. Er drehte sich um und erblickte einen beleibten Mann, der hinter einem Verkaufskarren stand und ihn angrinste. Dem Mann fehlten etliche Zähne und sein zotteliges rotes Haar hing ihm jungenhaft bis über die Augenbrauen in die Stirn. Ivan erwiderte das Lächeln.

»Ich bin neu in Basila.«

»Ba-si-lei-a«, korrigierte ihn der Mann langsam mit leicht schräg gelegtem Kopf. Aber dann wurden seine Augen plötzlich ganz groß und er sagte: »Oh, tut mir leid. Du hast noch gar nicht dein Buch, oder? Das habe ich ja ganz vergessen.«

»Mein Buch?«

»Ich soll den neuen Leuten hier ihr Buch geben. Das ist meine Aufgabe.« Er grinste stumm und hielt ihm ein dickes, in Leder gebundenes Buch hin. »Hier. Und verlier es bloß nicht.«

Ivan nahm das Buch entgegen und blätterte in den schönen Seiten herum. »Wozu ist das?«

»Alte Stadt oder Neue Stadt?«

Ivan seufzte und kam zu dem Schluss, dass der alte Kauz ihm nicht weiterhelfen konnte. »Wofür entscheiden sich denn die meisten Leute?«

»Fast immer für die Alte Stadt.« Das Gesicht des Mannes war ausdruckslos.

»Na, dann wähle ich auch die Alte Stadt.« Ivan schlenderte zu der Treppe hin.

»Dann zeigt es dir, wie es geht!«

Der Mann versuchte sicher nur zu helfen, aber Ivan hatte das Gefühl, von einem Deppen belehrt zu werden.

»Was?«

»Das Buch. Es sagt dir, wie du ein guter Bewohner der Stadt werden kannst.«

»Toll! Danke.« Ivan klemmte sich das Buch unter den Arm und winkte über die Schulter noch einmal dem Mann hinter sich zu, während er schon die Treppe hinauf ging. Es wurde Zeit, herauszufinden, wo er eigentlich war.

Als er eine zweite kopfsteingepflasterte Ebene erreichte, schaute Ivan sich auch dort erst einmal um. Offenbar war er in eine Art altertümliches Wohngebiet gelangt. Die Stadt hier war ein bisschen kleiner, weil sie etwas höher lag. Dutzende von Bewohnern wuselten um ihn herum und gingen ihren Alltagsbeschäftigungen nach. Hier kümmerte sich offenbar jeder um seine eigenen Angelegenheiten, denn er wurde von niemandem angesprochen. Ein Stückchen weiter die Straße hinunter erstreckte sich eine Art Markt. Auf Drängen seines knurrenden Magens beschloss er, zunächst diese Richtung zu erkunden. Er würde erst einmal einen Happen essen und dann weiter erkunden, wo er eigentlich war.

Der Markt war ein uriges Kaleidoskop von Marktkarren, die überquollen mit frischen Waren wie Fisch, Hühnchen und Bergen bunter Nüsse.

»Neu in Basileia?«

Ivan drehte sich um und sah eine Marktfrau mittleren Alters, die hinter einer Pyramide leuchtend grüner Äpfel stand.

»Ja, ich bin erst vor ein paar Minuten angekommen.«

»Na, dann willkommen zu Hause.«

»Sagtest du ›zu Hause‹?«

»Hier, probier doch mal einen.« Sie warf ihm einen Apfel zu.

»Aber ich habe gar kein Geld.«

»Ach, das ist schon in Ordnung«, entgegnete sie. Ivan biss fest in den Apfel – teils, weil er hungrig war, und teils, weil er dachte, der herzhafte Biss könnte ihn vielleicht zurückversetzen auf sein Ledersofa im heimischen Wohnzimmer. Es war ein leckerer Apfel, aber leider veränderte sich seine Realität dadurch nicht das kleinste Bisschen. Er wollte schon weiterschlendern, um sich die Stadt etwas genauer anzusehen, blieb dann aber doch noch ein wenig stehen.

»Hast du sonst noch etwas auf dem Herzen?« Neugierig zog die Marktfrau eine Augenbraue hoch.

»Ich habe dieses nagende Gefühl, dass ich eigentlich etwas tun müsste.«

»Aber sicher solltest du das. Das müssen wir alle. Manche Leute glauben, dass dieses Gefühl verschwindet, wenn sie erst mal hier angekommen sind, aber das ist ein Irrtum. Normalerweise ist es wie ein sanfter Druck, eine Art Last, die der König uns auferlegt. Wenn man besonders treu ist, wird diese Last meistens sogar noch stärker. Das ist ganz normal.«

»Ach, normal also? Na, du musst es ja wissen. Aber was soll ich denn jetzt mit diesem Gefühl anfangen?«

»Hast du schon dein Buch gelesen? Das Buch wird dir alles sagen.«

»Ich bin ja gerade erst angekommen, und ehrlich gesagt, habe ich eigentlich auch nicht vor, lange zu bleiben. Ich muss auf jeden Fall wieder nach Hause.«

»Also wenn du von heute an jeden Tag in dem Buch liest, dann werde ich dir sagen, was du tun sollst, und auch deine Fragen beantworten, ja?« Sie zeigte auf den Buchumschlag, in dessen verblichenes Leder Worte eingeprägt waren, Worte, von denen Ivan ziemlich sicher war, dass sie dort noch nicht gestanden hatten, als der zahnlose Alte es ihm überreicht hatte. Das Buch der Pflichten stand da.

»Okay, es ist so wie die Bibel. Wo soll ich anfangen?«

Die Frau zwängte sich hinter dem Karren hervor und kam zu ihm herüber geschlendert. Sie nahm das Buch und blätterte darin, bis sie eine Stelle ziemlich am Anfang gefunden hatte. Sie schob einen Streifen braunes Papier zwischen die Seiten und klappte das Buch dann wieder zu. »Da.« Sie lächelte, als sie es ihm wieder zurück gab.

»Fang langsam an, denn es gibt viel zu lernen, und später kann es ziemlich kompliziert werden. Sorge einfach dafür, dass du am Dienstag nicht den Tempel versäumst.«

»Tempel?«