image

JEAN VANIER

Von den Wunden
des Herzens

Wegbegleiter durch Zeiten der Depression

image

Aus dem Englischen übersetzt von Bernardin Schellenberger

Dieses Buch als E-Book: ISBN 978-3-86256-708-9

Umschlagbilder: John McElroy (oben)/© ShutterStock®

Satz: Neufeld Verlag, Schwarzenfeld

und in unserem Blog: www.neufeld-verlag.de/blog

Inhalt

1 Depression – eine echte Krankheit oder ein verwundetes Herz?

2 Die Depression verstehen

3 Chemische Veränderungen im Körper

4 Heil werden oder wieder auf die Beine kommen?

5 Die Winter des Lebens bereiten den Frühlingszeiten den Weg

6 Du bist Teil eines wunderschönen Universums

7 Das tiefste Ich in jedem von uns

8 Gegen die Mächte des Todes ankämpfen

9 Zu ruhen verstehen

10 In die Finsternis vordringen

11 Depression – eine Krise, die uns frei machen kann

12 Aus der Depression herauskommen

Zum Autor

Mehr von Jean Vanier

Die Biografie Jean Vaniers

image

… als hätte ich alle Lust am Leben verloren.

image

1

Depression – eine echte Krankheit oder ein verwundetes Herz?

Ich war von Natur aus ein ziemlich glücklicher Mensch. Ich lachte viel und liebte meinen Mann. Und ich meinte, dass auch er mich liebe. Nach der Geburt unseres zweiten Kindes fühlte ich mich zunehmend erschöpft. Inzwischen fällt es mir sehr schwer, daheim zu arbeiten. Es kommt mir vor, als stehe alles wie ein Berg vor mir. Meinem Mann und meinen Kindern gegenüber bin ich immer reizbarer. Ich mache mir sogar Sorgen darüber, ob mein Mann mich überhaupt noch liebt. Es fühlt sich an, als hätte ich alle Lust am Leben verloren.

Vorher schien mir bei der Arbeit alles gut von der Hand zu gehen. Man schätzte mich sehr. Dann bekam ich einen neuen Chef. Er war mir gegenüber sehr streng, ja unfreundlich. Ich konnte ihm nichts recht machen, und tatsächlich verrichtete ich meine Arbeit immer schlechter. Schließlich wurde ich entlassen. Jetzt weine ich die ganze Zeit. Morgens fällt es mir schwer, aus dem Bett zu kommen. Ich habe das Gefühl, als könnte ich überhaupt nichts Lohnenswertes mehr tun. Ich habe mein ganzes Selbstvertrauen verloren. Beim Blick in den Spiegel komme ich mir hässlich vor. Ich bin mir sicher, dass ich nie mehr fähig sein werde, aus dieser Hölle herauszukommen.

Das Herz des Menschen ist zerbrechlich und verletzlich. Solange wir uns als einmaliger Mensch geliebt fühlen; solange wir spüren, dass die Menschen die Nähe zu uns suchen und uns anziehend, lustig und intelligent finden; solange wir Arbeit haben oder Tätigkeiten, die uns interessieren und ausfüllen, ist das Leben für uns im Fluss. Wir sind voller Energie und Freude und haben das Gefühl, durch und durch lebendig zu sein.

Aber wenn es uns so vorkommt, als seien wir für andere nicht mehr attraktiv oder als interessiere sich niemand für uns, haben wir den Eindruck, total nutzlos und beiseite geschoben zu sein. Unser Herz ist verwundet. Es ist, als habe uns irgendeine Krankheit befallen; das Herz ist uns schwer und wir haben Angst. Wir haben keinen Frieden und keine Freude mehr, nur ein Gefühl der Leere, eines großen inneren Leerseins. Womöglich versuchen wir, das mit Alkohol, Fernsehen oder übermäßiger Geschäftigkeit auszufüllen. Wir fühlen uns schrecklich allein und sinken in eine Art von Apathie; Traurigkeit überkommt uns.

Ein neugeborenes Kind zieht für einige Zeit die Aufmerksamkeit seiner Eltern auf sich. Sie spielen gerne mit dem Kleinen. Aber wenn das Kind größer wird und sich körperlich entwickelt, kann es sein, dass es weniger attraktiv wird; und als Heranwachsendes macht es eine schwierige Zeit durch und wird schusselig. Seine Eltern haben nicht mehr so viel Zeit für ihr Kind und sind vorwiegend von ihrer Arbeit in Beschlag genommen; vielleicht ist es zu Konflikten gekommen, und es hat sich allmählich ein Riss zwischen ihnen aufgetan.

Dann fühlt sich das Kind weniger geliebt, weniger gewollt. Sein zartes, verletzliches Herz wird verwundet. Es kommt sich nicht mehr wichtig, kostbar, einmalig vor. Vielleicht versucht es sogar, die Aufmerksamkeit seiner Eltern dadurch auf sich zu ziehen, dass es dumme oder schlimme Dinge anstellt, die seine Eltern wütend machen. Dann fühlt sich das Kind noch stärker abgelehnt.

Ein junger Mann fühlte sich zu einem Mädchen hingezogen. Sie reagierte positiv auf seine Blicke und Gesten. So gingen sie miteinander aus und schienen einander gut zu verstehen. Sie hatten den gleichen Geschmack, die gleichen Interessen und sie unternahmen gern das Gleiche miteinander. Sie verliebten sich ineinander.

Aber dann fing sie irgendwann an, auf Distanz zu ihm zu gehen, aus Gründen, die ihm unbegreiflich waren. Sie fand Ausreden, um nicht mit ihm ausgehen zu müssen. Eines Tages sah er sie mit einem anderen Mann auf der Straße, lachend, glücklich und sprühend vor Leben. Ihm ging auf, dass sie ihn nicht mehr liebte, sondern sich in einen anderen verliebt hatte.

Das Herz des jungen Mannes war gebrochen. Es war das erste Mal gewesen, dass er einer Frau sein Herz geöffnet hatte; das erste Mal, dass er die Liebe gewagt hatte. Er war tief verletzt und wollte nicht mehr länger leben. So stürzte er sich in seine Arbeit, ging oft ins Kino und trank mehr als bisher – tat alles, um seinen inneren Schmerz zu vergessen.

Eine junge Frau empfand sich während ihrer Verlobung und der Anfangszeit ihrer Ehe von ihrem Mann tief geliebt. Er kam früher von der Arbeit heim, nur um länger mit ihr zusammen sein zu können. Sie gingen gemeinsam aus und hatten viel Spaß miteinander. Er schien in ihrer Gegenwart so glücklich zu sein! Die Folge war, dass auch sie aufblühte.

.