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Christoph Schmitter

Neunmalweise

LebensMuster zum Nachmachen
und Selberglauben

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Online findest du auf

http://neunmalweise.de

Zusatzmaterial zu diesem Buch: Zu jedem der neun LebensMuster hat der Autor einen kurzen Schnipselfilm sowie Gruppenmaterial erstellt. Diese Downloads sind kostenlos und du kannst frei darüber verfügen.

Zu diesem Buch

Neun LebensMuster zum Nachmachen und Selberglauben

So schwer kann das doch nicht sein.

Leben. Glauben. Charakter entwickeln. Sinn finden. Der werden, der ich bin.

Behaupte ich mal so.

Hoffe ich doch sehr.

Glaube ich wirklich.

Dieses Buch erzählt von Wegen zu persönlicher Reife. Es erzählt von der Kunst zu leben. Von Menschen, die mich inspirieren. Von Dingen, die ich gelernt habe.
Über das Leben.
Über Gott.

Dieses Buch handelt von neun LebensMustern. Sie orientieren sich am faszinierendsten Menschen, der je über diesen Planeten lief.

Sie sind einfach.

Doch sie fordern dich ganz.

Am besten, du liest mit der Bereitschaft zur Veränderung. Was du für weise hältst, kannst du einfach nachmachen.

Und lies kritisch. Denk mit und entwickle deinen eigenen Weg. Es geht ums Selberglauben.

Leserstimmen

„NeunmalWeise. Was ist das? Für mich ist klar: Dieses Buch ist DoppeltGut und MehrfachBewährt. Meinem Freund Christoph ist etwas Großartiges gelungen. Eine Anleitung zur Nachfolge, die genau das ist und doch viel mehr. Ein Leitfaden für Einzelne und ganze Gemeinden, die eine Erneuerung suchen. Gut durchdacht, geistlich fundiert und in der Praxis bewährt. NeunmalWeise. Ein Buch – und Segen für alle, die diesen Weg mitgehen.“

Dr. Roland Werner, Generalsekretär im CVJM-Gesamtverband in
Deutschland

„Unterhaltsam geschrieben, praktisch veranschaulicht und sehr gut strukturiert – weise, wer es liest.“

Tobi Wörner, Leiter des Jesustreffs Stuttgart, Schlagzeuger bei Gracetown

„Tiefgründig und trotzdem einfach. Praktisch und biblisch begründet. Ehrlich. Lebensnah – ihm gelingt ein Kunststück, das volle Anerkennung verdient und weswegen ich es empfehle: nämlich komplizierte Dinge einfach zu beschreiben, ohne zu einfach zu werden. Man spürt: Schmitter hat nachgedacht, studiert und abgewogen, aber er trägt nun seine Gelehrsamkeit nicht vor sich her …! Spitze.“

Ansgar Hörsting, Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden und Präsident der Vereinigung Evangelischer Freikirchen

„ … Kein Buch – obwohl ausgesprochen humorvoll und unterhaltsam geschrieben – zum hintereinanderweg Lesen, sondern zum immer wieder Hineinschauen, Studieren und vor allem: Umsetzen! Sehr gut auch geeignet als Gesprächsgrundlage für Hauskreise … .“

Susanne Tobies in AUFATMEN

Über den Autor

Christoph Schmitter, Jahrgang 1973 und gebürtiger Schweizer, ist seit 2005 Pastor der CityChurch Würzburg, einer Freien evangelischen Gemeinde. Gottesdienst feiert die CityChurch im Kino – um Menschen zu erreichen, die keine Kirchgänger sind.

Christoph Schmitter ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern.

Impressum

Inhalt

Zu diesem Buch

Leserstimmen

Über den Autor

Impressum

Prolog

1. Die Triangel

Die LebensDimensionen

LebensBild

LebensWelt

LebensDimensionen

LebensMuster Triangel

MusterVorschläge

1. Visualisieren I

2. Visualisieren II

3. Visualisieren III

4. Wochenplan

5. Das nächste Kapitel

6. Triangel kaufen

Zum Schluss noch

2. Der Weg

Die LebensSchule

LebensBild

LebensWelt

LebensSchule

LebensMuster Weg

MusterVorschläge

1. LebensLinie

2. Tagebuch

3. Zweierschaft

4. Testament schreiben

5. Stille

6. Mentoringgruppe

7. Lies dieses Buch

Eine wichtige Sache noch

3. Die Schaukel

Der LebensRhythmus

LebensBild

LebensWelt

LebensRhythmus

LebensMuster Schaukel

MusterVorschläge

1. Mut zu Individualität

2. Regelmäßigkeit

3. Alltagskompatibel

4. Ganzheitlichkeit

5. Abstand

6. Gemeinsam

7. Lies dieses Buch

Achtung: Es fühlt sich falsch an!

4. Die Telefonzelle

Das LebensGebet

LebensBild

LebensWelt

LebensGebet

LebensMuster Telefonzelle

MusterVorschläge

1. Das Vaterunser als Teil des Alltags

2. Das Vaterunser als Wochenstruktur

3. Das Vaterunser meditieren

4. Mit dem Vaterunser die Welt verändern

5. Mit dem Vaterunser anbeten

6. Das Vaterunser als Muster für Gebet überhaupt

5. Das Brot

Das LebensMittel

LebensBild

LebensWelt

LebensMittel

LebensMuster Brot

1. B wie Belehrung

2. R wie Reue

3. O wie Orientierung

4. T wie Transformation

MusterVorschläge

1. Regelmäßig

2. Mit Fantasie lesen

3. Belehrung – Reue – Orientierung – Transformation

4. Immunisierung vermeiden

5. Systematisches Lesen

6. Lesen in Gemeinschaft

7. Meditieren und Auswendiglernen

8. Ritual

6. Der Staffelstab

Das LebensBeispiel

LebensBild

LebensWelt

LebensBeispiel

LebensMuster Staffelstab

Phase 1 – Unterweisen

Phase 2 – Verkaufen

Phase 3 – Partizipieren

Phase 4 – Delegieren

MusterVorschläge

1. Wähle mutig

2. Es ist mir eine Ehre

3. Wer nicht fragt, bleibt dumm

4. U40 – Ü40

5. Lob und Kritik

6. Lies eins dieser Bücher

Wichtiger Nachtrag

7. Das Mosaik

Die LebensAufgabe

LebensBild

LebensWelt

LebensAufgabe

LebensMuster Mosaik

1. Das Mosaiksteinchen

a) Wesensgestalt

b) Schicksalsgestalt

c) Berufungsgestalt

2. Der Einsatzort

3. Das große Bild

MusterVorschläge

1. Feedback

2. Diverse Tests

3. D.I.E.N.S.T.-Seminar

4. Experimentieren

5. Coaching

6. Das LebensMuster Weg

7. Lies diese Bücher

Zum Schluss: Hat Gott einen Plan für mein Leben?

8. Die Tür

Die LebensMission

LebensBild

LebensWelt

LebensMission

LebensMuster Tür

MusterVorschläge

1. Zusammen essen

2. Ehrenamt

3. Lukas 10 lesen und beten

4. Soziale Aktion als Kleingruppe

5. Für Profis: Kontextanalyse

6. Lies dieses Buch

Zum Schluss noch

9. Der Organismus

Die LebensKraft

Über den Verlag

Prolog

Wir glauben, dass keiner von uns wirklich die Fähigkeit,
die Gnade, den Mut oder die Vorstellungskraft hat,
genau so zu sein wie Jesus. Das ist ein vergebliches Unterfangen.
Aber eines, das (…) allemal wert ist, unternommen zu werden.
Michael Frost, Alan Hirsch

Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können.
Johann Wolfgang von Goethe
1

Ich fahre eine Corvette. C5. Cabrio. 355 PS. Blau. Knappe 300 Spitze. Ein tolles Auto.

Ich fahre also Corvette, dieses eine Mal, mit einem Freund – er hat sie geliehen. Doch weil es regnet, bleibt das Verdeck zu und die Reifen bringen die Kraft nicht recht auf die rutschige Straße. Außerdem weiß der Besitzer des Autos nichts von unserer kleinen Probefahrt, weshalb ich ein schlechtes Gewissen habe. Die Sache macht also nur mäßig Spaß und ich drehe bald schon wieder um. Als ich in unsere Straße einbiege, sehe ich eine lange Reihe umgekippter Mülltonnen und am Ende dieser Reihe drei Jugendliche. Einer trägt einen Kasten Bier, die zwei anderen treten gerade die Tonne meines Nachbarn um. Dann biegen sie auf den großen Parkplatz vor unserem Haus ein.

Das mache ich auch. Mit der Corvette. Langsam rolle ich neben den schlurfenden Kids her. Gern würde ich nun lässig die Fensterscheibe runterfahren, aber ich finde diesen blöden Schalter leider nicht. Also halte ich an und krabble umständlich aus dem tiefen Wagen.

„Hey Jungs, die Mülltonnen stellt ihr sicher wieder auf, oder?“

Als sein Blick auf den Sportwagen fällt, rutscht dem Bierkistenträger das Herz in die Baggy Pants. „Äh, na klar. Machen wir. Hey Leute“ – die anderen zwei sind schon paar Schritte weiter –, „kommt her, wir räumen die Tonnen wieder ein!“

Und eilig machen sie sich ans Werk.

Das wiederum hat mächtig Spaß gemacht.

Eine Sorte von Auto zu fahren, das in einschlägigen Kreisen auf einen Besitzer schließen lässt, mit dem man sich vielleicht lieber nicht anlegt2, veranlasst drei Kids, ihre Gesinnung von trotziger Rebellion auf duckmäuserischen Gehorsam zu wechseln.

Ich bin sicher: Hätten sie geahnt, dass der Typ in dem Auto der Jugendpastor der örtlichen Gemeinde ist – sie hätten die nächste Tonne vor meinen Augen umgetreten.

Äußerlich stärker zu wirken, als man es innen tatsächlich ist, führt nicht selten zu schnellen Erfolgen und macht auch noch Laune.

Bei Überprüfung

würde das Innere allerdings nicht halten,

was das Äußere verspricht.

Hm …

Das Haus, in dem ich heute lebe, steht auf einem Hanggrundstück. Will man ebene Rasenflächen schaffen, braucht man Stützmauern.

Eine dieser Mauern ist baufällig, als wir einziehen. Ein großer Riss durchzieht das Sichtmauerwerk. Den Grund dafür stelle ich fest, als ich sie abreiße: Das Fundament ist nur ein Fundamentchen. Gut für mich, denn so hat es meinem Vorschlaghammer wenig entgegen zu setzen.

Doch nun muss eine neue Mauer her. Das Angebot eines Bauunternehmers ist mir zu teuer. Also: selber machen! Warum aber sollte mir besser gelingen, was mein Vorgänger verpfuscht hat? Ich bin nicht Chuck Norris, noch nicht mal ein Maurer. Ich entscheide mich schließlich für eine Gabionen-Lösung. Gabionen sind große käfigartige Drahtkörbe, die mit Steinen gefüllt und aufeinander gestapelt werden. Vorteil: Die Mauer steht auch ohne Fundament wie eine Eins. Nachteil: In eine Mauer meiner Ausmaße passen Tonnen von Material. Wo die Mauer am höchsten ist, ist sie einen Meter dick! Ich brauche Monate, all die Steine von der Straße heraufzuschleppen und die Drahtkörbe zu füllen.

Doch als sie fertig ist, bin ich stolz. Diese Mauer wird niemals Risse bekommen. Diese Mauer wird hier in 200 Jahren noch stehen. Natürlich wird sie das!

Echte Stabilität kommt von innerer Stärke. Um sie zu erreichen, ist mehr Zeit und Schweiß nötig,

aber am Ende

hält das Innere,

was das Äußere verspricht.

Dieses Buch will dir helfen, innerlich stark zu werden. Dieses Buch möchte dich anleiten, hinter deiner äußeren Fassade ein stabiles Leben zu bauen – quasi Steine zu schleppen. Klingt irgendwie nach Arbeit? Ist es auch.

Leichter und oft auch Spaß bringender ist es, in dein äußeres Erscheinungsbild zu investieren – Corvette zu fahren, obwohl du gar keine besitzt. Das tun die meisten von uns fast automatisch. Ich selbst zumindest bin ein Mensch, der von Haus aus dazu tendiert, mehr Zeit, Kraft und Geld auf das Äußere als auf das Innere zu verwenden. Ausbildung, Job, Aussehen, Besitz, Fitness, Image – solche Sachen vernachlässigen wir selten. Sachen, die übrigens keinesfalls unwichtig sind. Doch zu oft kümmern wir uns nicht in gleicher Intensität um die Dinge, die zu unserem inneren Menschen gehören. Dinge wie Charakter, Reife, Persönlichkeit und Glauben.

Das geht oft sehr lange gut. Aber irgendwann fragt einer nach. Irgendwann merkt einer, dass der Sportwagen nur geliehen ist. Irgendwann wird der Druck des Erdreiches am Hanggrundstück zu hoch und die schlecht gebaute Stützmauer bekommt Risse. Sie kann nicht halten, was sie verspricht.

Wenn der folgende Gedanke ab und zu dein eigener ist, dann ist dieses Buch für dich geschrieben.

„Was, wenn ich innen drin nicht halten kann, was ich äußerlich verspreche?“

Ich kenne diesen Gedanken.

Man sagt, der Mensch verliere zum Zeitpunkt des Todes 21 Gramm.3 21 Gramm – das Gewicht der Seele. Meine Güte, ich muss sagen, das ist wenig! Wir sind seelische Leichtgewichte. Doch man kann kein großartiges Leben auf eine zu leichte Seele bauen.

Meine Mauer da draußen im Garten – ich sehe sie von dem Ort, an dem ich gerade schreibe – wird vor allem deshalb in 300 Jahren4 noch stehen, weil sie so schwer ist. Ihr Eigengewicht verleiht ihr diese Stabilität.

Dieses Buch will dir helfen, das Gewicht der Seele zu vergrößern.

Bevor ich beschreibe, wie das gehen soll, muss ich dir noch etwas sagen: Ich bin Pastor. Ich glaube an Gott. Nicht nur von Berufs wegen, sondern tatsächlich. Und darum gehe ich davon aus, dass Gott etwas mit dem Gewicht unserer Seele zu tun hat.

Genauer gesagt glaube ich, dass Jesus Christus etwas mit dem Gewicht unserer Seele zu tun hat.

Ich weiß nicht, ob du meinen Glauben teilst. Wenn nicht, bist du jetzt vielleicht drauf und dran, dieses Buch wieder wegzulegen.5 Doch solltest du dich entscheiden weiterzulesen … ich glaube, dann kann ich dir zusagen, dass du für dein Leben profitieren wirst, auch wenn du dem christlichen Glauben am Ende immer noch skeptisch gegenüberstehst.

Ich werde gleich in ein paar kurzen Sätzen erklären, was die Grundlage meines Glaubens und dieses Buches ist, aber dann werde ich auf den restlichen Seiten einfach so tun, als seien wir beide einer Meinung. Du entscheidest selbst, wie du mit dem umgehen willst, was du liest. Du wirst dabei ein paar Dinge über das Christentum lernen. Ein paar Dinge, die dir so bisher gar nicht bewusst waren. Und du wirst feststellen, wie direkt vieles, was Jesus tat und sagte, mit dem alltäglichen Leben eines Menschen im 21. Jahrhundert zu tun hat.

Also – zur Grundlage meines Glaubens und dieses Buches:

Ich glaube, dass diese Welt und das Leben seinen Ursprung in Gott hat. Ich glaube, dass stabiles und echtes Leben aus einer Beziehung zu diesem Gott entsteht. Und ich glaube, dass er in Jesus Christus Mensch wurde, um uns zu zeigen, wie er ist – um uns zu zeigen, wie Menschsein funktioniert – und um uns zu ermöglichen, tatsächlich so zu leben.

Darum ist Jesus Christus auf den nächsten 270 Seiten das Vorbild für alles, was dieses Buch beschreibt. Er ist quasi der Prototyp des Menschen.

Dieses Buch hat das Ziel, dir zu helfen, innere Stärke und Charakter zu entwickeln, und zwar einen Charakter, der dem von Jesus ähnlich ist.

Der dem von Jesus ähnlich ist!

Meine Überzeugung ist also: Ein Mensch mit einem von Jesus Christus geprägten Charakter ist ein Mensch, dessen Seele Gewicht hat und der innen hält, was er außen verspricht. Doch Charakter entwickelt sich nicht von selbst. Charakter muss geformt werden. N. T. Wright6 drückt es auf seine unnachahmlich kluge wie einfache Art so aus:

„Mit dem Charakter ist es wie mit einem lustigen Gesicht, das eine Kinder-Fleischwurst von vorne bis hinten durchzieht. Es ist nicht nur außen aufgedruckt. Wo man die Wurst auch anschneidet, immer kommt das Gesicht zum Vorschein. (…) Der menschliche ‚Charakter‘ ist in diesem Sinne das Denk- und Handlungsmuster, das jemanden durchdringt. Wo du eine Person mit Charakter auch ‚anschneidest‘, immer kommt dieselbe Person zum Vorschein. (…) Der Punkt, um den es geht, ist dieser: Ich weiß im Grunde gar nicht, wie die Wurst mit dem Gesicht hergestellt wird, doch eine Fleischwurst hat normalerweise kein lustiges Gesicht. Irgendjemand hat es erzeugt. So entstehen auch die Charakterstärken, auf denen Jesus und seine Nachfolger als den entscheidenden Zeichen eines gesunden christlichen Lebens bestehen, nicht automatisch. Man muss sie entwickeln.“7

Das klingt nach Arbeit. Steine schleppen. Doch es ist Arbeit, die sich lohnt. Denn ich kenne keine Persönlichkeit, die der des Jesus von Nazareth auch nur annähernd vergleichbar wäre, und ich bin überzeugt, dass es das Ziel menschlichen Lebens ist, ihm ähnlicher zu werden8.

Noch etwas solltest du wissen. Ich bin Pastor, und zwar Pastor einer jungen Kirche, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Glauben auf eine Art und Weise zu kommunizieren und zu leben, dass er für eine postmoderne und weitgehend „entkirchlichte“ Generation relevant wird. Ein Merkmal dieser Kirche ist zum Beispiel, dass die Gottesdienste der CityChurch9 (so heißt sie) in einem Multiplexkino stattfinden.

Vor einiger Zeit haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir den Leuten – und damit meinten wir auch uns selbst – helfen können, dass der Glaube wirklich im Alltag ankommt und tatsächlich das Leben verändert, Persönlichkeit entwickelt, Charakter prägt, der Seele Gewicht gibt. Was uns beim Überlegen geleitet hat, war die Überzeugung:

Es muss einfach sein.

Und es muss im normalen alltäglichen Leben stattfinden.

Wir haben keine Zeit (und irgendwie auch keine Lust) für irgendwelche volkshochschulähnlichen Seminare zu allen möglichen Themen, wie man als Christenmensch nun dies und jenes macht, damit das Leben gelingt.

Das Leben ist wirklich schon anstrengend genug.

Über den Zeitraum von gut einem Jahr haben wir deshalb die LebensMuster entwickelt. Es sind neun einfache Bilder. Neun Wege, um dem Leben Tiefe zu verleihen. Neun Muster, die wir uns bei Jesus abgeschaut haben und die leicht auf das Leben übertragbar sind. Inspiriert wurden wir von den Life-Shapes10, die Mike Breen entworfen hat. An dieser Stelle gebührt unser Dank darum dem Autor dieser sehr gelungenen Vorlage, die wir für unseren Kontext etwas verändert und – so bilden wir uns natürlich ein – verbessert haben.

Das Buch heißt Neunmalweise, weil ich jedes einzelne LebensMuster für weise halte. Nicht weise in dem Sinne, dass es besonderer Klugheit bedarf, so etwas zu entwickeln und in ein Buch zu schreiben. Sondern weise in dem Sinne, dass es klug ist, jedes dieser Muster auf das eigene Leben anzuwenden.

Und ich habe diesen Titel gewählt, weil die Gesamtheit der Neun unsere Art und Weise ist, dem Leben seine Form zu geben. Die LebensMuster sind so etwas wie unsere LebensPhilosophie.

So – und nun noch ein paar Zeilen darüber, wie du dieses Buch lesen solltest.

Jedes der folgenden Kapitel ist einem LebensMuster gewidmet.

Und jedes Kapitel ist gleich aufgebaut:

Zum Beginn findest du immer ein LebensBild. Ich habe dafür einen Menschen interviewt und zeichne nun ein Leben nach, in dem ich das LebensMuster verwirklicht sehe, das ich im Folgenden beschreiben will. Diese Menschen sind alle ganz normale11 Menschen wie du und ich. Ich kenne sie alle persönlich. Sie gehören (oder gehörten) zum Umfeld der CityChurch.

Dann schauen wir zusammen in unsere LebensWelt. In diesem Abschnitt versuche ich, die Welt, wie ich sie sehe, zu beschreiben, und zu begründen, warum ich glaube, dass das LebensMuster für das Leben in dieser Welt Bedeutung hat.

Der dritte Abschnitt jedes Kapitels trägt unterschiedliche Titel, je nach dem, um was es gerade geht. In ihm schaue ich jedes Mal in das Leben von Jesus Christus und zeichne nach, wo ich dieses LebensMuster in seinem Leben entdecke.

Der vierte Abschnitt dreht sich dann um das LebensMuster selbst. Was ich bei Jesus sehe, übertrage ich auf unser Leben und gieße es in eine leicht zu behaltende Form. Wer die Life-Shapes von Breen kennt, wird sie hier wiederentdecken.

Zum Schluss jedes Kapitels wird es dann praktisch. Die MusterVorschläge beschreiben verschiedene Möglichkeiten, wie du das Gelesene in deinem Alltag anwenden kannst, so dass es die Seiten dieses Buches und damit die Theorie verlässt und wirklich im echten Leben ankommt.

Die LebensMuster sind zum Nachmachen da. Zum Ausprobieren. Manchmal werden diese Muster genau zu dir passen, aber hier und da werden sie dich hoffentlich auch inspirieren, eigene Ideen zu entwickeln – passendere. Dann wird aus dem Nachmachen das Selberglauben, deine eigene Art und Weise, dem Leben seine Form zu geben. Die neun LebensMuster sind dabei eine Hilfe – aber sie sind eben nur das: Muster. Und Muster passen niemals hundertprozentig!

Ach, wichtig ist noch dies: Dieses Buch ist eigentlich kein Buch, dass du in einem Rutsch von vorne bis hinten durchlesen solltest. Damit es sich lohnt, musst du dir eigentlich nach jedem Kapitel genug Zeit nehmen, das jeweilige LebensMuster auf dein Leben zu übertragen und den einen oder anderen MusterVorschlag wirklich auszuprobieren.

In echt, meine ich jetzt.

Man sagt, dass man im Schnitt drei Tage Zeit hat, um einen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Eine Erkenntnis also, die nach drei Tagen noch nicht zu einem praktischen Ansatz im eigenen Leben geführt hat, gerät wieder in Vergessenheit und wird nichts hinterlassen als die dunkle Erinnerung, dass da doch mal was war. Deshalb wird dieses Buch erst dann für dich wertvoll, wenn du es umsetzt. Nicht alles auf einmal! Dafür ist es viel zu viel. Aber etwas!

An meiner Mauer habe ich Monate gebaut. Für dieses Buch brauchst du auch etwas Zeit.

Ein letzter Tipp: Du kannst die Inhalte dieses Buches auch sehr gut mit einer Gruppe durcharbeiten. Ihr könntet euch neun Mal treffen und jedes Mal über ein Kapitel sprechen, dabei voneinander lernen und euch gegenseitig motivieren, dran zu bleiben.

Dabei helfen euch die QR-Codes am Anfang jedes Kapitels. Smartphone-Besitzer wissen, wie sie mit Hilfe derselben auf eine Internetseite weitergeleitet werden. Hier findest du jeweils einen kleinen Film, der das LebensMuster beschreibt, sowie einen Entwurf für das Gruppenmeeting.

Es geht natürlich auch ohne diese technische Spielerei. Indem du einfach diese Seite aufrufst: http://neunmalweise.de

Okay, wollen wir?

Frage: Magst du Triangeln? Ich nicht besonders.

1 Dieser Satz wird verschiedenen Menschen zugeschrieben. Neben Goethe auch Konfuzius und Lao Tse.

2 Was ich zu sagen versuche, ist: Eine Corvette ist eine sogenannte „Zuhälterkarre“.

3 Der US-amerikanische Arzt Duncan MacDougall will das 1906 nachgewiesen haben. Ist natürlich Blödsinn, bleibt aber eine irgendwie faszinierende Vorstellung. Der Film 21 Gramm aus dem Jahr 2003 spielt mit dieser Idee.

4 Ja, 300! Habe ich etwas anderes gesagt?

5 Darüber denkst du möglicherweise schon seit dem Beginn dieses Kapitels nach. Es fing ja gleich mit einem Zitat über diesen Jesus an.

6 Nicholas Thomas Wright war anglikanischer Bischof von Durham (England) und ist heute Professor für Neues Testament an der University of St. Andrews (Schottland).

7 N. T. Wright, Glaube – und dann? Von der Transformation des Charakters, Verlag der Francke-Buchhandlung 2011, S. 35.

8 Wenn du mit der christlichen Terminologie vertraut bist, wirst du diesen Vorgang „Nachfolge“ oder „Jüngerschaft“ nennen.

9 Die CityChurch (http://citychurch.de) wurde 2003 gegründet und gehört zum Bund Freier evangelischer Gemeinden.

10 Mike Breen und Walt Kallestad beschreiben die Life-Shapes in ihrem Buch Leidenschaftlich glauben – Jüngerschaft vertiefen, Verlag der Francke-Buchhandlung, 2007. Es sind acht geometrische Formen, die für acht Impulse geistlichen Wachstums stehen. Wir haben diese Impulse übernommen, teilweise weiterentwickelt und einen neunten hinzugefügt.

11 Jedenfalls mehr oder weniger …

1. Die Triangel

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Schnipselfilm sowie Gruppenmaterial zu diesem Kapitel findest du unter:
http://neunmalweise.de/triangel/

Hier geht‘s direkt zum Schnipselfilm „Die Triangel“:
http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=CsCGsGT738A

Zum Download der Full-HD-Version:
http://neunmalweise.s3.amazonaws.com/Schnipselfilm_
Triangel_1080.mp4

Zum Download der HD-Version:
http://neunmalweise.s3.amazonaws.com/Schnipselfilm_
Triangel_720.mp4

Die LebensDimensionen

Liebe ist der Endzweck der Weltgeschichte.
Novalis

Auch wenn alles einmal aufhört – Glaube, Hoffnung und Liebe nicht.
Diese drei werden immer bleiben; doch am höchsten steht die Liebe.
Paulus

Das erste LebensMuster ist die Triangel. Das simpelste aller Musikinstrumente muss herhalten für das bedeutendste unserer Lebensthemen: Beziehungen.

Um schon etwas zu verraten: Es ist unter anderem die Anzahl der Ecken, die die Triangel zum Muster für die Beziehungen macht, in denen sich dein Leben abspielt.

LebensBild

Es ist Samstagvormittag, 11 Uhr. In der WG, zu der Mark12 gehört, wird gerade gefrühstückt. Die Party endete spät letzte Nacht. Man bietet mir Rühreier an. Nach mehrmaligen Danke-Neins nehme ich einen Kaffee.

Seit Marks Studienbeginn hat er in Wohngemeinschaften gelebt und schätzt diese Lebensform immer noch. In den letzten zehn Jahren waren vier verschiedene Wohnungen sein Zuhause und er hat sein Leben mit etwa einem Dutzend unterschiedlicher Menschen geteilt. Heute ist er 31 und berufstätig, und darum haben die Räume auch nichts von einer verlotterten Studentenbude, sondern gefallen mit Parkettboden, stilvollem Inventar und dem MacBook auf dem Schreibtisch. Doch auch wenn es aus finanziellen Gründen nicht mehr sein müsste: das WG-Leben bleibt.

„Bist du ein Beziehungsmensch?“, frage ich ihn und bin erleichtert, als er das bejaht. Immerhin ist dies der Grund, warum ich jetzt auf seinem Balkon sitze. „Absolut! Das Beste, was ich in meinem Leben bisher erlebt habe, entstand dadurch, dass wir mit ein paar Leuten gemeinsam eine Sache angepackt haben.“

Schon wenn Mark von seiner Kindheit in dem kleinen unterfränkischen Ort am Main erzählt, denkt er an das offene Haus seiner Eltern. Sie hatten häufig Gäste, oft auch über Nacht. Für andere Menschen da zu sein, liegt ihm wohl in den Genen, denn beide Elternteile haben ihre Berufsausbildung im sozialen Bereich absolviert: der Vater als Sozial-, die Mutter als Sonderpädagogin.

Die berufliche Laufbahn des Vaters erzählt sich abenteuerlich. Nach dem Studium und einem Praktikum in einer Jugendeinrichtung wechselt er in die professionelle Werbefotografie, übernimmt einige Jahre später das Schuhgeschäft des Großvaters und führt es zum Erfolg, nur um heute seine Brötchen wieder mit (außergewöhnlich guter!) Hochzeitsfotografie zu verdienen. Da vereint sich also eine soziale Ader mit Liebe zur Kunst und unternehmerischem Geschick – eine seltene Kombination.

„Ich glaube“, sagt Mark, „die berufliche Flexibilität meines Vaters hat viel damit zu tun, dass es mir heute leicht fällt, mit Leuten Beziehungen zu knüpfen. Ich interessiere mich für Menschen genauso wie für Technik; um ein Haar hätte ich Informatik anstelle von Sozialpädagogik studiert. Ich merke, dass es mir leicht fällt, mit den verschiedensten Menschen Kontakte aufzubauen, weil es eigentlich nichts gibt, was mich nicht interessiert.“

Und weil ich ihn kenne, weiß ich, dass das wahr ist. Es gibt wohl kaum einen Menschen, mit dem es leichter ist, über irgendwas zu quatschen.

Im Jahr 1993 geschieht etwas Entscheidendes in seinem jungen Leben. Die Familie findet zu Gott. Die Mutter ist ihren katholischen Wurzeln immer treu gewesen, doch der Vater hat mit Religion bisher nichts am Hut. In einer evangelistischen Veranstaltung mit Billy Graham steht Papa gegen Ende des Vortrags plötzlich auf und verkündet der erschrockenen Familie „Wir gehen! … Wir gehen nach vorne!“, und er bekennt sich öffentlich zum Glauben an Jesus Christus.

Von da an verändert sich das Leben der Familie sehr. Man schließt sich einer kleinen Gemeinde an, lernt andere Christen kennen und die Kinder sind beeindruckt von der positiven Kraft, mit der der Vater nun seinen Glauben lebt. Beziehungen zu Menschen waren schon immer wichtig; nun kommt die Beziehung zu Gott mit ins Spiel.

Schon bald beginnen Mark und sein jüngerer Bruder sich ehrenamtlich in der Kirche zu engagieren. Als er 14 ist, gründen sie eine Jungschargruppe für Kinder. Später leiten sie den Teenkreis. Über Jahre nehmen sie an einem Sommercamp teil und am Ende gehören sie zum Leitungsteam.

Das Telefon klingelt und unterbricht das Interview. „Hallo? … ja, sorry, ich hatte noch keine Zeit, zurückzurufen … ja, ich hab Zeit … wo? … bei dem Bäcker an der Ecke … okay, 14.30 Uhr, cool, bis dann.“ Ein Beziehungsmensch eben, denke ich lächelnd …

In der Jugendzeit spielen Freunde eine große Rolle in Marks Leben. Er lernt Leute aus Würzburg und eine neue Gemeinde kennen. Es bildet sich eine Clique und ein junger Mitarbeiter sieht das Potenzial dieser Jugendlichen und investiert sich in sie. Begleitet sie. Hat Zeit. Einige dieser damaligen Freundschaften bestehen bis heute. Sie haben Mark sehr geprägt.

„Braucht man Freunde, um sich selber kennenzulernen?“, frage ich und weiß, dass ich diese Frage einem Sozialpädagogen stelle. Er nickt: „In meinem Job führe ich mit Jugendlichen ein soziales Kompetenztraining durch. Und der Hauptpunkt dabei ist, dass sie lernen, Freundschaften zu leben. Denn Freunde sind wie ein Spiegel. In Beziehungen erlebst du dich selbst, bekommst eine direkte Rückmeldung auf dein Verhalten. Zu erleben, dass du für andere wichtig bist und dass andere für dich wichtig sind, ist absolut zentral im Leben.“

Mark selbst empfindet es als sehr wichtig, dass er damals in Würzburg Kontakte ohne seinen Bruder knüpfen konnte.

„Irgendwie ist mein Bruder immer der Angesagtere von uns beiden gewesen. Die Freunde, die ich hatte, hatte ich über meinen Bruder. Jetzt war das anders und ich merkte: Hey, ich allein bin ja auch cool.“ Und er lächelt über diese umwerfende Erkenntnis.

Die Dynamik, die sich dann entwickelt, hält Mark eigentlich bis heute in Atem. Aus der Clique entsteht eine Jugendgruppe, aus der Jugendgruppe ein großes Gottesdienstprojekt, das vielen Jugendlichen hilft, wieder in Kontakt mit Gott und der Kirche zu kommen. Mark ist im Leitungsteam und erlebt den Flow, der entsteht, wenn ein paar Leute ein gemeinsames Ziel verfolgen.

Er ist 22, als ein Freund ihm von einer noch verrückteren Idee erzählt. Der Pastor seiner Gemeinde hat den Traum, eine neue Kirche zu gründen. Eine Kirche für junge Leute. Eine Kirche im Kino. Mark ist sofort begeistert.

„Mir war, als hätte ich mein Leben lang auf diese Möglichkeit gewartet. Als Jugendleiter hatten wir einen Ort geschaffen, an dem Jugendliche ihre Freunde mitbringen konnten. Aber ich selbst war kein Jugendlicher mehr. Diese Kirche nun würde ein Ort werden, an dem meine eigenen Freunde einen Zugang zum Glauben finden könnten.“

Im Jahr 2003 wird die CityChurch gegründet, die Kirche, in der ich heute arbeite. Mark gehört zu den tragenden Leuten des Gründungsteams und ist bis heute ein Mann, der sehr viele Leute in unserer Kirche kennt und miteinander verbindet.

„Das finde ich das Geniale an Kirche. Da kommen Leute zusammen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber weil sie ein gemeinsames Ziel haben, stellen sie etwas Tolles miteinander auf die Beine. Das macht für mich die Faszination von Gemeinschaft aus.“

Mark ist ein Beziehungsmensch. Er investiert viel Zeit in seinen Freundeskreis und immer wieder auch in Menschen, die Hilfe brauchen. Seine WG hat schon einige Male Menschen aufgenommen, die übergangsweise ein Zuhause brauchten. Vor einigen Jahren boten sie einem jungen Mann ein Zimmer an, von dem vorher niemand geahnt hatte, dass er Job und Wohnung nur erfunden hatte und stattdessen unter der Brücke schlief. Diese Scheinexistenz hatte funktioniert, bis er im Knast landete. Mark und seine Mitbewohner nahmen ihn auf, bis er sein Leben auf der Reihe hatte. Heute hat er Frau und Kind und Mark sagt: „Ich glaube, dass Gemeinschaft Leben verändern kann.“

Ich bin froh, Mark interviewt zu haben, denn sein Leben zeigt, welche Bedeutung den Beziehungen in unserem Leben zukommt: der Beziehung zu anderen Menschen, der Beziehung zu Gott und der Beziehung zu uns selbst.

„Würdest du auch einen kritischen Gedanken in das Kapitel rein nehmen?“, fragt er. Ich nicke. „Was ich in letzter Zeit leider auch merke, ist dies: Ich habe zu oft das Leben anderer geteilt und zu wenig an mein eigenes gedacht. Ich habe oft den Schmerz anderer gespürt, doch den eigenen darüber ganz vergessen. Wenn du das Gleichgewicht nicht hältst zwischen den Beziehungen zu anderen und der Beziehung zu dir selbst, ist die Gefahr groß, dass du dich selbst verlierst. Ich werde da in Zukunft an einer besseren Balance arbeiten müssen!

Und damit liefert er mir die Steilvorlage für das, was das LebensMuster der Triangel sagen will.

LebensWelt

Dieses Buch soll dem Leser helfen, sein Leben in Form zu bringen. Das ist eine ziemliche Anmaßung. Trotzdem werde ich auf den folgenden Seiten selbstbewusst mit so bedeutungsschweren Begriffen wie Charakter, Reife oder Persönlichkeit um mich werfen.

Und immer wieder das große Wort Leben.

LebensMuster.

LebensBild.

LebensWelt.

Ich ahne es jetzt schon: Ich werde mich während dem Schreiben mehr als einmal fragen, ob diese Thematik nicht eine Nummer zu groß für mich ist, und vielleicht wirst du während des Lesens ab und zu denken, dass ich damit recht haben könnte. Immerhin: wir denken hier über nichts weniger als das Geheimnis des Lebens nach! Doch ich finde: diesem kommt man zweifellos schon sehr nahe, wenn man über Beziehungen nachdenkt.

Beziehungen.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Die meisten von uns mutmaßen, dass der Sinn des Lebens irgendwie mit dem zu tun hat, was zwischen uns passiert. Anders gesagt: der Sinn des Lebens hat mit Liebe zu tun.

Nach nichts sehnen wir uns mehr.

Nichts macht glücklicher. Nichts hinterlässt eine grausamere Lücke, wenn es fehlt.

Liebe. Beziehungen. Seufz.

Der christliche Glaube – wir werden im nächsten Abschnitt auf ihn zu sprechen kommen – scheint das zu bestätigen. Als Jesus einmal nach dem Geheimnis des Lebens gefragt wird, sagt er (nach einer kurzen Kunstpause, wie ich vermute):

Es ist die Liebe. Liebe Gott, liebe deine Mitmenschen, so wie du dich selbst liebst! Damit tust du alles, worauf es im Leben ankommt.1

Dieses erste Kapitel und damit das erste LebensMuster ist also ein sehr grundlegendes. Es steht eigentlich nicht mit den noch folgenden acht Kapiteln in einer Reihe, sondern es ist so etwas wie das Fundament des Buches. Jedes der LebensMuster, so unterschiedlich sie scheinen mögen, hat letztlich dieses zum Ziel: gesundes Menschsein. Und ein gesunder Mensch ist einer, der liebt und sich geliebt weiß, oder nicht?

Jedenfalls – wenn ich in meine LebensWelt schaue, dann ist unverkennbar, dass Liebe das große Thema ist. Ich merke das schon daran, dass mein Schreibfluss mit jeder Zeile zähfließender wird.

Was du

in zehn Sekunden liest

kostet mich hier

eine halbe Stunde!

Warum? Weil das Thema Beziehungen so bedeutsam ist, dass mir jeder meiner Gedanken billig und oberflächlich vorkommt. Was soll man sagen über ein Thema, über das derart viel geschrieben und philosophiert, komponiert und gesungen, gegrübelt und gestümpert wurde? Na ja, zumindest dieses eine:

Nichts ist wichtiger auf diesem Planeten als die Liebe.

Aber sie gestaltet sich schwieriger als gedacht.

Was die menschliche Spezies wirklich bewegt, kommt in ihren Geschichten zum Ausdruck. Und siehe da – Überraschung! –, fast jede Geschichte, ob am Lagerfeuer erzählt, in Liedern getextet oder als Drehbuch verfilmt, handelt von menschlichen Beziehungen bzw. dem Scheitern derselben. Streich das Thema Liebe aus der Kunst, und du hast nicht mehr viel zu lesen, die Kinos werden geschlossen und deine CDSammlung schrumpft auf Helge Schneider und ein paar Metal-Scheiben zusammen.

Es ist offensichtlich: In der Liebe scheint die Menschheit die Antwort auf alle Fragen des Daseins zu vermuten. Und das, obwohl wir feststellen, dass es bei der praktischen Umsetzung dieser Erkenntnis einige Schwierigkeiten gibt.

In Sachen Beziehung liegen Höhenflug und Fall verstörend dicht beieinander. Bei einer Trauung ergreift uns die Romantik der Tatsache, dass hier zwei Menschen das Glück ihres Lebens gefunden haben. Doch schon beim Abendprogramm lachen wir über die beißenden Witze, die über das Joch der Ehe kursieren, und nicken wissend, wenn Woody Allen anmerkt, dass die Ehe der Versuch ist, gemeinsam Probleme zu lösen, die man alleine nicht gehabt hätte.

Nichts ist so hartnäckig mit Hoffnung und Sehnsucht aufgeladen wie die Liebe.

Und nichts scheitert mit so bedauerlicher Regelmäßigkeit wie menschliche Beziehungen.

Paulus sagt, die Liebe sei ewig. Ich hoffe, er hat einen Moment nachgedacht, bevor er diesen Satz schrieb. Denn … wer glaubt das heute noch?

Vor einiger Zeit lag die Zeitschrift Brigitte auf unserem Esstisch. Warum auch immer. Wir haben kein Abo! Jedenfalls – ich las darin einen Artikel mit dem Titel „Hauptsache nicht allein?“ Die Autorin ließ sich über die vielen unglücklichen Ehen aus, die aufrechterhalten werden, weil Menschen zu feige sind, der Wahrheit ins Auge zu schauen und sich zu trennen, wenn die Liebe erloschen ist. In der Regel nach fünf Jahren sei es nötig, das Glück in einer neuen Beziehung zu suchen. Es sei die Utopie von lebenslanger Liebe, die verhindere, dass wir glücklich werden.

Der Artikel war brillant geschrieben, schnippisch, witzig … und so furchtbar desillusioniert. „Ich halte viel davon, an die ewige Liebe zu glauben“, schrieb sie. „Wenn’s sein muss, immer wieder.“

Sollte sie Recht haben, ist die menschliche Sehnsucht nach Liebe dann die Sehnsucht nach etwas, was es nicht gibt?

Sie gestaltet sich wohl schwieriger als gedacht, die Liebe.

Und doch ist nichts wichtiger auf diesem Planeten.

Das ist nicht nur bei der sogenannten „romantischen“ Liebe so. Das betrifft unsere Beziehungen grundsätzlich.

Beziehungen bilden die Dimensionen, in denen sich unser gesamtes Leben abspielt, in denen sich unsere Identität formt oder verloren geht, in denen wir Sinn finden oder ihn schmerzlich vermissen, in denen wir Heilung erleben oder tiefe Verwundungen davontragen.

Der Mensch ist ein soziales Wesen.

Ich bin zum Beispiel immer wieder verblüfft, wie viele Erwachsene, obwohl schon 40 Jahre alt, noch von Selbstzweifeln geplagt sind, nur weil sie sich mit vier oder vierzehn nicht geliebt fühlten. Manchmal bilde ich mir ein: Es geht allen so!

Immer wieder bin ich erstaunt, welche Lebenskraft anerkennende Worte in ein trauriges Menschenherz hauchen können. Mach einem Menschen ein Kompliment und du hast ihm den Tag und manchmal das Leben gerettet. Erstaunlich ist aber auch, welch selbstzerstörerische Unternehmungen Leute auf der anderen Seite in Kauf nehmen, um von der Welt geliebt zu werden und Applaus zu bekommen.

Und immer wieder kapiere ich neu: Wir Menschen wissen erst im Zusammenleben mit anderen, wer wir selber sind. Allein sein bringt uns auf Dauer um. Sollte ich – durch eine unselige Verkettung von Ereignissen – jemals in Einzelhaft kommen, werde ich wohl verstehen, warum diese Art der Unterbringung eine Strafverschärfung und keine Bevorzugung ist.

Der Mensch ist ein soziales Wesen.

Beinahe alles, was das Leben ausmacht, lässt sich in den Dimensionen von Beziehungen beschreiben. Partnerschaft und Familie sowieso. Aber auch Karriere und Arbeit haben ohne Beziehungen keinen tragenden Wert an sich. Wäre ich allein auf der Welt, hätte ich wenig Lust, ein Buch zu schreiben, ein Elektrokabel zu verlegen oder mein Haus zu streichen. Es gäbe niemanden, für den ich das tun könnte, und damit wäre es nahezu sinnlos. Und meine Freizeit? Welchen Spaß bringt ein Tennisschläger, wenn man allein ist, oder eine Briefmarkensammlung, wenn man sie niemandem zeigen kann?

Sogar die großen drei, die laut Volksmund die Welt regieren – Sex, Macht und Geld; die großen drei, die die zentralen Triebfedern des Lebens zu sein scheinen – sie würden in Vergessenheit geraten. Denn alle drei beziehen sich auf andere Menschen. Ja, auch das Geld.

Beziehungen, alles dreht sich um Beziehungen.

Nichts ist wichtiger.

Doch die Sache ist schwierig.

Wir sind zum Glück nicht allein auf diesem Planeten, doch wir Menschen kommen unterm Strich nicht gut miteinander klar. Besser gesagt, es läuft miserabel! Und wir alle wissen das.

Würde das mit der Liebe nur halbwegs zufriedenstellend laufen, wir würden diese Welt nicht wiedererkennen. Neun von zehn Psychotherapeuten müssten ihre Praxis schließen, Scheidungsanwälte würden umschulen, die Polizei würde nur noch den Verkehr regeln und im Geschichtsunterricht würden die Schüler verständnislos den Kopf schütteln, wenn man ihnen erzählte, dass es Zeiten gab, in denen Kriege die Welt zerrütteten.

Leider ist es nicht so – im Gegenteil.

Und selbst dann, wenn wir auf eine der Ausnahmen stoßen, oder gar selbst eine sind; selbst dann, wenn du auf 50 glückliche Ehejahre zurückschauen kannst; selbst dann, wenn du weißt, was das Wort Freundschaft wirklich bedeutet, weil du Freunde hast, die für dich durchs Feuer gehen würden und du für sie; selbst dann, wenn deine Kinder mit 40 sehr genau wissen, dass sie mit vier und mit vierzehn geliebt wurden – selbst dann haben Beziehungen und Liebe einen letzten Feind.

Der Tod ist das Ende aller Beziehungen.

Und das bloße Wissen um seine Existenz reicht aus, um uns in Momenten des gemeinsamen Glücks die Gewissheit in die Seele zu brennen, dass wir am Ende doch

ganz

allein sind.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Hermann Hesse

Ja, wer hätte gedacht, dass dieses Buch so traurig macht?

Bin selbst etwas überrascht.

LebensDimensionen

So trübsinnig der letzte Abschnitt endete, so hoffnungsvoll beginnt der neue. Denn über diesen vom Nebel verdunkelten Planeten lief ein Mann, der die Zerrissenheit unserer LebensWelt deutlich vor Augen hatte und dennoch an Beziehungen glaubte.

Jesus.

Viele Male werden wir in diesem Buch den Blick von unserer LebensWelt auf diesen Menschen richten und danach fragen, ob in seinem Leben Antworten auf unsere Fragen stecken und ob es Muster gibt, die man bei ihm erkennen und auf das eigene Leben übertragen könnte.

So auch bei dieser sehr grundlegenden Frage, der Frage nach dem Sinn überhaupt. Ein Zeitgenosse stellt sie ihm – ich erwähnte es bereits. Meister, welches ist das wichtigste Gebot im Gesetz? – was in den Begrifflichkeiten eines frommen Juden zur damaligen Zeit nichts anderes als die Frage nach dem ist, was diesem Leben wirklich Sinn verleiht. Jesu Antwort:

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe und mit deinem ganzen Verstand! Dies ist das größte und wichtigste Gebot. Ein zweites ist ebenso wichtig: Liebe deine Mitmenschen wie dich selbst! Mit diesen beiden Geboten ist alles gesagt, was das Gesetz und die Propheten fordern.2

Der Sinn des Lebens liegt in Beziehung. Am Tag deines Todes wird nur eines von Bedeutung sein: Ob du geliebt hast.

Gott.

Die anderen.

Wie dich selbst.

Die Worte dieses Mannes (und seine Taten!) haben Menschen bis heute veranlasst, das Leben und die Welt unter neuen Vorzeichen zu sehen. Die ersten Christen nahmen ernst, was Jesus über die Liebe sagte, und begannen, in Gott selbst den Ursprung vollendeter Liebe zu erkennen. Sie sagten, dass Gott in sich selbst Beziehung sei. Er sei einer, sagten sie … und doch drei, sagten sie … und doch nur einer – und waren sich dabei des Paradoxons dieser Aussagen sehr wohl bewusst.

Vater. Sohn. Heiliger Geist.

Der Ursprung des Universums ist Beziehung.

Eins plus eins plus eins ist eins3.

Dreieinigkeit.

Und nun entdeckten die ersten Christen dieses Geheimnis des Lebens in den uralten Schriften des Judentums wieder. Wie im Buch Genesis der Mensch als Gottes Abbild den Garten Eden betritt und diese göttliche Einheit widerspiegelt: Er ist eins mit Gott und der Welt und seinesgleichen. Wie die Beziehung zu Gott zerbricht und als Folge die Beziehung untereinander vor die Hunde geht. Und wie seither ein tiefer Riss die Weltgeschichte durchzieht, den jeder von uns täglich spürt.

Sie fanden im Alten Testament die dramatische Geschichte eines Gottes vor, der gewillt ist, Beziehung wiederherzustellen. Mit einem einzelnen Menschen zunächst: Abraham – und dann einem Volk, das aus diesem Menschen hervorgeht: Israel. Humane Gesetze sollen das Zusammenleben der Menschen regeln, ein Opferkult den Kontakt zu Gott ermöglichen.

Und immer schwingt der Traum in dieser mehr schlecht als recht funktionierenden Gemeinschaft von Menschen mit, dass es eines Tages wieder so sein wird wie am Anfang. Dass eines Tages die Welt in Ordnung kommen wird. Völlig! Dass sich eines Tages Gott und Mensch wieder im Garten treffen werden. Dass eines Tages einer kommen wird mit dem Himmel im Gepäck.

Der Retter. Der Messias.

Die Juden nannten diesen Traum Schalom