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Sabine Dittrich

Erben des Schweigens

ROMAN

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Online finden Sie auf

www.erbendesschweigens.de

Zusatzmaterial zu diesem Buch: Bilder, vertiefende und weiterführende Informationen zur Zeitgeschichte sowie Vorschläge zur Gestaltung von Unterrichts- oder Gruppenstunden

Zu diesem Buch

Wer bin ich wirklich? Woher komme ich? Diese Fragen brechen auf, als die selbstständige Grafikerin Jael Winterstejn bei einem Sommerspaziergang zufällig einen Grabstein mit ihrem eigenen Namen entdeckt.

Die Suche nach der Geschichte, die sich dahinter verbirgt, wird zu einer spannenden Reise in die Vergangenheit ihrer Familie. Plötzlich ist Jael ganz persönlich von Schuld und Vergebung, Rache und Versöhnung betroffen.

Jaels Nachforschungen führen sie zu Begegnungen in Prag und im ehemaligen Sudetenland. Dort trifft sie den sympathischen Tschechen Radek. Auch er scheint ein Erbe des Schweigens zu sein …

Über die Autorin

Sabine Dittrich ist eine leidenschaftliche Leserin und heimliche Geschichten-Erfinderin. Sie ist verheiratet und Mutter einer erwachsenen Tochter. Und sie ist Inhaberin der 1722 gegründeten Buchhandlung G. A. Grau & Cie. in Hof. Erben des Schweigens ist Sabine Dittrichs erster Roman.

www.buchhandlung-grau.de

Impressum

Inhalt

Zu diesem Buch

Über die Autorin

Impressum

Prolog

Pfingsten, Oberwesel am Rhein

Ende Juli, Prag

Herbst 1941, Prag

1942–1945, Kriegsjahre im »Protektorat Böhmen und Mähren«

Mitte August, Deutschland

Sommer 1945: »Heim ins Reich«

September, Oberpfalz

Nachkriegsjahre in der Oberpfalz

September, Bamberg

Mitte Oktober, Prag

Ende Oktober, Oberpfalz

Oberpfalz, 1965 bis heute

Adventszeit, Bamberg

Einige Tage vor Weihnachten, Tschechische Republik

Epilog

Deutsch-tschechische Geschichte im Schnelldurchlauf

Nachklang

Über den Verlag

Freundschaft zwischen Völkern beginnt immer
mit Freundschaft zwischen einzelnen Menschen

Für meine Freundin
Ivana Vaňkova

Prolog

GLAUBEN SIE AN DEN ZUFALL? Ich habe es verlernt. Vor allem, weil ich heute im Rückblick auf mein Leben beim besten Willen keine Zufälle mehr entdecken kann.

Früher meinte ich jedoch den Zufall gut zu kennen. Vor allem den von der schlechten Sorte. Zum Beispiel, wenn man am Tag vor einer wichtigen Prüfung die Grippe bekommt oder ein guter Auftrag einem anderen Bewerber zugesprochen wurde. Nicht, weil er besser war als ich, sondern eben nur zufällig mit einem Menschen bekannt, der zufällig der Schwiegersohn eines anderen Schwiegervaters war. Wie auch immer – ich bin froh, die Welt dieser Zufälle hinter mir gelassen zu haben. Heute erahne ich eine liebende Hand hinter dem vermeintlich Guten oder Schlechten, das mir widerfährt. Ich habe erlebt, dass manch hübsche Schale einen schlechten Samen in sich trägt und umgekehrt. Daher möchte ich die Dinge nicht mehr so schnell beurteilen.

Manche Menschen, so sagt man, brauchen für diese Erkenntnis ein Leben lang. Bei mir vollzog sich der Wandel in wenigen Monaten. Bitte verzeihen Sie: Ich weiß, das klingt hochmütig. Doch alles geschah, nicht etwa weil ich schneller oder besser wäre als andere – nein, nur weil es für mich so vorgesehen war. Aber lassen Sie mich am Anfang beginnen.

Pfingsten, Oberwesel am Rhein

ICH ERINNERE MICH GUT AN diesen lauen Frühlingstag im Juni. Die Sonne war schon so kräftig, dass man sich ihr nicht ohne Sonnencreme aussetzen konnte. Jedenfalls nicht ich, mit meiner hellen, sommersprossigen Haut.

Ich war zusammen mit meiner Schwester Donna, ihrem Mann Gerald und deren Kindern in Urlaub gefahren. Urlaub auf dem Bauernhof, mitten in Deutschland. Nach einem entnervenden Pauschalurlaub in Tunesien hatte Donna beschlossen, dieses Jahr Ferien ohne Durchfall und Strandlangeweile zu verleben und mich dazu eingeladen. Ich war gerne mitgekommen, denn sowohl mit meiner Stiefschwester, als auch mit den damals fünfjährigen Zwillingen Tim und Tom verbindet mich eine herzliche Beziehung. Auch mit Gerald komme ich gut zurecht. Zwischen uns gilt unausgesprochen das Gesetz von »Leben und leben lassen«, leben wir doch in zwei völlig unterschiedlichen Welten: Gerald als Finanzbeamter – ich als selbstständige Grafikerin. Unsere Gespräche versanden meist schon nach wenigen Sätzen. Doch wir haben gelernt, in freundschaftlicher Eintracht miteinander zu schweigen.

An diesem besagten Tag waren Gerald, Donna und die Kinder zu einem Tagesausflug in einen Wildpark aufgebrochen. Nachdem ich sie früh morgens winkend verabschiedet hatte, lag der ganze wunderbare Tag vor mir, wie ein frischgebackener Kuchen, den man nur anschneiden muss, um ihn zu genießen. Und genau wie es mir manchmal schwer fällt, zu entscheiden, an welcher Stelle des Kuchens ich das Messer ansetze, musste ich mir aus den vielen Möglichkeiten erst auswählen, was ich tun wollte. Daher ging ich zurück ins Blockhaus, goss mir noch einen Rest Kaffee in die blau geblümte Tasse und dachte nach. Dabei suchte ich die Wanderkarte nach interessanten Zielen ab und entschied mich für eine Rundwanderung. Das war einer der Zufälle, die in Wahrheit Leitsysteme der Vorsehung sind.

Wie Donna ausgerechnet auf diesen Ferienbauernhof kam, weiß ich nicht. Vermutlich hatte sie das Angebot einem Katalog entnommen oder war der Empfehlung einer ihrer zahlreichen Freundinnen gefolgt. Jedenfalls hätte ich nie gedacht, dass der Aufenthalt dort so schön sein könnte. Das Gehöft liegt auf einer Hochebene über dem Rhein, oberhalb eines kleinen malerischen Städtchens. Weit und breit keine Durchgangsstraße, die Kinder konnten den ganzen Tag draußen zwischen allerhand Getier herumtollen. Langeweile war in den letzten acht Tagen zum Fremdwort geworden. Gerald saß gerne auf der Terrasse vor dem Blockhaus und las seine geliebten Fachzeitschriften oder blickte gedankenverloren auf die vorbeiziehenden Schiffe und Eisenbahnen rechts und links des Rheins. Donna genoss es sichtlich, nicht dauernd hinter den Zwillingen her sein zu müssen. Tim und Tom können ganz schön anstrengend sein. Ich unternehme zwar gerne ab und zu etwas mit den Zweien, aber ich bin froh, dass ich sie hinterher wieder bei ihrer Mutter abgeben darf und mich in trauter Einsamkeit erholen kann. Wie Donna es schafft, den ganzen Tag mit ihnen fertig zu werden, ist mir, ehrlich gesagt, ein Rätsel.

Ich wanderte den Feldweg steil bergauf und wurde nach kurzer Zeit mit einer herrlichen Aussicht belohnt. Links im Tal wand sich das silbrig funkelnde Band des Rheins zwischen den steilen Ufern, auf halber Strecke nach unten glänzten die Dächer der Stallgebäude in der Sonne. Daneben waren einige Ferienhäuser zwischen grünen Büschen erkennbar, auf der Weide grasten friedlich mehrere Pferde. Im Hintergrund sah man die Türmchen und Zinnen der Schönburg. Ich erinnere mich noch heute gut an diese Idylle. Schon seit meiner Kindheit habe ich die Angewohnheit, mir besonders wertvoll erscheinende Augenblicke einzuprägen, sie innerlich zu konservieren. Ich kann diese Bilder, Geräusche und Gerüche später vor meinem inneren Auge zurückholen und mich in die Situation zurückversetzen. In diesen inneren Archiven blättere ich oft hin und her. So sind für mich lange Zugfahrten oder Wartezeiten in überfüllten Arztpraxen kein Problem, ja manchmal genieße ich diese Gelegenheiten sogar.

Nach einer Weile riss ich meine Augen von dieser Idylle los, wanderte weiter zum nächsten Ort und von dort wieder abwärts ins Tal. Der Weg führte an einem lichten Waldrand entlang, als ich plötzlich zwischen Bäumen und Büschen ein metallenes Glänzen entdeckte. Magisch angezogen, bog ich auf einen kleinen ausgetretenen Pfad ab und stand schließlich vor einem schmiedeeisernen Zaun, der mitten im Wald ein großes Rechteck eingrenzte. Zwischen hüfthohen Gräsern ragten Steine heraus – es handelte sich offenbar um einen Friedhof. Ich war verwundert, an dieser Stelle einen Friedhof zu finden, denn bis zum Städtchen waren es noch mindestens zwei Kilometer steil bergab, außerdem war auf der Wanderkarte kein Hinweis eingezeichnet. Meine Neugier war geweckt. Der kleine Pfad endete vor einem Tor, welches sich leicht öffnen ließ, und so trat ich ein.

Langsam schlenderte ich zwischen den verwitterten Grabsteinen umher.

Dann sah ich einen Stein, der anders war als die übrigen. Er war noch nicht bemoost und man konnte die Inschrift lesen.

Kennen Sie die Sorte Träume, in denen man genau weiß, was als nächstes passiert, aber wie gelähmt nichts dagegen tun kann? So ähnlich, glaube ich, fühlte ich damals, als ich die Schriftzeichen vor mir immer wieder las, als ob ich sie dadurch wegzaubern könnte. Wenn nun auf dem Grabstein »Susanne Müller« eingraviert gewesen wäre, hätte es mich nicht weiter berührt, auch wenn ich Susanne Müller heißen würde. Davon gibt es sicherlich mehrere auf der Welt. Auf diesem Stein jedoch stand »Jael Winterstejn«. Jawohl, Winterstejn mit j und nicht mit i. So lautet mein Name und ich habe bisher noch niemanden getroffen, der ebenfalls Jael Winterstejn heißt – schon gar nicht mit j. Es lebte allerdings schon einmal jemand gleichen Namens: meine Großmutter.

Von dieser Jael Winterstejn wusste ich nur, sie wäre in einem Konzentrationslager während des Zweiten Weltkrieges umgekommen. Wie Sie schon richtig vermuten: Jael Winterstejn ist ein jüdischer Name, er wurde meiner Großmutter zum Verhängnis. Meine Mutter wollte von religiösen Dingen nichts wissen, sie war der Meinung, jeder müsse sich seinen Gott selber suchen. So ist mein Name das einzig Jüdische an mir. Ich versuchte die Fassung wieder zu gewinnen. Während eine Stimme tief in mir immer wieder sagte: »Diese Jael ist deine Großmutter«, hielt der Verstand laut dagegen: »Quatsch, das kann nicht sein. Das ist nur ein Zufall. Es gibt eben noch mehr Jael Winterstejns, so einzigartig bist du nun auch wieder nicht.«

Jedenfalls übernahm der logisch denkende Teil in mir nach einer Weile wieder die Oberhand. Ich fotografierte den Grabstein, diesmal mit meiner Kamera, nicht nur mit den Augen. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass es höchste Zeit war, weiterzugehen, und so verließ ich diesen denkwürdigen Ort, nicht ohne einen kleinen Stein auf das Grab von Jael Winterstejn zu legen, wie es auf jüdischen Friedhöfen Brauch ist.

Sie denken jetzt vielleicht: »So, nun hat sie möglicherweise das Grab ihrer Großmutter gefunden, ein schöner Zufall, aber was nützt ihr das? Eine lebendige Großmutter wäre allemal besser gewesen.«

Ja und nein. Die richtige Antwort herauszufinden, war gar nicht so einfach. Die Suche nach der Wahrheit führte mich durch einen Irrgarten historischer Emotionen mitten in Europa und eigentlich bin ich mir heute gar nicht so sicher, ob ich das Rätsel vollständig gelöst habe. Ich möchte es Ihnen überlassen, darüber zu befinden. Aber lassen Sie mich weitererzählen.

Donna fand mich nach ihrer Rückkehr auf der Veranda vor dem Blockhaus. Mein Gesichtsausdruck und die Tatsache, dass ich ohne Buch oder Zeitschrift einfach nur so da saß, ließ sie schon ahnen, dass etwas Besonderes vorgefallen sein musste.

Donna ist meine Stiefschwester, wir haben den gleichen Vater – Paul Graham. Er war Dirigent eines bekannten Kammerorchesters und liebte zwei Frauen. Mit Donnas Mutter ist er verheiratet. Hanna Winterstejn spielte eine Zeit lang die erste Geige in besagtem Orchester, aber nicht im Leben von Paul Graham. Besser gesagt: Meine Mutter lehnte seine Heiratsanträge kategorisch ab, selbst nachdem ich geboren war. Schließlich kapitulierte mein Vater und heiratete Helen, eine englische Opernsängerin. Helen wusste von Anfang an Bescheid, denn mein Vater kümmerte sich finanziell um mich und besuchte uns auch regelmäßig. Doch dann wehte der Hauch der Vorsehung über das Leben meiner Mutter und brachte diesmal den Geruch des Todes mit sich. Leukämie machte mich im Alter von sechs Jahren zur Waise und nun geschah ein echtes Wunder: Ich wurde in die Familie meines Vaters aufgenommen. Alle Vorbehalte waren angesichts meines Schicksals verflogen. Donna war damals drei Jahre alt und freute sich wohl über die nun dauernd zur Verfügung stehende Spielgefährtin. Genau wie ich nannte sie ihre Mutter »Helen« und den Vater »Paul«. Wir wuchsen in einer unkonventionellen, von den 68ern geprägten, Künstlerfamilie auf.

Tim und Tom hüpften in einer Art Indianertanz um mich herum. »Tante Jael, wir gehen in ein Esstaurant«, kreischten sie dabei immer wieder. Endlich erbarmte sich Gerald, schnappte Tim am Arm, was auch Tom veranlasste aufzuhören, weil ein Solo-Indianertanz nur noch halb so viel Spaß macht. »Es heißt Restaurant!«, klärte Gerald seine Sprösslinge auf. »Und jetzt lasst Jael mal in Ruhe.« »Aber wenn man doch dort was essen tut, dann muss es doch Ess-taurant heißen?«, maulte Tim, immer noch unter den väterlichen Arm geklemmt. »Vielleicht gibt es Reste zu essen, eklige alte Fischstäbchen oder Gummipommes!«, jubilierte Tom, »deswegen heißt es Rest-aurant.« Gerald seufzte, ließ Tim los und die Jungs flitzten Richtung Stall.

Donna und Gerald sahen wirklich geschafft aus. Der Tag sei schön gewesen, aber die Jungs hätten wieder mal perfekt dafür gesorgt, dass keine Langeweile aufkam. Wir beschlossen, uns etwas vom Pizzaservice bringen zu lassen und auf den Besuch im Gasthaus zu verzichten. »Wahrscheinlich waren die Reste alle …«, meinte Tim altklug zu seinem Bruder. Somit war der Abend gerettet und als die Zwillinge in ihren Stockbetten lagen, konnte ich endlich in Ruhe von meinem Erlebnis berichten.

Donna und Gerald waren ebenfalls ergriffen. Wir sahen uns das Foto des Grabes auf Geralds Laptop an. Und wieder schlug mein Herz heftig, als ich las »Jael Winterstejn, 1916–1978«. Sie war in meinem Geburtsjahr gestorben.

»Sie ist hier beerdigt, also können uns die Leute auf der Stadtverwaltung sicher mehr darüber sagen«, meinte Gerald. So beschlossen wir, am nächsten Tag der Stadtverwaltung einen Besuch abzustatten. Ich verbrachte eine unruhige Nacht. Im Traum lief ich durch die düster erleuchteten Gassen einer fremden Stadt. Ich wollte unbedingt eine Gestalt einholen, die einige Meter vor mir lief. Egal, wie ich mich bemühte – der Abstand blieb gleich.

Am nächsten Vormittag begleitete mich Gerald in die Stadt. Ich war froh, dass er die Sache in die Hand nahm – als Beamter gelang es ihm auf Anhieb, die zuständige Person in diesem Bürolabyrinth aufzuspüren. So traten wir nach knapp einer Stunde wieder hinaus ins Sonnenlicht. In meiner Hand hielt ich einen kleinen gelben Zettel mit einer 30 Jahre alten Adresse aus Israel.

Der Standesbeamte – einer von der Sorte »lustiger Rheinländer« – fand unser Anliegen interessant. Nicht nur, dass er wegen uns in die staubigen Katakomben des Archives abtauchte, nein, er telefonierte sogar mit seinem Vorgänger. Der konnte sich an diesen besonderen Fall »Jael Winterstejn« noch düster erinnern. Frau Winterstejn war auf der Durchreise plötzlich schwer erkrankt und im örtlichen Krankenhaus gestorben. Ihr Begleiter, laut Akten ein gewisser Elias Cukerman, wollte die Leiche nicht nach Israel überführen lassen und da es keine weiteren Angehörigen gab, wurde Jael Winterstejn nach seinen Wünschen auf dem örtlichen Judenfriedhof in aller Stille beigesetzt. Dort war seit 1941 niemand mehr beerdigt worden, denn auch das idyllische Städtchen am Rhein war damals gründlich »rassisch gesäubert« worden.

Warum diese Frau Winterstejn nach Deutschland gereist war, konnte mir niemand sagen. Hatte sie womöglich nach uns gesucht? Die Adresse von Elias Cukerman aus Haifa war eine Möglichkeit, Antwort auf diese Frage zu finden. Doch die neue Gewissheit, dass diese Jael Winterstejn in Prag geboren wurde, erschien mir ungleich bedeutsamer. Denn auch meine Mutter kam in dieser Stadt zur Welt.

Die restlichen beiden Urlaubstage verbrachte ich mit langen Spaziergängen. Ich war innerlich aufgewühlt. Am letzten Abend saß ich vor dem Grab und hielt innere Zwiesprache. Sollte ich die Vergangenheit einfach Vergangenheit sein lassen? Was würde sich schließlich an meiner Gegenwart ändern, wenn ich mehr über diese Tote in Erfahrung brächte? Ja, was?

Gleichzeitig ahnte ich, dass ich nun nicht mehr einfach so weiterleben konnte, als wäre nichts geschehen – und da war der Traum. Die düstere fremde Stadt, durch die ich fast jede Nacht streifte. Und ich hatte überhaupt keine Lust, nach Prag zu fahren.

Ende Juli, Prag

WENIGE WOCHEN SPÄTER BLICKTE ICH durch das staubige Fenster auf die vorbeiziehende Sommerlandschaft. Die Bauern waren schon dabei, das erste Getreide zu ernten, und auf den abgemähten Feldern lagen überall große Strohballen. Ich schwitzte auf einem roten Kunstledersitz im Fernzug nach Prag. Was?, werden Sie vielleicht fragen. Sie wollte doch gar nicht nach Prag. Warum ist sie nicht lieber nach Haifa geflogen, um Elias Cukerman zu besuchen? Das wäre doch das Einfachste gewesen. Für mich nicht. In Israel tobte gerade der Terrorkrieg zwischen Israelis und Palästinensern, der Flug ist sündhaft teuer, ich hasse Hitze – aber vor allem: Wie soll jemand, der Jael Winterstejn heißt und weder jiddisch noch hebräisch spricht und keine Ahnung von jüdischen Gebräuchen hat, das Vertrauen der Menschen in Haifa gewinnen, um dort etwas herauszufinden?! Ja, ich gebe zu, ich hatte einfach Angst davor. Prag erschien mir akzeptabler. Außerdem hatte ich in der Zwischenzeit handfeste Gründe für eine Reise nach Tschechien. Auch das war kein Zufall, sonst würde ich Ihnen heute nicht meine Geschichte erzählen.

Meine Vergangenheit teilt sich in zwei Abschnitte: Das Leben in der Familie Graham wird von dicken Fotoalben dokumentiert, eine Familiengeschichte mit allerhand Erinnerungen. Die sechs Jahre davor befinden sich in einem Schuhkarton. Dieser war zusammen mit mir ins Haus der Grahams gezogen, hatte mich während des Studiums in München begleitet und fristete nun ein zurückgezogenes Dasein auf meinem Wohnzimmerregal. Ich öffnete ihn nur sehr selten und wenn, dann erfasste mich beim Betrachten der alten Fotos und vergilbten Papiere ein schlechtes Gewissen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich nichts dabei empfand. Nichts – als hätten diese Relikte nicht das Geringste mit mir zu tun.

Am Abend meiner Rückkehr aus dem Urlaub konnte ich es jedoch nicht erwarten, in diesem Schuhkarton einen Hinweis auf das Geburtsdatum meiner Großmutter zu finden. Vergebens.

Doch die Schuhschachtel wurde trotzdem unverhofft zur Schatztruhe. Zwischen den Kondolenzbriefen zu Mutters Tod fand ich auf einem Umschlag die Adresse von Else und Georg Frenzel. Der Kontakt zu ihnen war nach Mutters Tod abgerissen. Was die Zeit nicht völlig ausradieren konnte, sind meine Erinnerungen an Mutters Gute-Nacht-Märchen. Schöne spannende Geschichten von der kleinen Hanna, die ich auch nach vielen Wiederholungen noch liebte. Sie spielten ausnahmslos auf dem Bauernhof der Frenzels. Und ich erinnerte mich jetzt im richtigen Augenblick daran.

Bald hatte ich eine Telefonnummer zu der Adresse herausgefunden und musste nur noch den Mut aufbringen, anzurufen. Nach einigen Tagen war es soweit. Ich erreichte Elses Tochter. Georg war inzwischen gestorben und Else lag gerade im Krankenhaus. Mit ihren 86 Jahren müsse man mit allem rechnen. Ich bat die Tochter, Else über meine Großmutter zu befragen. Und tatsächlich, schon kurz darauf bekam ich zwei gute Nachrichten. Else ging es wieder besser. Ihre Tochter nannte mir eine Adresse in Prag. Dort hatte meine Großmutter gelebt. Ich musste ihr versprechen, Else unbedingt bald zu besuchen. Diesen Besuch in der Oberpfalz wollte ich mit meiner Rückreise aus Prag verbinden.

Fünf Tage Prag. Fünf Tage mit vielen Fragezeichen. Dabei war es nicht meine erste Fahrt dorthin. Vor einigen Jahren war ich schon mal in Prag gewesen. Die Jugendstilausstellung im Alphonse Mucha Museum hatte mich für meine Abschlussarbeit inspiriert. Die alte schäbige Absteige, in der unsere Studentengruppe schlief, war einfach nur schrecklich. Meiner Freundin Beate war in der Metro der Geldbeutel mit allen Papieren gestohlen worden. So hatte ich mit ihr einen großen Teil unserer Prag-Exkursion auf der Polizeiwache verbracht. Diesmal hatte ich vorgesorgt. Wer meinen Geldbeutel stehlen wollte, der müsste mich schon vorher halb entkleiden. Damals steckte ich noch voller Vorurteile – heute könnte ich mit Ihnen darüber lachen.

Nun fuhr ich schon mindestens eine Stunde durch die Tschechische Republik. Ohne die für mich unaussprechlichen Namen auf den Bahnhofsschildern hätte ich es nicht erkennen können. Die sanfte hügelige Landschaft vor meinen Augen, machte kaum einen Unterschied zwischen Deutschland und Tschechien.

Über die unsichtbaren Unterschiede hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch einige Lektionen zu lernen. Heute staune ich darüber, wie ahnungslos ich einmal war.

Meine Mitreisenden waren inzwischen ausnahmslos Einheimische. Eine muntere Unterhaltung war im Gange, an der ich mich leider nicht beteiligen konnte. Ich lauschte fasziniert der Melodie der Sprache. Sie war so ganz anders als Englisch oder Französisch und sicher unheimlich schwer zu erlernen. In Prag würde ich normalerweise mit Englisch oder Deutsch zurechtkommen. Sogar Vaclav Havel, der einzige tschechische Staatsbürger, der mir damals ein Begriff war, sprach gut Deutsch.

Prag begrüßte mich diesmal mit strahlendem Sonnenschein und sommerlicher Hitze. Mit dem Stadtplan in der Hand hatte ich kein Problem, meine Unterkunft zu finden. Sie war nur wenige Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Diesmal war es keine Absteige, sondern ein modernes Touristenhotel mit drei deutlich sichtbaren Sternen an der Eingangstür. Die freundliche junge Dame an der Rezeption, das gemütliche Zimmer – ich begann langsam, mich zu entspannen. Vielleicht würden die kommenden Tage ja richtig gut werden.

Wissen Sie, was mich an den gängigen Darstellungen von Malern oder Schriftstellern in Kinofilmen immer ärgert? Die scheinen alle Zeit der Welt zu haben und das Geldverdienen geht so nebenbei. Gerade habe ich gemerkt, dass Sie das von mir eigentlich auch denken müssten, denn bisher habe ich nur von Urlaub und Reisen erzählt. Die ganze Wahrheit ist aber, dass mich die Arbeit sogar auf meine Pragreise begleitete. Die Wochen vorher schon hatte ich fieberhaft an den Plakatentwürfen für den Bamberger Kultursommer gearbeitet, um mir diesen Ausflug zeitlich leisten zu können.

Im Gepäck hatte ich meinen nächsten Auftrag: Regenschirme. Fotos von Regenschirmen, denn ich sollte originelle Designs für eine neue Schirmkollektion entwerfen. So saß ich an meinem ersten Abend in Prag auf einer Mauer am Moldauufer und versuchte, über Regenschirme nachzudenken. Die Abendsonne spiegelte sich im Wasser und vergoldete die Brücken über den Fluss. Die Gebäude der gegenüberliegenden Burg leuchteten in satten Pastellfarben, ein sanfter Wind strich mir zärtlich die Haare aus dem Gesicht und die Zeit schien still zu stehen. Meine Gedanken sanken immer tiefer, bis sie in meinem Herzen zur Ruhe kamen. An diesem Abend begann langsam und leise meine Liebe zu Prag.

Die Regenschirme hatte ich vergessen.

Drtinova 34, das war also Drtinova 34. Sollte ich enttäuscht sein über den Anblick oder erfreut, dass das Haus nicht abgerissen war? Was hatte ich eigentlich erwartet? Einen Palast?

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort auf einem Fleck stand und mich nicht zwischen Freude und Enttäuschung entscheiden konnte. Jedenfalls muss ich einen sehr verwirrten Eindruck gemacht haben. Plötzlich tropften einzelne Wortfetzen in mein Bewusstsein: »You okay? You need help?« Die freundliche Stimme gehörte zu haselnussbraunen Augen im Gesicht eines jungen Mannes. »Okay?«, fragte er noch einmal nachdrücklich. »Yes, okay, thank you«, antwortete ich verlegen. »Suchen Sie etwas? Vielleicht kann ich helfen.« Der junge Mann war offensichtlich ein Sprachgenie. An meinem Englisch hatte er mich als Deutsche entlarvt. War mein Englisch wirklich so miserabel?