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Franziska Dalinger

Tollkirschen und Brombeereis

Roman

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Zu diesem Buch

Tollkirschen und Brombeereis ist der dritte Band einer Buchserie über Miriam Weynard alias Messie.

Miriam und Daniel – das ist Geschichte. Doch Miriam will um ihre Liebe kämpfen. Wenn nur Tom nicht wäre, der sie offenbar viel dringender braucht als Daniel! Und wie soll sie ihre Albträume loswerden?

Dass sie ausgerechnet jetzt mit ihrer Schwester Tabita ins Sommercamp fahren soll, passt ihr gar nicht. Doch gleich zu Beginn erwartet Miriam eine Überraschung. Die Leute dort sind viel verrückter und witziger als gedacht und vielleicht wird dieser Sommer doch noch richtig gut. Bis die beiden Schwestern eine schreckliche Entdeckung machen ...

Zum ersten Band, Vollmilchschokolade und Todesrosen:

Miriam mag Schokolade, geht in die zehnte Klasse und besucht den Jugendkreis „Life and Hope“. Allerdings mehr aus Pflichtgefühl, schließlich ist ihr Vater der Pastor. Sie liebt Rosen und schreibt heimlich Gedichte. Vor allem aber ist sie glücklich, dass sie nicht mehr „unsichtbar“ ist, seit sie zu Mandys Clique gehört. Hier ist sie Messie, die schlagfertige Schauspielerin mit den schrägen Einfällen.

Aber nicht alles, was in der Clique läuft, passt zu dem, was sie bisher richtig fand. Als sie den sympathischen Daniel trifft, wird ihr das immer klarer. Dann geschehen Dinge, die ihre Welt ganz aus den Fugen geraten lassen. Und was als Scherz begonnen hat, wird zur tödlichen Gefahr.

Zum zweiten Band, Narzissen und Chilipralinen:

Miriam und Daniel sind zusammen. Wenn das kein Grund ist, glücklich zu sein! Doch was tun, wenn dem Freund ganz andere Dinge wichtig sind als einem selbst? Dazu steht der Jugendkreis „Life and Hope“ vor seiner Zerreißprobe. Kann es wirklich gut gehen, wenn Bastian und seine Gang dazustoßen?

Da verschwindet plötzlich Tine spurlos – und damit nimmt eine dramatische und verhängnisvolle Geschichte ihren Verlauf, an deren Ende nichts mehr ist, wie es war.

Leserstimmen zu den ersten Bänden

„Mit Tempo und Witz hat mich Franziska Dalinger überzeugt!“

„Eine spannende Geschichte, die wirklich unter die Haut geht.“

„Habe es gerade fertig gelesen und möchte es am liebsten gleich nochmal lesen.“

„Es hat mich richtig gefesselt!“

„So spannend, dass ich es fast am Stück durchgelesen habe.“

„Lesen lohnt sich auf jeden Fall!“

„Das Ganze ist gekoppelt mit Witz, Spannung und einer Portion Liebe – ich bin aus dem Lesen gar nicht mehr herausgekommen.“

„Das Buch ist einfach total spitze!“

„Schon allein der Titel macht den Leser neugierig, was dieses Buch wohl beinhalten mag.“

„Ein super tolles Buch!“

„Wunderschön geschrieben.“

Über die Autorin

Franziska Dalinger mag gern schwarze Rätselgeschichten und ihren schneeweißen chinesischen Seidenhahn. Am liebsten besucht sie Orte, an denen Geschichten in der Luft liegen. So wandert sie gerne durch Sommerwälder, schlendert über Mittelaltermärkte oder lässt sich im Alltag von der bunten Vielfalt der Menschen überraschen und inspirieren.

Spannung und Romantik sind in ihren Geschichten garantiert.

Impressum

Dieses Buch in gedruckter Form:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Lektorat: Dr. Thomas Baumann

© 2013 Neufeld Verlag Schwarzenfeld

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,

www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch

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Inhalt

Zu diesem Buch

Leserstimmen zu den ersten Bänden

Über die Autorin

Impressum

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

Brombeereis

Über den Verlag

In jeder Nacht kommt die Dunkelheit ein wenig näher. Sie ist leer und still. Ich kann fühlen, wie sie heranschleicht. Ein Tier.

Die Dunkelheit ist ein Ungeheuer, das mich verschlingt. Sie ist ein Monster, das von mir lebt.

Das Dunkle hat keinen Namen.

Und wenn es einen hätte, wäre es nicht derselbe Name, den es am Tag trägt, im Sonnenlicht.

Nachts verschwinden alle Wörter, alle Begriffe.

Nachts bin ich allein.

Und am Tag bin ich stumm.

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1.

Der Junge merkt nicht, dass er verfolgt wird. Er geht geradeaus, ohne sich umzudrehen, eine schwarze, ramponierte Sporttasche über der Schulter, in der sich garantiert keine Sportsachen befinden. Am Reißverschluss ist die Naht aufgeplatzt. Natürlich ist das Mädchen zu weit entfernt, um diese Einzelheiten zu erkennen, aber sie kennt die Tasche, als wäre es ihre eigene. Die drei kleinen Löcher am Boden, die den Jungen nicht kümmern. Das zerschlissene Innenfach, in dem das olivfarbene Portemonnaie seinen Platz hat; in diesem Portemonnaie steckt ein Foto. Früher jedenfalls. Ob er es aufbewahrt hat? Es manchmal heimlich ansieht? Alles würde sie dafür geben, das zu wissen. Wenn sie es nur schaffen könnte, sich die Tasche zu schnappen und einen Blick hineinzuwerfen! Dann wüsste sie, ob er das Foto behalten hat. Ob er noch an sie denkt.

Dort, wo er hingeht, gibt es weder eine Halle noch einen Fußballplatz, und das Schwimmbad liegt in der anderen Richtung. Es ist ein heißer Tag im Juni, seine ausgefransten Bermudashorts erlauben den Blick auf sonnengebräunte, kräftige Waden. Das verwaschene blaue T-Shirt passt hervorragend zu seinen blonden Haaren und gibt den Blick auf muskulöse Schultern frei. Der Junge ist ein ganzes Stück gewachsen in den letzten Monaten; eins achtzig, bestimmt, und in letzter Zeit hat er viel Sport getrieben. Er ist gejoggt wie ein Verrückter, dabei hat ihn das vorher nie besonders interessiert. Es ist, als würde er vor etwas davonrennen, als würde etwas ihn antreiben, etwas Namenloses, eine Angst, ein seltsamer Schrecken, vielleicht ein Schmerz, der sich nicht in Worte fassen lässt, dem man nur beikommt, indem man rennt und rennt und rennt.

Davonrennt.

Vielleicht ahnt er ja doch, dass er verfolgt wird. Spürt ihre Blicke auf sich.

Noch kann er ihr nicht davonfahren, doch bald wird er keine Mühe damit haben, sie abzuhängen. Im August wird er achtzehn, und er hat schon einige Fahrstunden gehabt. Sie weiß das, denn sie beobachtet ihn.

Im Schatten. Hinter Baumstämmen und Hausecken. Manchmal steht sie nur da und sieht ihm nach, lange, wenn er längst schon verschwunden ist, als würde in der Luft noch ein Abbild von ihm stehen bleiben, eine flirrende Fata Morgana.

Man muss unsichtbar sein. Schnell. Unauffällig tun, lässig. Sie sitzt auf dem Fahrradsattel, mit einem Fuß berührt sie den Boden, der andere ruht auf der Pedale. Sie tut so, als würde sie die Busfahrpläne an der Haltestelle studieren.

Als der Junge um eine Ecke biegt und aus ihrem Sichtfeld verschwindet, stößt sie sich ab und fährt ihm nach. Nicht zu schnell, denn jetzt weiß sie endlich, wo er hinwill. Der Weg mündet in einen schmalen Fahrradweg ein, der sich durch das Wäldchen schlängelt. Dahinter liegt der Park. Das Beste daran ist der Teich, in dem sich Enten um Brotbrocken streiten; dass ein großes Schild darum bittet, aus Tierliebe nicht Essensabfälle zu verfüttern, stört hier niemanden. Bänke säumen den Weg, das Gras ist so kurz geschoren, dass es bei dieser Hitze braune Flecken bekommt, und ein paar große Bäume spenden denjenigen Schatten, die keine Hitze vertragen.

Das Mädchen fährt langsam, um den Jungen mit der Tasche nicht einzuholen, radelt rückwärts, fährt Schlangenlinien. Der feine Kies auf dem Parkweg knirscht unter den Reifen.

Bastians Clique hängt hier häufig ab. Ob er verabredet ist? Sie hofft es, denn er ist mit diesen Jungs befreundet, und wenn sie dazustößt und freundlich begrüßt wird, verabschiedet er sich vielleicht nicht sofort. Dann kann sie ihm in die Augen sehen, die blau wie der Himmel sind, und das Lächeln darin suchen.

Früher war es da, selbst wenn es ihm nicht gut ging. Ein kleines Lächeln, nur für sie.

Sie hat solche Angst, dass es für immer aus seinem Gesicht verschwunden ist, dass ihr für einen Moment die Luft wegbleibt.

Nein, er ist allein. Im Park sind keine Jugendlichen, sondern nur ein paar Rentner belegen die Bänke. Eine junge Mutter mit Kinderwagen steht am Teich und zeigt ihrem Sprössling die erwartungsvoll heranschwimmenden Wasservögel. Das Kleinkind ballt die dicken Fäustchen, seine Arme sind prall wie winzige zu stark aufgeblasene Luftballons. Es stammelt, vor Aufregung läuft es rot an.

»Da! Da! Gaga!«

Die Frau lächelt stolz, als wäre sie dafür verantwortlich, dass heute ein Schwan dabei ist, dessen Federn die Sonne wie gleißender Schnee reflektieren. Sie nickt dem Mädchen mit dem Fahrrad zu.

Das Mädchen versucht zurückzulächeln, aber das ist schwer. Ihr Herz hämmert gegen ihren Brustkorb. Da ist er. So nah. Seine Gegenwart hinterlässt einen Abdruck in der Luft, eine unsichtbare Spur. In dieser Spur zu gehen ist fast so, als könnte man ihn berühren.

Der blonde Junge hat den Weg verlassen und sich unter einem der Bäume einen Platz gesucht, von dem aus er einen guten Blick über den Teich hat. Er holt ein Buch aus seiner Tasche. Liest er? Oder zeichnet er vielleicht wieder mal? Es ist lange her, dass sie ihn mit seiner Gitarre gesehen hat. Er spielt nicht mehr, oder wenn, dann heimlich bei sich zu Hause. Stöpsel verschwinden in seinen Ohren. Das ist gut. Dann bemerkt er sie nicht so schnell, wenn sie sich auf die Bank auf der anderen Seite des Teichs setzt, in den schwarzen Schatten.

Das Leuchten des Schwans sticht ihr in die Augen.

Sie starrt auf die funkelnde Wasseroberfläche. Natürlich hat sie auch ein Buch dabei, obwohl sie nicht vorhat, es zu lesen. Sie wird darin blättern und so tun als ob und das Gefühl genießen, in seiner Nähe zu sein.

Mehr nicht.

Mehr ist nicht nötig, um glücklich zu sein.

Nachdem sie eine Weile die Nase ins Buch gesteckt hat, hebt sie den Kopf und erschrickt.

Der blonde Junge ist nicht mehr drüben unter dem Baum. Wo ist er hin? Mitsamt seiner Tasche ist er verschwunden. Mist! Sie hat nicht aufgepasst!

Sie will schon aufspringen, als sie hinter sich eine Stimme hört: »Was machst du hier?«

Wie elektrisiert vom Klang seiner Stimme fährt sie herum. Da kommt er gerade den Hügel hinunter, er hat ihre Bank beinahe erreicht. Seine Augen funkeln wütend.

»Ich ... lese hier?«, sagt sie, aber es klingt wie eine Frage, unsicher, geradezu kleinlaut. Ertappt, denkt sie. Ich höre mich an, als wäre ich schuldig.

»Hör endlich auf, mir nachzulaufen, Miriam.«

»Ich laufe dir nicht nach!«, protestiert sie.

»Dann ist ja gut«, sagt er schroff. »Dann kannst du hier in Ruhe weiterlesen, während ich mich verziehe.«

»Klar«, sagt sie und wendet sich ihrem Buch zu. Sie zählt die Sekunden: »Eins, zwei ...« Bis zehn. Dann springt sie auf, greift nach dem Fahrradlenker ... und er steht immer noch hinter der Bank. Das Lächeln, das über sein Gesicht zieht, ist seltsam traurig.

»Du benimmst dich wie eine Stalkerin«, sagt er. »Lass das.«

Sie starrt ihm nach, als er davonmarschiert, jeder Schritt von Wut und Ärger erfüllt.

Ich starre ihm nach.

Denn ich bin dieses Mädchen. Ich bin die Stalkerin. Ich, Miriam Weynard, genannt Messie, spioniere einem Jungen hinterher, der nichts mit mir zu tun haben will und den ich brauche wie die Luft zum Atmen.

Meinem Ziel, seine wahren Gefühle herauszufinden, bin ich immer noch kein Stück näher gekommen. Daniel benimmt sich abweisend, aber das muss ja nichts heißen. Er hat Schluss mit mir gemacht, weil er dachte, dass ich einen anderen liebe und mich nicht entscheiden kann. Doch das kann ich durchaus. Ich habe mich längst entschieden, wen ich will. Nicht, dass ich überhaupt eine Wahl hätte. In meinem Herzen hämmert sein Name, durch meine Adern fließt die Sehnsucht. Um den Hals trage ich die silberne Kette, die er mir zum Geburtstag geschenkt hat, mit der silberschwarzen Rose daran. Der Beweis dafür, dass ich ihm vor gar nicht allzu langer Zeit durchaus etwas bedeutet habe. Ich glaube, dass er mich immer noch liebt.

Deshalb muss ich an diese Tasche heran.

Während ich mein Rad über den Bürgersteig schiebe, schießen meine Gedanken hin und her und bilden ein Geflecht, das sich beinahe schon wie ein Plan anfühlt.

Zuerst einmal brauche ich Informationen über seinen Stundenplan. Weil Daniel auf eine andere Schule geht als ich, ist das nicht ganz so einfach, aber ich habe schon eine Idee, wie ich es anstellen kann.

Zu Hause wartet meine Mutter an der Tür. »Wo bist du nur gewesen?« Ihre Stimme klingt nicht vorwurfsvoll, nur besorgt. Ich hasse das. Als könnte ich verschwinden, einfach so, bloß wenn ich die Straße runtergehe. »Jetzt kommen wir zu spät.«

Als wenn es mich kümmern würde, wenn ich nicht rechtzeitig zu meiner Therapiesitzung bei der hübschen, stets zum Kotzen gut gelaunten Frau Dr. Theresa Martin eintreffe. Wo ich reden soll – über Dinge, über die ich nicht reden will.

Zurzeit komme ich überallhin zu spät, und niemand beschwert sich darüber. Dr. Martin ist die Einzige, die absolute Pünktlichkeit erwartet. Ich hasse das.

Als Erstes muss ich Rosi überreden, einen Jungen anzurufen, den sie nicht kennt, und Einzelheiten über seinen Stundenplan aus ihm herauszukitzeln. Mit meiner früheren besten Freundin Mandy waren solche Geschichten immer viel einfacher. Da haben wir einfach einen Plan gefasst und durchgeführt, fertig. Rosi dagegen ist ein ganz anderer Typ. Sie will unbedingt wissen, was ich vorhabe und warum.

»Du willst ihm das Portemonnaie klauen?«

»Nicht klauen«, erkläre ich geduldig. Irgendwann hat sie die Sache mit dem Foto endlich begriffen, doch glücklich darüber ist sie nicht. Niemand ist so glücklich wie meine attraktive, bis zum letzten Lidstrich perfekt gestylte Therapeutin. (Ich hasse sie!)

»Warum fragst du Daniel nicht einfach, ob er noch etwas für dich empfindet?«

»Weil er lügt. Glaube ich jedenfalls.«

Rosi blickt mich zweifelnd an. Ich weiß, was sie denkt. Daniel ist ein strahlendes Vorbild, was Ehrlichkeit angeht. Er greift nicht so schnell zu Notlügen wie andere Leute, oder besser gesagt, wie alle, die ich kenne, einschließlich meiner Wenigkeit. Die Wahrheit zu sagen ist ihm wichtig, und im Gegenzug erwartet er, dass er ebenfalls nicht belogen wird. Was das angeht, ist er allerdings nicht mehr so gutgläubig wie früher. Schade eigentlich. Ich mochte ihn ein kleines bisschen lieber, als er noch nicht so misstrauisch war. Aber da ich diejenige bin, die ihn mittlerweile überall Lüge und Verrat wittern lässt, dürfte ich mich wohl nicht darüber beschweren.

»Und wenn er nicht lügt?«, fragt Rosi vorsichtig.

»Wir gehören zusammen«, sage ich. »Das weiß er genauso gut wie ich. Also, hilfst du mir nun oder nicht?«

»Ich soll Lukas anrufen, Daniels Freund?«

»Sie haben die meisten Kurse zusammen. Er weiß garantiert, wann Daniel Sport hat.«

Sie zupft nervös an ihren Haaren herum. »Und ich sage ihm was genau? Dass ich ihn auf dem Schulhof treffen will? Das ist so ... peinlich!«

Rosi findet immer alles peinlich. Ich weiß gar nicht, was sie hat. Was kann schon passieren? Sie ist nicht in Lukas verliebt, daher kann ihr völlig gleich sein, was er über sie denkt. Sie kann sich blamieren, herumstottern, rot werden, alles ganz egal. Sobald sie herausgefunden hat, was ich wissen will, muss sie ihn niemals wiedersehen.

»Das geht nicht«, murmelt sie. »Das pack ich nicht. Ich kann nicht einfach so auf Leute zugehen und sie ausfragen. Wetten, ich bring kein einziges Wort raus?«

In Momenten wie diesen bedaure ich, dass meine Freundschaft zu Mandy und Kim zerbrochen ist. Wir waren schon eine coole Clique. Da hätte ich nicht um so einen kleinen Gefallen betteln müssen.

Was mache ich denn nur? Wenn ich mich selbst bei Lukas melde, weiß er doch sofort, dass es um Daniel geht. Bestimmt hat er keine Lust, sich mit mir zu treffen, um Informationen über seinen besten Freund herauszurücken. Frustriert stütze ich das Kinn in beide Hände und starre aus dem Fenster. Im Schulgarten versammelt sich gerade der Bio-Kurs am Teich, der sich mit dem stolzen Titel »schuleigenes Biotop« schmückt. Sie haben Kescher dabei, Schraubgläser und Schreibblöcke. Ein paar schaffen es sogar irgendwie, eifrig auszusehen, während die meisten gähnend im Hintergrund herumstehen.

Mir dämmert, dass auch bei mir die Stunde längst angefangen hat. Niemand hat mich ermahnt, dass ich damit aufhören soll, nach draußen zu starren. Die Lehrer lassen mich in Ruhe. Sie sind so freundlich zu mir, als könnte mich ein lautes Wort zerbrechen lassen.

»Na gut«, flüstert Rosi, ich spüre ihre Hand auf meinem Arm. »Ich mach’s.«

Manchmal wäre es mir lieber, sie würden mich anbrüllen. Mich zusammenstauchen. Mir an den Kopf werfen, was alles nicht in Ordnung ist und was sie von mir halten. Alles wäre besser, als ständig daran erinnert zu werden, dass ich »das Mädchen« bin. Das Mädchen, das so viel Schlimmes erlebt hat. Das arme Mädchen, das traumatisiert ist, aber trägt sie es nicht tapfer, hm?

Ich nutze meine Zerbrechlichkeit schamlos aus. Auch das hasse ich.

»Du musst das abstellen«, sage ich.

Rosi zappelt herum. Ich habe ihr schon mindestens hundertmal gesagt, dass sie das lassen soll, aber sie kann einfach nicht damit aufhören. Statt cool zu tun und vor der Sporthalle herumzulungern wie ... nun ja, wie jemand, der eben cool herumlungert, hüpft sie auf und ab wie ein hyperaktiver Frosch, reibt sich die Arme, als hätten wir Frost, knibbelt an einem Pickel herum, kaut auf ihren Haaren.

Ich finde, Rosi wirkt wesentlich traumatisierter als ich.

»Warum bin ich überhaupt mitgekommen?«, stöhnt sie. »Ich halte das nicht aus!«

»Du wolltest unbedingt mit«, erinnere ich sie.

»Ja, damit du keinen Unsinn verzapfst.«

»Kindchen«, sage ich zu ihr, »Unsinn verzapfen ist meine Spezialität.«

Sie widerspricht mir nicht. Stattdessen bekommt sie fast einen Herzinfarkt, nur weil ein paar Meter entfernt ein Lehrer vorbeimarschiert. Zum Glück hat er ein Ziel, deshalb beachtet er uns nicht.

»Ist dir schon mal aufgefallen, dass Lehrer immer total zielstrebig sind?«, frage ich. »Die schlendern nicht einfach so herum. Nicht mal, wenn sie Pausenaufsicht haben. Lehrer schlurfen nicht. Schon mal eine latschende Lehrerin gesehen? Das wäre ein Widerspruch in sich. Lehrerinnen mit hochhackigen Schuhen stolzieren. Und männliche Lehrer gehen im Stechschritt, wie Soldaten. Wenn du auf dem Schulhof jemanden schlurfen siehst, ist es garantiert der Hausmeister.«

»Weiß nicht«, meint Rosi unglücklich.

»Nein, im Ernst. Ein Lehrer auf dem Schulhof sieht aus wie ein Bussard auf einem Holzpfahl. Er scheint immer auf eine arme kleine Maus zu lauern, auf die er sich stürzen kann.«

»Mmmh.«

Rosi lässt sich nicht auf andere Gedanken bringen, auch nicht durch meine philosophischen Betrachtungen über die Spezies Pauker. Vermutlich wäre ich keine gute Lehrerin. Ich lasse mich immer viel zu schnell ablenken. Ich wäre wahrscheinlich die Art Lehrer, die ständig darauf hereinfällt, wenn jemand ruft: He, guck mal! Dann würde ich mich umdrehen und irgendetwas entdecken, vielleicht ein Spinnennetz oder ein verschmiertes Kreidewort an der Tafel, und wenn ich mich wieder meiner Klasse zuwende, sind alle heimlich aus dem Fenster geklettert.

»Lukas ist da«, zischt Rosi und zieht mich am Ärmel.

Einen Moment lang habe ich vergessen, warum wir hier herumstehen, was der ultimative Beweis ist, wie schnell meine Konzentration flötengeht.

Lukas schleicht an die große Glastür, die während der Stunde abgeschlossen ist, und öffnet sie. Von drinnen muss sie aufgemacht werden können, wegen der Fluchtwege bei einem Brand oder so.

»Da seid ihr ja.« Seine Wangen färben sich zartrosa, als wir uns an ihm vorbeidrücken, und ich habe den Verdacht, dass er Rosi vielleicht ein kleines bisschen mag.

»Beeilt euch«, flüstert er und rennt wieder davon.

Das entspricht alles dem Plan, mehr oder weniger: Lukas hat versprochen, während der Sportstunde aufs Klo zu gehen – oder jedenfalls zu behaupten, er müsste –, uns die Tür zu öffnen und in den Unterricht zurückzukehren.

Und wir haben freie Bahn in der Umkleide.

»Jetzt hat er gar nicht gesagt, in welcher sie sind«, fällt Rosi auf.

Das entspricht eher nicht dem Plan. Wir verlieren wertvolle Zeit, während wir in einen Raum nach dem anderen hineinspähen, bis ich Daniels Tasche erkenne.

Rosi kaut auf ihrer Lippe herum, doch ich bin jetzt hochkonzentriert, reiße die Sporttasche an mich und taste im Seitenfach nach dem Portemonnaie.

Da ist es. Daniel wird es nie lernen, seine Wertsachen mit runter in die Halle zu nehmen, obwohl es einem ja oft genug eingeschärft wird. Er ist einfach zu vertrauensselig.

»Und?«, fragt Rosi. Unruhig späht sie auf den Gang hinaus. Man hört das Getrappel unzähliger Schuhe. Ein Pfiff schrillt.

Ich arbeite mich durch die Seitenfächer. Wo ist das Foto? Es muss hier irgendwo sein, da bin ich mir sicher.

»Komm, schnell!« Rosi schließt hastig die Tür. »Da kommt jemand. Wir müssen hier raus!«

Zum Glück hat jede Umkleide zwei Türen, eine zur Halle und eine zum Eingangsbereich hin. Wir können immer noch ungesehen entwischen.

Sobald ich das Foto habe.

Ich taste in der Tasche herum, schüttele das Portemonnaie – nichts.

»Also das«, sagt eine männliche Stimme, »muss mir mal jemand erklären.« Und dann ruft der Schüler, der mich ertappt hat, ganz laut: »He, kommt mal schnell! Hier ist eine, die klaut unsere Sachen!«

Ich blicke auf.

Rosi ist verschwunden. Bloß ich stehe noch da, Daniels Geldbörse in der Hand, und mache ein dämliches Gesicht.

Daniels fassungslose Miene, als er mit den anderen in den Raum stürzt und mich entdeckt, werde ich wohl nie vergessen.

»Hi«, sage ich mit zittriger Stimme. Ich sehne mich schrecklich danach, dass er mich so anschaut wie früher, als noch alles in Ordnung zwischen uns war.

Er drängt die anderen zur Seite. »Sag mal, spinnst du, Miriam? Was kramst du in meinen Sachen rum?«

»Ich wollte doch nur ...«

In diesem Moment tritt der Lehrer hinzu. »Was ist hier los?«, fragt er streng.

»Das ist seine Freundin«, sagt Lukas rasch, weil weder Daniel noch ich den Mund aufbekommen.

»Die hier nichts zu suchen hat. Gehst du überhaupt auf unsre Schule?«

Realschule und Gymnasium teilen sich das Sportzentrum. Ich könnte also genauso gut zu einer der anderen beiden Klassen gehören, die hier gerade Sport haben.

»Ich ...«, stammele ich, »äh ...«

»Ich kenn dich doch von irgendwoher ...« Und da begreift er. Ich hasse diesen Moment, in dem den Leuten einfällt, wer ich bin. Dass sie mein Foto aus der Zeitung und von den Suchplakaten kennen, als ich verschwunden war. »Oh. Du bist doch ...« Dann geht ihm auf, dass es unhöflich wäre, einem traumatisierten Entführungsopfer zu erzählen, dass man es von den Suchplakaten kennt, und er biegt den Satz gerade noch so einigermaßen elegant ab: »... die Tochter von Pastor Weynard?«

Ich nicke stumm.

»Okay, Mädchen.« Schlagartig ist alle Empörung aus seiner Stimme gewichen. »Wenn du mal kurz mit deinem Freund reden willst, geht das in Ordnung. Kommt, Jungs.«

Ich hätte doch eigentlich Ärger bekommen müssen. Doch stattdessen scheucht der plötzlich übernette Sportlehrer die anderen auf den Gang hinaus. Da stehe ich nun. Daniel lässt hilflos die Arme hängen.

Er ist nicht so wie alle anderen. Er hat kein Mitleid mit mir. Falls er welches empfindet, zeigt er es jedenfalls nicht.

»Was suchst du hier, Miriam?«, fährt er mich stattdessen an. »Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du mich nicht verfolgen sollst?«

»Ich wollte doch nur ...« Wie soll ich es ihm klar machen? Dass ich unbedingt wissen will, ob er noch an mich denkt, ob es noch Hoffnung für uns gibt?

»Lass mich einfach in Ruhe.« Es klingt nicht einmal wütend, eher wie ein Stöhnen. Abrupt dreht er sich um. Lässt mich einfach stehen.

»Ist er weg?« Rosi taucht aus den Tiefen der Duschräume auf. »Oh Gott, hatte ich Angst, dass die mich entdecken. Dass gleich alle Jungs in die Duschen gestürmt kommen.«

Widerwillig muss ich grinsen. »Hattest du Angst oder hast du es gehofft?«

»Lass uns endlich abhauen«, drängt sie.

Sie hat meinetwegen sogar eine Stunde Erdkunde verpasst. Und anders als ich wird sie vermutlich Ärger deswegen bekommen.

Was Daniels Gefühle angeht, bin ich zwar nicht viel weiter als vorher, aber immerhin weiß ich jetzt, dass ich mich auf meine Freundin verlassen kann.

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2.

Mein Tag ist verplant. Jede Stunde, jede Minute. Ich muss immer etwas zu tun haben, damit ich nicht so viel nachdenke. Nachzudenken bewirkt nur, dass die Bilder zurückkommen. Der dunkle Raum. Die Taschenlampe. Die Decke.

Daher habe ich mir für jeden Nachmittag einen Stundenplan angefertigt. Oberste Priorität hat die Schule. Die Abschlussprüfungen habe ich verpasst, aber ich darf die zweiten Termine wahrnehmen, die für kranke oder entführte Schüler vorgesehen sind. Dafür lerne ich mit Rosi, und, man höre und staune, zwei meiner Lehrer helfen mir dabei, den versäumten Stoff nachzuholen. Also habe ich eigentlich genug zu tun, doch manchmal hat mein Plan trotzdem Lücken, in die ich erst kurz vorher was reinschreibe. Zum Beispiel: Tine besuchen.

Ich besuche Tine immer, wenn ich zu aufgewühlt bin, um zu pauken, mit Rosi Spaß zu haben oder mich mit Sonja über Bücher und Filme zu unterhalten. Manchmal brauche ich jemanden, der gar nichts sagt. Tine singt nämlich ununterbrochen. Wir haben die Zeit, als ihr verrückter Freund uns eingesperrt hat, damit verbracht, uns die Seele aus dem Leib zu singen. Seitdem kann ich Musik kaum noch ertragen, doch bei Tine ist es genau umgekehrt: Sie ist quasi abhängig davon. Mittlerweile kann sie sämtliche ihrer Casting Crowns-, Kutless- und Jeremy Camp-CDs auswendig.

»Miriam!« Gerade als ich mich auf mein Rad schwinge, öffnet meine Mutter die Tür und ruft mir nach.

Sie sagt nur meinen Namen. Mehr braucht es gar nicht, und schon fährt mir die Angst bis in die Zehen – ihre Angst. Ich bin mit meinen Albträumen zurückgekehrt; meine Mutter hat ihre eigenen bösen Träume.

Seit meiner Rettung will sie immerzu wissen, wo ich bin. Selbst wenn ich zu Hause bin, schaut sie jede Viertelstunde ins Zimmer, um zu überprüfen, ob ich noch lebe.

Tatsache ist: Ich hab keine Lust, sie über jeden meiner Schritte zu informieren. Ich bin siebzehn Jahre alt, und wenn ich am helllichten Tag in der Stadt rumfahre, muss ich ihr nicht Bescheid sagen, finde ich.

»Miriam«, sagt sie noch einmal, diesmal etwas leiser, und wenn ich in ihr Gesicht blicken würde, könnte ich ihre Angst sehen, die sich dort eingenistet hat, während ich vermisst wurde.

Aber ich schaue weg. Ich will nicht, dass sie dieses neue Gesicht hat, ich will nicht immerzu gefragt werden, ich will nicht, dass sie mit ihrer Angst an mir klebt.

Ich will mein altes Leben zurück.

Können wir nicht wenigstens zu Hause so tun, als wäre nie etwas geschehen?

Also antworte ich ihr nicht, und daher kann sie mich nicht davon abhalten, in die abgewrackteste, schmutzigste und gefährlichste Ecke der Stadt zu fahren. Ich ignoriere die Jungs, die über den Bürgersteig schlendern und mir nachpfeifen. Ignoriere die räudige Katze, die mir um die Beine streicht. Schließe mein Rad ab und klingle unten an der Sprechanlage.

Es rauscht darin, bevor ich Tines Stimme höre: »Mama?«

»Nein, ich bin’s. Tante Messie.«

Wenn ich könnte, wäre ich ihre Mutter. Denn ich weiß, wie sehr sie sich wünscht, ihre Familie käme sie besuchen. Weil ich jedoch keine Wunder wirken kann, drücke ich die Tür auf, sobald der Summer ertönt, und renne die Stufen hinauf. Es sind vier Stockwerke, und ich poltere keuchend durch die offene Wohnungstür und falle Tine um den Hals.

»Da bist du ja.« Sie weint ein bisschen, wie immer, wenn sie mich sieht, weil ich sie an die dunkle Zeit erinnere. Vielleicht aber auch bloß, weil sie schwanger ist und ihre Hormone verrückt spielen. Vielleicht auch von beidem etwas.

»Messie.« Sie drückt mich so fest, dass mir fast die Luft wegbleibt.

»Wie geht’s?«, frage ich. »Euch beiden?«

Stolz tätschelt Tine ihren prallen Bauch. Es sieht so absurd aus, die hagere Tine mit diesem halben Volleyball von Babybauch. Er scheint einfach an ihrem Körper befestigt zu sein, wie eine Attrappe. Sie ist zwar erst im vierten oder fünften Monat, aber sie stöhnt beim Gehen, als wäre er groß wie ein Kürbis. Ich finde ja, dass sie ein wenig übertreibt, aber das würde ich ihr natürlich nie sagen.

»Alles bestens.« Sie ächzt, während sie in die Küche schlurft. »Setz dich. Du siehst aus, als brauchtest du was zu trinken.«

Draußen ist es schwül, aber hier in der Wohnung ist es sogar noch wärmer als draußen. Tine lüftet selten, weil sie so schnell friert. Auf dem Balkon sitzt Ronny, Bastians älterer Bruder, und raucht. Er winkt mir zu, kommt aber nicht rein. Tine erlaubt keinen Rauch in der Nähe ihrer empfindlichen Schwangerennase.

»Deine Eltern waren nicht da?« Ich bin immer so subtil.

»Nein«, seufzt sie.

»Ich werde meinen Vater bitten, noch mal mit ihnen zu reden. Das ist nicht in Ordnung.«

Tines Eltern sind bei uns in der Kirchengemeinde. Sie sind eifrige Gottesdienstbesucher und sehr streng, was ihre moralischen Vorstellungen betrifft. Natürlich haben sie gelitten, als Tine verschwunden war, aber ich glaube, sie waren nicht ganz zufrieden, als sie wieder aufgetaucht ist. Lebendig und schwanger. Vielleicht könnten sie besser damit umgehen, wenn ihre Tochter vergewaltigt worden wäre, denn dann könnten sie sie bedauern und zu trösten versuchen. Tine hat sich jedoch ganz freiwillig mit Finn eingelassen, der am Anfang so nett schien und sich am Ende als völlig abgedreht herausgestellt hat. Also ist sie – in den Augen mancher Leute – selbst schuld an allem.

Das haben ihre Eltern zwar nie direkt gesagt, aber es hat durchaus seine Gründe, warum Tine nicht nach Hause zurückgekehrt ist, sondern vom Krankenhaus hierher in diese Lottersiedlung, in der vor allem Ausländer wohnen und in der anständige Gottesdienstbesucher sich schlagartig unwohl fühlen.

Zum Glück haben sowohl Bastian als auch sein Bruder einen gewissen Ruf in der Gegend, und daher lassen die Gangs auch Bastis Freundin in Ruhe.

»Wenn die Kleine erst da ist«, Tine blinzelt eine Träne weg, »dann kommen sie bestimmt, um ihre Enkelin zu sehen.«

Ich nehme mir vor, nie im Leben schwanger zu werden, wenn man davon pausenlos heulen muss.

»Habt ihr euch denn jetzt auf einen Namen geeinigt?«, frage ich, um sie auf schöne Gedanken zu bringen. »Basti will sie nicht im Ernst Joy nennen, oder?«

Nur zur Erklärung: Basti ist nicht der Vater von Tines Kind. Er war bloß vorher schon, vor der Geschichte mit Finn, in sie verschossen. Basti gehörte zu Daniels Helfern und war dabei, als wir gerettet wurden. Ich vermute stark, er ist der Hauptgrund, warum ihre Eltern sich hier nicht blicken lassen.

»Was hast du gegen den Namen?« Schnaufend lässt Tine sich in einen Sessel fallen. Weil ich nicht sofort antworte, beginnt sie zu summen. Ob sie es selbst überhaupt merkt? Diesmal ist es eins der Lieder aus unserer Dunkelheit.

Ich wünschte, sie würde damit aufhören.

»Joy«, sage ich, um irgendetwas zu sagen, »das klingt nicht mal wie ein richtiger Name. Hör doch mal: Dschoi. Stell dir vor, man würde es Dscheu schreiben, mit eu. Dann würde garantiert niemand sein Kind so nennen.«

Tine lacht. Das ist gut, und ich bin unwillkürlich stolz darauf, sie zum Lachen gebracht zu haben.

»Sie bekommt viele Namen«, sagt sie. »Den meiner Mutter. Und den von Bastians Mutter. Und noch einen nur für sie allein.«

»Joy Ingrid Petra?«, rate ich.

Da lacht sie noch lauter. Ich habe keine Ahnung, wie der Name von Bastians Mutter lauten könnte, und obwohl ich eigentlich wissen sollte, wie Tines Mutter heißt, will es mir partout nicht einfallen.

»Joy Gerlinde Monika?«

»Lass dich überraschen.« Sie lächelt geheimnisvoll, und dann summt sie wieder.

Ich erinnere sie nicht daran, dass sie mir was zu trinken angeboten hat, sondern lehne mich einfach zurück und höre mir das Lied an. Falls ich gehofft habe, dass ich mich dadurch besser fühle, habe ich mich getäuscht.

»Was ist los, Miriam? Erzähl schon.«

Rosi war in der Umkleide dabei. Eine Freundin, die alles mit einem teilt, müsste doch reichen? Aber als ich es Tine erzähle, ist es noch ein Stück anders. Wir sind wie siamesische Zwillinge. Von ihr getrennt zu sein, fühlt sich an wie eine Amputation. Oder vielleicht ist der Schmerz, den ich fühle, auch die Trennung von Daniel. Ich weiß es nicht. Die Symptome sind alles, was ich habe, aber was mir fehlt, könnte ich nicht sagen. Unsere Matratze im Dunkeln und unsere Lieder und die Spiele und die Witze, mit deren Hilfe wir die Finsternis weggelacht haben.

Auf dem Balkon steht Ronny auf und lehnt sich über die Brüstung. Was er wohl darüber denkt, dass Bastian kurz entschlossen bei ihm eingezogen ist, dazu noch mit einer schwangeren und ziemlich pingeligen Freundin? Vorher waren die Kästen leer und Ronny hat sie als Aschenbecher benutzt. Jetzt wachsen dort Blumen. Ein kleines, rotes Plastikwindrad steckt zwischen rosa-weiß blühenden Geranien. Meistens, wenn ich hier bin, dreht es sich wie wild im Kreis. Heute nicht. Die Luft draußen steht.

Wie seltsam, dass alles zum Stillstand gekommen ist. Mein ganzes Leben. Als würden wir in einer Art Warteschleife festhängen. Ich muss die Dinge in Ordnung bringen, solange die Welt stillhält. In dieser Blase kann mir die Vergangenheit nichts anhaben und die Zukunft mich nicht schrecken. Bevor alles weitergeht, müssen drei Dinge stimmen: Erstens, ich muss Daniel wieder an meiner Seite haben. Zweitens, ich muss lernen zu schlafen. Drittens, meine Füße müssen den Boden berühren.

Das tun sie nämlich nicht, erstaunlicherweise. Ich schwebe. In der dickflüssigen Luft in meiner Sommerseifenblase gibt es keinen festen Grund.

Ich weiß, das hört sich verrückt an.

Tine ist die Einzige, die sich meine verrückten Gedanken nicht nur anhören, sondern sie sogar verstehen würde. Bei ihr muss ich gar nicht alles aussprechen, denn sie weiß, wie ich mich fühle. Wir haben dasselbe durchgemacht, das schmiedet zusammen. Trotzdem ist es seltsam, weil sie so ganz anders damit umgeht als ich. Ich kann nicht stillsitzen und renne pausenlos durch die Gegend, während ich das Gefühl habe, dass ich fliege und nicht anhalten kann und demnächst irgendwo dagegenknalle. Sie jedoch hockt hier in Ronnys und Bastians Wohnung und singt.

»Wenn er gehen will, musst du ihn gehen lassen«, sagt Tine streng.

»Du verstehst das nicht. Das ist nicht so einfach.«

»Doch«, sagt sie. »Denn das ist genau das, was ich mit Finn erlebt habe. Ich wollte weg, weil meine Gefühle sich geändert hatten, und er wollte mich nicht lassen. Du darfst dich nicht an ihm festklammern. Lass ihn los, Messie.«

»Aber Daniels Gefühle haben sich nicht geändert«, protestiere ich. »Das ist der Unterschied, verstehst du nicht? Er liebt mich. Er glaubt leider, dass ich in Tom verliebt bin, aber das bin ich gar nicht. Ich will Daniel und er will mich, wenn er es nur zugeben würde. Es ist nicht aus!«

»Genauso hat Finn auch immer gesprochen. Dass es nicht aus sein kann, weil wir füreinander bestimmt sind. Er und ich, bis in alle Ewigkeit. Wenn ich mir nicht sicher war, dann hat er für mich mit geglaubt, dass ich ihn liebe.«

»Ich bin nicht wie Finn!«

Vielleicht habe ich Joy Regine Anita erschreckt, denn Tine verzieht das Gesicht und tätschelt ihren Bauch.

»Dann muss ich jetzt los«, sage ich.

Sie nickt. Tine brauche ich nicht zu erklären, dass ich nicht stillhalten kann. Sie summt ihr Lied, und ich springe auf und renne aus der Wohnung, renne fast Basti über den Haufen, der gerade die Stufen hochsteigt.

»He, wohin so schnell?«, ruft er mir verdutzt nach.

»Bin spät dran. Bis zum nächsten Mal!«

Ich bin nicht wie Finn. Das ist absurd. Mit Daniel und mir, das ist etwas anderes. Er liebt mich. Er liebt mich immer noch. Ich kann es fühlen, tief in meinem Herzen.

Es wird wieder in Ordnung kommen, dafür sorge ich.

»Gute Nacht, Miriam«, sagt meine Mutter.

Jeden Abend sitzt sie an meiner Bettkante und betet mit mir, wie früher, als ich klein war.

Sie ist mitten im Satz, als Silas den Kopf zur Tür reinsteckt und ruft: »Schlaf gut!«

Dann kommt er auf bloßen Füßen, schon in seinem Spiderman-Schlafanzug, angewuselt und drückt mich, wobei ich ihn nicht küssen darf, wie ich sehr gut weiß. Silas ist zehn und achtet genau darauf, dass ihn ja niemand küsst.

»Träum was Schönes!«, wünscht er mir.

»Du auch«, sage ich und zause ihm einmal durchs Haar.

Zufrieden flitzt er wieder davon, und ich höre, wie er Tabitas Zimmertür aufreißt und schreit: »Schlaf gut! Träum was Schönes!«, und wie sie zurückschreit: »Kannst du nicht anklopfen, du Doofmann?!«

Meine Mutter wartet ein Weilchen, bis alles wieder ruhig ist, dann seufzt sie und sagt: »Jetzt habe ich den Faden verloren. Na, auch egal. Jedenfalls danke für alles, amen.«

Ich bete nicht, das überlasse ich ihr. Und wie immer kann ich nicht ertragen, dass sie Gott dankt.

Das ist auch verrückt, oder? Im Bunker habe ich gebetet und gesungen und Gottes Nähe gespürt. Dann hat er uns gerettet. Tine und ich sind nach Hause gekommen. Müsste ich jetzt nicht froh und dankbar sein und allen erzählen, wie gut Gott ist? Mein Vater erzählt so gerne Geschichten von Leuten, die Gott gerettet hat. Das sind seine Lieblingsgeschichten. Wie jemand in Lebensgefahr geraten ist und auf wundersame Weise alles zum Guten gewendet wurde. Christen, die in muslimischen oder atheistischen Ländern verfolgt werden, sich verstecken müssen und bewahrt werden. Unfälle, die beinahe passieren oder auch total übel verlaufen – und jemand überlebt ganz knapp. Oder Heilungen, über die die Ärzte nur verwirrt den Kopf schütteln können.

Also, wenn das, was Tine und mir passiert ist, kein Wunder ist, was dann? Meine Zweifel müssten wie weggeblasen sein. Warum springe ich nicht durch die Gegend und preise Gott?

Weil mein Glaube plötzlich wie tot ist. Komisch, nicht? Ich senke den Kopf, wenn meine Eltern beten. Oder wenn Leute aus der Gemeinde auf mich zustürzen und mir die Hand auf die Schulter legen und mit bewegter Stimme aufrufen: »Gott tut heute noch Wunder!«

Ich widerspreche nicht, aber ich selbst kann das nicht fühlen. In meiner Seifenblase gibt es keinen Gott. Stattdessen denke ich so ketzerische Gedanken wie: Wenn Gott so ein großes Wunder tun kann und dafür gesorgt hat, dass wir gerettet worden sind – warum hat er dann nicht gleich verhindert, dass das Ganze passiert ist? Finn ist doch überzeugter Christ. Konnte der Heilige Geist ihm nicht etwas deutlicher mitteilen, dass es eine ganz schlechte Idee ist, ein Mädchen zu entführen? Und einem zweiten brutal auf den Kopf zu hauen?

Dann wäre Michael nicht gestorben. Wie kann ich glücklich weiterleben, obwohl jemand für mein Wunder sterben musste?

»Miriam?«, fragt meine Mutter und streicht mir das Haar aus der Stirn.

Auf einmal wünsche ich mir schrecklich, ich könnte jemand anders sein. Nicht Miriam. Nicht Messie. Sondern eine Fremde, der das alles nicht passiert ist. Die nicht mit Tine in der Dunkelheit gefangen war. Ein fremdes Mädchen, das keine anderen Sorgen hat als die, ob ihr Lieblingsnagellack eingetrocknet ist. Ich sehne mich so sehr danach, diese Fremde zu sein, dass ich fast keine Luft mehr bekomme.

Diese Fremde wäre immer gut gelaunt und ihr Freund würde sie nie verlassen, weil es nie, nie eine andere für ihn gibt.

»Miriam«, sagt meine Mutter nochmal.

»Ja?«

Sie will mir etwas sagen und bringt es nicht über die Lippen, und da frage ich mich, ob vielleicht auch meine Mutter lieber jemand anders wäre. Eine Frau, deren Tochter nicht verschwunden war.

»Hab dich lieb«, flüstert sie endlich, gibt mir einen Kuss auf die Wange und geht zur Tür. »Soll ich das Licht ...?«

»Lass es brennen, bitte«, sage ich wie jeden Abend.

Eine Weile beobachte ich den gelblichen Kegel oben an der Decke. Die buntgemusterten Vorhänge und die Fotos an der Wand, meine Poster und den Ast, an dem meine Halsketten hängen. Alles ist, wie es sein sollte, so wie immer.

Der Wecker hakt eine Minute nach der anderen ab.

Ich kann nicht schlafen, weil ich die Augen nicht zumachen will. Wenn ich sie schließe, könnte das Zimmer verschwinden und sich in einen dunklen Bunkerraum verwandeln. Aus meinem Bett würde eine muffige Matratze, und neben mir liegt Tine und kuschelt sich an mich, während ich auf das leise Tropfen horche, das aus einer der Ecken kommt.

Ich kann nicht schlafen.

Wie jede Nacht seit meiner Rückkehr stehe ich schließlich auf und tappe rüber zu Tabitas Zimmer. Sie hat ihre Nachttischleuchte angelassen, damit ich den Weg finde, und sie beschwert sich nie, dass es ihr zu hell ist. Verschlafen murmelt sie etwas, als ich die Decke anhebe und zu ihr ins Bett krieche.

»Morgen besuche ich Daniel«, sage ich.

»Mmmh.«

»Ich hab seinen Hausschlüssel.«

»Ist gut«, grummelt sie.

Ihr Körper strahlt eine beruhigende Wärme aus. Wenn das Zimmer verschwindet und die kalten, feuchten Wände des Bunkers zurückkommen, bin ich nicht allein.

 

Manchmal denke ich über den Tod nach.

Seltsamerweise stelle ich mir nie vor, dass er dunkel ist. Dunkel ist es hier, dunkel sind die Nächte, und es ist auch dunkel in mir. Manchmal komme ich mir vor, als wäre ich blind, und alles um mich herum ist schwarz. Ich taste mich durch diese Schwärze. Jeder einzelne Tag kommt mir vor wie ein Hindernislauf. Überall sind Stolperfallen. Netze. Fallstricke. Abgründe. Ein falsches Wort, ein falscher Blick, und ich würde abstürzen.

Und dann denke ich: Angenommen, ich lasse es zu. Ich lasse mich fallen.

Würde es nicht hell sein?

Würde Gott nicht seine Arme ausbreiten und ich wäre da, bei ihm?

Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist da nichts auf der anderen Seite. Kein Licht. Aber auch kein Kummer, keine Tränen, keine Erinnerungen.

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