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Franziska Dalinger

Narzissen und Chilipralinen

Roman

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Zu diesem Buch

Narzissen und Chilipralinen ist der zweite Band einer Buchserie über Miriam Weynard alias Messie.

Zum ersten Band, Vollmilchschokolade und Todesrosen:

Miriam mag Schokolade, geht in die zehnte Klasse und besucht den Jugendkreis „Life and Hope“. Allerdings mehr aus Pflichtgefühl, schließlich ist ihr Vater der Pastor. Sie liebt Rosen und schreibt heimlich Gedichte. Vor allem aber ist sie glücklich, dass sie nicht mehr „unsichtbar“ ist, seit sie zu Mandys Clique gehört. Hier ist sie Messie, die schlagfertige Schauspielerin mit den schrägen Einfällen.

Aber nicht alles, was in der Clique läuft, passt zu dem, was sie bisher richtig fand. Als sie den sympathischen Daniel trifft, wird ihr das immer klarer. Dann geschehen Dinge, die ihre Welt ganz aus den Fugen geraten lassen. Und was als Scherz begonnen hat, wird zur tödlichen Gefahr.

Zum zweiten Band, Narzissen und Chilipralinen:

Miriam und Daniel sind zusammen. Wenn das kein Grund ist, glücklich zu sein! Doch was tun, wenn dem Freund ganz andere Dinge wichtig sind als einem selbst? Dazu steht der Jugendkreis „Life and Hope“ vor seiner Zerreißprobe. Kann es wirklich gut gehen, wenn Bastian und seine Gang dazustoßen?

Da verschwindet plötzlich Tine spurlos – und damit nimmt eine dramatische und verhängnisvolle Geschichte ihren Verlauf, an deren Ende nichts mehr ist, wie es war.

Leserstimmen zu den ersten Bänden

„Mit Tempo und Witz hat mich Franziska Dalinger überzeugt!“

„Eine spannende Geschichte, die wirklich unter die Haut geht.“

„Habe es gerade fertig gelesen und möchte es am liebsten gleich nochmal lesen.“

„Es hat mich richtig gefesselt!“

„So spannend, dass ich es fast am Stück durchgelesen habe.“

„Lesen lohnt sich auf jeden Fall!“

„Das Ganze ist gekoppelt mit Witz, Spannung und einer Portion Liebe – ich bin aus dem Lesen gar nicht mehr herausgekommen.“

„Das Buch ist einfach total spitze!“

„Schon allein der Titel macht den Leser neugierig, was dieses Buch wohl beinhalten mag.“

„Ein super tolles Buch!“

„Wunderschön geschrieben.“

Über die Autorin

Franziska Dalinger liebt orientalische Geschichten und kocht gerne scharf. Sie hat eine Schwäche für Eulen, ihren japanischen Kuchenbaum und Wanderungen durchs Moor. Die besten Einfälle für ihre Romane bläst ihr der Wind ins Gesicht, Musik hören hilft allerdings auch.

Spannung und Romantik sind in ihren Geschichten garantiert.

Impressum

Dieses Buch in gedruckter Form:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Lektorat: Dr. Thomas Baumann

© 2012 Neufeld Verlag Schwarzenfeld

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,

www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch

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Inhalt

Zu diesem Buch

Leserstimmen zu den ersten Bänden

Über die Autorin

Impressum

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

Überraschungspralinen – das Rezept

Über den Verlag

Für Melanie

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1.

Ich bin heute mal ausnahmsweise dreißig. Jedenfalls soll man das glauben. Mandy meint, ja, für Ende zwanzig würde ich schon durchgehen. Oder Mitte zwanzig. Ist ja auch egal. Hauptsache, man nimmt mir ab, dass ich als Talentsucherin in einer Model-Agentur arbeite, Yvonne Holzer heiße und weiß, was ich da tue.

Dafür muss man nicht besonders schön sein, sondern sich bloß erwachsen geben, eine affige Pelzjacke tragen und ein Klemmbrett mit sich herumschleppen. Das Vorzeige-Model an meiner Seite lächelt verführerisch. Komisch, ich hätte gedacht, dass jeder in dieser Stadt Mandy kennt, aber offenbar ist dem nicht so. Mandy hat an unserer Schule sozusagen Promistatus, hier in der Fußgängerzone kommt sie ziemlich glaubhaft als echter Star rüber.

»Darf ich mich vorstellen?« Ich drücke dem jungen Mann, der gerade aus dem Kaufhaus schlendert und seinen Kragen hochzieht, meine Visitenkarte in die Hand. »Von der Agentur Miller und Johannsson. Sie sind genau das Gesicht, nach dem wir für unseren Kunden Ausschau halten. Für unsere nächste Kampagne.«

Der Typ zwinkert und starrt mich an. Die letzten drei, bei denen ich es versucht habe, sind kopfschüttelnd weggegangen. Aber dieser hier ist interessiert, das merke ich sofort. Seine stoppeligen Wangen röten sich vor Aufregung. »Echt?«

Nein, du Penner, natürlich nicht. Nichts hiervon ist echt. Außer deinem Wunsch, reich und berühmt zu sein und am besten sofort.

»Natürlich. Wir kommen von einer seriösen Agentur, wir machen nie Scherze«, sage ich und rücke meine Brille zurecht, während Mandy sich das Lachen verbeißt und ihre neue Digi-Cam hervorholt, ein riesiges Teil, das ziemlich professionell aussieht.

Unser Opfer ist lang und dünn und irgendwie noch nicht ganz ausgewachsen. Er hat blutige Stellen im Gesicht, wo er sich beim Rasieren geschnitten oder seine Pickel aufgekratzt hat oder was weiß ich. Handschuhe trägt er keine, die trockenen Hände sind rissig. Seine Finger zittern vor Aufregung, während er die Visitenkarte betrachtet. Die kann man sich einfach so am heimischen Drucker basteln, mein Lieber. Trau nie einer Visitenkarte.

Oh Mann, ich fühle mich böse. Diesem armen Kerl hat wahrscheinlich noch nie im Leben jemand gesagt, dass er ein schönes Gesicht hat. Es gibt auch keinen Grund, warum irgendjemand dermaßen lügen sollte.

Ich streiche mir die platinblonden Strähnen meiner Perücke aus der Stirn. Meine Kopfhaut darunter beginnt zu jucken, aber ich bringe ein aufmunterndes Grinsen zustande. »Wenn Sie dort bis zum Brunnen laufen würden? Und wieder zurück. Wir nehmen das auf, damit wir etwas haben, was wir unserem Kunden zeigen können.«

»Äh ... jetzt?«, fragt er, total verunsichert. Eigentlich ist er ganz süß. So verlegen, dass es schon fast niedlich ist.

»Klar, jetzt«, sagt Mandy streng. »Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit. Wir brauchen noch ein paar Gesichter für den Shampoo-Spot.«

Der Typ hält seine schiefen Zähne in die Kamera, lächelt blöde und stolziert los. Nach zwei Metern fällt ihm wohl ein, dass er ohne Mütze besser aussehen könnte, denn er reißt sich die Strickhaube von den strähnigen Haaren. (Das bringt’s allerdings auch nicht, sorry!) Mandy filmt ihn, wie er bis zum Brunnen wackelt, mit einem Gang, den er wohl für den eines coolen, männlichen Models hält, und wieder zurückkommt. Ein paar Passanten sind auf uns aufmerksam geworden und tuscheln. Jetzt bloß nicht lachen.

»Wie war das?«, fragt Mr. Zu-blöd-um-wahr-zu-sein. Er lächelt, er ist aufgeregt, die Mütze dreht er in seinen Händen hin und her, kann sich nicht entschließen, sie wieder aufzusetzen.

»Perfekt«, sage ich gnädig. »Allerdings ... die Konkurrenz ist groß, das ist Ihnen doch bewusst?«

»Der Herr, den wir hier vor einer Stunde hatten, hat mir doch irgendwie besser gefallen«, sagt Mandy. Sie wird ungeduldig und will ihn loswerden, das merke ich.

Ich lächele entschuldigend. »Das will noch gar nichts heißen. Und letztendlich entscheidet der Geschmack des Kunden, nicht wahr? Wenn Sie mir noch Ihren Namen und wie wir Sie erreichen ... ja, danke.«

Patrick, so heißt er, wirft uns noch einen Blick über die Schulter zu und schwebt beflügelt von dannen.

»Dem haben wir den Tag gerettet, schätze ich«, meint Mandy. »Was meinst du, die kleine Dicke da vorne? Für die nächste Übergrößen-Kampagne?« Sie prustet los.

»Die wird uns das nie im Leben abnehmen«, sage ich. Meine Nasenspitze ist rot von der Kälte und meine Augen tränen, aber wir trauen uns nicht, diese Aktion in der überdachten Passage durchzuführen. Am Ende ruft noch eine Verkäuferin die Polizei, und das können wir gar nicht gebrauchen. Schließlich sind wir bei denen kein unbeschriebenes Blatt.

»Oh doch, wird sie. Die wartet nur darauf, dass eine Model-Agentur auf sie zukommt und ihr sagt, dass sie die schönste kleine Dicke ist, die die Welt je gesehen hat.«

»Ich glaube, mir reicht es im Moment. Mir ist kalt und ich hab Hunger.«

Mandy nickt. »Ein Salat?«

»Leute aus einer Model-Agentur essen ganz bestimmt keinen Salat«, widerspreche ich. »Und wenn, dann einen richtig fetten mit Mayo und Schinken. Auf keinen Fall wollen sie mit den Models verwechselt werden, die sich durch die Türritzen und Schlüssellöcher quetschen.«

Mandy denkt darüber nach. »Da könnte was dran sein. Also ein Sandwich oder so was?«

Damit erkläre ich mich gnädigerweise einverstanden. Wir bestellen uns ein dick belegtes Baguette mit Soße und Tomaten und allem, was zwischen zwei Brothälften passt, und beobachten die Leute. Wer würde auf solche wie uns reinfallen? Wir machen das noch nicht lange genug, um es mit Gewissheit zu sagen, aber mittlerweile können wir es immer besser abschätzen. Jeder dritte oder vierte, den wir ansprechen, reagiert erfreut, so, als hätte er das große Los gezogen. Alle diese Leute werden zu Hause davon schwärmen, dass sie bald groß rauskommen.

»Wer weiß, vielleicht traut sich ja dieser Patrick von vorhin endlich mal, seine hübsche Nachbarin anzusprechen«, denke ich laut.

»Er hat eine hübsche Nachbarin?«

»Klar«, spinne ich weiter. »Hat die nicht jeder? Er ist seit fünf Jahren in die verknallt. Aber jetzt – als Model! Jetzt endlich wird er sich an sie ranschmeißen.«

Mandy verschluckt sich fast vor Lachen. »Oh Gott, Messie. Deine Fantasie möchte ich haben.«

Zugegeben, das Ganze war meine Idee. Da Mandy schnell langweilig wird – und ich ständig insgeheim die Befürchtung habe, ich könnte ihr zu langweilig werden –, musste ich mir unbedingt etwas einfallen lassen, um unsere Freundschaft zu retten. Es durfte natürlich nichts Kriminelles sein. Wir haben beide gelernt, dass Erpressung ein recht gefährlicher Zeitvertreib sein kann. Ich jedenfalls will nie wieder in irgendetwas Illegales verwickelt werden. Was wir hier abziehen, ist wohl nicht besonders brav, aber es gibt kein Gesetz dagegen, sich auf zehn Jahre älter zu schminken, mütterliche Klamotten auszuleihen (die von Mandys Mutter natürlich, meine hat nichts im Kleiderschrank, was auch nur annähernd schick genug wäre, um als Model-Scout durchzugehen), und in der Fußgängerzone Leute zu verschaukeln.

»Der hätte uns auch hundert Euro bezahlt, damit wir seinen Namen in unsere Kartei aufnehmen, wetten? Wer wäre nicht gerne bei Miller und Johannsson in der Kartei? Das Sprungbrett für Ihre Karriere!«

Ich werfe Mandy einen Blick zu. So einen Nimm-dich-in-Acht-Blick. Sie versteht sofort.

»Ich meine ja nur.«

»Das wäre Betrug«, sage ich. »So ist es bloß Spaß. Ich dachte, wir wären uns da einig, dass wir den Leuten kein Geld abknöpfen.«

»Ja, ist ja schon gut. Krieg dich wieder ein.« Sie grinst. »Aber diese eine Schwarzhaarige, am Anfang, dass die sogar ihre Jacke ausgezogen und mir zum Halten gegeben hat, mit Portemonnaie drin und allem! Was hätte die wohl gemacht, wenn wir einfach damit abgehauen wären? Die ersten paar Meter bis zum Brunnen hat sie sich kein einziges Mal umgeschaut.«

Kaum zu fassen, wie leichtgläubig manche Menschen sind. Wie vertrauensselig.

»So was machen wir aber nicht«, sage ich streng, denn Mandy hätte nicht das moralische Problem, mal das eine oder andere mitgehen zu lassen.

Früher hätte ich mich nie getraut, so mit ihr zu reden. Ihr klipp und klar meine Meinung zu sagen. Ich hatte solche Angst, dass sie dann nichts mehr mit mir zu tun haben will. Aber mittlerweile hat unsere Freundschaft schon so einiges überstanden, und ich trau mich immer mehr. Dass ich trotzdem immer noch Angst habe, sie könnte mit interessanteren Leuten rumhängen ... tja, so bin ich nun mal. Ich fühle mich eigentlich nie sicher. Nie so, als könnte ich mich zurücklehnen und alles läuft von selbst. Das ist wie in der Schule – alle paar Wochen kommt die nächste Arbeit, der nächste Test, und dann nützt es einem nichts, dass man im letzten eine Zwei hatte. Kann sein, dass ich da ein wenig verkrampft bin. Sorry, aber wer kann mir denn eine Garantie dafür geben, dass man das, was man bekommen hat, auch behält? Keiner. Eben. Gerade noch hat man eine total angesagte Freundin und dann wird man links liegengelassen. Oder einen supersüßen Freund, und dann sieht er sich anderweitig um. Kann alles passieren in einer Welt, in der es Erdbeben gibt und Vulkanausbrüche und Tsunamis.

»Und was macht Daniel so?«, fragt Mandy. Manchmal ist es mir fast unheimlich, wie sie meine Gedanken erraten kann.

»Daniel?« Ich blicke von meinem Sandwich auf und wische mir geziert ein Soßetröpfchen aus dem Mundwinkel. »Doch nicht etwa dieser blonde Schüler vom Gymnasium? Dieser unheimlich süße Typ, der immerzu Gitarre spielt? Den kannst du doch nicht meinen. Der ist viel zu jung für mich. Immerhin bin ich mindestens dreißig. Gott, der ist ja noch ein Kind!«

Mandy sieht wehmütig einem Tomatenscheibchen hinterher, das aus ihrem Baguette rutscht und auf dem Boden landet.

»Genau den«, sagt sie. »Der dir ständig Liebeslieder dichtet und Schokolade schenkt. Den Traumboy, den ausgerechnet du dir geangelt hast.«

In gewisser Weise habe ich ihn mir tatsächlich geangelt, denn unsere schönsten Momente hatten wir am Fluss. Abgesehen davon, dass wir uns von früher kennen, als er mir im Kindergottesdienst Kaugummi in die Haare geschmiert hat. Das habe ich Mandy nie erzählt. Sie weiß bloß, dass ich ihn vor dem Ertrinken gerettet und mir einen Kampf auf Leben und Tod mit Steffi, unserer früheren Freundin, geliefert habe. An jene Nacht denke ich gar nicht gerne. Aber in der Tat, irgendwie habe ich mir Daniel aus dem Wasser geangelt, und seitdem sind wir zusammen.

Wenn ich nicht gerade in der City wildfremde Leute anlüge.

»Der ist unterwegs«, sage ich. »Mit der Familie. Irgendwas wegen seiner Schwester. Er klang ziemlich alarmiert.«

»Familie wird überbewertet«, findet Mandy, die ein Einzelkind ist und ihre Eltern kaum sieht. Wenn sie ein Leben führen müsste wie ich – mit einem schrecklich netten Papa, der einem ständig den Kopf tätschelt, einer Mutter, die sich pausenlos um die Gesundheit ihrer Kinder sorgt, mit einer Schwester wie Tabita, die alles besser weiß, und einer Nervensäge wie Silas, der nie auch nur eine Sekunde die Klappe halten kann – dann wäre sie längst durchgedreht, wetten? Was nur beweist, was für gute Nerven ich habe.

Die werde ich jetzt auch brauchen. Es geht weiter. Mandy ist fertig mit essen, ein entschlossener Ausdruck tritt in ihr Gesicht.

»Jetzt finden wir das Supermodel«, verkündet sie.

Das schönste Mädchen in dieser Stadt ist garantiert sie selber. Ich glaube, das weiß sie auch. Sie braucht gar nicht so bescheiden zu tun. Mandy ist nicht nur mit einer blonden Mähne und einer perfekten Figur gesegnet, sondern auch mit einem umwerfend hübschen Gesicht. Trotzdem hat sie keinen Freund – oder genau deswegen, weil sich nämlich niemand an sie herantraut. Und ich, mindestens zehn Zentimeter kleiner als sie und mit meinen schulterlangen dunkelblonden Haaren, die dazu neigen, strähnig auszusehen, mit meiner etwas zu knubbeligen Nase und meinen X-Beinen, ich habe einen. Daniel sagt, ich soll nicht so kritisch sein, ich würde toll aussehen. Nun ja, wenn er meint. Manchmal glaube ich ihm sogar, schließlich war er schon in mich verliebt, bevor ich ihn gerettet habe. Aber wie dem auch sei – hin und wieder finde ich das Leben unerwartet gerecht. Dann macht es Spaß, ich zu sein.

»Die da.« Mandy lenkt meine Aufmerksamkeit auf eine Gruppe kichernder Teenager. Sie sind in viel zu dünnen Jacken unterwegs, ohne Mützen oder Schals, was darauf schließen lässt, dass sie sich für zu schön halten, um sich vor der Kälte zu verstecken.

»Welche?« Keins der Mädchen sieht auch nur annähernd wie ein Supermodel aus.

Mandy ist schon unterwegs und packt die Kamera aus. »Entschuldigung«, sagt sie, »aber du hast doch bestimmt schon mal als Model gearbeitet?«

Das Mädchen, das sie sich aus der Gruppe herausgepickt hat, hat eine recht große Ähnlichkeit mit Tine, der oberfrommen Ziege aus meiner Jugendgruppe. Sie ist sehr dünn und hat ein Gesicht, das entfernt an ein Schaf erinnert. Biestig irgendwie. Jemand, der bestimmt über alles und jeden meckert. Die anderen haben alle Tüten in den Händen, aber sie nicht. Natürlich, sie gehört zu denen, die an allem etwas auszusetzen haben, am Schluss einfach irgendwas kaufen, damit sie nicht mit leeren Händen dastehen, und sich noch wochenlang darüber ärgern.

Hm. Passiert mir auch manchmal.

»He, Leonie, die meint dich!« Die anderen Mädels lachen und kreischen. Ich gehe hoheitsvoll dazwischen und zücke meine Visitenkarte.

»Ich?«, fragt das Schaf. Sie ist skeptisch, sie traut der Sache nicht. Aber ihre Freundinnen sind vollauf begeistert. Jede von ihnen möchte unbedingt in unsere Kartei. Fotografiert werden, gefilmt. Sie fangen an, Grimassen zu schneiden, mit den Augen zu klimpern, mit dem Hintern zu wackeln. Nur Leonie steht mittendrin und ist völlig durcheinander. »Ich?«, fragt sie bestimmt schon das zehnte Mal.

»Ja, du«, sagt Mandy, und da ich plötzlich gehemmt bin und den Mund nicht aufkriege, erteilt sie Anweisungen und lässt die arme Leonie auf und ab marschieren, wobei die Freundinnen ihre Jacke halten und neidisch zusehen. Ob sie es wohl später an ihr auslassen werden? Auf einmal ist mir ganz komisch zumute.

Das Mädchen geht bis zum Brunnen, während ihr die anderen gute Ratschläge zukreischen. Dann kommt sie zurück. Man merkt ihr nicht an, dass sie friert. Ihr Gang wird selbstbewusster. Sie umschifft die glatte Stelle, an der schon zwei unserer Kandidaten ins Rutschen gekommen sind, ohne Probleme. Ein winziges Lächeln glänzt in ihren Augen auf, das ihre Lippen nicht erreicht. Sie bleibt ernst, und ich ertappe mich dabei, dass ich sie anstarre. Auf einmal kann ich sie mir tatsächlich auf dem Laufsteg vorstellen. Oder auf dem Cover einer Zeitschrift. Sie hat etwas, finde ich, etwas Melancholisches, das irgendwie sexy ist, und in meinem Bauch ist ein komisches Grummeln, das mich wünschen lässt, das ganze Theater zu beenden und zu verschwinden.

»Mandy? Was macht ihr denn hier?«

Mandy lässt die Kamera sinken. »Basti?«

Bastian ist eine Art Kumpel von uns. Er war in die durchgeknallte Steffi verliebt und hat ihretwegen beinahe Daniel umgebracht, und von allen verrückten Dingen, die im vergangenen Herbst passiert sind, ist das vielleicht das Verrückteste: als Bastian mit Daniel ein Krankenhauszimmer geteilt hat, war er so schwer beeindruckt davon, dass Daniel ihn wie einen Freund behandelt hat, dass er nun auf dem besten Weg ist, auch Christ zu werden. Er kommt sogar jeden Donnerstagabend zum Life and Hope, unserer Jugendgruppe, und fragt Michael, unseren Jugendleiter, Löcher in den Bauch. Über Gott und Jesus, übers Beten und die Bibel. Seitdem dieser Schlägertyp-mit-Goldkettchen dort hingeht, versuche ich auch, keine einzige Stunde zu verpassen, denn irgendwie ist die Gruppe nicht wiederzuerkennen. Bastian mit all seinen Fragen wirft jede fromme Diskussion über den Haufen. Er zwingt alle zur Ehrlichkeit. Manchmal ist mir fast, als würde ich die Welt durch seine Augen betrachten, wenn er da ist, und wieder lernen, wie ein Kind zu staunen.

»Was macht ihr hier?«, fragt er noch mal. Er starrt auf die kichernden Mädels, auf Leonie, die verwirrt stehenbleibt, und dann bleibt sein Blick an mir hängen.

»Yvonne Holzer«, sage ich forsch und halte ihm eine Visitenkarte vor die Nase. »Ihr Gesicht würde wunderbar in unsere nächste Kampagne passen. Wenn Sie für unsere Kamera kurz bis zum Brunnen und zurück laufen würden, dann nehmen wir Sie in unsere Kartei auf.«

Bastian starrt und starrt. »Nee, das ist sie aber nicht, oder?«, fragt er schließlich an Mandy gewandt. »Oder?«

»Das ist Frau Holzer, von Miller und Johannsson«, sagt Mandy, aber ihr Grinsen verrät sie. Fast. Ich denke: Jetzt schnallt er es ... aber er schnallt es nicht.

»Bei denen bin ich auch unter Vertrag«, spinnt Mandy weiter. »Na los, bis zum Brunnen. Streng dich mal ein bisschen an, damit Frau Holzer merkt, dass du was drauf hast.«

Leonie springt zur Seite, als er losmarschiert. Für sie ist er natürlich bloß ein Kerl mit breiten Schultern und einem gefährlichen Gesicht. Er versucht nicht mal, wie ein Model zu gehen, wofür ich ihm dankbar bin. Stattdessen breitet er die Arme aus und dreht sich ein paar Mal. Seine Kumpels liegen vor Lachen fast auf dem Boden.

»Und?«, fragt er begierig. »Wie war das?«

»Unnachahmlich«, sage ich ernst und kritzele etwas auf mein Klemmbrett.

»He, und was ist mit Leonie?«, fragt eine von Leonies Freundinnen, aber Mandy beachtet sie gar nicht.

»Nun, Frau Holzer«, fragt sie mich todernst, »wie fanden Sie das?«

»Kaum zu glauben. Der vielversprechendste Kandidat seit langem. Dieses Gesicht ... diese Frisur ...« Ich kann nicht mehr an mich halten und pruste los.

»Sie ist es ja doch!«, schreit Basti und drückt mich an seine Brust. »Meine Messie! Haha!«

Man muss ja zugeben, dass Bastian irgendwie ein bisschen bedrohlich aussieht. Die Haare streichholzkurz, breite Schultern, wiegender Gang, Marke »Ich hau dich kurz und klein«. Zerrissene Jeans, Goldkettchen, Tattoo. Wenn er jetzt jeden Donnerstag aus voller Kehle »Das Höchste meines Lebens ist: dich kennen, Herr« schmettert, so laut und falsch, wie es nur Basti kann, ist das ein ziemlicher Kontrast. Aber sein Lachen! Wenn mir jemand prophezeit hätte, ich würde jemanden kennenlernen, der lauter lacht als mein Vater niest, ich hätte ihm nicht geglaubt.

Die Leute drehen sich zu uns um.

»Messie?« Er reißt mir die Perücke vom Kopf. »Ich fasse es nicht! Ich hätte dich nie erkannt. Du siehst aus, als wärst du dreißig oder so!«

Leonies Clique ist jetzt endgültig klar, dass sie Betrügern aufgesessen sind. Schimpfend verziehen sie sich. Leonies kleines Lächeln verschwindet so schnell, wie es aufgetaucht ist, aber nicht einmal ihre Clique wagt es, mit geballten Fäusten auf uns loszugehen, während Bastian und seine Kumpels bei uns stehen, die Daumen in den Gürtelschlaufen ihrer Jeans, eine Pose, die sie bestimmt aus irgendwelchen drittklassigen Movies haben. Zwei von ihnen, genannt »die beiden Nicks«, sind wahre Schränke, mit denen man sich lieber nicht anlegt.

»Sie ist gut, was?«, fragt Mandy.

Das schätze ich so an ihr. Obwohl sie so toll aussieht und beliebt ist und jeden um den Finger wickeln kann, teilt sie auch mal Komplimente aus. Ganz ohne neidisch zu sein.

Bastian sieht sich um. »Ist Daniel hier? Ich hab heute in der Bibel was gelesen, und da wollte ich ihn mal was dazu fragen.«

Es ist ihm überhaupt nicht peinlich, dass seine eigenen Jünger das mitkriegen. Niklas und Dominik, die beiden Riesen, können vermutlich nicht mal lesen. Alf, klein, dunkelhaarig, sieht irgendwie asiatisch aus, ist dagegen recht pfiffig. Dem würde ich zutrauen, dass er heimlich unter der Bettdecke die Offenbarung des Johannes durchackert. Er zwinkert mir zu – der will doch nicht etwa flirten? Philipp schweigt, wie immer. Jackson grinst unverschämt. Aber sie alle sind Bastis treue Untertanen und zockeln immer hinter ihm her, egal, was er tut. Vermutlich würden sie sogar eine christliche Jugendgruppe oder einen Gottesdienst besuchen, wenn er es ihnen befiehlt. Himmel, denke ich auf einmal, was tun wir bloß, wenn er wirklich irgendwann auf die Idee kommt, diese ganzen Jungs in die Kirche mitzuschleppen?

»Nein, er ist nicht hier. Frag mich doch.« Ich bin mit der Bibel großgeworden, mit Gottesdiensten und theologischen Debatten am Küchentisch. Das passiert halt, wenn man einen Pastor zum Vater hat. Bibelsprech ist meine zweite Muttersprache. Nur der Glaube, der kommt nicht automatisch, wie ich in den letzten Jahren festgestellt habe. Den kann nicht einmal der glühendste Prediger seinen Kindern vererben. Mein Glaube ist ein bisschen wie eine Blüte, die manchmal, im Sonnenschein, aufgeht und sich dann ganz rasch wieder schließt, wenn jemand sie berührt. Manchmal blüht sie aber auch in der Nacht und macht bei Tageslicht dicht. Mein Glaube ist unberechenbar und bockig und lässt mich immer wieder völlig im Stich.

»Du, mit der Hochzeit zu Kana ...«, fängt Basti an, aber Mandy unterbricht ihn sofort. Mandy kann Bibelgespräche nicht ertragen, warum auch immer. Dabei hör ich mir auch geduldig ihren ganzen verquasten Horoskopquatsch an.

»Mann, könnt ihr das nicht später besprechen?«, geht sie dazwischen. »Wir wollten hier noch ein bisschen Spaß haben.«

Aber ich bin jetzt aus meiner Rolle raus. Was, wenn Bastian Daniel hiervon erzählt? Es ist harmlos. Es ist witzig. Aber trotzdem will ich nicht, dass Daniel davon erfährt, dass ich mich als Yvonne Holzer verkleidet in den Klamotten von Mandys Mutter auf die Straße traue.

»Boah, wenn er dich so sehen könnte«, meint Basti. »Dem würden glatt die Augen rausfallen.«

Ich hab mein Kostüm ein bisschen, äh, ausgepolstert.

Während ich noch überlege, wie ich Bastian klarmachen soll, dass er meinem Freund nichts davon verraten darf, greift Mandy ein. »Das ist top secret«, sagt sie. »Klar? Kein Wort zu niemandem. Meine Mutter bringt mich um, wenn sie erfährt, dass wir an ihrem Kleiderschrank waren. Wehe, du erzählst irgendjemandem davon!«

»Aber ...«, beginnt er.

»Niemandem«, beharrt sie. Der Reihe nach fasst sie jeden der Jungs ins Auge. »Absolut niemandem.«

Niklas und Dominik nicken erschrocken. Philipp schweigt. Jackson grinst. Alf macht ein undurchschaubares Gesicht.

Bastian schaut verwirrt von ihr zu mir und wieder zurück. »Mein Name kommt jetzt aber nicht wirklich in diese Datei, oder?«

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2.

Mein ultimatives Rezept für Schokoküsse: Zuerst isst man die Schokolade. Am besten seine Lieblingssorte. Dann braucht man einen Freund, einen, der so gut küssen kann, dass man selbst die Schokolade sein möchte, die dahinschmilzt. Und den küsst man dann.

Fertig.

Für alle, die keinen Freund haben, ist das natürlich ziemlich doof.

Wenn allerdings der Freund, den man hat, schlecht drauf ist, muss man auch besser zu echter Schokolade greifen. Irgendwie hatte ich mir diesen Nachmittag anders vorgestellt.

Daniel sitzt auf dem Boden, ans Bett gelehnt, und hat seine Gitarre auf dem Schoß. Die Melodie, die er vor sich hinklimpert, klingt traurig.

»Und die Ärzte wissen wirklich nicht, wann sie wieder aufwacht?«, frage ich, dabei hat er mir das bereits gefühlte tausend Mal erzählt. Seine Mutter übrigens auch schon, als ich hergekommen bin. »Sarah liegt im Koma, sie hatte einen schweren Unfall. Wir wissen noch nicht, wie es weitergeht. Ja, Daniel ist oben, geh ruhig hoch zu ihm.«

Jetzt bin ich also in seinem Zimmer, und er hält bloß sein blödes Instrument umklammert und bläst Trübsal.

»Sie übersteht es schon«, sage ich, nur um irgendetwas zu sagen. »Du wirst sehen, alles wird gut.« Ich kann es gar nicht haben, wenn Daniel so still und in sich gekehrt ist. Um ihn aufzumuntern, hätte ich ihm fast erzählt, was Mandy und ich heute in der Fußgängerzone angestellt haben, aber ich beiße mir noch rechtzeitig auf die Lippen, denn irgendwie kann ich mir denken, dass ihm das nicht gerade gefallen wird. Er wird nicht so begeistert sein, dass er mich in die Arme nimmt und küsst. Oh Mann, ich bin echt egoistisch, ich weiß. Statt angemessen um seine Schwester zu trauern, ärgere ich mich, dass er sich nicht um mich kümmert. Aber hallo? Sarah ist schließlich nicht tot, noch nicht, und ich kann doch nichts dafür, dass es ihr schlecht geht.

»Wollen wir denn heute was unternehmen?«, frage ich.

»Du, mir ist nicht so danach«, sagt er.

Ich beginne, mich zu ärgern. »Deine Schwester wird nicht davon gesund, dass du hier rumsitzt«, teile ich ihm mit, falls er nicht daran gedacht hat.

Er hebt den Kopf und schaut mich an. Wieder einmal reicht ein Blick, und meine Haut prickelt überall. In meiner Brust macht mein Herz ein paar wilde Hüpfer. Daniel ist einfach so ... süß. Vielleicht könnte ich tatsächlich damit zufrieden sein, hier zwei Stunden zu sitzen und ihn anzuschmachten.

Vielleicht.

Aber andererseits ist heute Samstag und wir haben schon die letzten Wochenenden damit verbracht, im Zimmer zu hocken.

»Gib dir einen Ruck und komm mit«, sage ich.

Eine Falte bildet sich zwischen seinen Augenbrauen. Die ist mir sonst noch nie aufgefallen. »Glaubst du wirklich, ich hab jetzt Lust, irgendwo hinzugehen? Ich mache mir echt Sorgen!« Er versucht zu lächeln, was ziemlich kläglich aussieht. »Wollen wir für sie beten?«

»Wie, laut?«

»Warum nicht?«

Ich bin nicht gut darin, laut zu beten. Überhaupt nicht. Eigentlich bin ich überhaupt nicht gut im Beten. Das heißt, ich sage Gott schon zwischendurch, was ich denke und was ich mir wünsche und so. Aber das ist ein Gespräch zwischen ihm und mir, das ist privat. Abgesehen davon, dass ich mir manchmal gar nicht sicher bin, ob es ihn wirklich gibt.

Daniel weiß allerdings nicht, dass ich so viel zweifle, das behalte ich für mich. Ich habe nämlich die heimliche Befürchtung, dass ihm das nicht reicht. Bestimmt möchte er eine Freundin, die genauso wie er glaubt: hundertprozentig. Daniel ist der Glaube unheimlich wichtig. Aus diesem Grund bemühe ich mich darum, in seiner Gegenwart Miriam aus der Gemeinde zu sein, die zwar kritisch über vieles nachdenkt, aber dennoch unerschütterlich an Gott glaubt. Das ist keine Heuchelei, oder? Denn zwischendurch glaube ich ja tatsächlich ganz fest. Nur eben nicht immer.

Trotzdem finde ich es unfair, dass ich mein Wochenende mit Beten verbringen soll. Deshalb schicke ich Mandy eine SMS und frag sie, was sie heute vorhat. Wenn überhaupt nichts läuft, kann ich ja immer noch beten.

Aber ihre Antwort kommt prompt: Sie geht wieder mal auf eine Party. Gibt es überhaupt einen Samstagabend, an dem sie nicht auf einer Party ist? Gibt es eine Feier hier in der Stadt, zu der sie nicht eingeladen ist? Wohl kaum. Ein scharfer Stich des Neides durchfährt mich. Sie hat zwar keinen Freund, aber dafür kann sie nach Herzenslust flirten und tanzen, während ich mit einem todtraurigen Daniel in dieser Bude hocke und beten soll.

Es gibt doch diese Cartoons, wo jemandem ein Engelchen und ein Teufelchen auf den Schultern sitzen. Das Engelchen will die Seele dazu bringen, das Richtige zu tun. Aber was wäre hier das Richtige? Kann Gott wollen, dass ich betend auf dem Teppich hocke, während draußen eine Party steigt? Mann, ich bin sechzehn und nicht sechzig, und als ich das letzte Mal in den Spiegel geschaut habe, ist mir auch kein Nonnengewand aufgefallen.

»Das wird dich ablenken«, versuche ich Daniel zu überreden. »Man kann doch auch zwischendurch immer mal wieder beten. Wenn du jede Minute ein Stoßgebet zum Himmel schickst, sind das sechzig Gebete in der Stunde. Sagen wir, wir bleiben vier, fünf Stunden da, dann sind es schon dreihundert Gebete. Das müsste doch reichen. Oder, falls du meinst, dass du es vergisst, könnte man ja auch immer dann, wenn ein neuer Song aufgelegt wird, beten. Dann wären das, wenn ein Lied drei Minuten lang ist, immerhin noch zwanzig Gebete pro Stunde.«

Daniel hat einen komischen Ausdruck im Gesicht, den ich nicht so recht deuten kann. Vermutlich hat ihm noch niemals jemand ausgerechnet, wie viele Gebete pro Stunde man hinkriegt, wenn man nicht durchgehend betet, sondern im Intervall.

Vielleicht könnte ich mal einen Kurs durchführen, Thema: »Intervall-Beten. So kriegst du Gott garantiert rum«. Klar, ich weiß, dass man Gott nicht durch Gebete rumkriegt. Aber warum sollte das dann mit einem Marathon-Gebet die ganze Nacht durch anders sein? Das wäre auch ein prima Kurs-Thema: »Marathon-Beten contra Intervall-Beten. Insider berichten aus der Praxis. Mit aktueller Gebetserhörungs-Statistik«.

Ich grinse vor mich hin und vergesse dabei ganz Daniels kranke Schwester.

»Geh ruhig«, sagt er. Seine Laune hat sich nicht wirklich gebessert.

Wahrscheinlich wäre es meine Pflicht als gute Freundin, neben ihm auf dem Teppich zu knien und mit ihm die Hände im Gebet auszustrecken. Bei ihm zu sein.

In guten und in schweren Tagen, denke ich. Ja, das würde ein Mädchen tun, das es verdient, seine Freundin zu sein. In mehr als einer Hinsicht komme ich mir heute wie eine Betrügerin vor. Denn ich habe nicht die Absicht, hierzubleiben. Das würde mich so deprimieren, dass ich irgendwann völlig durchdrehe. Zumindest in einem Streit würde das hier enden.

Also bin ich in gewisser Weise sogar besonders nett, weil ich mich jetzt aus dem Staub mache.

Partys im Winter sind tückisch. Weil man ständig friert. Man friert auf dem Weg dahin. Man friert, wenn man zwischendurch rausgeht, um frische Luft zu schnappen. Der Rock ist zu kurz, die Strümpfe zu dünn, das Oberteil zu knapp. Zu einer Party kann man ja schlecht einen Angora-Pullover, Jeans und Stiefel anziehen. Ja, auch die Füße frieren, wenn man sich aus dem Gedränge löst und durch den Schnee stolpert, um kurz einen Moment aus dem Trubel zu entkommen. Dann bleibt mein rechter Schuh auch noch in einer Schneewehe stecken. Mist, jetzt habe ich die Strümpfe im Schnee, sie sind sofort nass und kalt. Ich will gerade zu meinem Schuh zurückhumpeln, als jemand ihn aus dem Schnee fischt. Ein Jemand, den ich kenne.

»Hi«, sagt Tom. »Dich sieht man ja auch immer seltener.«

Dies wird garantiert nicht eine dieser dämlichen Geschichten, in denen die oberblöde Tussi sich nicht zwischen zwei Typen entscheiden kann. Ich bin mit Daniel zusammen. Definitiv. Dass ich jahrelang in Tom verknallt war, dass ich ihn angehimmelt habe, wenn er über den Schulhof ging, dass ich in meiner Schreibtischschublade ungefähr hundertzwanzig Gedichte lagere, die alle mit seinem Namen betitelt sind, das ist Vergangenheit. Genauso wie der Kuss, den er mir in angetrunkenem Zustand gegeben hat, in jener schrecklichen Sturmnacht, die Daniel fast das Leben gekostet hätte.

Nein, ich werde ganz bestimmt nicht mit Tom flirten und alten Gefühlen die Chance geben, wieder an die Oberfläche zu kommen.

»Hallo Aschenputtel«, sagt er und reicht mir den Schuh. »Wo hast du denn deinen Ritter gelassen?«

»Kreuzritter« ist Daniels Spitzname. Er kann ihn nicht ausstehen, aber irgendwie ist er an ihm hängengeblieben, dagegen lässt sich nichts machen.

»Der hatte keine Lust«, antworte ich, denn wenn ich lüge und behaupte, dass Daniel drinnen im Saal ist, wird Tom mir das bestimmt nicht abnehmen. Es wäre für uns beide besser, wenn ich lüge, aber ich kann nicht. »Ich bin mit Mandy hier.«

Er verschont mich mit seinen Ansichten über Mandy, mit der er mal kurz zusammen war, wofür ich ihm dankbar bin (für beides, das Schweigen und dafür, dass er schon vor langer Zeit mit ihr Schluss gemacht hat).

Ich muss mich an seiner Schulter abstützen, um meinen Schuh wieder an den Fuß zu kriegen, wo er hingehört, und dabei schwankt Tom bedenklich. Ehe ich merke, was geschieht, liegen wir beide im Schnee. Mein Rücken wird nass und kalt. Überall ist Schnee, ich habe sogar welchen im Mund. Mein wütender Schrei hört sich dadurch eher wie ein erschrockenes Quieken an.

»Oh sorry, bitte vielmals um Entschuldigung«, lallt er, rappelt sich auf und hilft mir hoch, wobei er es diesmal schafft, nicht umzukippen. »Äh, du hast da Schnee.« Ungeschickt klopft er mir die weiße Pracht vom Rücken.

»Lass das.« Ich packe seine Hand und entferne sie von meiner Taille. Mist. Jetzt bin ich völlig durchnässt, was wohl bedeutet, dass ich sofort nach Hause muss. Mir ist so kalt, dass meine Zähne klappern. Dabei bin ich noch gar nicht so lange auf dieser Party. Vielleicht eine oder zwei Stunden. Noch viel zu früh, um zu Hause anzurufen und Papa zu bitten, mich abzuholen. Mein Vater hält sowieso nicht viel von Partys, auf denen Schüler Alkohol trinken, flirten und Dinge tun, an die sie sich am nächsten Tag nicht mehr erinnern können oder die, bei Licht besehen, nur halb so lustig sind wie gedacht. Wenn Papa sieht, dass ich mich im Schnee gewälzt hab, denkt er womöglich etwas ganz Schlimmes von mir, vor allem, da Tom wie ein Trottel danebensteht und darauf wartet, dass ich ihm entweder eine reinhaue oder ihn küsse.

»Komm, ich bring dich nach Hause«, schlägt er vor.

Im Moment tendiere ich zu »eine reinhauen«.

»Du kannst nicht fahren«, sage ich. »Ausgeschlossen.« Woran man sieht, dass ich durchaus lernfähig bin. Wie könnte ich jemals vergessen, dass ich mich schon mal zu ihm ins Auto gesetzt und erst dann gemerkt hab, dass er kaum geradeaus fahren konnte? Ein Glück, dass aus mir und Tom nichts geworden ist. Er trinkt zu viel. Er hängt auf zu vielen Partys rum. Er ist völlig verrückt. Ganz im Gegensatz zu Daniel, der zwar noch keinen Führerschein hat, aber wenn er endlich Auto fahren kann, sicher unheimlich vernünftig und erwachsen mit dieser Verantwortung umgehen wird. Weil Daniel ja immer so schrecklich erwachsen und nett und brav und LANGWEILIG ist!

Aaaaaah!

Ich packe Tom am Kragen und schaue in seine blauen Augen. Augen, strahlend blau, tiefblau, so wie er im Moment durch und durch blau ist. Die Farbe bildet einen wahnsinnigen Kontrast zu seinen schwarzen Haaren. Ich könnte ihn jetzt küssen. Einfach so. Weil ich immer noch wütend auf Daniel bin. Weil ich diese Jahre, in denen ich heimlich in Tom verliebt war, nicht einfach so abstreifen kann innerhalb weniger Monate; manchmal geistert er ungefragt durch meine Träume. Weil ich hundertdreiundzwanzig Gedichte in meiner Schublade liegen habe. (Oder waren es bloß hundertzwölf? Muss ich mal nachzählen und durchnummerieren.) Weil ... weil ich Lust dazu habe! Und weil niemand es je erfahren wird. Tom wird sich garantiert an überhaupt nichts erinnern.

Unsere Gesichter kommen sich näher. Ich kann seine Bierfahne riechen. Das gibt letztendlich den Ausschlag. Dieser Geruch verdirbt mir den Appetit.

Ich stoße Tom von mir weg, und er landet zum zweiten Mal im Schnee. Er lacht und lacht, wie ein Irrer.

Ich lasse ihn liegen und suche nach meinem Handy. Wo (unfrommer Fluch, bitte kurz weghören) ist mein Handy? Ich muss es vorhin verloren haben. Na toll. Jetzt kann ich hier danach wühlen. Tom lacht immer noch, er klingt glücklicher, als er sollte. Das Dumme ist, ich weiß genau, was ihn so freut. Das war knapp, echt knapp, und er weiß es, so wie ich es weiß, und wenn ich Pech habe, weiß er es morgen auch noch. Wie blöd war ich eigentlich zu glauben, es wäre egal, weil niemand es sieht? Ich würde es wissen. Immer. Immer, wenn ich mit Daniel zusammen bin, würde ich daran denken müssen. Was für ein Glück, dass ich es nicht getan habe.

»Steh auf und hilf mir suchen!«, fahre ich ihn an, damit er endlich aufhört zu lachen. »Mein Handy ist weg.«

»Du brauchst niemanden anzurufen«, beschwört er mich, während er sich herumrollt, um ungeschickt aufzustehen. »Ich kann dich doch bringen.«

Da ist es. Ich fische meinen Rettungsanker aus dem Schnee. Zum Glück ist es wasserdicht. Eigentlich sollte ich für Tom ein Taxi rufen, aber da kommen seine Kumpels aus dem Saal, entdecken uns und ziehen ihn wieder mit ins Gedränge. Es scheint ihn nicht zu stören, dass er völlig nass ist. Zum Abschied wirft er mir eine Kusshand zu. Ich verdrehe bloß die Augen. Mit zitternden Fingern wähle ich die heimische Nummer und bestelle meinen persönlichen Fahrdienst.

Michael entschuldigt sich wortreich. »Tut mir leid, ich kann nicht kommen, mein Wagen steht zurzeit nicht zur Verfügung.« Was immer das heißen mag. Hat er ihn einer hilfsbedürftigen alleinerziehenden Mutter mit vier Kindern ausgeliehen, die keine Getränkekisten schleppen mag, weil sie es im Rücken hat? Wär nicht das erste Mal, aber die fortgeschrittene Uhrzeit spricht doch eher dagegen. »Aber ich sag Manfred Bescheid.«

»Klar, danke. Papa wird sich freuen.« Fröstelnd reibe ich mir die Oberarme und wippe ein bisschen hin und her, um nicht ganz auszukühlen.

Aus dem Schatten vor dem Festsaal löst sich eine Gestalt. Ein glühendes Pünktchen in der Dunkelheit weist auf einen Raucher hin. Ansonsten muss ich warten, bis er in den Lichtschein tritt, dann endlich erkenne ich, wen ich vor mir habe. Es ist eine Sie. Kim. Kim, die einmal zu Mandys Clique gehört hat, bis wir uns alle wegen der Sache mit Steffi und dem armen kleinen Hendrik zerstritten haben. Ich weiß, dass sie immer noch sauer ist, schließlich gehen wir in eine Klasse. Wir, Mandy und ich, haben die Sozialstunden, die man uns aufgebrummt hat, als die Sache rauskam, mit Fassung ertragen, aber Kim betrachtet mich als Verräterin der schlimmsten Sorte.

»Ach, sieh einer an.« Mehr sagt sie nicht, was es irgendwie noch ungemütlicher macht.

»Hi, Kim«, begrüße ich sie. »Ich wusste gar nicht, dass du auch hier bist.«

Sie lässt mich in ihrem eisigen Schweigen schmoren. Wärmer wird mir davon nicht. Kim ist Boxerin und kann es überhaupt nicht vertragen, wenn irgendetwas nicht nach ihrem Willen geht.

»Sag mal, ist dir dein schnuckeliger Mr. Blond-and-Perfect etwa schon langweilig geworden?«

Langweilig? Wie kann sie es wagen! »Er hatte einfach keine Lust«, fauche ich sie an. Daniel ist vielleicht kein begeisterter Partylöwe, aber er wäre mitgekommen. Mir zuliebe. Nur eben nicht heute. »Seine Schwester liegt im Koma, da wäre dir wohl auch nicht so nach Abtanzen zumute!«

»Aha«, sagt Kim. »Und warum bist du dann hier?«

Gott, sie hat recht. Es trifft mich wie ein Schlag. Warum bin ich hier? Es macht sowieso keinen Spaß, ohne ihn. Mandy habe ich im Gedränge zwar aufgestöbert, aber irgendwie nervt sie mich nur. Die ganze Zeit denke ich daran, wie Daniel zu Hause sitzt und sich um Sarah Sorgen macht.

»Weiß er eigentlich, was du hier abziehst? Jemand sollte ihn warnen.«

Mir wird abwechselnd heiß und kalt. Also war sie die ganze Zeit da. Und hat es nicht für nötig gehalten, sich bemerkbar zu machen. Man hüte sich vor Leuten, die in irgendeiner dunklen Ecke heimlich rauchen.

»Ich weiß nicht, was du meinst«, sage ich. »Warum sollte es Daniel stören, wenn ich mich mit Tom treffe?«

»Wenn du ihn abknutschst, dann vielleicht schon«, meint sie gehässig.

Von ihrem Winkel aus hat es möglicherweise danach ausgesehen, dass wir uns geküsst haben. Aber haben wir ja gar nicht. Daher kann sie mir nichts.

»Tja«, räume ich ein, »in dem Fall hätte ich ein Problem. Aber was geht dich das an?«

Kim stößt mich an, sodass ich rückwärts stolpere. »Du kommst dir wohl ganz toll vor, wie?«

Ich lande im Schnee. Eigentlich könnte ich gleich hier liegenbleiben, denn ich hab echt keine Lust, mich mit Kim zu prügeln. Mit einer Frau, deren Fäuste aus Stahl sind? Nein danke. Panisch schicke ich ein Stoßgebet nach oben: Lass Papa schnell herkommen, Gott, bitte!

Kim mustert mich voller Verachtung, dreht sich dann abrupt um und schreitet davon. Sie verzichtet sogar auf den Anblick, wie ich mich stöhnend aufrichte.

Eigentlich könnte ich zwischendurch auch mal für Daniels Schwester beten, die ich überhaupt nicht kenne, doch stattdessen flehe ich bloß darum, dass Papa schnell fährt, obwohl es glatt ist, und nicht wie sonst im Schneckentempo, und dass er keine blöden Fragen stellt.

Die erste Bitte hat schon mal nicht funktioniert. Er braucht ewig. Die zweite ... na, so halb.

»Was ist denn mit dir passiert?« Er dreht die Heizung höher.

Dass er überhaupt nicht fragt, habe ich auch nicht erwartet. »Bin ausgerutscht. Da vorne auf dem Parkplatz ist es glatt«, sage ich.

Und mein Papa, der liebe, herzensgute Pastor Manfred Weynard, glaubt mir das sofort, denn er kann sich nicht vorstellen, warum irgendjemand lügen sollte, wenn er genauso gut die Wahrheit sagen kann.

Als ich vom Bad in mein Zimmer wanke, müde und nicht so ganz bei mir, sehe ich Licht in Tabitas Zimmer. Müsste sie nicht schon längst schlafen? Leise drücke ich die Klinke runter.

Im Schein der Nachttischlampe liest meine Schwester ein dickes Buch. Sie liegt auf dem Bauch und kaut so konzentriert auf einer Haarsträhne herum, dass sie mich gar nicht wahrnimmt. Beim Umblättern raschelt die Seite.