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Franziska Dalinger

Vollmilchschokolade und Todesrosen

Roman

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Zu diesem Buch

Vollmilchschokolade und Todesrosen ist der erste Band einer Buchserie über Miriam Weynard alias Messie.

Miriam mag Schokolade, geht in die zehnte Klasse und besucht den Jugendkreis „Life and Hope“. Allerdings mehr aus Pflichtgefühl, schließlich ist ihr Vater der Pastor. Sie liebt Rosen und schreibt heimlich Gedichte. Vor allem aber ist sie glücklich, dass sie nicht mehr „unsichtbar“ ist, seit sie zu Mandys Clique gehört. Hier ist sie Messie, die schlagfertige Schauspielerin mit den schrägen Einfällen.

Aber nicht alles, was in der Clique läuft, passt zu dem, was sie bisher richtig fand. Als sie den sympathischen Daniel trifft, wird ihr das immer klarer. Dann geschehen Dinge, die ihre Welt ganz aus den Fugen geraten lassen. Und was als Scherz begonnen hat, wird zur tödlichen Gefahr.

2012 wurde Vollmilchschokolade und Todesrosen von der Jury des Evangelischen Buchpreises empfohlen.

Leserstimmen zu den ersten Bänden

„Mit Tempo und Witz hat mich Franziska Dalinger überzeugt!“

„Eine spannende Geschichte, die wirklich unter die Haut geht.“

„Habe es gerade fertig gelesen und möchte es am liebsten gleich nochmal lesen.“

„Es hat mich richtig gefesselt!“

„So spannend, dass ich es fast am Stück durchgelesen habe.“

„Lesen lohnt sich auf jeden Fall!“

„Das Ganze ist gekoppelt mit Witz, Spannung und einer Portion Liebe – ich bin aus dem Lesen gar nicht mehr herausgekommen.“

„Das Buch ist einfach total spitze!“

„Schon allein der Titel macht den Leser neugierig, was dieses Buch wohl beinhalten mag.“

„Ein super tolles Buch!“

„Wunderschön geschrieben.“

Über die Autorin

Weder das Haushaltschaos noch die Kinder lassen sich bändigen. Franziska Dalinger macht das Beste draus: Sie schreibt, zieht im Wohnzimmer Peperoni, sieht im Strandkorb fern und schreibt weiter. Ihre biblische Lieblingsfigur ist Jakob, der mit dem Engel kämpft.

Spannung und Romantik sind in ihren Geschichten garantiert.

Impressum

Dieses Buch in gedruckter Form:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Lektorat: Dr. Thomas Baumann

© 2011 Neufeld Verlag Schwarzenfeld

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,

www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch

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Inhalt

Zu diesem Buch

Leserstimmen zu den ersten Bänden

Über die Autorin

Impressum

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

Schokolade mit Rosen – das Rezept

Über den Verlag

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1.

Bei einem Überfall sollte man eigentlich keine Schokolade essen. Ich weiß ja. Es sieht irgendwie unpassend aus. Die Situation ist ernst, auch wenn mich ein unbezähmbarer Drang überkommt, laut zu lachen. Niemandem ist wirklich nach Scherzen zumute, außer Mandy, aber die ist eben in jeder Lebenslage völlig locker. Ich bin eher ... verkrampft. Und da stehe ich und knabbere an meiner Tafel Vollmilchschokolade mit Lavendelblüten. Lavendel soll ja angeblich die Nerven beruhigen.

»Steck endlich die blöde Schokolade weg. Oder willst du ihm was anbieten?«, zischt Kim.

Ich habe es ja gewusst. Schokoladefuttern bei einem Überfall wirkt nicht halb so cool, wie es einem vorkommt. Aber ich brauche etwas, um meine Nerven zu beruhigen. Dringend.

Ich bin Überfälle nicht gewöhnt.

Steffi stößt mich in die Seite. »Jetzt fall nicht in Ohnmacht, klar?«

Der Junge ist klein für sein Alter. Er hat strubbeliges blondes Haar, eine runde Harry-Potter-Brille und bleiche Haut mit Sommersprossen. Der Schreck bewirkt, dass seine Augen hinter den Brillengläsern noch größer werden, und seine Hände zittern so, dass er beinahe mitsamt seinem Fahrrad umfällt.

»Du schämst dich, hoffe ich«, sagt Mandy. Es klingt zufrieden. Trotzdem tritt sie mit dem Fuß kräftig gegen die Speichen des Vorderrads.

»Ja, klar, tu ich, tu ich«, stammelt der Junge. Auf seiner Stirn glänzen winzige Schweißtröpfchen und sammeln sich über seinen Augenbrauen, aber er wischt sie nicht fort, denn er ist damit beschäftigt, sich am Lenkrad festzuklammern.

»Das solltest du auch.« Mandy tritt ganz nah vor ihn hin, bis ihre Nase fast gegen seine stößt. »Wo ist das Geld, Hendrik? Du wolltest den Schaden bezahlen, schon vergessen?«

Der Kleine ächzt leise, während er in seiner Jackentasche wühlt und einen zerknüllten Zehn-Euro-Schein herausfischt.

»Das ist alles?« Kim stößt ihn gegen die Schulter. »Das ist doch nicht dein Ernst.«

»Es war nicht mehr da.« Er flüstert so leise, dass er kaum zu verstehen ist.

»So arm können deine Eltern doch gar nicht sein.« Mandy dreht sich zu mir um. »Ist das nicht traurig? So eine arme Familie.«

Sie wirft mir einen schrägen Blick zu. Jetzt bin ich dran. Ich hab nämlich gesagt: »Doch, ich trau mich.« Als die anderen, Mandy, Steffi und Kim, gemeint haben, ich traute mich nicht. »Doch, klar«, hab ich gesagt, und nun kann ich nicht mehr zurück. Ich stecke die Schokolade weg.

»Das gleichst du nächstes Mal aus«, sage ich. »Du benimmst dich, ja? Guter Junge.« Mein überempfindliches Pastorentochter-Gewissen meldet sich. Ich klopfe ihm beruhigend auf die Schulter, und er fährt so hastig davon, dass sein Rad wild hin und her schlenkert. Es streift den Bordstein, kommt ins Trudeln. Mir stockt der Atem, aber er fängt sich wieder und rast die Straße hinunter. Seine Schultasche hüpft auf seinem Rücken auf und ab wie ein kleiner Affe, den er Huckepack genommen hat.

»Bemitleidenswert«, knurrt Mandy. »So ein blöder Penner. Aber das wird ihm eine Lehre sein.«

Mandy versteht unter Mitleid etwas anderes als ich. Sie hasst Schwächlinge. Wer sich nicht wehren kann, ist selber schuld. Wenn jemand ängstlich ist oder jammert oder nicht so recht weiß, ob man dies oder das wirklich tun sollte – das ist für sie ein rotes Tuch.

Deshalb behalte ich meine Bedenken lieber für mich. Mandy diskutiert nämlich nicht. Entweder man ist in ihrer Nähe und findet ihre Ideen gut, oder man lässt es bleiben.

»Sag mal, Messie, der tut dir doch nicht leid?«, fragt sie mich direkt.

Das ist schwierig zu beantworten. Wenn man nur diese Szene kennt, wie wir den armen Kleinen um sein Geld erleichtern, könnte man denken, wir wären die Bösen. Aber angefangen hat es ganz anders. Angefangen hat es damit, dass ich diese kleine Brillenschlange dabei erwischt habe, wie er bei sämtlichen Rädern die Tachos abgepflückt und eingesteckt hat.

Einschließlich meines eigenen. Ich habe Klein-Harry-Potter an der Schulter festgehalten, er wollte sich losreißen und hat mir vors Schienbein getreten, und dann sind meine Freundinnen gekommen und Kim hat ihn sich geschnappt. So war es, ich schwör’s. Er hat auch noch blöde Sprüche von sich gegeben und uns beschimpft, bis er gemerkt hat, dass mit Kim nicht zu spaßen ist. Kim ist sehr sportlich und eine erstklassige Boxerin und niemand, ich betone: absolut niemand sollte es wagen, sie zu unterschätzen.

Die Tachos und Fahrradpumpen, die Hendrik noch in der Tasche hatte, haben wir auf den Weg gelegt, damit ihre Besitzer sie sich abholen konnten. Meiner war nicht dabei. Aber klar, jetzt wusste ich endlich, wo er geblieben war.

Mandy sagte: »Wir rufen jetzt deine Eltern an, und die ersetzen uns das«, und da fing er an zu jammern, wir sollten ihnen bloß nichts erzählen.

Hendrik ist ein mieser kleiner Dieb. Er schuldet mir immer noch Geld. Und er ist ziemlich gut in Ausflüchten und Entschuldigungen und Jammern.

Also, habe ich Mitleid mit ihm? Verdient er es?

Mandy wartet meine Antwort nicht ab. Sie drückt mir das Geld in die Hand und wendet sich an Steffi und Kim. »Ach, kommt, Leute. Schaut mich nicht so an. Ich bin kein Monster. Warum kann er nicht einfach seine Schulden bezahlen? Wir müssen mehr Druck machen.«

Es waren nicht nur die Tachos. Er hat auch die Luft aus den Reifen gelassen. Der niedliche, ängstliche Hendrik ist ein hinterhältiges kleines Ungeheuer.

»Besuch zu Hause?«, schlägt Kim vor. »Das nächste Mal nehmen wir ihm den Schlüssel ab.«

»Das Fahrrad«, sagt Steffi. »Wenn er zu Fuß gehen muss, das wird ihm eine Lehre sein.« Steffi liebt ihr Fahrrad, auch wenn sie nicht gerade sportlich aussieht.

»Messie?« Mandy sieht mich an und erwartet meinen Vorschlag. Es muss eine Idee sein, die die der anderen noch übertrifft. Sie hält ziemlich viel von meinen Ideen. Deswegen bin ich hier, das ist mir klar. Sie hat mich für langweilig gehalten – sie hält ja die meisten für langweilig und spießig –, bis sie gemerkt hat, dass ich recht kreativ bin. Seitdem bin ich in ihrer Clique dabei. Ich würde sie wirklich ungern enttäuschen.

»Das Fahrrad kommt nicht in Frage«, meine ich. »Das merken doch seine Eltern. Ich weiß was viel Besseres. So einen kleinen Streber trifft man am besten, wenn man dafür sorgt, dass er seiner netten Lehrerin keine Hausaufgaben zeigen kann.«

Mandys Gesicht hellt sich auf. »Seine Hefte?«

»Morgen vor der Schule. Dann hat er alles fertig. Sich stundenlang Mühe gegeben. Wetten, er lernt den ganzen Nachmittag?«

Ihr Lächeln zeigt mir deutlich, wie gut sie das findet. »Okay. Das ist deine Aufgabe. Du kommst morgen rechtzeitig und passt ihn ab. Kriegst du das hin?«

»Klar krieg ich das hin.« Ich halte ihrem Blick stand. Hält sie mich etwa nicht für abgebrüht genug? Aber ich kann gefährlich sein, sehr gefährlich.

Ich versuche es jedenfalls. Ich glaube, es gibt nichts Schlimmeres, als harmlos zu sein.

Zwei Träume trage ich seit langem mit mir herum. Der eine ist, so zu sein wie Mandy. Nein, noch krasser als sie. Noch cooler. Eine Rebellin wie sie. Diejenige, die gegen den Strom der Angepassten schwimmt. Mandy hat keine Angst davor, dass man sie sieht und bemerkt, während ich dazu neige, mich im Hintergrund zu halten. Aber als ihre Freundin bin ich quasi aus meinem Versteck gekommen.

Es fühlt sich gut an. Nicht mehr unsichtbar zu sein, sondern ... dazuzugehören. Das Leben ist viel aufregender, viel bunter. Mit Mandy befreundet zu sein bedeutet, dass ich auf einmal ganz viele Freunde habe. Dass Leute mit mir reden, die mich vorher nicht einmal wahrgenommen haben.

Denn Mandy ist bei allen beliebt, sogar bei den Lehrern. Sie hat so ein Lächeln, dass niemand ihr böse sein kann. Kein Lehrer würde glauben, dass sie ständig mogelt und nie ohne Taschenrechner oder Zettel oder Notizen auf den Armen in eine Klassenarbeit geht. Mandy ist immer tipptopp vorbereitet. Und wenn sie doch einmal bei irgendetwas erwischt wird, ist sie so charmant, dass sie jeden um den kleinen Finger wickelt. Seit sie bei uns in der Klasse ist, habe ich mir gewünscht, ihre Freundin zu sein, denn Mandy ist nicht nur bei uns, sondern sogar in der ganzen Schule angesagt. Sie ist natürlich sofort Klassensprecherin geworden und macht bei allen möglichen Schulprojekten mit. Irgendwie schafft sie es, überall dabei zu sein.

Als ich mein Rad aufschließe, sehe ich Gina und Rosi zum Bus gehen, drei Meter hintereinander. Die beiden sind ebenfalls in unserer Klasse, aber sie könnten genauso auf dem Mars leben. So fremd sind sie mir. Außerirdische. Ich weiß, wie das ist, wenn man sich fühlt, als käme man von einem anderen Planeten. Auf keinen Fall will ich dorthin zurück. Oh Mann, die zwei haben keine Ahnung, wie es ist, Freundinnen zu haben. Sie könnten ja wenigstens miteinander reden. Aber nicht einmal das bringen sie fertig.

Ich imitiere Ginas Gang, während ich mein Rad in Richtung Straße schiebe. Leicht nach vorne gebückt, die Schultern hochgezogen wie bei einer Schildkröte, den Blick fest auf den Boden gerichtet.

»Das ist Gina!« Mandy lacht.

Dann runzele ich die Stirn, so wie Rosi es immer macht, und verziehe missbilligend den Mund. Die anderen schütten sich aus vor Lachen.

»Rosi, wie sie leibt und lebt. Oh Messie! Wie machst du das bloß?«

Keine Ahnung. Da kommen ein paar Gänse und ich wackele ein bisschen mit dem Hintern und Mandy lacht wieder. Ich kann ziemlich gut Leute nachmachen.

Lisa-Marie, unsere Klassen-Obergans, wirft uns einen angewiderten Blick zu und stakst weiter in Richtung Bushaltestelle. Mandy weint fast vor Lachen.

»Mach noch mal so ein Gesicht, wie eben«, sagt sie und nimmt mich mit ihrem Handy auf. »Guck mal.« Sie zeigt mir, wie ich herumhampele. »Man sieht sofort, wer das sein soll. Wie machst du das bloß?«, fragt sie schon wieder, und innerlich werde ich ganz rot vor Glück. Äußerlich bleibe ich cool.

»Ganz einfach«, sage ich. »Lisa-Marie, die geht ... so. Und Sarah ... so. Und das ist ... na, kommst du drauf?«

Ich stell mein Fahrrad ab, denn jetzt brauch ich beide Hände, um damit in der Luft herumzuwedeln, als wollte ich mich festhalten, falls ich abstürze.

Mandy prustet los. »Nee ... die Dogge?«

Frau Doggermann ist unsere Biologielehrerin. Die immer sehr viel Platz für ihre Hände und Ellenbogen braucht; es ist lebensgefährlich, zu nahe neben ihr zu stehen.

»So, jetzt muss ich los«, meint Mandy, als an der Bushaltestelle der Wagen ihrer Mutter hält. Mandy wird immer abgeholt. Ich dagegen muss strampeln. Wo bleibt Steffi? Normalerweise fahren wir zusammen, da sie nicht weit von mir wohnt. Seit ich Mandys Freundin bin, bin ich natürlich auch Steffis Freundin und muss daher selten alleine fahren, so wie früher.

Drei Sorten Mädchen gibt es in unserer Klasse. Die Unsichtbaren. Die Gänse. Und Mandys Clique. Es hat für mich nie einen Zweifel gegeben, zu welcher Gruppe ich gehören wollte. Ich würde bestimmt nicht bei den beiden schüchternen Ausgestoßenen sitzen. Früher blieb mir ja nichts anderes übrig. Da saß ich bei ihnen und schämte mich zu Tode. Zwischen Gina, der Intelligenzbestie, die wie eine typische Streberin aussieht, mit altmodischen Klamotten und einer dicken Brille, und der runden Rosi, die mit den Pickeln und der Zahnspange, und die ist nicht mal in der Schule gut. Keine Ahnung, ob die überhaupt irgendwas kann. Interessiert mich auch nicht. Und an der größten Clique, die allesamt Topmodel werden wollen und auf hohen Schuhen durch die Flure staksen, habe ich ebenfalls kein Interesse. Abgesehen davon, dass ich bei ihnen auch nicht so gut ankomme. Wenn man nicht genau dieselben Klamotten trägt wie sie, hat man bei denen nichts zu suchen.

Mandy ist da anders. Sie kann sich über das lustig machen, was man anhat, klar. Aber im nächsten Moment ist das wieder völlig unwichtig und da zählt nur, dass man witzig ist oder ganz gut singen kann. Wer man als Mensch ist. Und ich kann witzig sein, echt, aber das merkt man nur, wenn ich mich traue, nicht unsichtbar zu sein. In Mandys Nähe kann ich das. Da sage ich manchmal einfach so, was mir gerade einfällt, und wundere mich, wenn alle lachen. Als ich noch nicht Mandys Freundin war, hätten sie nicht gelacht, sondern mich nur angestarrt, nach dem Motto: Was will die denn? Aber jetzt, zum ersten Mal in meinem Leben, kann ich einfach sein, wer ich bin.

Mein zweiter Traum ist ... mein zweiter Traum geht gerade an uns vorbei zum Bus.

»Hey, Tom!«, ruft Mandy.

Er wirft ihr kurz einen Blick zu, ohne mich überhaupt wahrzunehmen.

»Hi, Mandy«, sagt er.

Nur wenn ich seine Stimme höre, bekomme ich wackelige Knie.

Tom ist einfach ... Tom.

»He, wie läuft’s?«, fragt sie und macht dabei ein Gesicht, als wären sie die besten Freunde.

Ich könnte jetzt eifersüchtig sein, aber ich weiß, dass zwischen ihnen nichts ist. Nicht mehr.

Die beiden sind früher ein Paar gewesen, aber es hat nicht lange gehalten. Zum Glück, finde ich. Wenn Mandy hinter Tom her wäre, hätte ich überhaupt keine Chance. So aber kann ich weiterträumen: davon, Tom zu küssen.

Tom, den coolsten, den bestaussehenden Jungen der ganzen Stadt. Für mich jedenfalls. Ich habe schon etwa hundertzwölf Gedichte über ihn geschrieben, die er niemals zu Gesicht bekommen wird. Er geht aufs Gymnasium und ist schon achtzehn, eigentlich gar kein Junge mehr. Er wirkt ganz schön erwachsen. Tom mit den unglaublich schönen blauen Augen und den schwarzen Haaren. Eine seltene Kombination, die ich unwiderstehlich finde. Bei uns in der Albert-Schweitzer-Realschule, wo er bis zur zehnten Klasse war, haben ihn sämtliche Mädchen angehimmelt, und es gab einen Tränenausbruch von den Ausmaßen eines Tsunami, als er aufs Gymnasium gewechselt ist. Die Lehrer dagegen waren erleichtert, denn sie fanden ihn zu vorlaut und frech.

Tom hat so eine Art, Mädchen anzuschauen, dass alle dahinschmelzen. Ich bilde mir jedenfalls ein, dass es den anderen genauso geht wie mir. Ich bekomme wackelige Knie, wenn ich ihn nur von weitem auf dem Schulhof sehe. Wenn er mich anlächeln würde, wäre ich im siebten Himmel. Aber er weiß nicht einmal, dass es mich gibt. Doch ich habe vor, das zu ändern. Schon bald. Vielleicht bin ich früher jemand gewesen, der nur träumt und weiß, dass das Wunder nie eintrifft. Mittlerweile bin ich ganz gut darin, die Dinge zu bekommen, die ich will.

Ich werde schon einen Weg finden, seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Jetzt, wo ich Mandys Freundin bin, scheint alles möglich. Vielleicht kann sie mir sogar ein paar Tipps geben, was Tom angeht. Bisher hab ich mich noch nicht getraut, sie zu fragen.

Das Leben kann so spannend sein, wenn man ein paar Träume hat und bereit ist, dafür einiges zu riskieren.

»Starr ihm nicht so hinterher, Messie«, befiehlt Mandy. »Müsstest du nicht längst zu Hause sein?«

Sie hat recht. Wie immer. Nur dass sie sich von Tom getrennt hat, ist in meinen Augen ein Fehler. Wie kann man so jemanden gehen lassen?

Aber eigentlich ist es beruhigend, dass selbst jemand wie Mandy Fehler macht. Beruhigender als Lavendelschokolade.

 

Ich hasse dich. Hasse, hasse, hasse dich.

Dachtest wohl, ich merke nichts. Vermutlich ist es dir aber einfach egal.

Du tust so, als würdest du dazugehören. Einfach so. Ein Lächeln und alles ist gut. Für dich vielleicht. Ich verrate dir mal was: Gar nichts ist in Ordnung.

Nur von deinem Anblick wird mir schlecht.

Wie kann man nur so verlogen sein?

Alles nur Fassade. Nichts an dir ist echt. Merken die anderen das denn nicht? Wie kann man so blind sein?

Webhexe, Blogeintrag vom 12. August

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2.

»Da bist du ja endlich, Miriam. Deck schon mal den Tisch, wir essen gleich.«

Ich verziehe das Gesicht und seufze. Da kommt man gerade hundemüde aus der Schule und muss gleich mithelfen. Na toll.

Missmutig knalle ich die Teller hin. Sechs Personen. Ich bin nicht nur mit einem Vater geschlagen, der meistens mittags zu Hause isst, mit einer Mutter, die uns unbedingt gesund ernähren will, sondern auch mit zwei Geschwistern, bei denen es sich mit Abstand um die nervigsten Blagen der Welt handelt. Silas ist neun und hat die dumme Angewohnheit, einen pausenlos vollzuquatschen. Für Tabita mit ihren elf Jahren bin ich leider nicht das große Vorbild – obwohl ich ab und zu versuche, sie dazu zu bringen, dass sie mir gehorcht. Sie denkt jedoch nicht daran. Sie beobachtet mich bloß sehr scharf und ist eine gnadenlose Petze.

Der einzige Lichtblick bei der täglichen Mittagsfolter ist Goliath, ich meine Michael, Papas Praktikant. Er ist lang und dünn, seine Beine passen kaum unter den Tisch, aber irgendwie ist er witzig. Da haben wir schon ganz andere Praktikanten erlebt. Michael kann man auch gut nachmachen. Ich bin inzwischen eine Expertin im Michael-Imitieren.

»Die Messer müssen so liegen, mit dem Scharfen nach innen«, sagt Tabita und vergewissert sich, dass ich auch alles richtig gemacht habe. »Und du hast die Servietten vergessen.«

»Na und? Sonst noch was?«, fahre ich sie an. Ich bin wirklich nicht in bester Stimmung. Der Vorfall nach der Schule geht mir nicht aus dem Kopf. Der kleine Harry oder wie er heißt. Tut er mir leid? Kim würde mit ihrer ätzendsten Stimme sagen: Ach, er tut dir leid, der arme Kleine ... Na so was ... Stimmt, Hendrik war der Name. Aber Harry Potter passt noch besser. Ich bin ganz gut im Erfinden von Spitznamen. Wer braune Haare hat und eine runde Brille, muss sich da echt nicht wundern.

»Na, Miriam, wie war dein Tag?«

Mein Vater poltert herein und wuschelt mir durchs Haar. Ich habe ihm schon tausend Mal gesagt, dass ich das nicht leiden kann, aber es ist zwecklos. Einfach jeder in unserer Familie beharrt auf seinen nervigen Angewohnheiten. Manchmal träume ich davon, Mandys Eltern würden mich adoptieren. Die sind wenigstens cool. Nicht so wie meine. Hände hoch – wer möchte gerne einen Pastor zum Vater? Im Angebot: der wunderbare, unvergleichliche Pastor Manfred Weynard! Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten ... was, wirklich niemand? Die letzte Gelegenheit. Niemand? Ach.

Tja, niemand meldet sich. Ich hätte es auch nicht getan. Aber mich hat ja niemand gefragt, in was für eine Familie ich hineingeboren werden möchte.

»Hi, Miriam.« Michael duckt sich unter der Lampe hindurch. Ein gläsernes Schirmchen hat er bereits auf dem Gewissen. Ich find’s nicht schlimm. Die Lampe ist sowieso potthässlich gewesen, und er ist so süß, wenn ihm etwas peinlich ist. Dann wird er knallrot. Sogar sein Ziegenbärtchen fängt an zu glühen. Sehenswert. Gut, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht. (Aber schlecht, dass das Rotwerden nicht unbedingt aufhört, wenn man erwachsen ist. Das muss doch irgendwann besser werden!)

Wir setzen uns an den Tisch. Silas beginnt mit seinem Redeschwall, Tabita weist mit penetrant lauter Stimme daraufhin, dass ich die Messer falsch hingelegt habe. »Wir beten«, bestimmt mein Vater und spult sein Lieblings-Tischgebet herunter. »Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast, und segne, was du uns gegeben hast. Amen.«

»Es heißt aber eigentlich: was du uns bescheret hast«, verbessert Tabita. »Und Onkel Johannes sagt immer: aus Gnaden. Was du uns aus Gnaden bescheret hast.«

»Onkel Johannes hat ein Motorrad«, weiß Silas und beglückt uns mit seinen Zukunftsplänen, in denen er ein Profi-Motorradfahrer ist. Papa und Michael setzen ein Gespräch fort, das sie im Büro begonnen haben – irgendwas mit dem Gottesdienst am nächsten Sonntag.

Ich konzentriere mich auf meinen Teller und versuche, den Geräuschpegel auszublenden, aber als ich irgendwann doch hochsehe, begegne ich dem Blick meiner Mutter. Sie lächelt.

»Na, Miriam, wie ist es mit der Englisch-Arbeit gelaufen?«

Ich zucke die Achseln. »Geht so.«

»Hattest du nicht geübt?«

»Let’s speak English together«, schlägt Michael vor. »What about an English – äh, Predigt, on Sunday?«

»Sermon«, meint Tabita. »Oh Mann, ich bin erst elf und ich kann besser Englisch als du.«

»Then you may help me.«

»Oh wie schrecklich«, stöhnt sie. »Du bist ein hoffnungsloser Fall, Michi.« Sie ist die Einzige, die ihn Michi nennt. Die meisten anderen finden wohl, dass ein Mann, der zwei Meter misst, auch einen eindrucksvollen Namen verdient.

Aus diesem Grund nenne ich ihn Goliath, wenn er nicht dabei ist.

»Ich kann auch Englisch«, ruft Silas dazwischen und beginnt, alles in seiner Reichweite zu benennen, wobei Tabita ihn ausdauernd verbessert.

Es nützt nichts, schneller zu essen als die anderen. Papa erwartet, dass wir sitzen bleiben, bis alle fertig sind. Danach werde ich dazu verdonnert, die Spülmaschine einzuräumen – warum eigentlich immer ich? Kann mir das jemand mal verraten? –, und dann ist es endlich vorbei.

Mehr oder weniger.

Nicht einmal in meinem Zimmer habe ich wirklich Ruhe. Silas hört Musik, Tabita übt Klarinette, und mein kleines Reich liegt natürlich genau dazwischen. Wieder einmal bereue ich, dass ich mir diesen Raum habe aufschwatzen lassen, nur weil er ein bisschen größer ist als die anderen. Ich hätte lieber die Kammer auf dem Dachboden nehmen sollen, die urgemütlich ist und weit weg vom Rest der Familie. Aber die hat jetzt meine Mutter und benutzt sie für ihr Mittagsschläfchen. Echt ungerecht ist das – schlafen kann man bei mir jedenfalls nicht. Es ist nur zu ertragen, wenn man sich Stöpsel in die Ohren steckt. Mama will nicht, dass ich die benutze – sie meint, man könnte davon schwerhörig werden. Ach ja, Mama mit ihrem Gesundheitsfimmel. Sie ist, wen wundert’s, natürlich auch gegen Handys. Wegen der Strahlung und so. Ich war die Letzte in der Klasse, die eins bekommen hat. Dafür habe ich eins, das wasserdicht ist und als Taschenlampe benutzt werden kann. Papa fragt mich manchmal, ob ich die Kerzen damit anzünden kann oder ob auch eine Nagelfeile dabei ist. Das findet er überaus witzig. Aber man kann mit meinem Handy tatsächlich auch telefonieren.

»Messie? Bist du da?«

»Klaro. – Was?«

Selbst meine Mutter kann nicht verhindern, dass ich mit meinen Freundinnen wichtige Gespräche führe – aber meine Geschwister leider schon. Nicht Handys sind schädlich. Kleine Brüder und Schwestern sind viel gefährlicher für die Gesundheit. Wegen dieser Blagen werde ich irgendwann noch einen Nervenzusammenbruch kriegen. Ich kann Mandy bei dem schrillen Gepiepse, das Tabita mit ihrer Klarinette veranstaltet, kaum verstehen.

»Was? Moment mal.« Ich hämmere gegen die Wand. »Ruhe da! – So, was ist?«

»Wir treffen uns gleich«, sagt Mandy. »Im Park.«

»Ich kann nicht«, gebe ich zu. »Muss noch Hausaufgaben machen.«

»Ich hab meine schon längst fertig.« Das liegt nicht etwa daran, dass sie superschlau ist, sondern dass sie sich ihre Hausaufgaben immer von Steffi machen lässt. Steffi ist die Schnellste von uns vieren, was das Lernen angeht. Kim macht sowieso nie etwas, aber Mandy ist schon einmal sitzengeblieben und will auf keinen Fall, dass das noch mal passiert. Sie will mit mir und Steffi aufs Gymnasium wechseln, nach diesem Schuljahr, und muss dafür einen ordentlichen Abschluss hinlegen.

Natürlich habe ich jetzt ein tierisch schlechtes Gefühl. Wenn Mandy einen dabei haben will, sagt man nicht nein. Man kann ruckzuck wieder unsichtbar werden, wenn man nicht aufpasst. Ich weiß das.

»Wartet ihr auf mich? Ich beeil mich.«

»Tja«, sagt Mandy nur, und das kann ein Ja sein oder ein Nein oder einfach nur: Find’s raus.

Für mich heißt das auf jeden Fall, dass ich mich wirklich beeilen muss.

Tabita hat aufgehört, selber Musik zu machen, doch gerade als ich Gott dafür danken will, dreht sie ihr Radio lauter.

Jetzt reicht es wirklich. Ich stürme aus meinem Zimmer, reiße ihre Tür auf und schreie: »Spinnst du?«

Meine Schwester liegt bäuchlings auf dem Bett und schiebt hastig ein Buch unters Kopfkissen. Als ob ich sie ertappt hätte.

»Kannst du nicht anklopfen? Das macht man eigentlich«, sagt sie mit ihrer Oberlehrerinnenstimme, die mich wie immer zur Weißglut treibt.

Ich schalte das Radio aus und wende mich ihr zu.

»Was liest du da?«

»Nichts. Geht dich nichts an.«

Ihre Nasenspitze beginnt zu glühen. Oh, ich erkenne ein schlechtes Gewissen.

»Was denn?«

Ich schnappe mir das Kissen, in das sie sofort ihre kleinen Hände krallt.

»Hau ab!«

»Das ist aber nicht nett, wie du mit mir sprichst«, sage ich. »Also wirklich, Tabita, wo bleibt deine Höflichkeit?«

Ich werfe mich über sie und ziehe sie von der Matratze auf den Boden, und dann, mit einem Hechtsprung, bin ich selbst auf dem Bett und schleudere das Kissen weg.

Darunter liegt ein ziemlich dickes Buch mit einem Cover in Pastelltönen und dem erstaunlichen Titel: »Das Geheimnis des Grafen.«

»Gib das her!«, kreischt sie.

»Das Geheimnis des Grafen?«, frage ich, immer noch überrascht. Mir wäre nie im Leben in den Sinn gekommen, dass meine kleine Schwester, die allseits korrekte Tabita, Bücher mit solchen Titeln liest. Ich schlage es auf und lese den ersten Satz, auf den mein Blick fällt, laut vor: »Mary schluchzte laut. Der Graf hielt ihr ein seidenes Tüchlein hin, in das sein Wappen und seine Initialen gestickt waren. ›Hier, bitte‹, flüsterte er, und als sie das Tuch nahm, berührten sich ihre Fingerspitzen. – Das ist ja süß.«

»Hör auf zu lachen«, faucht Tabita wütend.

»Du liest Liebesromane? Bist du nicht ein bisschen jung dafür?« Ich halte es hoch, als sie danach greifen will. »Wo hast du das überhaupt her?«

Tabita macht ein finsteres Gesicht.

Ich schlage die erste Seite auf und finde dort nicht etwa den Stempel einer Bücherei. Sondern in feiner Handschrift den Namen: Dorothea Illner. Mamas Mädchennamen.

»Das gehört Mama! Du klaust Mamas Buch?«

»Ich klau sie nicht! Ich – leih sie mir nur aus.«

Ich kann es nicht fassen. Kopfschüttelnd blättere ich weiter. »Sie? Dann gibt es also noch mehr davon? Das wievielte ist es denn? Wo hast du sie her? Aus ihrem Schlafzimmerschrank?«

Meine Schwester starrt mich grimmig an. »Du sagst kein Wort. Wehe!«

»Oh, hier!« Ich kann ein Kichern nicht unterdrücken. »Hier fahren sie mit einer Kutsche durch den Schnee. Wie romantisch! – Der Graf nahm ihre kleine, zarte Hand in seine. Mary wagte kaum, ihn anzusehen. – Warum nicht? Ist er so hässlich? – ›Ich bin von meiner Familie ausgestoßen worden‹, sagte er. ›Ich habe kein Geld. Alle diese Reichtümer gehören gar nicht mir.‹ ›Das macht mir nichts aus‹, hauchte sie.«

Ich kann gar nicht mehr aufhören zu lachen.

Tödlich beleidigt dreht Tabita sich weg.

»He«, sage ich. »Ich lache nicht über dich. Nur, das ist so – so schrecklich kitschig!«

Tabita setzt sich auf ihr Bett und nimmt ihr Kissen auf den Arm. »Na und!«

»Ist das überhaupt für dein Alter geeignet?«, frage ich. »Was machen die denn, außer Händchenhalten?«

Sie wird dunkelrot und sagt nichts.

Ich blättere mich durch den Roman, aber außer einem glühenden Kuss am Ende scheint nichts zu passieren. Kein Sex. Nur ein paar verschämte Küsschen zwischendurch, vor dem Mega-Wahnsinns-Schlussakkord-Kuss, bei dem Mary dahinschmilzt. Ich gebe meiner tomatenfarbigen Schwester das Buch zurück.

»Wirst du das Mama sagen?«, fragt sie kleinlaut.

»Nein«, sage ich. »Aber damit hab ich jetzt was bei dir gut, ja? Die Musik bleibt aus. Ich muss Hausaufgaben machen.«

Es ist immer von Vorteil, wenn man noch einen Trumpf übrig hat. Gerade bei Tabita, die ständig so tut, als sei sie der heiligste Mensch auf Erden.

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3.

Ich bin natürlich spät dran, trotzdem hoffe ich, die anderen sind noch da und haben auf mich gewartet.

Haben sie aber nicht. Die Bank am Park, unser Treffpunkt, ist verlassen. Ich gebe mich nicht der Hoffnung hin, dass meine Freundinnen hier irgendwo in der Nähe sind.

Wohin jetzt? Ich setze mich auf die Lehne, die Füße auf der Sitzfläche, und höre ein bisschen Musik. Gleich wieder nach Hause zu fahren, darauf habe ich wirklich keine Lust. Dabei habe ich mich so beeilt!

»Hi, Messie!«

Steffi bremst ihr Klapprad ab und grinst mich erleichtert an. Sie ist wohl ziemlich schnell gefahren, ihr Gesicht gerötet, Schweißflecken unter den Armen.

»Sind wir zu spät?«

Ich grinse. »Scheint so.« Fast hätte ich ihr erzählt, dass ich noch Silas’ Hausaufgaben nachsehen musste. Alternativ hätte ich auch im Garten Unkraut zupfen können, aber das hätte noch länger gedauert. Silas erledigt seine Aufgaben mindestens so schnell, wie er redet, und meistens ist ungefähr die Hälfte falsch, aber wenn man nur kontrolliert, ob er sie gemacht hat, statt jede Aufgabe einzeln nachzugucken, ist das eine Sache von zehn Minuten. Aber das interessiert Steffi sowieso nicht. Ihr Stiefbruder Chris ist älter als sie, also kann sie sich gar nicht vorstellen, was ich durchmache.

Sie seufzt, lehnt ihr Rad gegen die Bank und setzt sich neben mich.

»Guck nicht so. Die wird schon nicht zusammenkrachen«, fährt sie mich an.

»Das hast du jetzt gesagt.«

Steffi kann es absolut nicht leiden, wenn man Bemerkungen über die Schwerkraft und ihre Folgen macht.

Sie seufzt wieder. »Du weißt, was Mandy vorhat, oder?«

»Klar«, lüge ich, obwohl ich absolut keine Ahnung habe. Es gibt mir einen Stich, dass Steffi da mehr wissen sollte als ich. Nun, immerhin ist sie schon viel länger Mandys Freundin. Die beiden kennen sich noch aus dem Kindergarten. Auf den ersten Blick passen sie überhaupt nicht zusammen. Mandy, so schlank und hübsch und mit diesem Blick, der selbst Lehrer einschüchtert ... und Steffi, die von den Ausmaßen her recht ... gewaltig ist, um es freundlich auszudrücken. Sie ist gar nicht so schrecklich dick, aber da sie sehr groß ist und breite Schultern hat, wirkt sie viel mächtiger und auffälliger, als wenn sie bloß klein und mollig gewesen wäre.

»Sie will rausfinden, wo der Winkelmann wohnt«, erklärt Steffi freundlicherweise. »Er will ihr ’ne Fünf verpassen. Damit kann sie sich zu Hause nicht blicken lassen.«

Den Winkelmann haben wir in Französisch. Mandy hasst dieses Fach. Auch Steffis Hausaufgabenbeistand nützt nichts bei Vokabeltests und Abfragen in der nächsten Stunde.

»Und was will sie machen, wenn sie das rausgefunden hat?«, frage ich.

»Keine Ahnung.« Steffi zuckt die Achseln. »Ein Drohbrief?«

»Dann weiß er doch sofort, dass sie es war. Das wird sie nicht tun.« Ich ziele mit dem Zeigefinger auf Steffis Brust. »Geben Sie mir eine Vier, ich flehe Sie an! Eine Vier, oder ich schieße!«

Steffi runzelt die Stirn und sieht mich streng an. Sie zieht sogar eine Augenbraue halb hoch, wie es Herr Winkelmann auch immer macht. »Oh Mandy, dieser Versuch rührt mich zu Tränen. Der Kampf um eine gute Note soll nicht unbelohnt bleiben. Nur noch dieses eine: Übersetze das Ganze in Französisch.«

»Oh nein!«, schreie ich theatralisch. »Alles, nur nicht das!«

Ich kippe filmreif von der Bank und röchele mein Leben aus.

Jemand klatscht. Ein anderer imitiert Gejohle – leider nicht laut genug, um echt zu klingen. Beschämt rappele ich mich schnell auf.

Wir haben Zuschauer bekommen. Ein paar Jungs, mit denen Mandy früher öfter rumgehangen hat, bevor ich zu ihrer Clique gestoßen bin. Ich kenne sie vom Sehen.

»Hi, Steffi«, sagt der eine. Er hat ein rundes, pickliges Gesicht und streichholzkurze Haare. Ein Typ der Marke »Was bin ich nur für ein cooler Checker«. Er trägt eine kaputte Jeans, die aussieht, als hätte er sie so zerrissen gekauft, ein schwarzes Shirt und eine goldene Kette. Auch seine Schuhe müssen tierisch teuer gewesen sein, soweit ich das beurteilen kann.

Ich hasse Jungs mit Goldkettchen. Irgendwie sehen die immer nach Drogendealern aus.

»He, Basti. Was machst du denn hier?« Steffi verzieht angewidert das Gesicht. »Und wo hast du die Trantüten her?«

Er nickt seinen Kumpels zu. »Ach die, die gab’s im Sonderangebot.«

»So sehen die auch aus«, meint Steffi nicht unfreundlich.

Er bietet uns was zu rauchen an. Ich muss dankend ablehnen.

»Ach«, meint er. »Pastor Weynards Tochter darf nicht, oder wie?«

Wenn ich nicht Steffis Freundin wäre, hätte ich nie im Leben mit diesen Kerlen gesprochen. Sie sehen gefährlich aus, aber eigentlich sind sie ganz nett. Ich will auf keinen Fall, dass sie mich für brav und langweilig halten. Aber was soll ich machen? Wenn ich nach Rauch stinkend heimkomme, ist die Hölle los.

Das sage ich auch so.

»Dann ist die Hölle los. In der Kirche. Kannst du dir das vorstellen?« Das sage ich mit meiner feierlichsten Pastorenstimme. Ich muss nur ein bisschen die Schultern hochziehen und sehe aus wie eine Nonne.

Bastian findet das unglaublich lustig. »Ne, echt? Im Ernst? In der Kirche ist die Hölle los. Ha! Ha! Ha!«

Ich werfe Steffi einen zweifelnden Blick zu. »Ist der noch ganz dicht?«

»Ist eben Basti.«

Wir verbringen einen vergnüglichen Nachmittag mit Bastian und seinen Kumpels. Dabei gewinne ich den Eindruck, dass dieser coole Typ ein bisschen in Steffi verknallt ist.

Steffi, der Fels in der Brandung. Eigentlich kaum zu glauben, aber andererseits – warum nicht? Geschmäcker sind verschieden.

Und dann bekommt die Gruppe Zuwachs. Nach und nach werden es immer mehr, was daran liegt, dass die anderen fast jeden kennen, der hier vorbeikommt. Ich will eigentlich schon nach Hause, als Tom auftaucht. Einfach so. Er begrüßt die Jungs und nickt uns ganz flüchtig zu, und ich denke: Er sieht mich nicht, Mist, aber trotzdem, egal, was soll’s.

Er scheint besonders Bastian ganz gut zu kennen, sie reden und reden, über Musik und Filme und was weiß ich, und ich steh nur dabei und bin glücklich.

Das hier wäre nie, nie im Leben passiert, wenn ich noch unsichtbar wäre. Das weiß ich.

»He, du kannst doch schauspielern«, sagt Basti plötzlich, und ich erschrecke mich so, als er plötzlich auf mich zeigt, dass ich fast hintenüber kippe.

»Was? Äh, wieso?«, stammele ich, als ich merke, dass Tom mich das erste Mal so richtig anschaut, als würde er erst jetzt merken, dass es mich gibt.

»Macht das doch noch mal vor«, meint Basti und grinst Steffi an. Ich wusste doch, er mag sie. »Das mit dem Winkelmann.«

Das finde ich jetzt wirklich peinlich, aber Steffi kennt da nix und spielt ihre Rolle, so wie wir es vorhin gemacht haben, und da denke ich: Mensch, Messie, hab dich nicht so. Du bist nicht schüchtern. Du hast keine Angst, vor niemandem. Du bist nicht mehr unsichtbar.

Und da spiele ich mit und vergesse einfach, wer alles zuschaut. Wir übertreiben noch viel mehr als vorhin, und bauen noch ein paar Lehrer mit Wiedererkennungswert ein, und dass die Jungs lachen, schmeichelt mir gewaltig. Ich werfe Tom einen vorsichtigen Blick zu, als ich aufstehe. Er lacht nicht so laut wie die anderen, aber er lächelt, und seine Augen sind so schön, dass ich heulen könnte.

»Du könntest echt im Fernsehen auftreten«, meint Basti, und auf einmal dreht er sich um und sagt: »Oh, oh.«

Denn da kommt Mandy.

Tom verliert sein Lächeln. Nun sieht er vorsichtig aus, als würde ein Hund auf uns zustürmen, der vielleicht bissig ist. Und da denke ich: Ob er sie wohl immer noch liebt? Aber wie gute Freunde kommen sie mir nicht vor, obwohl Mandy zu strahlen beginnt, als wäre sie radioaktiv.

»He, Mädels, was ist denn hier los?«

Ich glaube, Mandy kann es nicht so gut haben, dass wir uns auch ohne sie amüsieren, denn sie zieht sofort die Aufmerksamkeit auf sich und redet noch viel lauter und schneller als sonst und wedelt mit den Händen, fast wie Frau Doggermann.

Ich komme in Versuchung, Mandy nachzumachen, aber das würde sie mir nie verzeihen, also lasse ich es. Aber mein Blick schweift über die anderen und da merke ich, dass Tom sich heimlich verzogen hat. Er ist schon da hinten zwischen den Bäumen, ich sehe nur noch seinen Rücken, und er geht schnell, als könnte er gar nicht rasch genug von hier wegkommen.