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TIMOTHY J. GEDDERT

GERTRUD A. GEDDERT

Das sogenannte
Alte Testament

Warum wir nicht darauf verzichten können

Dieses Buch als E-Book:
ISBN 978-3-86256-737-9, Bestell-Nummer 588 674E

(ISBN 978-3-87982-285-0, Bestell-Nummer 3086)
www.bibellesebund.de

Inhalt

Einführung

Die Bibel – Geschichte als Erzählung

Unser Ziel

Weiterführende Fragen

Kapitel 1: Gott, der treue Schöpfer: 1. Mose 1–2

Am Anfang schuf Gott

Bevölkert die Erde!

Der treue Schöpfer

Herrschen und unterwerfen

Die Herrlichkeit des Schöpfers – die Würde des Menschen

Warum sollten wir die Schöpfungsgeschichte lesen?

Weiterführende Fragen

Kapitel 2: Der Sündenfall – ist alles im Sande verlaufen? 1. Mose 3–11

Von der Schlange betrogen

Was ist schief gelaufen?

Zwei zentrale Fragen

Der Weg zurück

Bildersprache: unter den Füßen

Warum sollten wir 1. Mose 3–11 lesen?

Weiterführende Fragen

Kapitel 3: Gesegnet sein – ein Segen werden: 1. Mose 12–36

Es geht Gott um die Welt

Das neue Kapitel

Versprochen ist versprochen

Von Gott erwählt

Warum sollten wir 1. Mose 12–36 lesen?

Weiterführende Fragen

Kapitel 4: Gott, der treue Erretter: 1. Mose 37 bis 2. Mose 15

Ein nicht gerade vorbildliches Volk

Menschliches Planen und Gottes Plan – Josef

Gerettet, um Retter zu werden – Mose

Der Auszug aus Ägypten

Leiter als Vermittler und Vertreter Gottes

Warum sollten wir 1. Mose 37 bis 2. Mose 15 lesen?

Weiterführende Fragen

Kapitel 5: Treue Bündnispartner: 2. Mose 16–20

Gott ist der Krieger

Alles Gnade – nichts verdient

Gnade vor Gesetz

Die Rolle des Gesetzes

Warum sollten wir 2. Mose 16–20 lesen?

Weiterführende Fragen

Kapitel 6: Vom ethnischen Volk zum Glaubensvolk – das Volk Gottes im Alten und im Neuen Testament

Ein Volk oder zwei Völker?

Zurück in die Wüste

Weiterführende Fragen

Kapitel 7: Gott, der treue Erzieher – von der Geburt Israels zum Erwachsenenalter

Zu den Kapiteln 7 bis 10

Die Geschichte Israels in weniger als 200 Worten

Vom Kind zum Erwachsenen

Fürsorge

Weglaufen

Ausblick

Weiterführende Fragen

Kapitel 8: Schwierige Themen beim Lesen des Alten Testaments

Porträts des wahren Gottes

Andere schwierige Themen

Schwarz-Weiß-Denken (das Belohnungsmuster)

Unglaubliches!

Gott ist immer noch Gott

Weiterführende Fragen

Kapitel 9: Zu viele Kriege und Gesetze? Weitere schwierige Themen

Wie können wir das Alte Testament trotz der vielen Kriege schätzen?

Zu viele Gesetze

Weiterführende Fragen

Kapitel 10: Wie lesen wir das Alte Testament?

Die dreiteilige Bibel

Die umfassende Erzählung

»Im Gesetz«: Die Ausbildung eines Volkes

»Bei den Propheten«: Verkünder der Gerechtigkeit

»In den Psalmen«: Anbetung und Weisheit

»Du, Herr, bist ja bei mir«

Weiterführende Fragen

Kapitel 11: Das Neue Testament – die Fortsetzung

Die Ergänzung der alttestamentlichen Heilsgeschichte

Die Ergänzung des alttestamentlichen Gottesvolkes

Die Ergänzung des alttestamentlichen Missionsauftrages

Die Ergänzung des alttestamentlichen Gottesverständnisses

Die Ergänzung der alttestamentlichen Hoffnung

Weiterführende Fragen

Die Autoren

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Einführung

Manche Bücher liest man am besten von vorne nach hinten, manche von hinten nach vorne, und manche so und so. Wir beide schmunzeln, während wir das schreiben, weil wir schon oft darüber diskutierten, ob ein Buch von hinten nach vorne gelesen werden kann. Gertrud beginnt fast immer mit der letzten Seite! Tim dagegen beginnt beim Lesen stets von vorne ...

Tim findet, man mogelt, wenn man mit der letzten Seite beginnt: Wenn ich einer Autorin oder einem Autor nicht ermögliche, mich in ihrem Buch mitzunehmen, wie sie dies möchten, tue ich ihnen doch Unrecht. Der ganze Effekt ist hin, wenn ich zu früh weiß, wie ein Buch endet. Außerdem geht die Spannung verloren, wenn ich den Schluss schon vorher kenne. Und ohne Spannung ist ein Buch nur halb so interessant!

Gertrud steht auf dem Standpunkt, dass sie einem Autor überhaupt nichts schuldig ist: Das Buch gehört mir und ich kann schließlich damit tun, was ich will. Also bestimme ich selbst mein Leseerlebnis und lese, wie ich eben will – vorwärts, rückwärts, diagonal: mein Buch, meine Regeln. Außerdem finde ich, dass zu viel Spannung dem Lesegenuss im Weg stehen kann. Bis jetzt haben wir uns gegenseitig noch nicht von unseren Ansichten überzeugt ...

Die Bibel ist jedoch kein gewöhnliches Buch. Wir sind beide der Meinung, dass manches in der Bibel erst dann sinnvoll verstanden werden kann, wenn wir den Schluss der Geschichte kennen. Vielleicht sollten wir die Bibel am besten von vorne nach hinten und von hinten nach vorne lesen, abwechselnd und immer wieder.

Die Bibel – Geschichte als Erzählung

Jetzt haben wir unsere Karten bereits offengelegt: Wir denken, dass die Bibel in erster Linie eine Geschichte, eine Erzählung ist. Falls sie vor allem ein Buch mit Lehraussagen wäre, dann würde es auch keine große Rolle spielen, wo wir mit dem Lesen beginnen. Dann könnten wir die passenden Stellen zu einem bestimmten Thema einfach nachschlagen. Wäre die Bibel vor allem ein Geschichtsbuch oder ein Nachschlagewerk über Geschehnisse der Welt- oder Heilsgeschichte, könnten wir ausschließlich die Stellen suchen, die das erläutern, was uns gerade interessiert. Falls die Bibel ein Gesetzbuch wäre, müssten wir jeweils nur die gerade relevanten Gebote und Verbote heraussuchen. Die Bibel ist jedoch in erster Linie eine Erzählung, eine spannende Geschichte über Gott und die Welt, über die Menschheit und ihre Abenteuer, über die Zeit und das, was in Zukunft geschehen wird.

Natürlich enthält die Bibel viele historische Bezüge zur Weltgeschichte, vor allem zur Geschichte eines Volkes im Nahen Osten und die Beziehungen dieses Volkes zu seinem Gott und zu seinen Nachbarvölkern. Wo solche Bezüge hergestellt werden, da fungiert die Bibel tatsächlich als zuverlässige Quelle für historische Informationen. Wir finden hier keine Märchen. Aber geschichtliche Bezüge werden in eine Erzählung eingebettet. Einige der alttestamentlichen Bücher nennen wir »Geschichtsbücher« (zum Beispiel Josua, Richter, Rut, die Bücher Samuel, Könige, Chronik usw.). Die Bezeichnung »Geschichtsbücher« ist jedoch unsere Erfindung. Zur Zeit der Bibel hießen manche dieser Bücher »Prophetie« und andere »[literarische] Schriften«. Und diese Bücher, genauso wie alle anderen, sind Teil einer umfangreichen Erzählung.

Natürlich enthält die Bibel tiefe theologische Gedanken. Doch auch diese Theologie ist Teil einer Erzählung. Natürlich enthält die Bibel Gebote und Verbote, und zwar sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. In einer Erzählung mit Höhe- und Tiefpunkten, mit Charakteren, Rückblicken und Vorahnungen spielen diese jedoch immer eine untergeordnete Rolle. Die Bibel erzählt, berichtet und prophezeit die Geschichte Gottes mit den Menschen, mehr noch: mit dem ganzen Universum.

Wenn wir die Bibel nicht von vorne nach hinten lesen, dann verstehen wir nicht, wo wir uns in dieser Geschichte befinden. Wenn wir die Bibel jedoch nicht auch von hinten nach vorne lesen, ist die Spannung zu groß: Wie wird die Geschichte ausgehen? Wird Gott tatsächlich seine guten Pläne verwirklichen oder können sie von anderen durchkreuzt werden?

Die Bibel beschreibt in einer spannenden Erzählung den Weg, den Gott mit uns geht, und führt uns das Ziel vor Augen, wohin dieser Weg führt. Wir lesen diese Geschichte nicht nur; wir sind auch Teil dieser Geschichte. Wir selbst sind Charaktere, die die Handlung mit beeinflussen. Gott, der Dirigent, lässt uns viel Freiraum, die Weltgeschichte mitzubestimmen. Und dann greift er tatsächlich manchmal ein, um Kurskorrekturen vorzunehmen. Und Gott ist stets dabei, uns den Weg zu zeigen, uns zu ermutigen und uns neue Visionen zu schenken, damit wir den richtigen Weg erkennen und wählen können.

Unser Ziel

Mit diesem Buch möchten wir unter anderem zeigen, warum wir von Folgendem überzeugt sind: Die Bibel ist vom Anfang bis zum Ende (und umgekehrt) lesenswert, faszinierend und unentbehrlich wichtig. Denn ohne die Bibel wüssten wir fast nichts über den wahren Gott, wenig Zuverlässiges über den Sinn des Lebens und nur allzu wenig darüber, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen sollen – sowohl mit denen, die gemeinsam mit uns den Weg mit Jesus gehen, als auch mit den Menschen, die andere Wege gehen.

Dies alles gilt genauso für das Alte wie für das Neue Testament. Manchmal wird behauptet, dass wir jetzt in der Zeit des Neuen Testaments lebten und nur dieser Teil der Bibel uns gelten würde. Außerdem sei das Alte Testament nur für Juden und nicht für Nichtjuden bestimmt. Das Alte Testament würde hauptsächlich Gesetze enthalten und wir würden in der Zeit der Gnade leben. Das Alte Testament würde nur auf Jesus vorbereiten, aber wir würden ihm jetzt nachfolgen. Warum also sollten wir Christen das Alte Testament überhaupt noch beachten?

Schon der Name »Altes« Testament scheint anzudeuten, es sei weniger wichtig – veraltet, nicht mehr relevant, nicht »unser« Testament. Ich, Tim, bin von Beruf Neutestamentler. Aber je mehr ich versuche, das Neue Testament zu verstehen, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass das Alte Testament ganz und gar zu einer Geschichte gehört, die unsere Geschichte ist. Die Bibel muss vorwärts und rückwärts gelesen werden: Ohne das Alte Testament werden wir das Neue Testament oft nur schwer und häufig sogar falsch verstehen. Wenn wir das Alte Testament jedoch mit den Augen des Neuen Testaments lesen, erscheint es uns gar nicht mehr so irrelevant. Aus der Perspektive des Neuen Testaments erkennen wir die wichtige Rolle des Alten Testaments in der ganzen Erzählung.

Mit diesem Buch geht es uns um die folgenden Ziele:

• Die Leserinnen und Leser sollen entdecken, dass die Bibel eine ergreifende Geschichte erzählt, die lebensbeschreibend und lebensverändernd sein will.

• Die Leserinnen und Leser sollen entdecken, dass das Alte Testament einen großen Teil unserer (christlichen) Geschichte erzählt; dass es das Neue Testament erläutert und zugleich selbst vom Neuen Testament erläutert wird.

• Die Leserinnen und Leser sollen den Wert des Alten Testaments neu entdecken.

In jedem Kapitel nehmen wir einen wichtigen Aspekt der biblischen Geschichte unter die Lupe und versuchen aufzuzeigen, wie dieser Teil sich ins Ganze einfügt. Dabei sprechen wir auch heikle oder verwirrende Themen an und versuchen, eine Brücke zwischen dem jeweiligen Abschnitt der Bibel und der ganzen Geschichte zu schlagen. Das übergreifende Thema ist dabei die Treue Gottes. Wenn Gott nicht treu seinem Plan, seiner Schöpfung, seinem Volk und jedem einzelnen Menschen zur Seite stünde, dann gäbe es keine Geschichte mehr zu erzählen – es wäre längst aus mit uns. Doch der treue Gott wird uns nie im Stich lassen, bis er seine Ziele für uns erreicht hat und wir in seiner Gegenwart die ganze Geschichte vom Ende her verstehen und feiern werden.

Timothy J. und Gertrud A. Geddert

Weiterführende Fragen

1. Die Bibel ist in erster Linie eine Erzählung, mehr als ein Geschichtsbuch, mehr als ein Theologiebuch, mehr als ein Gesetzbuch – wie denken Sie über diese Meinung der Autoren?

2. Was ist Ihre erste Reaktion auf den Gedanken, dass das Alte Testament unsere Geschichte – nicht allein die Geschichte eines anderen Volkes – erzählt?

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Kapitel 1

Gott, der treue Schöpfer: 1. Mose 1–2

Am Anfang schuf Gott

So fängt die ganze Geschichte an, die Weltgeschichte und die biblische Geschichte. Davor gab es nur Gott, ganz alleine. Wenn wir berücksichtigen, was wir später von Jesus lernen, reden wir besser von »Gott als drei«. Gott als drei, und dennoch alleine Gott. Aber Gott wollte nicht allein bleiben. Und so schuf Gott das, was nicht Gott ist. Aber warum?

Dafür gäbe es absolut keine Erklärung, falls Gott wirklich so wäre, wie es manchmal behauptet wird. Philosophen, Theologen und andere Denker versuchten immer wieder das Wesen Gottes zu erfassen und zu beschreiben. Zu den biblischen Begriffen wie »allmächtig«, »allwissend« und »allgegenwärtig« kommen weitere Beschreibungen hinzu. Manche reden dann von einem Gott, der in sich selbst komplett und restlos zufrieden sei, unveränderlich und leidenschaftslos, in perfekter Harmonie, sich selbst genug.

Aber dies ist ganz und gar kein biblisches Bild. Der lebendige Gott setzt seine schöpferische Kreativität ein und bringt zustande, was zuvor nicht war. Gott sehnte sich nach Beziehungen mit anderen, die nicht Gott waren. Gott hatte Pläne und Wünsche. Und so schuf Gott. Gott schuf das, was anders ist als Gott – das Weltall, die Natur, die Erde, die Sonne und den Mond, die Sterne, Lebewesen aller Art und die Menschheit. Und Gott sah alles an, was er geschaffen hatte, und sah: Es war alles sehr gut (1. Mose 1,31).

1. Mose 1 und 2 erzählen davon, dass Gott ein schöpferischer Gott ist, und sie listen auf, was Gott alles erschuf. Diese Kapitel erzählen vom Beginn allen Lebens, von der Erschaffung von Himmel und Erde. Hier möchte ich unmissverständlich und klar sagen: Die Bibel sagt von Anfang bis Ende, dass Gott alles erschaffen hat. Das Weltall entstand aus nichts als seinem Schöpfungswort, und auch nicht zufällig. Gott wollte eine Schöpfung und erschuf sie. Gott erschuf alles außerhalb sich selbst. Über das »Wie« erfahren wir nur: »und Gott sprach«. Über das »Warum« und »Wozu« können wir viel erfahren, wenn wir diese Kapitel im richtigen Zusammenhang lesen.

Im Verlauf der Jahrhunderte gab es mehrere Theorien darüber, inwieweit 1. Mose 1 und 2 genau festhalten, in welcher Reihenfolge alles erschaffen wurde und auch in welchem Zeitraum. Sind die sechs Schöpfungstage wortwörtlich als sechs Tage zu verstehen? Oder sollen wir die sechs Tage eher als sechs Epochen unterschiedlicher Dauer verstehen, oder gar als sechs Aspekte der Schöpfung Gottes? Oder geht es vielleicht nur um die literarische Form einer Erzählung?

Wenn Gott die Erde und das Weltall in einem kurzen Zeitraum erschaffen wollte, dann war das nicht unmöglich für ihn. Es ist also im Prinzip kein Problem, zu behaupten: Gott sprach, und es geschah – einfach so, aus dem Effeff, wie aus dem Ärmel geschüttelt, entstand alles in sechs mal 24 Stunden. Manche Ausleger meinen jedoch Ungereimtheiten im Text zu erkennen und werten sie als Hinweise darauf, dass diese Kapitel nicht wortwörtlich verstanden werden sollten. Sie fragen sich beispielsweise, warum es schon vor der Erschaffung von Sonne, Mond und Sternen Licht gab oder warum schon zwischen Tag und Nacht unterschieden wurde, ehe es eine Sonne gab.

Die unterschiedlichen Ansätze, den Schöpfungsbericht auszulegen, führten leider oft zu verhärteten Fronten, die es unmöglich machten, die viel wichtigeren Aussagen des Textes zu hören. Wenn wir alle unsere Kräfte in Diskussionen über die Wissenschaftlichkeit des Schöpfungsberichtes investieren, dann besteht die Gefahr, dass wir andere wichtige Gesichtspunkte aus den Augen verlieren. Unseres Erachtens ist die wichtigste Aussage des Textes die, dass wir das Entstehen des Weltalls nicht dem Zufall, sondern einem erschaffenden Gott zu verdanken haben. Es ist wichtig, dass wir Gott nicht als jemanden sehen, der irgendwo unbeteiligt im Hintergrund bleibt, sondern als jemanden, der direkt eingreift, um seinen Willen zu verwirklichen.

Es ist wichtig, dass wir berücksichtigen, in welchem geschichtlichen Kontext diese ersten Kapitel der Bibel geschrieben wurden und wie sie als Wort Gottes zum alttestamentlichen Gottesvolk sprachen. Die theologischen Gegner der damaligen Lehrer, Propheten und Autoren waren keine von Charles Darwin in die Irre geführten atheistischen Wissenschaftler. Es waren auch keine Wissenschaftler, die glaubten, das Weltall sei in Milliarden Jahren entstanden, und deren Zeitvorstellungen deshalb korrigiert werden müssten. Die Gegner des alten Israels waren die Vertreter heidnischer Religionen, die ihre eigenen Entstehungsgeschichten verbreiteten. Die Geschichten dieser Religionen unterschieden sich zutiefst vom biblischen Schöpfungsbericht: Sie sprachen von Göttern und Göttinnen und behaupteten, diese Götter hätten durch Morde und Kriege in der himmlischen Welt den Grundstein für eine ebenso gewalttätige irdische Welt gelegt.

Mose und seine Nachfolger bekämpften solche Vorstellungen und erklärten, dass es ganz anders war: Gott hatte am Anfang der Zeiten keine Gegner. Deshalb sind Mord und Krieg auch kein wesentlicher Bestandteil des Weltalls. Die Schöpfung ist gut. Sie entstand nicht dadurch, dass – wie andere behaupteten – ein Riesentier geschlachtet wurde. Selbst die Biester sind Teil der guten Schöpfung Gottes. Das Leben auf dieser Erde entstand auch nicht – wie wieder andere behaupteten – durch den magischen Einfluss der Sterne. Nein, es ist Gott, der alles erschaffen hat: Erde, Mond und Sonne ... und auch die Sterne, die in 1. Mose 1 fast nebenbei erwähnt werden. Und Gott schuf dies alles durch sein schöpferisches Wort, nicht durch Magie und nicht durch die kriegerische Macht eines Schwertes.

1. Mose 1 und 2 sind nicht als naturwissenschaftliche Abhandlungen zu verstehen. Aber sie stellen dennoch die Grundlage aller Naturwissenschaften dar. Wir erfahren dort, dass die Natur von Gott gewollt und geplant war, von Gott erschaffen und mit der Menschheit geteilt wurde. Gott beauftragte die Menschen, seinen Geschöpfen Namen zu geben. Und er gebot ihnen, den Garten zu pflegen, das heißt, verantwortlich damit umzugehen.

1. Mose 1 und 2 sind aber auch keine bloßen historischen Abhandlungen. Und dennoch stellen diese Kapitel die Grundlage der ganzen Weltgeschichte dar. Wir erfahren, wo alles begann und wozu alles dienen soll. Wir können diesen Kapiteln entnehmen, dass Gott, der Schöpfer, letztendlich für die ganze Geschichte zuständig ist. Er erschuf die Menschen zu seinem Bilde und berief sie zu seinen Mitarbeitern.

Wenn wir diesen Kapiteln gerecht werden wollen, müssen wir neben ihren Beiträgen zu Wissenschaft und Geschichte auch ihre literarische Schönheit entdecken. Dieser Text ist zugleich poetisch und wahr, kunstvoll geschrieben und doch aussagekräftig. Die Entstehungsgeschichte wird in zwei Teilen erzählt. Zuerst werden die sechs Tage aufgezählt, in denen Gott den Himmel und die Erde, die Himmelskörper, das Land und das Meer, die Lebewesen und die Menschen erschuf. Gleich darauf wird berichtet, dass Gott alles für »sehr gut« erklärte und selbst einen Ruhetag hielt. Im zweiten Teil des Textes werden dann Einzelheiten noch einmal besonders aufgegriffen und die Erschaffung von Eva als Adams Gegenüber und Partnerin betont. 1. Mose 1 beschreibt die Menschheit als den krönenden Abschluss der Schöpfung Gottes und betont Gottes Souveränität über und Zufriedenheit mit seiner Schöpfung. 1. Mose 2 betont die Rolle der Menschheit in Gottes guter Welt und vor allem die Notwendigkeit eines Lebens in menschlicher Gemeinschaft als den Kontext eines erfüllten Lebens als Treuhänder Gottes.

Was antworten wir nun Wissenschaftlern, die behaupten, unsere Welt sei Milliarden Jahre alt? Sind Christen verpflichtet, die Behauptung abzulehnen, dass die Galaxien durch einen Urknall in das Weltall hinausgeschleudert wurden? Müssen wir, um bibeltreu zu sein, die Behauptungen von Wissenschaftlern abstreiten, der Mensch stamme von den Primaten ab?

Unseres Erachtens befanden sich Theologen und Wissenschaftler wegen solcher Fragen viel zu lange im Kriegszustand. Tatsache ist, dass Wissenschaftler – Christen wie Atheisten – sich weder einig noch sicher sind, dass sie mit einer einzigen Theorie alles erklären können. Tatsache ist auch, dass sich Theologen unter sich noch weniger einig sind. Einige bekennen sich zu einer wörtlichen Interpretation der biblischen Weltentstehungslehre. Andere meinen, 1. Mose erkläre die Reihenfolge, nicht aber die Zeiträume, in denen Gott schuf. Wieder andere meinen, es gehe hier gar nicht um das Wie und Wann, sondern nur um das Warum und Von-Wem.

Wir möchten gerne die Gefahren beider Extreme dieses Spektrums aufzeigen. Auf der einen Seite ist es wichtig, dass wir als Bibelausleger uns auf das Auslegen der Bibel konzentrieren und nicht versuchen, den Naturwissenschaften hinterherzulaufen, um unsere Überzeugungen den neuesten Theorien anzupassen. Es besteht sonst die Gefahr, dass wir unsere Überzeugungen genauso oft revidieren müssen, wie die Naturwissenschaften es tun. Gott kann schließlich auch mit scheinbarem Alter geschaffen haben. Die noch größere Gefahr ist, dass wir allmählich unsicher werden, ob es überhaupt notwendig ist, an einen Schöpfergott zu glauben, um die Entstehung des Weltalls zu erklären. Wer braucht noch Gott, wenn ein Urknall alles erklärt?

Auf der anderen Seite sehen wir die Gefahr, Angst davor zu haben, Neues zu lernen und unsere Auslegungen zu überdenken. Es besteht die Gefahr, dass wir starr an Theorien festhalten, die dem widersprechen, was die meisten denkenden Menschen aus guten Gründen für sinnvoll halten. Es ist wichtig, die »Galileo-Lektion« zu bedenken. Die Kirche verfolgte damals Wissenschaftler wie Galileo Galilei (1564–1642), die glaubten, beweisen zu können, dass die Erde sich um die Sonne drehe und nicht umgekehrt. Die Kirche bestand darauf, dass die Bibel unmissverständlich ein »geozentrisches« Weltall – dass nämlich die Sonne sich um die Erde drehe – und nicht ein »heliozentrisches« unterstütze, wo die Erde um die Sonne kreist. Mit der Zeit musste die Kirche ihren Fehler einsehen – bis dahin hatten viele Wissenschaftler die damaligen Ausleger längst für unglaubwürdig erklärt.

Auch wenn wir die Ausleger respektieren, die behaupten, die Erde sei erst etwa 6 000 Jahre alt (und auch sie haben durchaus gute Argumente), so meinen wir doch, dass sie in der Gefahr stehen, den gleichen Fehler zu begehen. Wenn wir durch unser Teleskop schauen und Sternensysteme beobachten, die Millionen von Lichtjahren entfernt liegen, dann scheint es uns, als hätte Gott dies alles tatsächlich in großen Zeiträumen erschaffen und nicht erst vor ein paar tausend Jahren. Aus unserer Sicht widerspricht das nicht den Aussagen der Bibel.

Aber wo ist dann das Ende dieser Logik? Wir wissen, dass die Geologen behaupten, dass geologische Aufzeichnungen und Dinosaurierknochen Ähnliches zeigen. Entweder gibt es schon seit Urzeiten Tierleben auf der Erde oder Gott hat sich viel Mühe gegeben, diesen Eindruck zu erwecken.

Das geht natürlich vielen Christen zu weit, und so versuchen sie, die wissenschaftlichen Befunde anders zu erklären. Viele Gläubige halten die »Junge-Erde-Theorie« für zutreffend (wenn auch die Erde ihrer Ansicht nach nicht unbedingt exakt höchstens 6 000 Jahre alt ist); sie werden häufig »Kreationisten« genannt. Andere bekennen sich zu der Vorstellung, dass Gott als »intelligentes Wesen« die Entwicklung des Weltalls aktiv gelenkt und bis ins kleinste Detail vorausbestimmt habe (»Intelligent Design« wird die Theorie genannt, der zufolge bestimmte Merkmale des Universums und Lebens am besten durch eine intelligente Ursache bzw. Absicht erklärt werden können). Wieder andere glauben, Gott habe alles in einem langen Prozess der Entwicklung erschaffen – ohne sich festlegen zu wollen, wie genau dies geschah.

All diese Überzeugungen gehen davon aus, dass Gott der Schöpfer ist. Die Art und Weise, wie Gott die Welt erschuf, wird von den Auslegern unterschiedlich verstanden.

Das letzte Wort dieser Diskussion ist noch nicht gefallen. Aber ein erstes Wort wurde bereits gesprochen: Am Anfang schuf Gott. Gott hatte Pläne und Wünsche. Er wurde kreativ. Gott erschuf eine wunderbare Welt und als Höhepunkt die Menschheit. Diesen Menschen verlieh Gott Kreativität und Freiheit und machte sie so zu seinen »Mitschöpfern«. Menschen wurden zu Mitgestaltern der Geschichte. Obwohl Gott immer noch ein Ziel für die Geschichte hat, obwohl wir wissen können, dass Gott diese Welt nie im Stich lassen wird und sie in seiner großen erfinderischen Treue auch zu diesem Ziel bringen wird, sind wir Menschen doch Mitgestalter dieser Geschichte. In diesem Sinn teilt Gott seine Macht mit der Menschheit. Und er verhindert es meistens nicht, wenn Menschen diese Macht missbrauchen. (Auf diesen Aspekt der Geschichte kommen wir später noch zurück).

Bevölkert die Erde!

Mose beschreibt, dass Gott die Meere mit Fischen, die Himmel mit Vögeln und die Erde mit Tieren aller Arten füllte. Himmel und Erde wimmelten von Lebewesen. Nur Adam und Eva waren alleine, als einzige Vertreter der noch zu entstehenden Menschheit. Und Gott segnete die Menschen und sagte zu ihnen: »Seid fruchtbar und vermehrt euch! Füllt die ganze Erde ...« (1. Mose 1,28). Vielleicht ist dies das einzige Gebot Gottes, das die Menschheit tatsächlich erfüllte.

Jedes Mal, wenn ein Kind geboren wird, entsteht auf der Erde eine weitere Schöpfung Gottes – unter der Mitwirkung von Menschen, den Treuhändern Gottes und Mitgestaltern seiner Geschichte. Und jedes Kind wird, so wie am Anfang Adam und Eva, als Gottes Ebenbild geschaffen, das Gott ähnlich ist (1. Mose 1,26–27). Was für ein Vorrecht und welche Verantwortung!

Der treue Schöpfer

Wer nach Gottes Willen leiden muss, der soll sich nicht davon abbringen lassen, Gutes zu tun und seinem treuen Schöpfer sein Leben anzuvertrauen (1. Petrus 4,19; Hoffnung für alle).

Gott ist der »treue Schöpfer«. Dieser Begriff kommt in der Bibel nur einmal vor und zwar in einem Zusammenhang, in dem deutlich wird, dass es im Leben nicht nur Schönes und Wunderbares gibt. Es gibt auch Leiden und Schmerzen. Es gibt sogar Leiden, die die Folge davon sind, dass Gottes Schöpfung ihrem treuen Schöpfer nicht treu blieb.

Herrschen und unterwerfen

Gottes Welt war noch nicht vollendet, als Gott sie schuf – sündlos, aber nicht vollkommen, nicht fertig. Gott schuf ein Weltall und eine Menschheit mit Potenzial. Gott beabsichtigte, mit dieser Schöpfung einen langen Weg zu gehen, bevor sie vollendet sein würde. Aber auf diesem Weg sollte Gott immer zu seiner Schöpfung stehen und dieser oft abtrünnigen Schöpfung treu sein.

Die Natur kann ohne die Kinder Gottes nicht zum Ziel kommen, schreibt Paulus (Römer 8,18–20). Unsere Rolle ist es, »zu unterwerfen« und »zu herrschen« (so wird 1. Mose 1,28 meistens übersetzt: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen; Einheitsübersetzung).

Weil aber diese Begriffe oft schrecklich missverstanden werden und weil die Menschheit eher geneigt ist, die Schöpfung auszubeuten und auszunutzen, sollten wir diesen Auftrag etwas näher betrachten. »Herrschen« (hebräisch: radah) wird oft mit »niedertreten« oder »unterdrücken« übersetzt. Dies ist in Zusammenhängen der Fall, in denen »herrschen« mit Gewalt oder zum Selbstzweck geschieht. Wenn aber »herrschen« dem Willen Gottes entspricht, sieht es anders aus. Es wird dann als »über etwas Aufsicht haben« beschrieben. Wir finden auch oft die Warnung, »nicht mit Gewalt zu zwingen« oder »nicht zu Sklaven zu machen« (3. Mose 25,43.46.53).

»Herrschen« bedeutet Gerechtigkeit und Barmherzigkeit üben, Hilfe und Schutz anbieten, Schalom