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Sabine Dittrich

Im Schatten der
Verschwörung

Liebe und Verrat in Zeiten der Reformation

HISTORISCHER ROMAN

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Zu diesem Buch

Als Matthias Kerner auf der Suche nach dem Geheimnis seiner Herkunft nach Mühlhausen in Thüringen kommt, ahnt er nicht, was er damit auslöst. Der radikale Reformator Thomas Müntzer hatte die Stadt in den Bauernkrieg und in die Katastrophe geführt. Unter keinen Umständen darf bekannt werden, dass Kerner der verloren geglaubte Sohn des umstrittenen Revolutionärs ist.

Der junge Mann kommt einer Verschwörung auf die Spur, die nicht nur sein sich anbahnendes persönliches Glück gefährdet …

Eine packende Erzählung über Verrat und Rache, aber auch über Liebe, Freundschaft und Vergebung in der Zeit der Reformation.

„Eingebunden in eine Liebesgeschichte wird hier die Zeit nach den Bauernkriegen in einer klaren Sprache anschaulich und packend geschildert. Der Leser nähert sich der komplexen Figur des Reformators Thomas Müntzer auf ungewöhnliche und höchst unterhaltsame Weise und erkennt, dass viele der damals aufgeworfenen religiösen Fragen im Grunde nichts an Aktualität verloren haben.“

Gaby Wohlrab, Autorin

„Der Roman um Thomas Müntzer hat mich von Anfang an inhaltlich wie sprachlich in Bann gezogen. Es hat mir ein interessantes Kapitel deutscher Geschichte gezeigt, von dem ich noch nicht viel vorher wusste.“

Jörg Meister, Buchhandlung Meister, Münchberg

Über die Autorin

Sabine Dittrich ist leidenschaftliche Leserin und Geschichtenerfinderin. Sie ist verheiratet, Mutter einer erwachsenen Tochter und arbeitet als freie Autorin, Referentin und Seminarleiterin.

2013 erschien ihr erster Roman Erben des Schweigens.

Impressum

Dieses Buch in gedruckter Form:
ISBN 978-3-86256-062-2, Bestell-Nummer 590 062

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar

Lektorat: Dr. Thomas Baumann
Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson
Umschlagbilder/Ranke im Text: Jörg Hackmann,
oksana2010, Marzolino/ShutterStock.com®
Satz: Neufeld Verlag

© 2015 Neufeld Verlag Schwarzenfeld

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,
nur mit Genehmigung des Verlages

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Inhalt

Zu diesem Buch

Über die Autorin

Impressum

Prolog: Erfurt. Ende September 1525

Regensburg. Im Juli 1545

Thüringen. Im Sommer 1545

Mühlhausen. Sommer 1524

Mühlhausen. Im Herbst 1545

Epilog

Historischer Anhang: Ist’s die Wahrheit oder eine Mär?

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Über den Verlag

Für Markus – den Getreuen meines Herzens

Prolog

Erfurt. Ende September 1525

Die Augen des kleinen Jungen waren blau. Blau wie die Farbe, die der Regensburger Tuchmacher Peter Kerner gerade bei einem Waidhändler hier in Erfurt gekauft hatte. Es war das besondere Blau und die Tiefe des Blickes, mit dem ihn der kleine Junge unverwandt musterte: Diesen Moment behielt Peter Kerner immer im Gedächtnis, denn er sollte sein ganzes Leben verändern.

Das Kind war etwas mehr als ein Jahr alt und hielt sich an der Sitzfläche eines Stuhles fest.

»Na, kleiner Junker«, brummte Peter freundlich, »dich hab ich hier ja noch nie gesehen.«

Der kleine blondlockige Kerl strahlte über das ganze Gesicht und kam langsam näher, bis er sich an den Knien des Regensburger Tuchmachers festhalten konnte.

»Mias, lass die Leut’ in Frieden!«, schimpfte die Schankmagd und hob den widerstrebenden Jungen auf den Arm. »Verzeiht, Herr, er ist mir aus der Küche entwischt.«

»Ist das dein Kind?«

»Nein, er gehört zu einer Witwe, die bei uns Quartier macht.«

»Lass ihn ruhig bei mir, er stört mich nicht. Bring mir etwas zu essen, sei so gut. Und noch einen Krug Dünnbier.«

Achselzuckend stellte die Magd Mias wieder auf den Boden und schlurfte auf ihren Holzpantinen davon. Kerner nahm ihn hoch und setzte ihn auf seine Beine. »Nun reiten wir auf dem Pferd. Hopp, hopp, hopp. Hüh Pferd und hott.« Er ließ Mias auf seinen Knien wippen. Der Junge legte den Kopf in den Nacken, riss die Arme hoch und jauchzte vor Vergnügen. Er konnte ja nicht wissen, wie sehr sich Tuchmacher Peter Kerner und seine Frau Agnes nach so einem kleinen Menschenkind sehnten, das man auf den Knien hüpfen lassen konnte. Vier Jahre waren Peter und Agnes nun schon verheiratet und noch immer ohne Kinder.

Mias erinnerte sich später nicht mehr an diese erste Begegnung mit Tuchmacher Peter Kerner, aber sie sollte auch sein Schicksal bestimmen.

Die Schankmagd tischte Braten und Bier auf, nahm Mias von Kerners Knien und zog ihn an der Hand fort in die Küche.

Später setzte sich die Wirtin zu dem Tuchmacher an den Tisch. Sie kannten sich. Kerner machte immer in diesem Gasthof Station, wenn er in Erfurt Handel hatte.

»Der arme Junge«, seufzte sie kopfschüttelnd. »Bald wird er ganz allein auf der Welt sein.«

»Wie das?«, wollte Kerner wissen.

»Erst der Vater aus dem Leben gegangen, jetzt liegt die Mutter mit Fieber. Gestern hat sie ein Kind tot geboren. Sie wird es wohl nicht überleben.«

»Kann man etwas tun, braucht’s Geld für einen Arzt?«

»Ach Meister Kerner, Ihr seid ein guter Mensch. Der Medikus war schon da, er hat auch keine Hoffnung mehr. Sie hat zu viel Blut verloren.«

»Und es gibt keine Verwandten, die das Kind aufnehmen würden?«

»Nein, ganz sicher nicht.«

»Kann ich mit der Mutter sprechen?«

Erstaunt riss die Wirtin die Augen auf. »Meister Kerner, ich weiß nicht, ob das geht. Vielleicht hört sie gar nichts mehr in ihrem Fieberwahn.«

Kerner stand auf. »Bitte, bringt mich zu ihr, ich hab etwas mit ihr zu bereden.«

Die Wirtin ging erst zögernd voran, blieb dann stehen und drehte sich um. »Meister Kerner, bitte, Ihr wisst ja nicht, wen Ihr da vor Euch habt. Nicht, dass Ihr es bereut …«

»Nur zu, Frau Wirtin. Das werden wir schon sehen.«

Die Frau auf dem Lager wirkte so unendlich zerbrechlich. Ihr bleiches von nussbraunem Haar umrahmtes Gesicht war tief ins Kissen gesunken. Als Kerner herantrat, öffnete sie erschrocken die Augen. Ein unendlich trauriger Blick, ein wenig fiebrig, aber nicht wirr.

Sie bewegte die Lippen, doch es kamen keine Töne heraus. Sie schien sehr schwach.

»Ihr wisst, wie es steht?«, fragte Kerner leise.

Die Frau nickte. »Ich gehe bald heim zu meinem Heiland«, flüsterte sie.

»Und Ihr Söhnchen? Die Wirtin sagt, kein Verwandter will ihn zu sich nehmen?« »Jeremias.« Ein Schluchzen. Tränen rollten über ihre bleichen Wangen.

»Ich bin Peter Kerner, Tuchmacher zu Regensburg. Mein Weib Agnes und ich sind nach vier Jahren Ehestand immer noch ohne Kinder. Ich könnte Mias mit nach Regensburg nehmen. Er würde als mein Ziehsohn aufwachsen. Er hätte es gut bei uns. Was meint Ihr?«

Die Frau winkte Kerner näher zu sich. Er musste sein Ohr nahe über ihren Mund halten, um zu hören, was sie ihm zu sagen hatte. Nun verstand er, warum hier in Erfurt keine Familie, nicht einmal die Barmherzigen Schwestern, Mias zu sich nehmen würde. Und auch in Regensburg dürfte er die wahre Herkunft des Jungen niemals preisgeben.

Kerner rief nach der Wirtin und bat sie, Mias mitzubringen. Der Junge hüpfte fröhlich auf den Tuchmacher zu, umklammerte seine Knie und rief »Hopp, hopp!«. Über das Gesicht der Mutter lief ein leises Lächeln. Sie nickte zustimmend, als Kerner der Wirtin von dem Plan erzählte, Mias mit nach Regensburg zu nehmen. Noch einmal flüsterte die Todkranke Peter Kerner etwas ins Ohr. Der Tuchmacher nahm ihre Hand und drückte sie vorsichtig. »Das schwör’ ich Euch bei meiner Ehr’.«

Am nächsten Morgen stand Kerners Fuhrwerk vor dem Gasthof. Die Wirtin reichte ihm Mias nach oben auf den Kutschbock. Außerdem gab sie ihm noch ein kleines in einen Stoffsack gewickeltes Bündel.

»Sie ist ganz ruhig eingeschlafen, die Mutter. Meister Kerner, Ihr seid ein guter Mensch. Der Herrgott wird’s Euch vergelten.« Sie schnäuzte sich in ihre Schürze. Mias Augen hatten alles Leuchten verloren. »Mutsch!«, schluchzte er immer wieder. »Mutsch!« Kerner drückte ihn unbeholfen an sich. Wie ging man mit einem Kind um, das so viel Schlimmes erlebt hatte? Wie ging man überhaupt mit einem kleinen Kind um? Das mussten Agnes und er nun schnell lernen.

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Regensburg. Im Juli 1545

Katharina Kerner drehte sich tanzend im Kreis, blickte in den Spiegel und zupfte am Spitzenausschnitt ihres neuen Kleides.

»Dieses helle Blau schmeichelt mir, nicht wahr, Susanna? Nur gut, dass Mutter nicht auf das altmodische dunkelblaue Gewand bestanden hat.«

Susanna, Katharinas fast gleichaltrige Base, lachte. »Da werden dem Veit die Augen übergehen. Dann vergisst er wieder, was er zu dir sagen wollte, und stottert mit knallrotem Kopf herum. Das wird ein Spaß.«

Katharina verdrehte die Augen. »Der Veit, der Veit. Ich weiß schon, dass Vater mich am liebsten mit ihm verlobt sehen würde.« Katharina half nun Susanna, ihr Festkleid anzuziehen.

»Er ist doch ein ehrenwerter Mann, gefällt er dir denn gar nicht?«, wollte Susanna wissen. Katharina überlegte. »Was soll ich sagen? Er ist sicher ein guter, fleißiger Tuchmacher und wird einen treu sorgenden Ehemann abgeben. Aber …«, Katharina schüttelte nachdenklich den Kopf.

»Du meinst: Du bist ihm nicht zugetan?«, versuchte Susanna ihrer Base auf die Sprünge zu helfen.

»Mir gefällt vielleicht ein anderer besser.« Jetzt war es heraus.

»Ach bitte, verrat mir doch, wer es ist«, bettelte Susanna.

»Besser nicht. Ich weiß ja noch gar nicht, ob ich ihm auch gefalle. Und selbst wenn: Ich glaube nicht, dass wir zusammenkommen können«, seufzte Katharina. Aus dem Spiegel blickten nun zwei junge, festlich herausgeputzte Frauen heraus. Katharina, schlank und groß, mit blondem, hochgesteckten Haar und die etwas kleinere, rundliche Susanna, deren dunkelgrünes Gewand ihre schiefergrauen Augen vorteilhaft betonte.

Nun könnte man meinen, dass Susannas Neugierde erst recht angestachelt sein müsste, wer denn der Galan sein könnte, der ihrer Base besser gefiel als Veit Gesslein, die begehrteste Partie in der Regensburger Tuchmacherzunft. Doch durch Katharinas Geständnis taten sich in Susannas Gedanken ganz neue Möglichkeiten auf. Ja, Veit war zwar ganz offensichtlich von Katharina bezaubert, aber wenn er erst einen Korb von ihr bekommen hatte, rückte ihre, Susannas, Chance näher. Veit Gesslein zum Ehemann zu gewinnen, war ein lockendes Ziel. Sie musste planvoll vorgehen, gleich heute an diesem Festmahl, zu dem ihr Oheim, der Zunftmeister der Regensburger Tuchmacher, geladen hatte. Denn die Konkurrenz um Veit Gessleins Gunst war groß.

Im Saal der Tuchmacherzunft drängten sich die stadtbekannten Mitglieder mit ihren Familien. Peter Kerner ergriff das Wort.

»Hochgeehrte Gäste, seid von Herzen willkommen. Heute gibt es zwei Gründe, ein Festmahl zu halten. Zum ersten gilt es einen neuen Meister in unserer Zunft willkommen zu heißen. Zum zweiten: Mein Sohn Matthias ist wieder heimgekehrt. Nun steht er nicht mehr vor uns im Studentengewand, sondern als Bakkalaureus der Freien Künste.«

Die Blicke der Gäste wanderten neugierig nach links, wohin Meister Kerner gewiesen hatte.

Matthias Kerner hatte sich von einem unscheinbaren blassen Jungen zu einem Mann entwickelt. Aschblondes welliges Haar, ein Bärtchen auf Oberlippe und Kinn und Augen von einem durchdringenden Blau, wie sie niemand sonst in der Familie Kerner hatte. Klein und schmal war er zwar – jedenfalls im Vergleich zu seinem unbekannten Begleiter –, aber das tat seinem erfreulichen Anblick keinen Abbruch. Katharina Kerner stellte sich auf die Zehenspitzen, um besser sehen zu können. Ihr Blick galt jedoch nicht ihrem heimgekehrten Bruder Matthias, sondern dem jungen Mann daneben. Gestern hatte dieser ihr galant die Hand geküsst. Michel de Cormont, ein Freund ihres Bruders, aus dem fernen Frankreich. Groß, dunkelhaarig, feuriger Blick, vollendete Ritterlichkeit. So sah der Gemahl ihrer Träume aus.

Matthias freute sich, seine Familie und Freunde nach so langer Zeit wieder zu sehen. Drei Jahre hatte er an der berühmten Heidelberger Universität studiert.

Kathrinchen und Susanna waren von staksenden Füllen zu wohlansehnlichen jungen Frauen gereift. Seine Eltern hatten sich nicht so sehr verändert, nur Mutters Gesicht war von feinen Fältchen durchzogen und Vaters Haar zeigte erste graue Strähnen.

Nach der Ansprache bildeten sich kleine, munter schwatzende Grüppchen. Matthias zog Michel heimlich am Ärmel und ging auf die Runde zu, die sich um Katharina und Susanna gebildet hatte. Veit Gesslein gab gerade eine Anekdote zum Besten. Alle lachten laut, nur Katharina nicht. Sie hatte ein unverbindliches Lächeln aufgesetzt und Veit gar nicht zugehört. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt Michel de Cormont. Veit starrte Katharina erwartungsvoll an – eine peinliche Stille entstand.

»Ach, Veit, Ihr wisst so drollige Geschichten«, schob sich Susanna beherzt vor Katharina, hängte sich bei Veit ein und zog ihn ein Stück weiter, »kommt, erzählt uns noch mal, wie das mit dem Lehrbuben war, der in das Farbbecken gefallen ist.« Ein wenig irritiert, aber dennoch geschmeichelt von Susannas Interesse, erzählte Veit mit hochrotem Gesicht weiter.

»Mein Schwesterlein verdreht den Regensburger Mannsbildern den Kopf. Daran war noch nicht zu denken, als ich vor drei Jahren nach Heidelberg gezogen bin«, neckte Matthias seine Schwester liebevoll.

»Ich bin so froh, dass du wieder da bist, Mias, jetzt kannst du diesen balzenden Gockeln Bescheid stoßen. Von mir wollen sie es ja nicht annehmen.«

Matthias lachte. »Was sagst du dazu, Michel, andere junge Frauen wären hoch erfreut über viele Verehrer, nur mein Kathrinchen hat, wie immer, ihren eigenen Kopf.«

»Vielleicht muss nur der Richtige kommen und Catherine ändert ihre Meinung«, lächelte Michel und zwinkerte der jungen Frau verstohlen zu. Wie er »Catherine« gesagt hatte! So melodiös und zart.

Mias klopfte seinem Freund auf den Rücken und fragte: »Peut-être un chevalier d’Amiens?«1 Die beiden Freunde lachten.

Nun begann das Festmahl, danach vergnügte man sich beim Tanz. Katharinas Hand bebte, als Michel sie beim Reigen fest und zärtlich fasste.

Veit Gesslein wunderte sich, dass ihm Katharinas Base vorher noch nie aufgefallen war. Susanna war zwar nicht von blendender Schönheit, aber ihr lustiges freundliches Wesen hatte ihn im Sturm erobert. Außerdem schien sie handfest und tüchtig. Auch war sie aus gutem Hause – genau wie die Ehefrau eines einflussreichen Tuchmachermeisters sein sollte.

In all dem fröhlichen Trubel merkte niemand, dass Agnes und Peter Kerner sich immer wieder ernst und wissend anblickten. Eine unsichtbare Last schien auf ihren Schultern zu liegen.

Matthias Kerner wusste nicht, dass er sich in dieser Nacht das letzte Mal vergnügt zu Bett legte als die Person, die er zu sein glaubte.

Am nächsten Tag nach dem Mittagsmahl hatten Matthias’ Eltern nach ihm schicken lassen. Sie wollten ihn sprechen. Als er in die Wohnstube trat, blickte er sich wehmütig um. Hier schien die Zeit seit seiner Kindheit still zu stehen. Wie hatte er es geliebt, mit seinen Schreibübungen hier an diesem rohen Holztisch zu sitzen, während Mutter am Fenster in eine Stickerei versunken war und Katharina mit ihren Puppen spielte. Mutter sah gerade aus dem kleinen Fenster. Unten im Garten spazierte Katharina an Michels Arm, tief ins Gespräch versunken. »Dein Freund Michel de Cormont scheint mir ein aufrechter Mann zu sein?«

»Ja, Mutter, ich habe in ihm einen wahren Freund – ja fast einen Bruder – gefunden. Michel stammt aus einer angesehenen Familie. Sein Vater leitet die Bauhütte der großen Kathedrale von Amiens. Michel will sehen, ob er hier in der Regensburger Dombauhütte etwas dazulernen kann.«

»Ist seine Familie lutherisch eingestellt?«, wollte Vater Kerner wissen.

»Nein, die Cormonts sind rechtgläubige Leute.«

»Nun gut, Mias, Michel soll uns als dein Freund willkommen sein. Wir sehen, dass Katharina für ihn entflammt ist – er wird wohl kein böses Spiel mit ihr treiben?«

»Seid unbesorgt, Michel ist ein Ehrenmann. Er ist vermögend und jederzeit in der Lage, eine Familie zu gründen.«

Peter Kerner lachte leise. »Dachte ich mir schon, dass der Veit Gesslein vergeblich hoffte. Mir scheint jedoch, gestern hat er die Kelheimer Wollweberzunft entdeckt. Da wird wohl bald ein Freier bei meinem Bruder um Susanna anhalten.«

Alle drei lachten. Dann war Stille im Raum. Seine Eltern blickten sich an. Agnes nickte ihrem Gemahl ernst zu.

»Mias, ich habe vor vielen Jahren einen Schwur getan. Mutter und ich haben lange nachgedacht, wann die rechte Zeit ist, ihn einzulösen. Du bist nun ein Mann und bereit dafür. Du weißt, dass Mutter dich nicht geboren und ich dich nicht gezeugt habe. Trotzdem bist du unser Sohn, und wir lieben dich, als wären wir deine leiblichen Eltern.«

Peter Kerner, dem sonst nie die Sprache abhanden kam, sei es in Verhandlungen oder als Schlichter bei Zunftstreitigkeiten, rang sichtlich nach den richtigen Worten. Er stand auf, öffnete die schwere Holztür, blickte auf den Gang und überzeugte sich, dass dort niemand lauschen konnte. Dann setzte er sich wieder gegenüber von Mias an den Tisch, beugte sich vor und sprach leise weiter.

»Es stimmt auch, dass ich dich als heimatlosen Waisen von einer Reise mitgebracht habe.

Eine Sache haben wir dir aber verschwiegen: Wir wissen nämlich doch, wer deine Eltern waren. Ich habe deiner leiblichen Mutter am Sterbebett geschworen, es dir zu eröffnen, wenn die Zeit dafür reif ist. Du sollst erfahren, dass sie dich von Herzen lieb hatte und nicht alles wahr ist, was man über sie erzählt. Als ich dir im Gasthaus ›Weiße Lilie‹ in Erfurt das erste Mal begegnete, nannten sie dich ›Mias‹. Dein voller Name war ›Jeremias Müntzer‹.«

Alle Farbe wich aus Mias’ Antlitz, fassungslos blickte er zwischen den Eltern hin und her.

»Der … der Satan von Allstedt, der Bauernschlächter … mein – Vater?«

»Behalt es für dich, Mias, niemand darf es wissen. Schon damals wollten die Fürsten dich lieber tot sehen. Deshalb haben wir dich hier in Regensburg nochmals auf den Namen ›Jeremias Matthias Kerner‹ taufen lassen. So gab es keine Spur zurück.«

»Mein lieber, lieber Bub.« Agnes fasste seine Hände. »Wir haben gerungen, den Schwur nicht einzulösen, und dir die Wahrheit zu ersparen. Doch das Gewissen erlaubt es uns nicht.«

Peter Kerner erzählte nun die ganze Geschichte, wie er Mias in der Schänke getroffen, ihn mit Einverständnis Ottilie Müntzers mitgenommen und in Regensburg als Findelkind ausgegeben hatte. Der Pfarrer hatte vorgeschlagen, Mias sicherheitshalber zu taufen, denn man konnte bei einem Balg aus den ketzerischen Gebieten ja nie wissen, ob er das Sakrament in ordentlicher Weise erhalten hatte.

Mias standen Tränen in den Augen. »Aber was soll ich nun mit der Wahrheit anfangen? Was für eine Bürde, einen Ketzer und tausendfachen Mörder als Erzeuger zu haben!«

Peter Kerner räusperte sich. »Sohn, was dich deine Professoren in Heidelberg gelehrt haben über die Reformatoren zu Wittenberg und Thomas Müntzer, ist einzig deren Blick auf die Welt. Ich bin zwar nur Tuchmacher, aber viel herumgekommen. Ich rate dir, nicht gleich alles zu glauben, was geredet wird. Schau lieber selber hin, höre verschiedenen Menschen zu und sinne darüber nach, bevor du etwas für wahr hältst.

In zwei Wochen breche ich zu einer Reise nach Erfurt auf. Wir brauchen Waid. Willst du mich nicht begleiten? Es wäre sowieso an der Zeit, als mein Erbe in der Tuchmacherei den Waidhandel kennenzulernen. Die Reise ins Thüringische wird deinen Blick weiten.«

Mias schaute schweigend vor sich auf die Tischplatte. Dann hob er entschlossen den Kopf. »Ja, Vater, ich begleite Euch. Ich danke Euch für Eure Offenheit und dafür, dass Ihr den Mut hattet, mich als Euer eigen Kind aufzunehmen.«

»Ach Mias, du hast uns so viel Freude in dieses Haus gebracht. Uns war nur bang vor der Stunde, da wir dir dies sagen mussten«, seufzte Agnes.

Den restlichen Tag verbrachte Mias alleine mit einem langen Streifzug zu Pferd.

Bei einer einsamen Stelle am Donauufer band er den Schimmel an einen Baum und ließ ihn grasen. Mias setzte sich auf einen Felsen am Wasser. Die beiden Schwarzerlen daneben boten ein wenig Schatten in der Sommerhitze.

Das Gespräch mit den Eltern ging ihm immer wieder durch den Kopf. Was wusste er eigentlich über die Menschen, die ihn in die Welt gesetzt hatten – Thomas und Ottilie Müntzer? Seit Martin Luther 1517 die 95 Thesen gegen den Ablasshandel an verschiedene Landesherren geschickt hatte, war die Welt der Kirche in den deutschen Fürstentümern gehörig durcheinander gekommen. Luther behauptete, man würde nur durch Glauben vor Gott gerechtfertigt. Gute Werke und Traditionen der Kirche könnten einen nicht vor Hölle und Fegefeuer bewahren. Die römisch-katholische Kirche war anderer Ansicht. Hierüber war ein heftiger Streit entbrannt, der die Menschen schließlich in zwei Lager teilte. Müntzer war zuerst ein Anhänger Luthers, hatte sich danach aber von dessen Lehre abgewandt. Warum, das wusste Mias nicht. Er hatte nur gehört, dass Müntzer alle Obrigkeit ausrotten wollte und sich an die Spitze des Bauernheeres in Thüringen gestellt hatte. Seine ketzerischen Predigten hätten die Bauern in den sicheren Tod getrieben. Die letzte Schlacht ging verloren, Müntzer und andere Anführer bekamen ihre gerechte Strafe für den Aufruhr. Luther hatte ihn einen »Erzteufel« genannt, den »Satan von Allstedt« und »aufrührerischen Rottengeist«. Der Bauernaufstand war heute lange vorbei, aber die Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern Luthers und den Verfechtern des römisch-katholischen Glaubens schwelten immer noch.

Das war alles, was Mias wusste. Es war nicht viel, aber doch genug, um sein Inneres in große Unruhe zu versetzen. Gut, dass niemand außer seinen Eltern die Wahrheit über seine Herkunft kannte.

Bis zum Nachtmahl hatte er sich äußerlich wieder gefasst, nur das Blau seiner Augen schien matter als sonst. Gut, dass Katharina mit ihrem fröhlichen Geplauder die Runde am Tisch unterhielt, so dass seine Schweigsamkeit nicht auffiel.

Später saß er mit Michel in seiner Kammer.

»Was betrübt dich, mein Freund?«

Michel hatte er nicht täuschen können. Wie sollte er ihm darauf antworten? Mias öffnete eine Truhe und holte ein kleines Ledersäckchen und ein Bündel Schriften heraus. Das hatten ihm seine Eltern am Nachmittag übergeben. Es war die dürftige Habe Ottilie Müntzers.

»Michel, lies diesen Brief; dann sag mir: Was ist das für ein Mensch, der solche Worte schreibt?«

Michel nahm das Papier an sich, rückte nahe zum Kerzenleuchter und las laut.

Mein liebes Weib, dies schreib ich dir aus großer Gefahr. Verloren ist alles, dahingegeben sind wir in die schwere Zucht Gottes. Es kam, wie du prophezeit hast: Jeder hatte nur sein eigen Ding im Sinn und nicht die Sache Gottes. Wie hätte ER da unser Schwert führen sollen? Ich weiß nun nicht, ob es mir gelingt, zu entkommen. Mir scheint jedoch, ein anderer Weg wartet auf mich, ein Kelch schwer zu trinken. So werden wir uns erst in der Ewigkeit wieder begegnen. Du sollst wissen, dass ich niemals bereute, dich zum Eheweib genommen zu haben. Gott hat mir in dir eine Gehilfin gegeben, wie man besser sich nicht wünschen kann. Ich bereu wohl manche unnütze Stund’ in meinem Leben, aber keine einzige von denen, die ich mit dir verbracht. So herze auch unseren lieben Sohn von mir. Unterweise ihn und das noch Ungeborene im lauteren Geiste des Evangeliums. Vertraue dem Boten dieses Briefes, er wird dir helfen, so ich es nimmer vermag. Zuletzt muss doch Gottes Sache siegen!

Auf ewig dein Thomas, gegeben zu Frankenhausen am 15. Mai anno 1525

»Was ist das für ein Brief? Woher hast du ihn?«