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Dallas Willard

Jünger leben mittendrin

Aus dem Amerikanischen von Evelyn Sternad

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Zu diesem Buch

„Wenn ihr für ihn lebt und das Reich Gottes zu eurem wichtigsten Anliegen macht, wird er euch jeden Tag geben, was ihr braucht.“ Matthäus 6,33

Mittendrin im Alltag. Und zugleich mittendrin im Reich Gottes. Wenn wir uns auf Jesus Christus einlassen, kann das auch für uns Realität werden – das war die Überzeugung von Dallas Willard. Sein Leben widmete er der Aufgabe, Menschen dabei zu helfen, ihr Leben in enger Verbindung mit dem dreieinigen Gott zu leben. Hier und jetzt.

„Ich schreibe ‚Dallas Willard für Dummies‘ “, meinte John Ortberg einmal. „Er hat mich beeinflusst wie niemand sonst.“

Dieses Buch basiert auf einer Konferenz, die Dallas Willard kurz vor seinem Tod gemeinsam mit John Ortberg gestaltete. Durchdacht und tiefgründig, aber auch alltagsbezogen zeigen die Beiträge und Gespräche beider Autoren: Das Reich Gottes ist Wirklichkeit. Und wir können dabei sein. Wenn wir Jesus Christus und seine Worte ernst nehmen. Für ein Leben in Fülle, das Tiefe und ewige Bedeutung bekommt.

Jünger leben mittendrin liefert eine großartige Auseinandersetzung rund um die Wirklichkeit eines Lebens in Gottes Reich, hier und jetzt. Sehr zu empfehlen.“

Richard J. Foster

Über den Autor

Dallas Willard (1935-2013) war „eigentlich“ Professor für Philosophie in Los Angeles. Seine populär geschriebenen geistlichen Bücher gehören längst zu den Klassikern und prägten unzählige Menschen, darunter Autoren wie Gordon MacDonald, Brennan Manning oder Henri Nouwen.

www.dwillard.org

Impressum

Dieses Buch als E-Book:
ISBN 978-3-86256-752-2, Bestell-Nummer 590 055E

Dieses Buch in gedruckter Form:
ISBN 978-3-86256-055-4, Bestell-Nummer 590 055

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar

Die amerikanische Originalausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel Eat This Book – A Conversation in the Art of Spiritual Reading bei Wm. B. Eerdmans Publishing Co., Michigan/USA

Originally published by InterVarsity Press as Living in Christ’s Presence by Dallas Willard. © 2014 by Jane Willard, John Ortberg and Dallas Willard Center. Translated and printed by permission of InterVarsity Press, P. O. Box 1400, Downers Grove, IL 60515, USA, www.ivpress.com

Bibelzitate, sofern nicht anders angegeben, wurden der Übersetzung „Hoffnung für alle“ entnommen © 1986, 1996, 2003 by International Bible Society. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Lektorat: Lukas Baumann
Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson
Umschlagbilder: © Eugenio Marongiu, LoloStock/Shutterstock.com
Satz: Neufeld Media, Weißenburg in Bayern
© 2014 Neufeld Verlag Schwarzenfeld

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages

www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch

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Inhaltsverzeichnis

Zu diesem Buch

Über den Autor

Impressum

Vorwort

1Was es bedeutet, gut zu leben

Das ewige Leben beginnt jetzt

Erkenntnis über Christus

Geistliche Formung

Das sanfte Joch

Andere in der Jüngerschaft anleiten

Das Reich Gottes bringen

Einheit in Jüngerschaft

2Wer sind die Experten für Lebensverwandlung?

Leitung durch Gefühle ist schwierig

Wer ist unser Lehrer?

Zwei Zugänge zur Weisheit

Jesus und die Welt

Psychologie und die Kirche

Gut sein und gut leben

Was ist das Evangelium?

Unser Reich und das Reich Gottes

Jesus führt uns in das Königreich ein

„Dein Reich komme“

3Wie man in das Reich Gottes eintritt und dort lebt

Das Reich Gottes ist hier – such danach

Gnade, und ein paar schockierende Worte

Was es heißt, das Reich Gottes zu suchen

Veränderung geschieht durch Gottes Handeln

Gerechtigkeit des Herzens

Leben gegen den Strom

Grund genug, um zu lächeln

4Die Dreieinigkeit – ein Erfahrungsbericht

Eine Gemeinde und drei Personen

Leben innerhalb der Dreieinigkeit

Menschen – im Ebenbild Gottes

Die verlorene Gemeinschaft

Die Wiedervereinigung

Eins-Sein in der Gemeinde

Jeden Moment mit Gott leben

Die Vision

Gemeinde: Die ursprüngliche menschliche Gemeinschaft

5Den ganzen Menschen verstehen

Auch das, was unter der Oberfläche liegt

Die Menschen lehren, das zu tun, was Jesus sagte

Unsere Einzelteile verwandeln

Die Aspekte eines Menschen

Unsere Mitmenschen lieben

Der Körper und Gewohnheiten

Die Wiederherstellung der Seele

Die Rolle der erlösenden Gemeinschaft

6Christliche Übungen sind wichtig

Unseren Absichten Richtung geben

Trainieren, nicht nur ausprobieren

Eine Disziplin – was ist das?

Tausche Schuld gegen Gnade

Welche Übungen mache ich?

Die Wirkung von Übungen

Übungen Richtung geben

Einsamkeit: Zeit verschwenden mit Gott

Studium

Demut

Erst informiert, dann transformiert

Was wäre, wenn die Gemeinden …?

7Segen

Was ist Segen?

Die Kunst zu empfangen

Den Aaronitischen Segen teilen

Gottes Gegenwart im Segen

Segen in der Gemeinde

Werde ein segnender Mensch

Anregungen für die Arbeit in Gruppen

Erstes Treffen

Was es bedeutet, gut zu leben: Das ewige Leben beginnt jetzt

Zweites Treffen

Wer sind die Experten für Lebensveränderung?

Drittes Treffen

Wie man in das Reich Gottes eintritt und dort lebt

Viertes Treffen

Die Dreieinigkeit – ein Erfahrungsbericht

Fünftes Treffen

Den ganzen Menschen verstehen: Auch das, was unter der Oberfläche liegt

Sechstes Treffen

Christliche Übungen sind wichtig

Siebtes Treffen

Segen

Dallas Willard Center for Christian Spiritual Formation

Dank

Über den Verlag

Vorwort

GARY W. MOON

Ich glaube, die Kirchengeschichte wird Dallas Willard sehr freundlich behandeln. Er lebte sein Leben als strenger Akademiker, leidenschaftlicher Bibelkommentator und Freund Gottes – eine Mischung, die man nur selten antrifft. Wer ihn gut kannte, bewunderte seinen wachen Geist, liebte ihn aber wegen seiner persönlichen Gotteserkenntnis und seinem Wunsch, mit anderen die Erfahrung eines Lebens im Reich Gottes zu teilen.

Das Buch, das Sie hier in Händen halten, entstand aus den Aufzeichnungen einer Konferenz, die vom 21. bis 23. Februar 2013 in Santa Barbara, Kalifornien, stattfand. Die Idee zu dieser Konferenz entwickelte sich in Gesprächen zwischen Dallas Willard und John Ortberg, Hauptpastor der Menlo Park Presbyterian Church in Menlo Park, Kalifornien, und versierter Autor und Redner.

Das Hauptanliegen der Konferenz war es, einen Überblick über Dallas’ Werk und Dienst zu geben – über seine leidenschaftlichsten Gedanken. Ihr zentrales Thema lautete „Christus heute erkennen“, und sie sollte den roten Faden offenlegen, der sich durch Dallas’ Hauptwerke zieht: dass es möglich ist, in enger Vertrautheit mit der Dreieinigkeit zu leben und in ihr herrliches Königreich einzutreten.

Dallas’ und Johns Vorträge auf der Konferenz wurden für dieses Buch leicht überarbeitet, doch die Texte bewahren die Gesprächsatmosphäre einer Konferenz. Am Beginn jedes Kapitels finden Sie ein Gebet, das während der Konferenz gesprochen wurde. Jedes Kapitel schließt mit einem Gespräch über das betreffende Thema, wobei durch Johns Fragen an Dallas und durch Fragen aus dem Publikum weitere Themen aufgeworfen werden.

Sponsoren dieser Konferenz waren das Martin Institute for Christianity and Culture und das Dallas Willard Center for Christian Spiritual Formation (MIDWC), dessen Geschäftsführer ich bin. Das MIDWC verdankt seine Existenz der Vision und der Großzügigkeit von Eff und Patty Martin. Wir hoffen, dass das Buch und der Anhang mit den Anregungen für Gruppen die Atmosphäre der Konferenz – und, was noch wichtiger ist, Dallas’ Gedanken – adäquat wiedergeben, und zwar auf eine Weise, die Ihnen weiterhilft.

1Was es bedeutet, gut zu leben

Das ewige Leben beginnt jetzt

DALLAS WILLARD

Wir stehen am Beginn einer Zeit, in der die Kirche in der Lage ist, ein paar Entscheidungen zu fällen. Es gab im Laufe der Kirchengeschichte und in der Geschichte Israels immer wieder lange Perioden, in deren Verlauf keine bedeutenden Entscheidungen getroffen werden konnten. Ich glaube, wir haben mit der Kirche eine ziemlich schwere Zeit durchgemacht, und es geht mir ganz und gar nicht darum, die Kirche zu kritisieren, weil ich weiß, unter wessen Leitung sie steht. Manchmal müssen wir uns allerdings bewusst machen, woher wir kommen und wohin wir gehen.

Es beginnt eine Zeit, in der viele Kirchen und Christen in Leitungspositionen werden sagen können, dass es im Grunde um Jüngerschaft geht, und darum, Christus ähnlich zu werden. Wenn Sie das Neue Testament lesen oder auch das Alte Testament, dann sind Sie vielleicht bereits zu dieser Schlussfolgerung gelangt. Man kommt kaum darum herum, allerdings haben historische Umstände die Tendenz, uns zu vereinnahmen, sodass wir oft nicht wahrnehmen, was wirklich passiert.

Wir kommen aus einer Zeit, in der die vorherrschende Theologie rein gar nichts mit Jüngerschaft zu tun hatte. Es ging um den wahren Glauben, um einen Gott, der darauf achtet, dass Menschen nicht in die falsche Richtung abirren, sondern auf den rechten Weg finden. Das führte zu der weit verbreiteten Vorstellung, dass selbst ein Mensch mit dem denkbar schlechtesten Charakter auf dem rechten Weg sein kann, sofern er nur das Richtige glaubt. Diese Trennung ist für die Kirche zu einer immer schwereren Last geworden, bis wir schließlich an den vieldiskutierten Punkt gekommen sind, an dem wir uns jetzt fragen, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen einem Christen und einem Nicht-Christen gibt.

Das hat zum Teil damit zu tun, dass die christliche Lehre unsere Gesellschaft stark geprägt hat. Viele Menschen, die keiner Kirche angehören und die nicht aufgrund einer bewussten Entscheidung Christus nachfolgen, leben letztendlich doch auf halbherzige, kraftlose Weise das, was Jesus lehrte und wer er war. Und wir wissen auch, dass die Welt die Kirche gerne mit dem eigenen Stock der Kirche schlägt und sich in ihrer Kritik auf das beruft, was Jesus selbst lehrte.

Vielleicht haben wir jetzt genug davon, und es gibt Anzeichen dafür, dass wir eine Veränderung brauchen. Diese Veränderung wird Bewegung in unsere Welt bringen, denn der Plan, den Jesus mit seinem Volk von Anfang an hatte – und tatsächlich stammt dieser Plan schon aus der Zeit, in der Gott seinen Bund mit dem Volk Israel schloss –, war Weltrevolution. Wenn Sie den Missionsbefehl lesen, fällt Ihnen vielleicht gar nicht auf, dass es hier um Weltrevolution geht. Wenn Sie denken, hier geht es um das Gründen von Gemeinden, wie wichtig das auch sein mag; wenn Sie denken, es geht um Evangelisation, was oft angenommen wird – nein, hier geht es um eine Weltrevolution, die durch Abraham verheißen wurde, durch Jesus gelebt wurde und bis zum heutigen Tag in seinem Volk weiterlebt. Danach hungern unsere Herzen, auch wenn wir nicht wissen, wie wir uns ihr stellen sollen oder wie wir sie umsetzen sollen.

Erkenntnis über Christus

Ich will darüber sprechen, was wir heute von Christus wissen, welche Erkenntnis wir über ihn haben. Es geht hier nicht um Glauben, höchstens insofern, als Glaube ein Ausdruck von Erkenntnis ist. Es geht darum, Christus zu erkennen. Während der vergangenen rund einhundert Jahre ist Folgendes passiert: Die Gesellschaft hat mithilfe ihrer Institutionen Jesu Lehre ganz vorsichtig aus dem Bereich der Erkenntnis herausgelöst und sie der Kategorie Glaube zugeordnet. Dieser Wandel hat dem Glauben seine Kraft genommen, denn Glaube ist eigentlich nicht dazu gedacht, losgelöst von der Erkenntnis zu existieren, dort, wo Erkenntnis möglich ist. Durch die Bibel und durch Gottes Handeln im Laufe der Geschichte ist Erkenntnis möglich – Erkenntnis Gottes, Erkenntnis über das menschliche Leben – und diese Würde muss wiederhergestellt werden. Also legen wir unseren Fokus auf die Erkenntnis, die uns leben hilft, und darauf, welche verheerenden Folgen es hat, wenn man die Lehre Jesu Christi und seines Volkes herauslöst aus dem Bereich der menschlichen Erkenntnis, des menschlichen Wissens.

Es gibt diesen eigentümlichen Begriff des säkularen Wissens. Was ist das genau? Ist die Realität säkular? Falls die Realität nicht säkular ist, dann wird säkulares Wissen den Bedürfnissen der Menschen ganz und gar nicht gerecht. Wissen, Erkenntnis, ist das, was wir in die Welt bringen, was Pastoren und andere Sprecher für Christus der Welt geben.

Sprecher für Christus sind alle jene Männer und Frauen, die an den verschiedensten Orten für Christus sprechen und Gotteserkenntnis vermitteln. Sie vermitteln Erkenntnisse über die menschliche Seele, ohne die der Welt die Struktur fehlt. Alles ist zu haben und viele Menschen greifen danach. Es geht heute darum, was man aus dem machen kann, was man hat, und weniger darum, wie man mit den Realitäten Gottes klarkommt, mit seinem Wesen und seinen Absichten mit der Schöpfung und seiner Sendung Christi und dem Kommen des Heiligen Geistes in diese Welt. Sprecher für Christus präsentieren dies als Erkenntnis, und das müssen wir zunächst verstehen, wenn wir uns mit der Erkenntnis Jesu beschäftigen.

Eine zweite Sache hängt eng damit zusammen: Sprecher für Christus verfügen über Erkenntnisse, die sonst keiner hat. Aus diesem Grund sind sie die wichtigsten Menschen innerhalb einer Gesellschaft, und zwar ganz einfach deshalb, weil sie Erkenntnisse über Zeit und Ewigkeit vermitteln. Auf diese Erkenntnisse können Menschen ihr Leben bauen. Sie vermitteln Erkenntnisse, über die man auf der Basis von Erfahrung und Vernunft, Bibel und Gnade, Arbeit und allem anderen, was man sonst noch hineinwerfen möchte, kommunizieren kann.

Sprecher für Christus haben die Würde, den Menschen in ihrer Umgebung diese Erkenntnisse weiterzugeben. Es ist traurig, wie in unserer Kultur Glaube bezeugt wird. Man bezeugt seinen Glauben nicht, um Erkenntnis zu vermitteln, sondern vielmehr, um Menschen zu einem bestimmten Handeln zu bewegen. Trennt man Glaube von Erkenntnis, dann manövriert man sich an einen Punkt, von dem aus man Menschen zu einem bestimmten Handeln überreden will und man ihnen nicht die Grundlage gibt, auf der sie entscheiden können, wie sie leben wollen und wie sie ihr Leben gestalten können. Das Glaubenszeugnis ist zu einem Instrument geworden, mit dem man Menschen drangsaliert. Und aus diesem Grund bezeugen auch so wenige Menschen ihren Glauben.

Als junger Mann war ich Pastor in einer Gemeinde der Southern Baptists und es war mir ein Leichtes, bei den Mitgliedern meiner Gemeinde Schuldgefühle zu erzeugen, wenn ich ihnen vorhielt, wie wenig sie ihren Glauben bezeugten. Es gibt von Denomination zu Denomination Unterschiede, aber dies war die traurige Wahrheit und ich muss gestehen, meine Sünde. Ich tat es häufig, weil ich der Überzeugung war, dass ich die Menschen nur dann zum Handeln bewegen konnte, wenn ich ihre Gefühle ansprach und nicht, wenn ich ihnen Erkenntnisse vermittelte.

Wir wollen die Würde der Sprecher wiederherstellen, die auf der Würde der Erkenntnis beruht, die sie überbringen. Wir wollen die Menschen, die Christus nachfolgen, hervortreten lassen und sie ermutigen, Schulter an Schulter mit all jenen zu stehen, die behaupten zu wissen, wovon sie reden, und wir wollen Menschen dazu befähigen, an die Tradition Christi und seines Volkes anzuknüpfen, die immer schon eine Erkenntnistradition war.

Jetzt, wo ich hier so viel erzähle, werde ich vermutlich auch ein oder zwei Dinge sagen, die falsch sind. Vielleicht wird es Ihnen unbehaglich und das ist in Ordnung. Meine Worte sollen ein Diskussionsanstoß sein. Mein Hauptargument ist, dass wir die große Würde der Erkenntnis verstehen müssen, über die wir als Nachfolger Christi verfügen.

Die berühmte Passage in Hosea 4,6 lautet nicht: „Mein Volk ist dahin, weil es ohne Glauben ist.“ Es heißt „Mein Volk ist dahin, weil es ohne Erkenntnis ist.“ Erkenntnis und Glaube sind zwei unterschiedliche Dinge. In meinem Buch Knowing Christ Today (übersetzt: Christus heute erkennen) beschreibe ich ausführlich den Unterschied zwischen Glauben und Erkennen; und während sie beide unverzichtbar sind, unterscheiden sie sich doch voneinander.

Geistliche Formung

Wir dürfen Glauben nicht von der Erkenntnis trennen. Wir müssen nicht nach Erkenntnis um ihrer selbst willen forschen, sondern nach dieser bestimmten Erkenntnis, die sich uns im Laufe unserer geistlichen Entwicklung offenbart. Geistliche Formung ist ein alter Begriff. In manchen Kreisen ist er neu, aber er ist eigentlich so alt wie das Neue Testament. Während der ersten Jahre der Kirchengeschichte wurde geistliche Formung eifrig erforscht, entwickelt und über sie geschrieben. Wenn es Ihnen irgend möglich ist, lesen Sie die Philokalia, eine der ältesten Sammlungen christlicher Literatur, oder Das gemeinsame Leben im Kloster von Johannes Cassianus, was in die gleiche Kategorie fällt. Lassen Sie sich darauf ein und finden Sie heraus, worum es bei der geistlichen Formung geht.

Was also bedeutet geistliche Formung? Es ist der Prozess, in dessen Verlauf der Mensch Christus ähnlicher wird, indem die entscheidenden Wesensbestandteile des Menschen sich verändern. Während es absolut grundlegend ist, dass sich das Denken eines Menschen verändert, müssen auch die anderen Bereiche des Ichs verändert werden. Bei der geistlichen Entwicklung geht es nicht um eine Verhaltensänderung. Es geht darum, die Gründe für das Verhalten zu verändern, sodass sich das Verhalten ganz von alleine verändert. Wenn das Denken und die Herzenshaltung stimmen und der Körper und die Seele und die Beziehungen, die wir in unserem sozialen Umfeld haben, stimmen, dann tritt der ganze Mensch einfach in die Fußstapfen Christi und lebt dort freudig und stark. Es ist kein Kampf.

Es ist eine Lüge zu behaupten, das geistliche Leben sei schwer. Nein, ganz und gar nicht. Es ist nicht schwer. Es ist der einfache Weg. Schwer ist der andere Weg, und das sehen Sie, wenn Sie sich die Welt anschauen. Dieses Stück Erkenntnis müssen wir den Menschen bringen. Wir müssen ihnen helfen zu verstehen, dass die Veränderung des Ichs in ein Leben voller Segen führt.

Das sanfte Joch

Betrachten wir zwei Textstellen, die wir alle gut kennen. Die eine steht in Matthäus 11, wo Jesus folgende Worte spricht, die oft aus dem Zusammenhang gerissen werden, ohne Rücksicht darauf, zu wem er da spricht: „Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben. Lasst euch von mir in den Dienst nehmen und lernt von mir! Ich meine es gut mit euch und sehe auf niemanden herab. Bei mir findet ihr Ruhe für euer Leben. Mir zu dienen ist keine Bürde für euch, meine Last ist leicht“ (Matthäus 11,28–30).

Wer gemeinsam mit Jesus die Last trägt, mit ihm im gleichen Joch geht, hat das leichteste, glücklichste und kraftvollste Leben. Erst wenn wir das tun, bekommen wir Zugang zu der Stärke und Führung, die alles geraderichten kann, was krumm ist an der menschlichen Existenz. Manchmal führt das zu Kämpfen mit einer fehlgeleiteten Welt, doch die Welt braucht diesen Kampf und sie ist darauf angewiesen, dass wir aufrecht stehen, während wir die Last mit Jesus teilen.

Wie sieht das Joch Jesu aus? Nun, zur Zeit Jesu bezog sich dieses Wort auf Ochsen und es kann sich auch auf Pferde und andere Tiere beziehen. Es beschreibt zwei Tiere, die in dasselbe Joch gespannt sind, um eine Last zu ziehen. In einem Joch mit Jesus zu sein bedeutet, die Last mit ihm zu ziehen. Worin besteht diese Last? Es bedeutet, die Herrschaft Gottes in das gewöhnliche menschliche Leben hineinzutragen. Das ist der Grund, weshalb er kam, wie er kam, lebte, wie er lebte, und starb, wie er starb. Inmitten einer gewöhnlichen, menschlichen Welt übernahm er die Last, die es bedeutete, Gottes Reich in eine gewöhnliche menschliche Welt zu bringen. Das war seine Botschaft. Und seine Botschaft galt allen.

Hinterfragen Sie Ihr Denken. Kehren Sie um, wie Jesus in Matthäus 4,17 sagt. Umkehren bedeutet ganz einfach: zurückblicken, überlegen, wie wir über verschiedene Dinge denken, und uns neu ausrichten. Kehrt um, denn ihr habt jetzt Zugang zum Reich Gottes. Das war seine Botschaft, und wenn wir uns unter das sanfte Joch mit Jesus begeben und die leichte Last tragen wollen, die er uns zuteilt – nicht an sich leicht, aber leicht wegen der Person, mit der wir das Joch teilen muss uns klar sein, dass wir im Reich Gottes arbeiten. Wir arbeiten mit dem Reich Gottes.

Was glauben Sie –, zu wem spricht Jesus hier? Vielleicht sagen Sie: „Na ja, eben zu allen, die sich abmühen und unter einer Last leiden.“ Wir müssen den Text aber in seinem Zusammenhang sehen. Jesus hatte einen Punkt erreicht, an dem er großem Widerstand, großer Ablehnung gegenüberstand. Wenn Sie ein Stück zurückgehen und das komplette elfte Kapitel des Matthäusevangeliums lesen, erkennen Sie die Entwicklung. Sogar Johannes der Täufer stellt Jesus in Frage, weil Jesus nicht seinen Erwartungen entspricht. Ich habe einmal folgende tiefgründige Feststellung gehört: Wenn du lange genug mit Jesus unterwegs bist, wird er dich enttäuschen. Und genau das passiert hier.

Jesus war aus seiner Heimatstadt Nazareth vertrieben worden und war durch Kapernaum gezogen und eine Menge anderer kleiner Städte in dieser Gegend – Chorazin, Bethsaida und noch ein paar mehr. Er wurde abgelehnt, obwohl er auf ihren Straßen wundervolle Dinge vollbrachte. Er wurde abgelehnt, wegen einer in dieser Gesellschaft vorherrschenden Meinung über Religion und Gott. Und deshalb ist die Einleitung zu seinen Worten: „Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet!“ Jesu Feststellung: „Mein Vater … ich danke dir, dass du die Wahrheit vor den Klugen und Gebildeten verbirgst und sie den Unwissenden enthüllst“ (Matthäus 11,25–27).

Er spricht im Grunde zu Menschen, die eine schreckliche religiöse Last tragen. Das macht Religion mit dir. Sie macht dich müde. Wir sollten wirklich lernen, die Last der Religion abzulegen, und zwar auf liebevolle, intelligente Art.

Ich sage Ihnen jetzt, was mir auffällt. Wenn Sie sich mit geistlicher Formung auseinandersetzen, dann macht es kaum einen Unterschied, was Ihre religiöse Einstellung ist. Egal, welche Denomination oder christliche Gruppierung man sich anschaut, man erkennt, dass sie nicht die gleiche Theologie haben. Natürlich müssen Sie bestimmte Dinge über Jesus glauben, aber geistliche Formung geht nicht mit einer Glaubensposition einher. Jesus sagt, „Nehmt mein Joch“. Schafft euch das Joch der offiziellen Religion vom Hals. Später kann man es sich zurückholen, aber zuerst muss man lernen, was es heißt, im Joch des Reiches Gottes zu leben.

Ich bin nicht der Meinung, dass wir die Kirche allzu stark kritisieren sollten. Nicht ein einziger Fehler der Kirche könnte nicht durch Jüngerschaft berichtigt werden. Kein einziger. Sofern es Probleme innerhalb der Kirche gibt – und darüber wird laufend in den besten weltlichen und christlichen Zeitschriften diskutiert –, ist die Ursache immer ein Mangel an Jüngerschaft. Es ist nicht wirklich von Bedeutung, wie die offizielle Struktur aussieht – ob sie klein ist oder groß oder wie auch immer. Was den Unterschied ausmacht, ist die Frage: Bist du ein Jünger?

Andere in der Jüngerschaft anleiten

Im zweiten Teil, ganz am Ende des Matthäusevangeliums, wenden wir uns einer Gruppe von Jüngern zu (Matthäus 28,18–20). Man bezeichnet es als den Missionsbefehl, doch wenn man genau hinschaut, könnte man es auch das große Versäumnis nennen, denn diese Anweisung Jesu wird nur selten umgesetzt.

Jesus sagt Folgendes: „Mir ist die Autorität über alles im Himmel und auf Erden gegeben. Während ihr unterwegs seid, macht Jünger. Taucht sie gemeinsam ein in die Gegenwart der Dreieinigkeit, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Ja, tauft sie auf den Namen, aber, meine lieben Freunde, das bedeutet nicht, dass ihr sie nur nassmachen sollt, während ihr diese Namen sprecht. Es bedeutet, sie in die Realität einzutauchen. Nachdem ihr das getan habt, lehrt sie so, dass sie tatsächlich das tun, was ich sagte.“ Das ist der Prozess geistlicher Formung. Und was am Ende herauskommt, ist Lebensfreude unter dem sanften Joch, denn man stellt fest: Das zu tun, was Jesus sagte, ist der einfache und starke Weg, um für immer und im Jetzt zu leben.

Schauen Sie sich diesen Text noch einmal an. Zunächst einmal sagt Jesus: „Ich habe von Gott alle Macht im Himmel und auf der Erde erhalten.“ In anderen Worten: „Ich entscheide über alles.“ Wir werden nicht ohne Ausrüstung losgeschickt. Wir werden vielmehr mit allem ausgestattet, was wir irgendwie brauchen könnten, und während wir unterwegs sind, machen wir Jünger.

Ich denke, wir übersetzen diesen Satz am besten mit: „Während ihr unterwegs seid, macht Jünger.“ Damit wird das Jünger machen zu einer Art Nebeneffekt, und das ist eine wichtige Erkenntnis. Im Leben können manche Dinge angezogen, aber nicht angeschoben werden und manche Dinge können angeschoben, aber nicht angezogen werden. Jünger machen bedeutet, Menschen anzuziehen, sie durch das, wer wir sind und was wir sagen, hineinzuziehen.

Jünger sind Menschen, die so hingerissen von Christus sind, dass andere sich wünschen, so wie sie zu sein. Andere schauen sich das Leben dieser Jünger im Reich Gottes an und sagen: „Das ist das Beste, was ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Das muss ich auch haben.“ In den Vereinigten Staaten ist der beste Ort, um Jünger zu machen, die Gemeinde, denn dort gibt es immer Menschen, die nach Jüngerschaft hungern. Sie halten tatsächlich Ausschau danach.

Viele Menschen, die sich als Christen bezeichnen, wurden nie eingeladen, Jünger Jesu zu werden. Es gibt bei uns keine Jüngerschafts-Evangelisation, doch wir brauchen sie, weil es unzählige Menschen gibt, die bereit sind zu gehen, die nur verstehen und sehen müssen und die nur eine Einladung brauchen, um Jünger Jesu zu werden. In diese Richtung müssen wir uns bewegen.

Erst durch Jüngerschaft können wir Menschen in dreieiniger Gemeinschaft zusammenbringen, denn Hingabe an Gott, an Christus und an den Heiligen Geist reicht nicht aus, damit Menschen in die enge Beziehung eintreten können, die Leben verändert.

Die Gemeinde, der Versammlungsort von Jüngern, ist Gottes ideales Instrument, um Menschen zur Fülle in Christus zu führen. Erinnern Sie sich an Jesu Worte: „Denn wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, bin ich in ihrer Mitte“ (Matthäus 18,20). Nun, der Vater ist mittendrin. Wo drei- oder viertausend in seinem Namen versammelt sind, ist er in der Mitte. Dieser Vers wird manchmal zitiert, wenn nur zwei oder drei Leute auftauchen, doch es ist wichtig zu erkennen, dass Christus in der Mitte ist, der Vater in der Mitte ist, der Geist in der Mitte ist; und darauf bauen sie Gemeinde.

Wenn Sie nun also als Jünger leben und Jünger in die dreieinige Gegenwart versammeln, dann können Sie sie lehren zu tun, was Jesus sagte. Noch einmal, es geschieht nicht durch Schieben, sondern durch Ziehen. So lenkt man den Blick der Menschen auf die Güte und Gerechtigkeit von Jesu Lehre und lehrt sie einzutreten.

Der andere Weg führt in die Gesetzlichkeit, die schon oft die besten Absichten der besten Christusnachfolger in allen Jahrhunderten unterlaufen hat, weil sie sich einfach nicht um das Leben des einzelnen Menschen kümmert. Ihr geht es um das Verhalten. Es gibt immer wieder schwierige Situationen, die dadurch gelöst werden können, wenn die Person sich verändert, aber nicht deshalb, weil sie angeschoben wird, sondern weil sie von der Anziehungskraft Christi gezogen wird. Möglicherweise sagen Sie: „Oh, du darfst auf deinen Bruder nicht wütend sein.“ Was tun Sie dann? Ziehen Sie ihm eine über, wenn er auf seinen Bruder wütend ist? Nein, man muss ihm zeigen, warum Ärger nicht gut ist. Sie müssen ihm zeigen, dass es einen besseren Weg gibt, um mit Situationen fertig zu werden, die Wut und Hass hervorrufen und eine Spirale aus Verletzung und Kränkung nach sich ziehen.

Ein Jünger ist ein Mensch, der lernt, während er sich im Prozess der Veränderung befindet. Alles, worüber wir uns beklagen und endlose Gespräche führen, wie beispielsweise Pornografie, Scheidung und Drogen, sind Dinge, die wir nur wirksam bekämpfen können, wenn wir eine Veränderung im Denken und im Geist anstoßen, im Willen, im Körper und in den Beziehungen eines Menschen. Erst dann können die Menschen sagen: „Wer braucht das Zeug? Ich habe doch etwas viel Besseres.“

Denken Sie nur einmal an Pornografie und stellen Sie sich den Geisteszustand des Menschen vor, der davon abhängig ist. Ihre Reaktion ist: „Das ist ein furchtbarer Zustand.“ Sie wissen, dass dieser Mensch nur anders denken müsste und der Zwang würde einfach verschwinden. Das gleiche gilt für Hass, für Verachtung und für all die anderen Dinge, die in unseren Familien und Gemeinschaften und in unserer Welt die größten Probleme verursachen. Sie alle kommen aus einem Zustand völliger innerer Verwirrung, und Jesus kommt und sagt: „Hier ist der Ausweg.“

Das Reich Gottes bringen

Was tun Pastoren und andere Sprecher für Christus? Sie bringen anderen Menschen das Leben im Reich Gottes. Sie tragen dieses Leben in sich. Das ist es, was Jesus selbst sagte, und das ist es, was er tat. Auf Erden sagte er: „Kehrt um zu Gott! Denn die Herrschaft Gottes bricht jetzt an!“ Was brach an? Die Herrschaft, das Reich Gottes war in ihm. Wenn die Menschen ihn ansahen und ihm zuhörten, merkten sie, dass das Reich Gottes gegenwärtig war und dass es ihnen offenstand, und deshalb wurden sie zu Jüngern Jesu.

Pastoren und Sprecher für Christus verkörpern ewiges Leben und haben damit Wirkung auf ihre Umgebung. Ewiges Leben ist das Leben, das wir jetzt haben, denn unser Leben ist in das Leben Gottes eingeschlossen. Es kommt nicht erst später. Was Jesus tut, ist Teil dessen, was wir tun, und was wir tun, ist Teil dessen, was er tut.

Johannes 17,3 ist einer der wichtigsten Verse, die wir verstehen müssen: „Und das allein ist ewiges Leben: dich, den einen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast.“ Das ist ganz und gar kein Dogmenwissen; es ist lebendige Interaktion mit Gott, mit seinem Sohn und mit seinem Geist. Die Gegenwart der Dreieinigkeit in Gemeinschaft miteinander, das ist ewiges Leben. Das ist es, was letztendlich auf die Erde kommen wird. Das ist es, was schon auf die Erde gekommen ist, und wir können es zu einem Teil unseres Lebens machen. Wenn wir das tun, machen wir unser Leben zu einem Teil des Lebens Gottes. Was hat Jesus also gepredigt? Was war sein Evangelium? Sein Evangelium war die Gegenwärtigkeit eines Lebens im himmlischen Königreich oder dem Reich Gottes – jetzt.

Lassen Sie mich eine für mich selbst und vielleicht auch für Sie sehr ernüchternde Frage stellen: Was ist mein Evangelium? Was ist meine zentrale Botschaft? Dort liegt das Zentrum unseres Problems und unserer Verheißung. Hören Sie sich selbst zu und fragen Sie sich: „Was ist meine Botschaft?“ Ist meine Botschaft so, dass sie Menschen in die Jüngerschaft zieht?

Noch einmal, ich will nicht kritisch sein, doch, ehrlich gesagt, stellen sich die wenigsten Menschen diese Frage. Stattdessen sprechen sie von einem Arrangement, das Gott durch Christus getroffen hat und das dessen Tod am Kreuz beinhaltete. Es ist sehr wichtig, dass man das versteht, aber fragen Sie sich einmal: „Ist dies das Evangelium?“

Lautet das Evangelium nicht vielmehr so: Andere hören nicht nur seinen Inhalt, sondern sehen auch, wie wir es leben und repräsentieren, und sagen: „Ich will das. Ich will ein Jünger Jesu sein. Ich will einer seiner Schüler sein, will lernen, wie man jetzt in Gottes Reich lebt, so wie er in Gottes Reich lebt“?